Ursula Ott erledigt "gerne"

Bitte nicht mehr dauernd ­gerne sagen
Waren wir nicht kürzlich noch die Service­wüste „Muss das sein?“

 Katrin Binner
Der Morgen ist grau, es ist 5.12 Uhr, ich liege im warmen Federbett und höre Deutschlandfunk. Eine fleißige Expertin exegesiert den neuesten Trump-Wahnsinn, sie wird um 5.17 Uhr vom Moderator dankend verabschiedet und flötet: „Immer gerne.“ Echt jetzt? Immer gerne, auch um 5.17 Uhr? Dann kann man die ja künftig auch um 2.38 Uhr anrufen.  

Das nervt, das „Gerne“. Danke für die Wursttüte. Gerne! Danke für die Uhrzeit. Sehr gerne! Leute, das glaubt doch kein Mensch, dass alle alles immer gern machen. Gerade noch haben wir die Service­wüste Deutschland beklagt. Und jetzt sind wir vom „Muss das sein?“-Land in ein dauergrinsendes „Tralala, sehr gerne“-Land gewechselt? Wenn das überhaupt stimmt. Neulich in einem Hotel war es extrem schwierig, eine zweite Tasse Kaffee zu bekommen. Auf jeden Kontaktversuch mit dem Kellner gab es ein „Gerne!“ Aber nie einen Kaffee. Umgekehrt wär besser.

Es gibt Alternativen. Bitte, danke, Entschuldigung, sehr schön – immer so, wie es passt und ehrlich wirkt. Regional auch noch „Gern geschehen“ (südlich der Donau) oder „Da nich für“ (nördlich der Elbe). Ja, die
Bay­ern sagen auch schon mal „Vergelt’s Gott“. Alles besser und individueller als das floskelhafte „Gerne“, das sehr an das uniforme „You are welcome“ in den USA erinnert. Schade, so sind wir Deutschen doch gar nicht mit unserem Eigensinn.

An der Journalistenschule lernt man übrigens, Worte wie „toll“ oder „gerne“ zu vermeiden. Man soll so eindringlich und ­empathisch schreiben, dass die Leserin denkt: Boah, das ist ja toll. Oder: Die machen das bestimmt gern. So wie Familie Koepke: Da gibt es diese Szene, wo die Pflegerin Frau Rittmeyer einfach auch noch drei Körbe Wäsche für die belastete Familie zusammenfaltet. Muss sie nicht, zahlt die Krankenkasse nicht. Macht sie aber. Gucken Sie die Fotos an, lesen Sie den Text. Die Autorin braucht das Wort gar nicht, aber Sie werden verstehen: Die macht das echt – gern!

Neue Lesermeinung schreiben

Lesermeinungen

moin frau ott,

ja. sie sprechen mir aus dem herzen. nicht immer macht mein mitmensch alles gerne für mich und soll auch dann nicht so tun als ob, da fühl ich mich, gelinde gesagt, verar...!

und fühlt es sich nicht mit dem "...und noch einen schönen tag wünsch´ ich ihnen!" genauso an?

auch nach dem geringsten und oberflächlichsten  kontakt miteinander höre ich dieses "schönen tag auch" hinter mir! es passt beim kauf an der kuchentheke, wenn augenscheinlich ein schöner nachmittag winkt. da kann ich es erfreut annehmen und bedanke mich.

es nervt jedoch und bedeutet sicher nicht, dass mir mein gegenüber auch wirklich nach jedem sekundenkontakt einen schönen tag wünscht, wenn er mir z. b.  eine schlechte nachricht überbracht hat.  das ist dem doch sowas von egal, wie mein weiterer tag verläuft! es passt so oft gar nicht in die situation und wirkt regelrecht deplaziert.

das  "have a nice day", das da nach der servicewüstendiskussion in gefühlt allen kommunikationswochenendseminaren ( welch ein wort!) übernommen wurde, passt zu den amerikanern, ihrer art der kommunikation, die oft tatsächlich empathischer ist, als sich das der europäer vorstellt. zum kühlen, distanzierten nordeuropäischen deutschen passt es nicht.

(genauso wenig wie das begrüßungs-in den arm nehmen von fremden untereinander.nur jemanden, mit dem ich innigen und vertrauten kontakt habe, möchte ich in den arm nehmen und " ihm näher sein", weil ich mich ihm auch näher fühle. sowas entwickelt sich und ist nicht sofort da. ein ähnliches, aber anderes thema. )

wenn floskeln, warum nicht mehr das schlichte TSCHÜÜÜSS ?? das wirkt entspannt, drängt mir kein geheucheltes interesse auf.

herzlicher gruß

karin lütze

Liebe Frau Ott,

Ihre Verwunderung über die diversen unterschiedlichen Bejahungen oder Bestätigungen in unserer Sprache teile ich "gerne"!!!

Ergänze noch, was ich auch ständig höre! "o.k." oder noch schlimmer: "no problem"!!! Die Infiltration der Amerikanismen sind ja täglich in allen Medien zu hören und zu lesen! Durch schnelle intern. infos, bleibt wohl keine Zeit und Lust zu übersetzen - Kein Land ist davor geschützt wie mir scheint. Goethe und seine damaligen Mitstreiter, kann man vergessen!

Dieses mit anerkennenden Grüßen von Lesern der SZ und damit auch von Chrismon.

Otto und Barbara Andreae

Sehr geehrte Frau Ott,

gefreut habe ich mich ja, dass Sie sich mal um das inflationäre "geeeerne" 'gekümmert' haben. Historisch korrektheitshalber ist zu vermerken, dass dies bis ca. 1990 in Ostdeutschland kaum jemand kannte; es wurde erst danach eingeschleppt. Ich höre auch wenige Einheimische, die das benutzen; allerdings viel im Radio, dem Bildungsvermittler!

...und es könnte am besten schnellstens wieder verschwinden, nach meinem Geschmack. Mir sträubt sich jedesmal das Fell. Es hiess hierzulande immer "Gern geschehen" oder schlicht und einfach: "Bitte". ...oder wer es ausführlich liebte: "Das habe ich gern (für Dich) getan."

Viele Grüße aus der Sächsischen Schweiz Claudia König

Dem Beitrag von Frau Ott stimme ich voll zu! Sie könnten noch das inflationär auftauchende "genau" (statt ja, richtig, stimmt , gewiss usw.) erwähnen.

Karl Schreiber

Sehr geehrte Frau Ott,

Ihr Beitrag "Bitte nicht mehr dauernd gerne sagen" spricht mir aus der Seele. Ich würde ergänzen: "... und bitte ebenso wenig dauernd alles gut sagen". Das nämlich kommt daher als Beschwichtigungsformel: Ich entschuldige mich, sage, es tut mir leid, und höre: alles gut, alles gut. Darin liegt: bloß keine weitere Auseinandersetzung, es gibt nichts zu entschuldigen, ich will gar nicht wissen, warum du das meinst. Es kommt aber auch daher als Scheinfrage : alles gut? Die erwartete Antwort: eine schnelle und problemlose Bestätigung. Um Himmels Willen nicht etwas Gegenteiliges oder auch nur Einschränkendes! Der Frager will auch hier ebenso wenig wissen, wie es dem anderen wirklich geht. Damit möchte er nicht behelligt werden. Und so spielen alle das Spiel mit. Tröstlich: Irgendwann einmal laufen sich auch solche Floskeln tot, wenn ein nächster Schwachsinn sie ablöst!

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Leserin Gudrun Althaus

Liebe Frau Ott,

vielen Dank für Ihre treffende Kolumne zum mittlerweile nervigen "gerne".

Aber mich nervt schon seit Jahren etwas viel mehr: der permanente, unpassende Gebrauch des Wortes "wo".

In allen Publikationen, in der Werbung - und natürlich auch beim Talkshow-Gequatsche.

Schade, dass auch Sie in Ihrer Kolumne so einen "Ausrutscher" hatten:

"Da gibt es diese Szene, wo die Pflegerin Frau Rittmeyer ..."

Ich dachte immer noch, - schließlich habe ich es so in der Schule gelernt - das heißt:

Da gibt es diese Szene, in der Frau Rittmeyer ...

Aber ich glaube, so eine Formulierung würde man heute schon als "eigenartig" empfinden. So sehr haben sich alle an das schöne "wo" gewöhnt. Gerne läßt grüßen ...

Viele Grüße

Erich Gluch

Sehr geehrte Frau Ott,

begeistert und mit gewissem Schmunzeln habe ich in der Chrismon-
Ausgabe 05.2017  Ihren  Kurz-Beitrag auf Seite 8 unter " Erledigt"
bezüglich des inflationären Gebrauchs von " Gerne " gelesen.

Vielleicht besteht ja die Möglichkeit Ihrerseits, in einer der nächsten
Ausgaben den, aus meiner Sicht, noch inflationäreren Gebrauch
des Wort's " Genau " bei nächster Gelegenheit unter " Erledigt-2 "
auf den " Index " zu verbannen.

Manche Dinge müssen einfach mal gesagt werden. Vielen Dank
( dafür ) - auch so ein Wort.

Mit freundlichen Grüßen
Norbert  Lütkemeyer 

Liebe Frau Ott,

als Leserin Ihrer Kolumne möchte ich Sie zu dem neuen Text "Bitte nicht mehr dauernd gerne sagen" beglückwünschen. Er spricht mir aus dem Herzen, denn mich stört schon lange diese neuartige Replik. Dazu kommt noch der bei Studenten u.a. beliebte Ausdruck "kein Problem" bei einem Vorschlag oder einer Bitte, da könnte man eventuell ja "(sehr) gerne" u.Ä. sagen.

Mit besten Grüßen

Friederike Fillmann

Liebe Frau Ott,
manchmal lese ich Ihre Zeitschrift- gerne. Ihre kleine Rubrik fand ich diesmal jedoch überflüssig. Über gerne sollte man nicht schreiben, sich nicht aufregen. Im Gegenteil! Sprache prägt Gedanken , wenn man lange genug sagt, dass man etwas gerne für jemanden tut, dann kann es zum einen jetzt schon stimmen, zum anderen in der Zukunft. Darüberhinaus gibt es soviel wichtiger Themen, gerade im Kontext des menschlichen Miteinanders. Regen Sie sich auf wenn jemand Kinder schlägt, Senioren unflätig beschimpft, gegen Ausländer hetzt.
In Costa Rica sagen die Menschen "Con mucho gusto" - und man nimmt es Ihnen vollkommen ab. Da müssen wir hin - nicht weg vom "Gerne".
Mit freundlichen Grüßen

Ihre D. Moisl-Faas

Liebe Frau Ott, wie gut, dass es Ihnen mit dem häufigen " gerne"  so ergeht wie mir. Das kam auf einmal auf und ist nun in aller Munde. Genauso unverständlich ist für mich, dass mir in jedem Geschäft ein "schönen Tag noch"  nachgerufen wird.. Herzliche Grüße , Monika Paetsch

Sehr geehrte Frau Ott, der Artikel GERNE hat mir aus der Seele gesprochen. Hoffentlich lesen es viele Leute.

Schön wäre es, wenn Sie auch mal diese unschöne Floskel , die einem in jedem Geschäft  gewünscht wird

“Schönen Tag noch” in einem Ihrer nächsten Artikel kritisieren würden.

Mit freundlichem Gruß

Ursula Horn

Sehr geehrte Frau Ott,

diesen Artikel muss ich kommentieren. Er trifft mich bis ins Mark. Warum? Ich selbst arbeite in einem Dienstleistungsberuf und das sehr gerne und ich benutze auch das Wort „gerne“ auch gerne und werde es auch weiterhin tun. Klar, es muss von Herzen kommen, sonst ist es aufgesetzt und kommt weniger gut an. Aber verbannen wir es nicht wieder. Es gehört zu einem guten Service dazu und im Gegensatz zu Ihrer Journalistenschule  lernen wir das Wort „gerne“ auf unserer Schule. Wortschatzerweiterung darf selbstverständlich immer gerne sein.

Je länger ich darüber nachdenke – an „gerne“ komme ich vorbei.

Karin Schultheiß

Sehr geehrte Frau Ott,
nun weiß ich nicht was schlimmer ist. Wenn man laufend gerne sagt oder exegesiert.
Ich mit meinem kleinen Verstand verstehe wenigstens noch gerne.
Hoch leben die Fremdworte damit man sich vom gemeinen Volk absetzen kann.
Gerne mit freundlichen Grüßen
Gisela Schafberger 

Sehr geehrte Frau Ott,

gerne lese ich Ihre Kommentare und besonders
gerne antworte auf Ihren aktuellen, den Sie
gerne verfasst haben, wie Ihr Inhalt dokumentiert.
Stimme Ihnen ganz und gerne zu.
Gerne warte ich einige Zeit, dann tauscht sich
das "Gerne" liebend gerne gegen eine neue Floskel.
Man muss aber das "Gerne" auch loben: Es ist positiv,
wenn auch meist aufgesetzt.

Also: Einfach ganz herzlichen Dank für das "Gegen-Gerne".

Es grüßt Sie gerne freundlich
Franz Bartenschlager

Liebe Frau Ott,

ich kann mich Ihrer Kritik am ‚gerne‘ überhaupt nicht anschließen. Es ist eine tolle Floskel und dürfte meist mit einem netten freundlichen Gesichtsausdruck verbunden sein. -  Es ist ein wenig einfältig die Journalistenschule als Referenz heranzuziehen. Wer kann von der Journalistenschule Etikette erwarten? Wie viele vorzeigbare Journalisten gibt es?

Mit herzlichem Gruß

Tilman A. Kienle

Liebe Frau Ott,

unter permanentem, zustimmenden Nicken habe ich Ihre kleine Abhandlung zum Thema 'GERNE' gelesen. Es war an der Zeit, dass sich jemand einmal ernsthaft mit dieser unehrlichen und gedankenlosen Unsitte auseinandersetzt.

Sicherlich werden Sie zum Thema noch  Gigabytes von weiteren emails (früher, zu Zeiten der snail-mail hiess das: Waschkörbe voll) erhalten. Wobei sich Zustimmung und Proteste zu Ihrem Statement vermutlich die Waage halten dürften.

Als Münchener Bürger darf ich Ihnen zum Thema passend auch noch die landläufige Universalformel der Bayern nachtragen, und diese lautet 'Basst scho ' - schriftdeutsch 'passt schon'.

In diesem Sinne - danke für Ihren Beitrag und ... weiter so.

Axel Eysler, München

Werte Frau Ott, mit diesem Artikel haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Es ist erschreckend zu

hören, welche Floskeln hauptsächlich Studenten in ihren Sätzen verwenden. Da findet sich sehr selten

im Gesagten ein Satz ohne _____ gerne, immer wieder gern, ähm, ja, halt usw. Obwohl wir Deutschen doch

sehr stolz auf unsere vielfältigen Worte sein können. Leider lesen diejenigen, die solche Worte verwenden

nicht das, was Sie angesprochen haben. Aber jetzt sind u.a. Lehrer, Dozenten und Eltern gefragt. Jedoch wir

( meine Frau und ich ) glauben nicht daran, dass sich da etwas bewegt.

Vielen Dank für Ihren Bericht.

Ihre Fam. Beyer

Grüß Gott Frau Ott!

Ihre Zurückweisung des "Gerne" kann ich nachvollziehen, aber es gibt eben auch die andere Seite: Wie das "You're welcome " kann es dazu beitragen, eine positive Atmosphäre zu schaffen. Und selbst wenn es vor allem geschäftlich bedingt ist, ist mir das positive Aufschaukeln von Stimmungen tausendmal lieber als das täglich zu erlebende negative.

Nichts für ungut
Und beste Grüße aus München

Lutz van Raden