Heinrich Bedford-Strohm über Integration und Sexualität

Integration ins Familienbild
Schulen und Behörden müssen dem Thema Sexualität mehr Aufmerksamkeit schenken
Heinrich Bedford-Strohm

Heinrich Bedford-Strohm ist Rats­vor­sitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landes­bischof der Evangelisch-Lutherischen ­Kirche in Bayern und Herausgeber des Magazins chrismon

Foto: Thomas Meyer/Ostkreuz

Eine Bekannte hat mir erzählt, dass sie sich zu einem Selbstverteidigungskurs für Frauen anmelden wird. Erfahrungen, die sie mit Männern im Alltag immer wieder macht, haben sie verändert. Die Ereignisse vor dem Kölner Bahnhof in der Silvesternacht haben sie erst recht wütend werden lassen.

„Ich weiß, dass ich den Männern körperlich unterlegen bin“, sagte sie, „aber ich will mich wehren können.“ Ich kann sie verstehen. Auch als Mann kann man ahnen, wie schlimm es für Frauen sein muss, von Männern eingekreist und angefasst zu werden.  

Aber dieser Schritt hat mich überrascht. Denn ich kenne sie als eine gewandte und resolute Frau, die sehr gut mit den Herausforderungen in Beruf und Privatleben zurechtkommt. Das lässt mich nachdenklich werden. Haben wir die Themen des Ver­hältnisses von Mann und Frau beziehungsweise der Sexualität als Aufgabe unterschätzt, auch und gerade bei der Integration von Flüchtlingen?

Probleme beim Namen nennen

Sexualisierte Gewalt kennt keine Na­tionalität. Klar ist auch: Jede Form von sexueller Gewalt muss entschieden bekämpft und geahndet werden. Es ist ärgerlich, wenn mancher diese Notwendigkeit erst jetzt entdeckt, da es um Täter mit Migrationshintergrund geht. Denn auch hierzulande hat es lange gedauert, bis unsere Gesellschaft gelernt hat, dass Mann und Frau wirklich gleichberechtigt sind. Und dieser Lernprozess dauert an.

Heinrich Bedford-Strohm

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Jahrgang 1960, ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) und seit 2014 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zuvor war er an der Universität Bamberg Professor für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen.
Thomas Meyer/Ostkreuz
Die Frage, die auch Sozialwissenschaftler und Pädagogen vermehrt stellen: Haben Männer mit Migrationshintergrund besonders große Schwierigkeiten mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau in unserer Gesellschaft?

Und wenn es so ist, wie damit umgehen? Es gilt zunächst, die beiden unseligen Alternativen zu überwinden: Problem­diag­nosen entweder für fremdenfeindliche ­Hetze zu missbrauchen oder sie aus Angst vor dieser Hetze schönzureden. Es geht auch anders: Probleme beim Namen nennen, aber differenziert, lösungsorientiert und so, dass nicht alle über einen Leisten geschlagen werden. Die Migrationshintergründe können nämlich sehr unterschiedlich sein.

 

Das Thema Sexualität in Integrationskursen behandeln

In vielen muslimischen Familien sei das Thema Sexualität tabuisiert, sagen Pädagogen und Lehrer. Das kann zu Fehldeutungen der deutschen Gesellschaft führen. „Manche Männer deuten die Form der offenen Gesellschaft in Deutschland, wo Frauen offen durch die Stadt laufen und vielleicht auch mit Männern flirten, falsch“, sagte zum Beispiel Ahmet Toprak, Erziehungswissenschaftler an der Fachhochschule Dortmund. Nicht nur er rät, in Integrationskursen stärker die Themen Geschlechterrollen und Sexualität zu behandeln.

Für eine klare Verpflichtung auf die ­Regeln, die hier gelten, gibt es ein durchschlagendes Argument: Menschen sind – neben ihrer wirtschaftlichen Not – auch deswegen hierher geflohen, weil wechsel­seitige Achtung und gleiche Rechte für alle, zusammengefasst: die Menschenwürde, den übergreifenden Konsens markieren. Dieser Konsens prägt nicht nur unsere Verfassung, sondern ist glücklicherweise auch tief in die moralische DNA der Menschen eingegangen, die hier leben. Und ­bildet eben auch die Grundlage für ein gutes Zusammenleben im Alltag.

Jeder Mann, der in Deutschland lebt, muss wissen, dass Frauen gleichberech­tigt sind und sich in der Öffentlichkeit kleiden und bewegen können, wie sie wollen, ­ohne ­­in Gefahr zu geraten. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber auch Selbstverständlichkeiten müssen manchmal immer wieder neu errungen werden.

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Lesermeinungen

Allein dieser Satz:
"Die Frage, die auch Sozialwissenschaftler und Pädagogen vermehrt stellen: Haben Männer mit Migrationshintergrund besonders große Schwierigkeiten mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau in unserer Gesellschaft?", zeigt unmißvertändlich die grenzenlose Naivität, mit der man uns uns und alle Anderen beurteilt. Ein kirchliches Armutszeugnis für alle Soziologen und Pädagogen. Der Satz verureilt alle folgenden Formulierungen. Nach dem Satz muß man nicht mehr weiterlesen. Die oberste Kirchenführung liest vermutlich nur die eigenen Blätter, nicht aber die Zeitungen. Auch scheinen ihnen die Unterschiede in den Religionen nicht geläufig zu sein. Selten hat ein Satz so entschleiert.

Das Thema "Sexualität“ in Integrationskursen zu behandeln scheint mir von der Idee her logisch, in der Praxis aber vermutlich nicht mit dem gewünschten Erfolg durchführbar: Nach meinem Wissen werden ein großer Teil der Integrationskurse von Frauen durchgeführt. Diese werden gerade von den Männern, die mit diesem Thema erreicht werden sollen, ohnehin wenig ernst genommen. Hier ist sicherlich Information möglich und natürlich auch nötig. Aber einen Sinneswandel in Bezug auf Haltungen zu erreichen scheint mir auf diese Weise nicht möglich zu sein.
Ein Weg, bei der Zielgruppe zu diesem Thema Nachdenklichkeit zu erzeugen könnte sein, Männer und Frauen im Team als Leiter von Integrationskursen einzusetzen. Die können aus beiden Perspektiven das Thema Sexulität behandeln. Gleichzeitig könnten die Teilnehmer am respektvollen Umgang der beiden miteinander erfahren, wie Gleichberechtigung lebbar ist.
Für so ein Modell allerdings werden wohl keine Gelder vorhanden sein. Und die Hoffnung, zu dem für solche Kurse heute gezahlten Stundenlohn Lehrer zu finden, die in dieser Weise im Team arbeiten können und wollen, scheint mir utopisch.

In den 80ern galten muslimische Staaten für Backpackerinnen als die sichersten der Welt, schon bei unsittlicher Berührung drohte dem Übeltäter: Handabhacken.
In 2011 machte amnesty mobil gegen Frauenfeinde in islamischen Staaten wie Ägypten, die Vergewaltigungen und Übergriffe auf Frauen zur politischen Waffe machten.
Was hat unsere evangelische Kirche in den fünf Jahren zu diesem Thema in ihrem hochgepriesenen inter-religiösen Dialog geleistet? Hier müssen wir gar nichts "beim Namen nennen", denn das Tabu sexueller Belästigung gilt in muslimischen wie evangelischen Communities. Nur macht sich unsere evangelische Kirche mit Breit-Kessler, Kurschus und offenbar auch Bedford-Strom hier nicht stark für Frauenrechte. Bin darüber tief enttäuscht und engagier mich lieber bei amnesty.

"Jeder Man, der in Deutschland lebt, muss wissen, dass Frauen gleichberechtigt sind.". Natürlich. Aber ich selbst, weiß nicht mehr , wer ich bin. Ist auch gar nicht wichtig. Ich meine, des Schwachsinns, reicht mir. Amen.