Wie kann man die ganze Welt ernähren?

Mehr Wald, weniger Rind
Vegetarismus

Foto: imago / Westend61

"Damit in Zukunft alle satt werden, muss mehr Ackerfläche her“, sagen manche. Stimmt nicht unbedingt

chrismon: Wälder oder Weide, ist das tatsächlich die Frage?

Thomas Kastner: Es gibt das Argument, dass man die Landwirtschaft intensivieren und Wälder roden müsse, um die Weltbevölkerung künftig ernähren zu können. Wir wollten überprüfen, ob da was dran ist.

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir haben die Ernährungsgewohnheiten ­in den verschiedenen Weltregionen analysiert. Dann haben wir verglichen, wie sich der Flächenbedarf ändert, je nachdem, ­wie hoch der Anteil an Biolandbau oder intensiver Landwirtschaft ist, wie viele Menschen Fleisch oder tierische Erzeugnisse konsumieren oder Vegetarier be­ziehungsweise Veganer sind. Aber auch, wie die Tiere ernährt werden: Futterkonzentrate sind eng mit Massentierhaltung verbunden. Dabei konkurrieren die Produktion von Futter und Nahrung. Massentierhaltung ist also nicht unbedingt besser als Weidewirtschaft.

Hat unsere Überflussgesellschaft Zukunft?

Ohne zusätzlich Wälder zu roden? Nur, wenn die Ernährung in den derzeit ärmeren Regionen einfach bleibt. Umgekehrt kann sie dort nur reichhaltiger werden, wenn der Westen sein Level herunterschraubt. Mit intensiver Landwirtschaft scheint die Aufgabe leichter zu bewältigen. Dort sind hohe Erträge möglich. Aber die Umweltbelas­tungen wären enorm und nicht wünschenswert.

Kann man die Versorgung mit Nahrung überhaupt global beurteilen?

Wir zeigen in der Studie biophysische Grenzen. Damit genug Nahrung für die Welt­bevölkerung vorhanden ist, muss es global genügend Flächen geben. Es wäre eine ­interessante Fortsetzung der Studie, auch die sozialen Limits zu untersuchen, zum Beispiel, wie sich die ungleiche Verteilung von Ressourcen auf die Regionen auswirkt.

Wann wären die Wälder und die Ernährung gleichermaßen gesichert?

Wenn wir alle Vegetarier würden, wäre ­sogar flächendeckend Biolandbau möglich, und viel Fläche würde frei. Aber diese radikalen Szenarien sind unwahrscheinlich.

Welches Szenario ist realistisch?

Wir favorisieren einen globalen Ausgleich: dass die entwickelten Länder weniger ­konsumieren und so die ärmeren den Raum bekommen, mehr zu konsumieren. Dass dort, wo intensive Landwirtschaft die Umwelt belastet, die Erträge dank schonender Landwirtschaft zurückgehen, während in ärmeren Ländern zum Beispiel durch geschickteren Einsatz von Düngemitteln die Erträge steigen. Aber ob das realistisch ist, ist eine andere Frage – die wir mit dieser Studie gar nicht beantworten wollten.

Was sollten wir ändern?

Die Ernährungsgewohnheiten beeinflussen das System am stärksten. Um es ins Gleichgewicht zu bringen, reicht es also nicht, mehr zu produzieren, wie viele behaupten. Beim Konsum anzusetzen wäre in der westlichen Welt viel wirkungsvoller.

Thomas Kastner

Thomas Kastner, geboren 1980, erforscht an der Universität Klagenfurt, wie Landnutzung, Handel und Ernährung global zusammenwirken.
Foto: PR

chrismon fragt junge ­Wissenschaftler, was sie antreibt und was sie in zehn Jahren wissen können.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Redaktion,

Mehr Wald ist auf alle Fälle gut, für unser Klima und für alle Bewohner dieses Planeten. Der Weltagrarbericht kommt zu dem Ergebnis, dass der ökologische Anbau, aufbauend auf traditionellen Anbaumethoden in tropischen Regionen höhere Ernteerträge bringt, wie der konventionelle Anbau. In diesen Regionen hat sich eine Mischkultur aus Bäumen, Sträuchern und Feldfrüchten bewährt. Die Bäume und Sträucher sorgen für Schatten und ein guten Kleinklima. Auch hier bei uns in Europa wird im Bioanbau mit dieser Anbaumethode experimentiert.

Wie Thomas Kastner ganz richtig erkannt hat bringt uns der einseitig auf eine Steigerung der Ernteerträge gerichtete Blickwinkel nicht weiter. Eine Veränderung unser Ernährungsweise (weniger Fleisch), gerechter Handel, bessere Lagerung und weniger Essen im Müll sind genau so wichtig. Ein Aspekt wird bei dieser Diskussion oft vernachlässigt: Das Wachstum der Weltbevölkerung kann durch geeignete Maßnahmen, wie Bildung und Wohlstand, gebremst werden.

Liebe Grüße, Paul Fiegert