Was macht er denn beruflich?
Mia hat sich vor einiger Zeit mit einer alten Freundin getroffen. Das heißt, so alt ist Anna gar nicht: gerade mal 30. Die beiden kennen sich von früher, als Mia noch Annas Lehrerin war. Nach dem Abitur haben sie sich angefreundet. Es gibt kaum etwas, was die eine von der anderen nicht weiß. Mia ist jetzt, mit 44, frisch verliebt. Sie kriegt rosige Bäckchen, wenn sie von Leon spricht. „Was macht er denn beruflich?“, will Anna wissen. „Er ist Polizeibeamter“, antwortet Mia und wundert sich über Annas Reaktion.
Denn die lehnt sich zurück und meint schnippisch: „Ich könnte nie mit jemandem zusammen sein, der weniger darstellt als ich. Warum suchst du dir nicht einen Anwalt oder Arzt? So jemand würde besser zu dir passen. Du unterrichtest, schreibst Bücher, machst Radiosendungen – was willst du mit einem Polizisten? Jünger, weniger repräsentativ, also wirklich!“ Mia ist sprachlos. So konservativ, so fixiert auf die weibliche Rolle hat sie Anna noch nie erlebt. Die gesellschaftliche Stellung eines Mannes wichtiger als seine menschlichen Qualitäten?
Oft genug ist es noch so. Wer in der Familie oder im Freundeskreis einen Liebsten präsentiert, der deutlich weniger Geld verdient, wer auf der Karriereleiter noch längst nicht so weit ist wie die Freundin, der wird eher nachdenklich betrachtet – und sie mit ihm. Ist er nur ihr Gespiele, einer, den sie ablegt, wenn der gut betuchte Mr. Right kommt? Vor allem junge Frauen schauen darauf, ob der Mann ihres Herzens auch standesgemäß und damit vorzeigbar ist.
Man will ja nicht gegen Freundinnen „abstinken“, die einen Juristen, Mediziner oder gar einen finanzstarken Fußballspieler an Land gezogen haben. Nichts dagegen zu sagen, wenn eine Frau nach einem Mann Ausschau hält, der ihr das Wasser reichen kann – so, dass sie mit ihm leben, reden, schweigen, lachen und weinen kann. Nur: auf sein Einkommen und sein Prestige kommt es dabei nicht an.
Sie muss allmählich von ihren Ansprüchen abrücken
Mia findet Leon witzig, geistreich, charmant, sehr behutsam und manchmal saukomisch. Diese Kombination erlebt sie so zum ersten Mal. Sie fühlt sich wieder richtig jung. Und Leon? Er hat sich anfangs ein bisschen schwergetan mit dem Gedanken, dass seine Freundin es karrieremäßig schon erheblich weitergebracht hat als er. Er würde sie gern großartiger ausführen, reicher beschenken. Es fällt ihm nicht leicht, auszuhalten, dass im Freundeskreis alle Männer bessere Stellungen haben als er.
Die haben mit ihm aber keine Probleme. Warum auch? Er ist völlig in Ordnung, der Typ. Nur die Frauen spötteln hinter vorgehaltener Hand über Mias beschwingte Seligkeit und ihren Polizisten, der ihr keinen Malediven-Urlaub finanzieren kann. Anna taumelt derweil von einem Beziehungschaos ins andere. Monate nach ihrem Gespräch mit Mia wird sie schwanger und alleinerziehende Mutter – bis sie Robert kennenlernt.
Er ist wie sie in einer Computerfirma beschäftigt, ein guter Job, mehr nicht. Auch nicht weniger. Aus einer gescheiterten Beziehung bringt er seine Tochter mit. Anna muss allmählich von ihren Ansprüchen abrücken: Robert könnte ambitionierter sein. Aber er will nicht, weil er einfach wunderbar zufrieden ist. Irgendwann spürt Anna etwas von der biblischen Weisheit: „Ein gütiger Mensch ist der Liebe wert, und ein Armer ist besser als ein Lügner“ (Sprüche 19,22). Und eigentlich würde sie gern wieder mal mit Mia plaudern.
Ist es wichtig, eine gute Partie zu machen? Was meinen Sie?


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