Frau Otts endgültige Ablage, diesmal: ...und mehr

Germany and more? Hört sich an, als wolle Deutschland mal wieder die Welt erobern

stellvertretende chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott - Foto: Katrin Binner
Das Südafrika-Reisebüro heißt „Afrika und mehr". Der Friseur heißt „Haare und mehr“. Die Radiosendung „Wissen und mehr“, die Messe „Gesundheit und mehr“, der Pistenplan „Schnee und mehr“..., es reicht! Bitte nicht noch mehr! Was, bitte schön, will die Ski-fahrerin denn mehr als Schnee? Schnee wäre prima, ohne Schnee ist die Piste eher weniger. Also weniger praktisch.

Und was – außer Haaren – soll der ­Friseur denn schneiden? Wurst? Käse? Baguette? Schlimm genug, dass jeder Drogerie­markt jetzt Müsliriegel verkauft – auf keinen Fall soll der Friseur was anderes machen als Haare. Und schließlich: So unendliche Güter wie Gesundheit und Wissen – wie soll man die denn bitte schön noch steigern können?

Afrika übrigens ist ja auch schon sehr groß. Warum noch mehr? Weil es gut klingt in einer Welt, die sich schneller, höher, weiter dreht und mehr, mehr, mehr wächst? Ganz ehrlich: So richtig gut klingt es gar nicht, wenn man genauer drüber nachdenkt. Afrika und mehr geht ja grade noch. Aber wie blöd klingt der Ladenname „Germany and more“? Als ob Deutschland sich mal wieder anschicken würde, die Welt zu erobern. Keine Angst, im gleichnamigen Laden am Frankfurter Flughafen gibt es wirklich nur Kuckucksuhren und Schwarzwälder Kirschwasser. Nicht mehr. Aber warum heißt es dann „and more“? Weil am Flughafen eben alles nach „Miles & More“ klingen muss?

And more, die englische Version klingt be­sonders affig. Warum heißt ein Hundebedarfs­laden „Dogs and More“ – und hat dann doch keine Elefanten im Angebot? Und was finde ich im Bioladen „Nature and more“? Fiese Agrar­chemie? Genmais?

Mir würde völlig reichen, der Bioladen ­hätte Natur im Angebot und der Metzger nicht „Fleisch, Wurst and more“. Sondern halt Fleisch und Wurst. Schließlich sollen Botschaften klar sein. Es heißt ja auch nicht:  Glaube, Hoffnung, Liebe and more.

Lesermeinungen

Liebe Frau Otts,

ich kann Ihren Unmut über die deutsche Werbekultur gut verstehen - ich schätze mal, dass die meisten Träger der "and more"-Werbung auch gar keinen Gedanken an die Bedeutung der Formel verschwendet haben, sondern eher einen schnellen Slogan brauchten.

Dennoch finde ich es bedenklich, dass gerade ein christliches Magazin scheinbar nicht auf die eigentliche Bedeutung des Spruches kommt. Erscheint es mir doch recht offensichtlich, dass das "and more" ausdrücken will, dass es in dem Geschäft, welches damit wirbt, eben nicht nur um die erwartbare Dienstleistung geht! So propagiert der Frisör vielleicht, dass es ihm nicht nur darum geht den Kunden husch husch mit einem neuen Haarschnitt zu versorgen und dann wieder loszuwerden, sondern, dass er auf die speziellen und individuellen Wünsche des Kunden eingehen möchte. Freilich ist durch die oben genannte Vermutung darüber, wie die meisten Geschäfte zu dem Slogan kommen, auch mein angeführter Gedanke über den Willen dahinter nur bedingt zu finden...

Statt einem Appel, den Slogan abzuschaffen, wünsche ich mir von christlichen Journalisten vielmehr den Aufruf zur Rückbesinnung darauf! Denn: Dienstleistungen ohne irgendeine Personalisierung finden wir schon zu Genüge. So degradieren wir uns selbst aber mehr und mehr zu Nummern, die eben mal schnell den Haarschnitt bekommen, den schon 20 andere am selben Tag bekamen. Eine Kultur der Wertschätzung der Person wird ausgedrückt, wenn mir der Dienstleister ernstlich sagt: Ich tue, was du von mir erwartest, and more, denn nur so werde ich dir als Individuum gerecht! Im "und mehr" steckt nämlich ein persönliches "du".

G.M.L. schrieb am 7. Januar 2014 um 0:23: "dass nicht "Gott" , sondern der Kunde selbst entscheidet, was er will, und was nicht." Irrtum. Der Kunde entscheidet einen Dreck. Der Kunde muss in seinen Geldbeutel schauen, was er sich leisten kann. Und wieviel in seinem Geldbeutel drin steckt, hat nicht der Kunde entschieden, sondern der Arbeitgeber nach scharfer Kalkulation festgelegt. Und was der angebotene Krempel kostet, entscheidet auch nicht der Kunde, sondern unterliegt der zielgerichteten Berechnung des Geschäftsinhabers. Der König Kunde ist so ziemlich die lächerlichste und traurigste Gestalt im marktwirtschaftlichen Zirkus. Alles, was ihm bleibt, ist die Entscheidung, welchen Geschäftsmann er dadurch glücklich macht, dass er bei ihm einkauft und nicht bei der Konkurrenz. Dieses trübselige Gebaren ist übrigens der Inhalt der vielgerühmten Freihet, derer sich der Normalmensch erfreut. _________________________ Zitat: "Keine Predigt macht ihm seine Würste madig." Die christliche Predigt sorgt dafür, dass das miese lebenslange sich Beschränken und Einteilen müssen auch noch die höhere Weihe des verantwortungsvollen Handelns bekommt. Ob einem diese Predigt oder die ideologische Botschaft vom freien Konsumenten mehr den Magen umdreht, ist reine Geschmackssache.

Es ist doch eine klare Botschaft, wenn es heißt :"und mehr". Schließlich ist das "mehr " ein Versprechen auf Etwas...Im Gegensatz zu dem evangelisch propagierten äußerst begrenzten und hoffnungslosen Glauben , verspricht die Werbung ein "mehr" als eindeutige Botschaft, die sich nicht nur auf die eine ausgesuchte Ware beschränkt, und ferner, im Gegensatz zu dem harten Kurs der Kirche, die "gibt und nimmt" , wie es ihr gerade in den Kram passt, weiß man im Laden, dass nicht "Gott" , sondern der Kunde selbst entscheidet, was er will, und was nicht. Keine Predigt macht ihm seine Würste madig. Meinetwegen biete jeder " mehr" an, wenn er was anzubieten hat. Ich suche mir schon das Beste raus, oder auch nicht. ---------
Germany wurde erobert, durch ein "mehr" an ...Ich weiß es nicht. Interessiert mich nicht die Bohne. Der spirituelle Gehalt dieses Themas ist mehr als dürftig. Obwohl..., das "mehr" weckt Hoffnung auf Etwas, das noch nicht ist, macht Hoffnung auf ...---------"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben." und weiter lesen wir bei Hesse : "Wir sollten heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen. Der Weltgeist will nicht fesseln und uns engen, er will uns Stuf`um Stufe heben, weiten. ...Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entreißen." -------- Die Ablage gehört zum Leben, wie der "Pinkel " zum Grünkohl.

Danke Frau Ott. Ihr Artikel war für mich eine endgültige Absage und mehr...

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