Diakonie: Haus der Zukunft in Bremen-Lüssum

Wir kommen uns näher
Lüssum ist das Neukölln von Bremen, keine gute ­Gegend. Aber es gibt Lichtblicke. Wie das Haus der Zukunft, ein Begegnungszentrum der Diakonie, das auch Menschen von anderswo anzieht
Diakonie Bremen

Foto: Cindi Jacobs

Helga Schönfeld (links) und Erika Diern essen im Haus der Zukunft zu Mittag und engagieren sich auch ehrenamtlich.

Der Fisch dampft noch. Nicole Hinrichs stellt die Teller vorsichtig auf den Tisch, viermal Scholle, gebraten, eine Zitronenscheibe, etwas Petersilie. Sie bringt noch eine große Schüssel Kartoffelsalat, norddeutsche Art, mit ­Äpfeln und Gurke, einen Krug mit Wasser, vier Gläser. „Ist das alles in Ordnung so?“, fragt sie mit ihrer leicht rauen Stimme, die einen Kontrast zu ihrer zuvorkommenden, extrem höflichen Art bildet. "Sonst sagen Sie Bescheid. Gar kein Problem! Wirklich nicht!“

Die 47-Jährige mit der weißen Kochjacke und kurzen blondier­ten Haaren arbeitet als Küchenhilfe im Haus der Zukunft, einem Nachbarschaftszentrum des Diakonischen Werkes Bremen. Seit 13 Jahren ist sie dabei, mit kurzen Unterbrechungen, weil ihre Mitarbeit durch Fördermittel finanziert wird und ihre Verträge meist nur für ein Jahr laufen. Das Geld für ihre Stelle kommt immer wieder aus anderen Töpfen, zurzeit aus dem Bundesprogramm „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“, das sogenannte arbeitsmarktferne Personen unterstützt.

Damit kann Hinrichs, alleinerziehende Mutter von vier Kindern, ohne Schulabschluss und Ausbildung, sich sogar mal für drei Jahre sicher fühlen. Das findet sie komfortabel. Aber mit den kürzeren Etappen konnte sie auch leben. Die Angst, wieder ohne Job auf der Straße zu stehen, ist über die Jahre gesunken. Sie weiß, dass die Großküche, die jeden Tag für den hauseigenen Kindergarten, den Hort und für Mittagsgäste kocht, auf sie zählt. Zuverlässige Mitarbeiterinnen sind etwas wert. Und: „Man gewöhnt sich daran. Bis jetzt hat es ja immer geklappt.“

Dutzende Ehrenamtler engagieren sich

Foto: Cindi Jacobs
Für Heike Binne, 58, indes ist das schon eine Erleichterung. ­Die Leiterin des Hauses der Zukunft ist eine schmale, blonde Frau mit energischem Kinn und norddeutschem Zungenschlag.

Sie sitzt mit drei älteren Damen am Tisch, füllt sich vom Kartoffel­salat auf. Eine kurze Pause in einem vollen Tag, der zu allzu ­großen Teilen aus „Bürokram“ besteht, um, wie sie sagt, an Geld zu kommen: Formulare ausfüllen, Fördermittel beantragen, Spenden akquirieren. Nicht nur für Nicole Hinrichs und die ­anderen Frauen aus dem Ortsteil, die hier beschäftigt und qualifiziert werden, um der Langzeitarbeitslosigkeit zu entgehen.

Das Zentrum ist auch ein Mehrgenerationenhaus, hier gehen Kleinkinder in die Krabbelgruppe, lernen Migrantinnen Deutsch, essen Senioren zu Mittag. Acht verschiedene Träger bieten Kurse und Beratungen an, Dutzende Ehrenamtler engagieren sich. Diese Fäden zusammenzuhalten ist Binnes Aufgabe. Und so nüchtern sie nach außen wirkt: Dafür brennt sie, seit das Haus 1997 mit dem Ziel gegründet wurde, in der abgelegenen Bremer Siedlung Lüssum, die vielen als verloren galt, das Ruder herumzureißen.

"Mit einer Lüssumer Adresse hat man kaum Chancen auf ein Vorstellungsgespräch"

Lüssum liegt am nordwestlichen Rand von Bremen, im Stadtteil Blumenthal. 25 Kilometer sind es von der Bremer Innenstadt über die Autobahn, mit der S-Bahn braucht man eine knappe Stunde. 12 000 Einwohner leben hier zum Teil in Siedlungsbauten aus den 50er bis 70er Jahren. Hohe Arbeitslosig­keit, hoher Ausländeranteil, überdurchschnittlich viele Alleinerziehende und Hartz-IV-Empfänger, niedriges Bildungsniveau – ein typisches soziales Brennpunktgebiet, wie es in fast jeder deutschen Großstadt eins gibt.

Dabei haben die Lüssumer Straßen­züge etwas von Berlin-Neukölln oder der Dortmunder Nordstadt. Es sieht nach ruhiger, wenn auch nicht allzu wohl­habender Wohngegend aus. Zwei- oder dreistöckige Wohnblocks aus Backstein, große Grünflächen dazwischen, viele Bäume. „Im Sommer ist es hier richtig grün und fast idyllisch“, sagt Heike Binne. Keine Fußgänger, kaum Autos auf den Straßen, an diesem grauen Wintermorgen wirkt es eher trist und freudlos. Aber vielleicht sieht man auch nur das, was man sehen will?

„An Lüssum klebt ein schlechter Ruf“, sagt Heike Binne, die hier seit 26 Jahren Quartiersmanagerin ist. „Manche Schulabgänger geben bei Bewerbungen den Wohnort von Verwandten an. Mit einer Lüssumer Adresse hat man kaum Chancen auf ein Vorstellungsgespräch.“ Einige Innenstadt-Bremer, so meint sie, kannten Lüssum aber auch gar nicht.

Das zumindest hat sich mit Jahresbeginn schlagartig geändert. In der Silvesternacht war ein 15-jähriger syrischer Flüchtling bei einer Prügelei zwischen Syrern und Kurden so heftig verletzt worden, dass er eine Woche später im Krankenhaus starb. Heike Binne hat das erschüttert und kurzzeitig wieder mutlos gemacht. Lüssum als Ort der Perspektivlosigkeit, Verrohung, Jugendgewalt – das war für viele Medien Wasser auf die Mühlen und etwas, wogegen sie seit Jahrzehnten ankämpft.

Die Postboten weigerten sich, hier zuzustellen

Vieles sei hier früher schiefgelaufen, sagt Binne. Die Wohnungsbaugesellschaften hätten ungeachtet des Konfliktpoten­zials jeden als Mieter genommen, vor allem in den sechs Hochhäusern, die es damals noch gab. Wer es finanziell packte, zog weg. Ende der Neunziger standen viele Wohnungen leer. Die Gegend verwahrloste. Die Stadt Bremen hat dem Ganzen allerdings nicht tatenlos zugesehen. Seit Ende der 80er Jahre wird Lüssum im Rahmen von Bundes- und Landesprogrammen zur städtebaulichen Aufwertung und zur sozialen Stabilisierung gefördert. Vor allem in den letzten zehn Jahren ist viel passiert. Man riss fünf Hochhäuser ab und renovierte das verbliebene aufwendig.

Heike Binne bleibt beim Rundgang durch die Straßen vor dem 14-stöckigen Gebäude stehen. Auf der Fassade prangen riesige Löwenzahnblumen auf blauem Untergrund. Der Clou: Wenn es dunkel wird und der gläserne Aufzug an der Außenwand nach oben fährt, leuchten die Blüten nacheinander auf. Auch eine weitere Entscheidung erwies sich als kluger Schachzug: Der Eingang wurde an die andere Hausseite versetzt. So änderte sich die Postadresse, die vorher so verrufen war, dass sich die Postboten weigerten, hier zuzustellen.

Foto: Cindi Jacobs

Das Haus der Zukunft liegt nur ein paar Straßen weiter. Zwei Besucher, die gerade durch die Tür des Löwenzahnhauses kommen, kennen es nicht. „Keine Ahnung. Nie davon gehört.“ Aber ein Jugendlicher, der am Zaun lehnt und raucht. Er zeigt den Weg zu dem Gebäude mit den breiten Fensterfronten und Echtholz­sprossen. Das Haus steht auf einem großen Grundstück und ­bildet ein Ensemble mit dem evangelischen Gemeindehaus, Krippe, Hort und Kindergarten. Schmale Fußwege führen von der ­Straße zu den Eingängen. Anders als in den Lüssumer Straßen ist hier ­einiges los, alle paar Minuten kommen Frauen vorbei, mit und ohne Kopftuch, mit Kinderwagen oder ohne. Kaum Männer übrigens.

Von morgens halb neun bis abends 20 Uhr läuft hier Programm: Integrationskurs, Spielkreise, Sprachkurs für Migrantinnen, Babymassage, Gruppe für Kinder von seelisch belasteten Eltern, Linedance, Täter-Opfer-Ausgleich, Strickcafé, Babysitterführerschein ... Der warme Holzboden, die hellen Räume, die Kursleiter ziehen auch Besucher aus anderen Ortsteilen an. Eine Mutter in der Krabbelgruppe, die mit ihrem Sohn Emil aus dem feinen Nachbarort Lesum kommt, sagt fast schuldbewusst: „Das Haus hier ist toll. Aber ich gebe offen zu: Ich hatte schon ein bisschen Bedenken, nach Lüssum zu kommen. Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt, als es ist.“

"Manche Mütter wissen nichts anzufangen mit ihren Kindern"

Neben ihr, zwischen bunten Bällen, sitzt etwas verloren eine junge Mutter aus Albanien. Sie ist das zweite Mal da und spricht noch kaum Deutsch. Ihr Baby liegt vor ihr auf der blauen, weichen Turnhallenmatte. Sie schaut es kaum an. „Manche Mütter wissen nichts anzufangen mit ihren Kindern“, sagt Ilka Krüner-Reuß, die im Haus der Zukunft die Einrichtung „Haus der Familie“ leitet. Das betreffe Deutsche ebenso wie Migrantinnen.

Mütter, die selbst als Kind vernachlässigt worden seien, unter Gewalt, Heimatlosigkeit oder Einsamkeit litten, könnten schwer eine Beziehung aufbauen zu ihren Kindern. Die Not werde so an die nächste Generation weitergegeben. Krüner-Reuß möchte das durchbrechen. „Unsere Eltern-Kind-Gruppen sind oft ein Türöffner. Ein neutraler Ort, an dem wir miteinander in Kontakt kommen. Und vielleicht einen Beratungstermin vereinbaren oder an andere Stellen vermitteln.“

Täglich von 12:30 bis 13:30 Uhr ist Mittagstisch in dem gro­ßen Gemeinschaftsraum. Für Mitarbeiter und Gäste von außen. ­Donnerstag ist Fischtag. Dann sind sie immer da, die drei Damen vom Grill, so möchte man fast schreiben: Helga Schönfeld, ­Margrit Müller und Erika Diern, geboren 1937, 1938 und 1939, ­Lüssumerinnen seit rund 50 Jahren, Freundinnen fast ebenso lang, alle drei verwitwet. Helga Schönfeld ist so etwas wie die ­Pippi Langstrumpf der drei: groß und schlaksig, lila Pulli, junges Gesicht, die rotblonden Haare zu zwei Zöpfen geflochten, den Pony pustet sie nachlässig zur Seite. 

Lüssum ist Heimat, kein Abstellgleis

Als sie Anfang der 60er ­Jahre nach Lüssum kam, war sie froh über eine große Wohnung in einem Neubaugebiet. Viel Natur drum herum und viele andere junge Familien. Margrit Müller wohnte da schon ein paar Jahre im Ort und kannte, so sagen die anderen zwei, „alle und jeden“. Sie ist auch heute noch so etwas wie die Betriebsnudel der drei. Quirlig, rundlich, mütterlich. Um eine Wohnung in Lüssum ­musste sich Margrit Müller 1959 noch bewerben, die waren begehrt. Ihr Mann arbeitete in der nahe gelegenen Wollkämmerei, einer der zwei großen Arbeitgeber in der Region. Fast jede Familie verdiente hier oder in der Vulkan-Werft ihr Geld.

Die Werft schloss 1997, die Wollkämmerei 2009. Aus Lüssum weggehen? Niemals hätten sie daran gedacht, sagt auch Erika Diern, die ­Dritte, Ruhige und Besonnene unter ihnen. Sie hat hier ihre ­Kinder aufgezogen, kümmert sich weiter um die Enkel, hat Freunde und findet: „Hier ist Heimat“. Dass der Ruf schlecht sei, davon müsse man sich eben frei machen. Dass es kaum mehr Geschäfte gebe, das sei schade, ja. „Aber meine Freundinnen wohnen um die Ecke, wir können uns zum Mittag treffen und schauen hier später noch einen Film – ich finde, hier ist noch ordentlich was los.“  

Auch Nicole Hinrichs ist Lussümerin. Hier geboren und aufgewachsen, auch sie will nicht weg. Viele ihrer Freunde im Stadtteil hätten keinen Job, schliefen morgens aus und dann sei der Tag immer noch zu lang. „Ich könnte das nicht, ich muss was tun“, sagt sie. Was hätte sie hier getan ohne das Haus der Zukunft? „Ehrlich gesagt, ich hatte auch keine Idee. Das war einfach ein Glücksfall.“

Ihre Töchter sollen es einmal besser haben, sagt sie wie viele ­Mütter. Die Schule zu Ende machen, einen Beruf er­lernen. Nicht unbedingt Lüssum verlassen. „Ich würde mich freuen, wenn auch sie blieben.“ Und merkten: Lüssum ist kein Abstellgleis. Man kann auch hier zu was kommen. So wie sie selbst.

Information

Einfach hingehen!

„Wir sind Nachbarn. Alle“ sagt die Diakonie Deutschland – und bringt an vielen Orten die Menschen zusammen. Damit sie sich kennenlernen und Ver­antwortung übernehmen: für die Nachbarn, für Schwächere, für ein gutes ­Zusammenleben im Kiez. Vier gute Beispiele:

Coburg: Garten für alle  

Das Stadtbüro „Dialog“ der Dia­konie Coburg öffnete ein 4500 Quadratmeter großes Gartenstück für jedermann: Hier begegnen sich Obdach­lose und Lehrer, Kindergruppen und einsame Alte, sie bauen Zucchini an, feiern, halten Stockbrot ins Feuer. www.dialog-coburg.de

Stuttgart: Swingabende

Das Kulturwerk im Stuttgarter Osten lädt zu Theater, Tanz und Mittagstisch ein. Langzeitarbeitslose und Suchtkranke lernen und arbeiten hier. Träger ist das diakonische Sozial­un­ternehmen Neue Arbeit. www.kultur­werk.de

Greifswald: Mitmachen

Die Mitmachzentrale der Diakonie Greifswald sucht für alle, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, passgenaue Angebote heraus. Einfach hingehen oder ins Internet gehen und fragen! www.buergerhafen.de

Stralsund: Kulturkirche

Die alte Backsteinkathedrale St. Jakobi ist heute Kulturkirche. Konzerte, Kunstmessen, Tagun­gen – das Kreisdiakonische Werk Stralsund macht’s möglich. Auch Hochzeiten, Geburtstage, Konfirmation kann man hier feiern. www.kdw-hst.de

Lesermeinungen

Guten Tag, Frau Lucassen,

haben sie herzlichen Dank für den eindrucksvollen Artikel über das Haus der Zukunft in Bremen Lüssum und über Frau Binne. Wir kennen das Haus, Frau Binne und die dortigen Aktivitäten, die erfreulicherweise auch von gemeinnützigen Organisationen (NGOs) gefördert werden, darunter schon seit Jahren auch vom Lions Club Bremer Schweiz. Es ist ermutigend, dass Sie mit diesem und wohl auch mit anderen ähnlichen Artikeln darüber informieren, wie viele zugewandte, nachhaltige und fördernde Aktivitäten in solchen problembelasteten Stadtteilen geleistet wird.

Freundliche Grüße,

D. Schröder, Bremen

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