Mutter und Vater ehren

Der zunehmende Pflegenotstand führt uns vor Augen: Der Schutz der Menschenwürde fordert uns dramatisch heraus

Steffen Roth

Es gibt soziale Pflichten, die gelten seit Menschengedenken und mit Sicherheit auch in aller Zukunft. Die Sorge um alte Menschen gehört dazu. Es ist ja keineswegs selbstverständlich, dass gebrechliche und pflegebedürftige Alte die Zuwendung bekommen, die sie zum Leben brauchen.

Deshalb werden die Pflichten in den großen Büchern der Religionen Mal um Mal eingeschärft. Auch seit biblischen Zeiten wird diese Aufgabe als Gottes Wort und Weisung in den Zehn Geboten verstanden. Das erste der Gebote, die das menschliche Zusammenleben ordnen (in der Zählung ist es das vierte Gebot), fordert uns auf: „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Auch in der frühen Geschichte des Volkes Israel gab es offensichtlich die Versuchung, das menschliche Leben ökonomisch zu betrachten, nach Nützlichkeitserwägungen. Dagegen galt es Position zu beziehen.

Werden Menschen gebrechlich und krank, dann tragen sie nicht mehr zur wirtschaftlichen Stärke der Gemeinschaft bei. Sie entlasten nicht mehr, sie belasten. Gegen diesen „Wertverlust“ – was für eine schreckliche Vokabel! – setzt das biblische Gebot die Würde alter Menschen. Sie ist zu achten, weil sie von Gott selbst in die menschliche Existenz hineingegeben wurde. Die Würde des Menschen kommt, wie die Zehn Gebote zeigen, unmittelbar von Gott. Auch deshalb, und nicht allein weil es in Artikel 1 des Grundgesetzes steht, ist sie unantastbar, auch wenn sie im Alltag so oft verletzt wird und alte Menschen oft genug schäbig behandelt werden.

Verletzt der Pflegenotstand das Grundgesetz?

In unseren Zeiten haben sozialstaatliche Einrichtungen viele der Aufgaben übernommen, die früher von der kleinen oder der großen Familie oder dem nachbarschaftlichen Verbund geleistet wurden. Doch die Grundfrage bleibt: Wie steht es um die Achtung der Würde alter Menschen, zum Beispiel wenn sie ambulant zu Hause oder in Heimen  versorgt werden? Wie steht es insbesondere um diejenigen, die nicht so viel besitzen oder keine ausreichende Rente oder Pension haben, dass sie eine gute Pflege und Versorgung kaufen und bezahlen können?

„Pflegenotstand verletzt systematisch das Grundgesetz“, titelte vor einigen Wochen die „Süddeutsche Zeitung“. Es ging um die Mängel der ambulanten und der stationären Pflege. Der Autor Heribert Prantl verwies auf eine juristische Analyse, die zu dem Schluss kommt: der Staat verletze mit seiner Untätigkeit seine Schutzpflichten gegenüber alten, pflegebedürftigen Menschen. Da das Grund­gesetz der Menschenwürde einen außerordentlichen hohen Stellenwert zumesse, dies aber massiv verletzt werde, könne eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe durchaus Erfolg haben.

Dazu will ich nun nicht aufrufen, aber nachdrücklich einschärfen: Ob moder­ner Sozialstaat oder alttestamentlicher Stämmebund, jede Gemeinschaft von Menschen muss die humane und zivili­sa­torische Kraft aufbringen, menschliches Leben nicht allein nach seiner Nützlich­keit zu werten. Der entscheidende Bezugspunkt ist vielmehr die Würde der Menschen, vollkommen unabhängig von ihrem Alter, ihrer Kraft, ihrer Gesundheit, ihrer Produktivität, ihrer gesellschaftlichen Stellung.

Sie haben Anspruch auf Respekt und ­einen geachteten Platz in der Mitte unserer Gesellschaft – weil sie unsere Mütter und Väter sind. Wir Christen sagen: Wir ehren auch unseren Schöpfer dadurch, dass wir Mutter und Vater ehren. Wenn leistungsorientierte Gesellschaften ihre Menschlichkeit bewahren wollen, gehört das Thema Respekt ganz oben auf die Tagesordnung.

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Lesermeinungen

Verbena884 schrieb am 21. Januar 2014 um 0:31: "sondern von den Alten, die die Jungen ausplündern" Klar, wenn die Rentnerin schaut, wie sie irgendwie mit der Rente kläglich über die Runden kommt, dann plündert sie derweil die augenblicklichen und zukünftigen dynamischen Jungunternehmer aus. [...]

...Anmerkung der Redaktion: Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich.

Zitat aus dem Artikel: "Die Würde des Menschen kommt, wie die Zehn Gebote zeigen, unmittelbar von Gott." Und da die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt darin besteht, diese Würde zu achten und zu schützen, ist der Staat im höheren Auftrag Gottes unterwegs. Dadurch fällt Gottes Glanz auf die Bundeswehr, die Polizei, den Knast, das Finanzamt, die Rentenkasse und die Lehrer in der Schule. Es ist doch sehr erfreulich, diesen Zusammenhang von staatlicher Gewalt und dem lieben Gott mal wieder in Reinkultur lesen zu dürfen! Um Modernität bemühte Gotteskundige meinen zwar genau dasselbe, mäandern dabei aber immer um diesen heißen Brei herum.

Die Generationengerechtigkeit wird mit Füßen getreten, ja – aber nicht von den Jungen, die angeblich nicht ausreichend für die Alten sorgen, sondern von den Alten, die die Jungen ausplündern. Gerade ist die Große Koalition dabei, Reformen einzuleiten, die die junge Generation erheblich belasten. Antje Berg schreibt dazu in der Südwest Presse vom 9. Dezember 2013: „Mütterrente und die abschlagsfreie Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren (inklusive Arbeitslosenzeiten): Beides belastet die Rentenkasse mit vielen Milliarden Euro jährlich - auf lange Zeit hinaus. Beides führt dazu, dass die Rentenbeiträge für die junge Generation erheblich steigen werden. Und beides entbehrt nicht einer gewissen Dreistigkeit: Denn schon jetzt steht fest, dass die Geschröpften niemals so viel staatliches Ruhegeld erhalten werden wie die heutigen Rentner.“ Ein heute 13jähriger, so ist eben der Süddeutschen Zeitung zu entnehmen, die Sie zitieren, wird etwa 77 000 Euro mehr in die Rentenkasse einzahlen, als er später an Rente erhalten wird (17. Januar 2014).
Unsere Väter und Mütter, die nun Rente beziehen, und leider auch Ihre und meine Generation, die wir nicht mehr allzu weit davon entfernt sind, haben die Welt so eingerichtet, wie sie jetzt ist. Nun werden die fehlenden Tante-Emma-Läden um die Ecke beklagt, wo man doch früher die ach so billigen Märkte auf der Grünen Wiese dankbar frequentiert. Nun sollen die jungen Leute, deren Welt man so zugerichtet hat, dass kaum noch Luft zum Atmen oder Raum zum Bewegen bleibt, deren Wohn- man von den Arbeitsstätten getrennt („Autogerechte Stadt) und von denen man verlangt hat, soziale Bindungen aufzugeben („Flexibilität“), nun sollen diese jungen Leute liebevoll für die nun in die Jahre gekommenen alten Menschen sorgen.
Dafür hätten die jetzt Alten selbst mit vorsorgen müssen. Dazu gehörte hätte eine gegenseitige Fürsorgepflicht der Generationen, ein kluges und besonnenes Wirtschaften, das auch den Nutzen der kommenden Generationen im Blick hat. „Der Staat“ ist eben kein abstraktes Gebilde, sondern er wird von Menschen gestaltet. Dieser „Staat“, diese Gesellschaft ist gerade dabei, den nachfolgenden Generationen Kosten für die Beseitigung von Umweltschäden aufgebürdet werden, unter denen sie noch ächzen wird, wenn sie sie denn überhaupt stemmen kann. Mit anderen Worten: Wir leben auf Kosten unserer Nachkommen und verplempern deren Ressourcen. Und: Wir haben zu wenig Kinder bekommen, um das bestehende Sozialversicherungssystem tragfähig zu halten. Ein Umbau hätte also notgetan. Dass er jetzt zu Lasten der Jungen vorgenommen wird, die sich teilweise noch gar nicht wehren können, ist skandalös.
Die Mütterrente, das ist vielfach berechnet worden, lindert die Altersarmut nicht. Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren bevorzugt Männer, da Frauen selten ungebrochene Erwerbsbiographien haben. Die Renten werden aufgrund höherer Lebenserwartung über immer längere Zeiträume von immer weniger Beitragszahlern gezahlt – was bitte ist daran sozial? Und was modern? Modern wäre es, wen fitte Alte länger arbeiten würden und nicht weniger. Dann könnte man sicher die letzen Jahre besser abfedern und würdiger gestalten, denn die Geldmittel wären da.
Wo also bleibt der Respekt gegenüber den Jungen in dem von Ihnen beschworenen „modernen Sozialsstaat“?

Ehre wem Ehre gebürt ?
Viele ältere die nicht mal Eltern sind nehmen die Junge Generation mit Ihrem Gedankengang in eine Verpflichtung Ihnen eine Leben in Wohlstand und im Übermaß an Konsum zu ermöglichen. Zwei Heimplätze kosten so viel wie eine Lehrerstelle (36 Kinder pro Klasse sind keine Seltenheit). Auch meine Eltern sind von diesem "Stamme nimm was du kriegen kannst" und geben nichts zurück.
Für mich hat das Gebot dadurch eine andere Aussage: Lasse dich nicht daruaf ein über die Prägung und das Verhalten der Eltern zu grübeln. Dann wird es DIR wohl ergehen.( und du grübelst nicht unnütz über vergangenes.
Einen alleinig Sozialen Auftrag in die Zehn Gebote zu legen finde ich schon recht ungehörig.

Nur der wird geehrt der sich selbst anständig verhält.