Theresa ­Kachindamoto trennt Kinderehen in Malawi

"Töchter gehören in die Schule"

Foto: Anne Ackermann

In Malawi werden sehr viele Kinderehen geschlossen. Eine energische Frau ist dabei, das zu ändern

Es wird schnell dunkel, so nahe am Äquator. Die Dämmerung dauert nur wenige Minuten, dann senkt sich die Nacht über das kleine Dorf Mtakataka im Süden Malawis – in Stellas Haus gibt es kein elektrisches Licht, keinen Fernseher. Aber Träume, die gibt es. Das Mädchen stellt sich vor, wie sie in einem Haus aus Stein wohnt, mit einem Boden aus kühlem Zement, wo jeden Abend der Duft von gebratenem Fleisch durch die Räume zieht, das sie dann gemeinsam mit ihrem Mann verspeist. In dieser halben Stunde, kurz vor dem Einschlafen, spürt sie ihren Rücken nicht, der sonst vom Wassertragen schmerzt. Die Tabletten, die sie in großen roten Boxen auf dem Markt kauft, wirken schon lange nicht mehr.

Wenn Stella, 17 Jahre, vom Stamm der Ngoni, von diesen Träumen erzählt, dann sagt sie auch, dass sie Glück hat, trotz allem. Das Glück, nicht mehr verheiratet zu sein.

An diesem Morgen hat sich das Mädchen in aller Frühe, noch bevor ihre Geschwister erwachen und die Sonne das Dorf in ihr warmes Licht taucht, aus der Hütte geschlichen. Auf ihrem Kopf balanciert sie einen großen Bottich Wasser. 10 000 malawische Kwacha, zwölf Euro, bekommt sie von ihrem Nachbarn, wenn sie in den Schulferien wochenlang für ihn Wasser zwischen der Pumpe und seinem Feld hin und her schleppt. Es ist nicht leicht, dabei das Gleichgewicht zu halten.

Über das kleine Land im südlichen ­Afrika hört man in Europa wenig. Hier gibt es keinen blutigen Bürgerkrieg wie im Sudan und keine islamistischen Terroristen wie in Somalia oder Nigeria.

Dort, wo sich staubige, ockerfarbene Pisten abseits der wenigen großen Städte im Nirgendwo verlieren, wo man den starken Motor eines Land Rovers braucht, um die tiefen Krater und Steine zu überwinden, und einen kundigen Fahrer, um ohne Straßenschilder den Weg zu finden, werden so viele Kinderehen geschlossen wie nur in wenigen anderen Ländern der Welt. Fast jedes zweite Mädchen hat bei ihrer Hochzeit noch nicht das 18. Lebensjahr erreicht.

"Er sah schön aus, dunkel wie Holz, wenn es nass ist"

Später am Nachmittag sitzt Stella auf einer Bambusmatte vor der Hütte ihrer Eltern und erzählt die Geschichte, die als harmlose Teenagerschwärmerei begann – und wohl auch so geendet hätte, würde Stella in Eu­ropa aufwachsen. Am Horizont erhebt sich das Bergplateau der Kirk ­Range über den Lehmhütten, die sich in der Weite der Savanne verteilen – wie das Afrikaklischee aus dem Reiseprospekt.  

In den Jungen, 19 Jahre, hatte sie sich vor drei Jahren verliebt, wie sich 13-Jährige überall auf der Welt verlieben. Weil er gut Fußball spielte, oft lachte und seine Haut so schön war, etwas heller als ihre eigene, „wie Holz, wenn es nass wird“.

Die Autorin

Linda Tutmann, 1981 geboren, ist oft in Afrika unterwegs. Sie will auch unbedingt zurück – und dann an den berühmten Malawisee
Stella ist ein kräftiges Mädchen, mit feinen Sommersprossen auf der Nase und Haaren, die sie in kleinen Zöpfen eng an den Kopf geflochten hat. Sie besucht die zweite Klasse der Secondary School in Mtakataka. Ihr Lieblingsfach ist Englisch, die Sprache, so hofft sie, die sie irgendwann aus der Provinz in die großen Städte bringen wird.

„Ndimakukonda“, sagte er, „ich liebe dich“, als sie sich nach dem ersten Treffen verabschiedeten. Vier Monate später kam er mit einem offiziellen Brief zu ihren Eltern in die Hütte. Ich würde gern ihre Tochter heiraten, sagte er.

Geh, antworteten Stellas Eltern, wir werden es besprechen. Sie riefen ihre Verwandten zusammen. Stella ist jung, sagten einige, er kann sie ernähren, die anderen, wir haben noch nicht mal Geld für die Schuluniform, warf die Mutter ein, sie ist alt genug zum Heiraten, sagte der Vater.

Viele Mädchen werden sofort schwanger und brechen die Schule ab

In Deutschland ist das nur schwer nachzuvollziehen: Wie können Eltern ihre minderjährigen Kinder verheiraten?

In Malawi, schätzen Experten, wird sich die Anzahl dieser Ehen, bei denen mindestens ein Partner minderjährig ist, schon durch das Bevölkerungswachstum innerhalb der nächsten 20 Jahre ver­doppeln.

Auch in anderen afrikanischen Ländern, im Tschad, in Mali oder Mosambik, aber auch in Südasien werden die Zahlen steigen, wenn nicht ein Wunder passiert.

Kinderehen sind nicht nur ein moralisches Problem, sondern zunehmend auch ein ökonomisches. Viele Mädchen werden sofort schwanger und brechen die Schule ab. Ihr Potenzial, das auch einen Beitrag zur Entwicklung des Landes leis­ten könnte, wird verschenkt. Seit Jahren kämpfen Menschenrechtsorganisationen gegen diese Praxis. Wirklich erfolgreich sind ihre Bemühungen nicht. 

850 Kinderehen hat sie aufgelöst – eine Revolution in Malawi

An einem Augusttag thront Theresa ­Kachindamoto, ein paar Kilometer von Stellas Hütte entfernt, in ihrem Büro auf einem wuchtigen geschnitzten Holzstuhl und wartet auf ihre Besucher. Es ist fast zwölf Uhr, und in dem kleinen Raum steht die Luft. Sie ist eine imposante Frau, sie trägt ein buntes afrikanisches Gewand und auf dem Kopf einen Reifen aus Gepardenfell. Den hat sie heute Morgen bewusst aufgesetzt, auch wenn es eigentlich etwas zu warm dafür ist. Das Fell ist das Symbol ihrer Familie – und ihrer Herrschaft über 541 Dorfvorsteher in der Provinz Dedza. Stellas Glück hat viel mit Theresa Kachindamoto zu tun.

Mit einer energischen Handbewegung winkt die 58-Jährige jetzt die Männer ­herein. Sie tragen Jacketts und Krawatten, und an ihren Handgelenken blitzen goldene Uhren. Ehrfürchtig betreten sie den kleinen Raum. Schon vor Sonnenaufgang haben sie sich aus ihren Dörfern in der Provinz Zomba, 150 Kilometer und vier Fahrstunden von Dedza entfernt, aufgemacht. Im Halbkreis setzen sie sich auf die klapprigen Stühle vor dem mächtigen Schreibtisch.

Die Wände des Büros sind vollgehängt mit Fotos, Zeitungsausschnitten und ­Urkunden. Kachindamoto in Kampala, der Hauptstadt von Uganda, bei der UN-Frauenkonferenz im März 2013, Kachindamoto in Schottland bei einer Konferenz für die Ausbildung von Mädchen, Kachindamoto in Lusaka, der Hauptstadt von Sambia, im letzten Jahr bei der Konferenz zur Beendigung der Kinderehen im südlichen Afrika. Bei manchen hat sich das Papier verfärbt und der feine rötliche Staub, der durch die Tür und das kleine Fenster dringt, hat seine Spuren hinterlassen. Manche glänzen noch frisch, wie gerade erst hingehängt.

Die Bilder sind Zeugnisse eines Kampfes, der Theresa zur Berühmtheit gemacht hat, weit über die Grenzen Ded­zas hinaus. 850 Kinderehen hat sie in ihrer Amtszeit schon aufgelöst – eine Revolution in Malawi. Auf ihrem Schreibtisch, in einem Chaos aus Papier, Broschüren und Heftern, vibriert immer wieder ein Handy. Theresa Kachindamoto hat viel zu tun.

Dann trommelte sie alle wichtigen Bürgermeister zusammen

Sogar der Präsident von Malawi, Arthur Peter Mutharika, sucht mittlerweile ihren Rat: Wie machen Sie das bloß, fragte er, nachdem er sie letztes Jahr mit dem „Certificate of Appreciation Award“ des Staates Malawi ausgezeichnet hatte. Auch diese Urkunde hängt in einem Goldrahmen an der Wand.

„Ihr müsst streng mit eurem Volk sein“, sagt sie zu den Männern vor ihrem Schreibtisch. Alle sind sie Dorfvorsteher oder Provinzchefs, alle haben sie das ­gleiche Problem: Auch bei ihnen werden die Mädchen viel zu früh verheiratet. So wirklich wissen sie nicht, wie sie das ­ändern sollen.

Theresa Kachindamoto erzählt ihnen, wie sie zu Beginn ihrer Amtszeit im Jahr 2003 alle wichtigen Bürgermeister zu­sammentrommelte und ihnen verkün­dete, dass sie von nun an keine Kinderhochzeiten mehr dulden werde.

Wie sie erst eine quasi freiwillige Richtlinie einführte und dann, als das nicht ausreichte, eine offizielle Vereinbarung von allen Dorfvorstehern unterschreiben ließ. Als auch das nicht zum Erfolg führte, erließ sie ein „law of the chief“. Es ist die stärks­te Maßnahme, über die ein Senior Chief verfügt. „Aber glaubt nicht, dass ein Gesetz allein ausreicht“, sagt sie. Kinderehen bekämpft man nicht nur mit Paragrafen.

Vier Dorfvorsteher feuerte sie kurzerhand

„Was will diese Frau hier?“, hörte Kachindamoto oft, als sie nach 27 Jahren als Sekretärin aus der ehemaligen Hauptstadt Zomba in ihre Heimatprovinz zurückkehrte, um in die Fußstapfen ihres älteren Bruders zu treten, der diese Region jahrelang führte. „Diese Ehen sind Teil unserer Kultur.“ In Malawi und auch in vielen an­deren Ländern Afrikas hat bei der ländlichen Bevölkerung ein Mädchen das heirats­fähige Alter erreicht, wenn es seine Periode bekommt. Wer diese jahrhundertealte Tradition beenden will, braucht einen starken Willen, sagt Theresa, „und Mut“.

Malawi

Die Republik von Malawi, seit 1964 vom Vereinigten Königreich unabhängig, hat mehr als 17 Millionen Einwohner (2016). Nach Angaben der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung sind rund 40 Prozent der Bevölkerung des südostafrikanischen ­Landes jünger als 15 Jahre. Die Frauen ­bringen im Durchschnitt 4,4 Kinder zur Welt. Fast 60 Prozent der Frauen prak­tizieren Empfängnisverhütung. Im Juli 2014 unterzeichnete die Regierung das Dokument „End Child Marriage“ („Kinderehen abschaffen!“). Malawi zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Mehr als 80 Prozent der Einwohner sind Christen. Viele von ihnen gehören Freikirchen an.

Manchmal ist sie sich nicht sicher, ob die Dorfvorsteher und Provinzchefs, die regelmäßig zu ihr pilgern, diesen wirklich besitzen. „Männer“, sie zuckt die Achseln, als sie später bei sich im Wohnzimmer vor einem Teller mit roten Bohnen und knusprig gebratenen Hähnchenschenkeln sitzt. Zu Beginn gab es keine einzige Frau unter den 541 Dorfchefs, heute immerhin 31. Vier Dorfvorsteher, die ihr Kinderehen-Gesetz nicht umsetzten, feuerte sie kurzerhand. Kachindamoto, das heißt in ihrer Sprache: eine, die mit dem Feuer spielt. Sie ist keine ängstliche Frau.

„Die Menschen sind arm, sie können ihre Töchter nicht ernähren“, hatte vorhin einer der Männer vorsichtig zu bedenken gegeben. Kachindamoto seufzt, sie hat ­dieses Argument schon zu oft gehört.

Sie dachte, ihr Mann sei jetzt ihre Familie

Drei von vier Menschen leben in Ma­lawi von weniger als einem Dollar am Tag. Das Land zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Auch Stellas Eltern müssen sechs Kinder mit dem durchbringen, was sie in der Nähe ihrer Hütte auf einem kleinen Feld ernten. „Es war dennoch hart, sie gehen zu lassen“, sagt ihre Mutter, eine schlanke Frau mit feinen Gesichtszügen, die ein traditionelles Tuch um den Körper geschlungen hat. Um ihren Hals baumelt eine Kette mit einem Kreuz. „Ich dachte, sie wird es gut haben“, sagt sie mit leiser Stimme, „besser als bei uns.“ Stellas Eltern haben eine Bambusmatte auf den Boden geworfen, um nicht auf dem sandigen Grund zu sitzen. Die Hütte ist nicht groß, zwei Zimmer, in dem hinteren schlafen die Eltern hinter einem Vorhang und in dem vorderen lagern sie das wenige, was sie haben: ein paar Plastik­eimer, Blechtöpfe, einen Sack mit Reis. Am Abend rollen hier Stella und ­ihre Geschwis­ter ihre Bambusmatten zum Schlafen aus.

Stellas Vater lehnt mit dem Rücken an der Wand. Er ist ein drahtiger, schmaler Mann in einem fleckigen weißen Hemd, der nicht viel sagt an diesem Tag. Er hat die Hütte mit seinen eigenen Händen gebaut, aus feuchtem Lehm die Ziegel geformt und für das Dach die besten Äste des Baobab-Baums abgeschnitten. „Die Eltern des Jungen sind Ngoni, es sind gute Menschen“, sagt er und fixiert die Wand.

Nach der Hochzeit zog Stella zu ihrem Mann nach Lilongwe, 130 Kilometer von Mtakataka entfernt. Sie war das erste Mal in der Hauptstadt, staunte über die Straßen aus Asphalt und das Haus mit einem Lichtschalter. „Natürlich habe ich meine Eltern und meine Freunde vermisst, aber ich dachte: Mein Mann ist jetzt meine Familie.“

Er schlug sie, gab ihr kein Geld für Essen

Ein Jahr lang lief es ganz gut, sie wusch seine Wäsche, sie kochte für ihn, ihre ­Tochter wurde geboren. Ihr Ehemann ­arbeitete als Mechaniker bei einem Busunternehmen im Zentrum der Stadt. Dann fingen die Probleme an. Er ließ ihr kein Geld für Essen zurück, manchmal schlief er nicht zu Hause. In dem Dorf hätte sie Verwandte gehabt, die ihr helfen. „In der Stadt war ich allein“, sagt sie. Warum gibst du mir kein Geld für etwas zu essen?, fragte sie ihn, wo hast du geschlafen? „Ich ­dachte, in der Stadt bekomme ich jeden Tag Fleisch“, sagt sie. Sie wurde geschlagen. Ist das normal in einer Ehe? Fühlt sich so Liebe an? Sie wusste es nicht. Irgendwann packte sie ihre Sachen und band sich ihre Tochter auf den Rücken. Das Geld für den Überlandbus, der sie nach Dedza brachte, liehen ihr Nachbarn. Dann stand sie vor der Hütte ihrer Eltern.

Die Fotografin

Anne Ackermann, Jahrgang 1980, war erschüttert von Stellas Geschichte – und beeindruckt von einer echten „Chief“
„Eine Ehe holt einen in den seltensten Fällen aus der Armut“, Kachindamoto schüttelt energisch den Kopf. Es ist wohl der schwierigste Teil ihrer Arbeit, diesen tiefverwurzelten Glauben aus den Köpfen der Menschen herauszubekommen. Sie sitzt an diesem Morgen auf dem Rücksitz ihres Jeeps, der Wagen ruckelt über die sandigen Pisten. Bis in den Abend hinein hat sie gestern noch in Lilongwe mit dem deutschen Botschafter über Geld für eine Krankenstation in Dedza gesprochen. „Hoffentlich klappt es“, sagt sie. Auch das ist wichtig für den Erfolg ihrer Arbeit: Sie muss Menschen von ihrer Mission überzeugen: die Eltern davon, das wenige, was sie haben, für die Schule auszugeben, die Diplomaten aus New York oder Berlin, Geld für die Ausbildung der Mädchen zu spenden, die traditionellen Dorfchefs, sie zu unterstützen – und auch die Pastoren in den Kirchen, diese jungen Paare nicht mehr zu trauen.

Neben ihr im Auto sitzt eine Frau aus der „Safe Motherhood Group“, wie sich diese Frauen nennen. Eine korpulente Frau, die Turnschuhe unter ihrem traditionellen Gewand trägt und gerade sehr energisch den Fahrer durch die sandigen Straßen der Dörfer lotst. Gestern Abend hatte sie bei Kachindamoto angerufen und erzählt, dass bei ihr in der Nachbarschaft das Mädchen Agnes mit einem ­jungen Mann in einem Haus zusammenlebe. „Könntest du mit beiden sprechen?“, hatte sie gefragt.

Über 100 Frauen gehören zu diesem losen Verbund, der die jungen Mädchen und auch ihre Eltern im Blick behalten soll. Verhütung, Menstruation, das Anbahnen einer Ehe durch die Eltern – die Mädchen haben in dem tiefreligiösen Land keine Ansprechpartner für diese Themen. Dass Kachindamotos Mission gelingt, hat viel mit diesen Frauen zu tun. Sie besitzen das, was für viele internationale Hilfsorgani­sationen schwer zu gewinnen ist und eine große Rolle bei der Bekämpfung von Kinderehen spielt: das Vertrauen der Frauen auf dem Land.

"Die Akzeptanz dieser Ehen ist das Hauptproblem", sagt Theresa

Auch vor Stellas Elternhaus standen die Frauen der Muttergruppe, nachdem ­Theresa die Ehe annulliert hatte. „Eure Tochter wurde geschlagen, gebt ihr wieder ein Zuhause“, sagten sie. Es gehört zu den traurigen Fakten der frühen Heirat, dass Minderjährige häufiger häuslicher Gewalt ausgesetzt sind als volljährige Frauen. „Schickt sie wieder zur Schule“, ermahnten sie die Eltern. „Wenn sie ihren Abschluss macht, kann sie euch im Alter unter­stützen.“ Viermal suchten sie die Hütte auf. Stellas Mutter hat nie lesen und schreiben gelernt, ihr Vater nur ein paar Jahre eine Dorfschule besucht. Es war nicht leicht, sie zu überzeugen.

Theresa weiß, sie kann ein „law of the chief“ verabschieden, sie kann die Eltern finanziell unterstützen, sie kann die Schulleiter davon überzeugen, dass sie den ­Mädchen das Schulgeld erlassen. Aber ­einen ganz grundsätzlichen Wandel, den kann sie nicht erzwingen. „Die Akzeptanz dieser Ehen“, sagt sie, „ist das Hauptproblem. Sie geht tief.“

Kachindamoto trägt heute einen bunten Perlenreif, den ihr der König von Swasiland einmal bei einer Konferenz geschenkt hat: „Die Menschen sollen Respekt, aber keine Angst vor mir haben“, sagt sie. Hierarchie ist wichtig in Malawi. „Früher sind alle immer weggerannt, wenn ich mit meinem Wagen in ein Dorf eingefahren bin“, erzählt sie. ­Kachindamoto weiß, wie zweischneidig die Macht der traditionellen Senior Chiefs in Malawi ist. Sie können diesen Respekt nutzen, um ihre Ziele durchzusetzen: „Aber wie soll ich mit den jungen Frauen über ihre Zukunft oder über Verhütung sprechen, wenn sie vor Ehrfurcht er­starren?“

"Willst du meine Freundin werden“, rufen die Jungen in den Mädchenschlafraum

In dem kleinen staubigen Hinterhof winkt Kachindamoto Agnes und ihren Freund zu sich. Bei der Begrüßung fällt das Mädchen auf die Knie und greift nach Kachinda­motos Hand. Agnes trägt einen weißen Rock und ein eng anliegendes T-Shirt, der Junge ein Washington-State- Baseball-Shirt, zwei Teenager, die sich ab und zu verstohlen anlächeln. „Ab heute sollt ihr euch nur noch als Freunde in die Augen gucken. Das Mädchen soll weiter zur Schule gehen, der Junge auch.“ Das Paar guckt zu Boden, einem Senior Chief zu widersprechen, würde niemand in Malawi wagen.

Manchmal werde eine Kinderehe auch nicht direkt von den Eltern vereinbart, ­sondern einfach nur toleriert, sagt sie ­später im Auto. In Deutschland würde man in diesem Alter auf dem Schulhof Händchen halten oder am Wochenende bei seinem Freund übernachten. Wer in Malawi als Paar zusammen sein, wer Liebe und Sex haben möchte, der muss verheiratet sein, offiziell jedenfalls.

Eine 15-Jährige gehört in die Schule, sagt Theresa Kachindamoto, und nicht als Ehefrau an die Seite eines Mannes. In einer kleinen Seitenstraße in der Nähe der Secondary School deutet sie auf eine Ansammlung von Baracken. „Safe Boarding“ nennen sie das hier in Mtakataka. „Aber sicher ist das nicht.“ In den düsteren Verschlägen schlafen die Jungen und Mädchen, deren Weg zu weit ist, um nach Schulschluss am Nachmittag wieder zurück zu ihren Hütten zu laufen. Einen Bus oder andere öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht in Dedza.

„Willst du meine Freundin werden“, rufen die Jungen dann durch die Luke in den Schlafraum der Mädchen, Theresa zuckt die Schultern. „Und zack sind sie schwanger.“

Eine Band macht Musik gegen Zwangsehen

Kachindamoto hat die traurigen Geschichten schon oft gehört – von jungen Mädchen, 15 oder 16 Jahre, denen die große Liebe und eine Heirat versprochen werden und die dann mit Baby im Bauch in ihrer Lehmhütte sitzen und vergeblich auf den Vater des Kindes warten, der schon längst eine neue Freundin ein Dorf weiter hat. Die Zahl der Teenagerschwangerschaften in Malawi ist groß, und illegale Abtreibungen, bei denen die Mütter sterben, sind keine Seltenheit. Aber es gibt auch kleine Erfolge: Erst neulich ließ die Regierung das Phänomen der „hyenas“ offiziell verbieten. Die perfide Praxis, dass ältere ­Männer mit jungen Mädchen schlafen und sie so auf das Ehe- und Sexleben „vorbereiten“, war das Erste, was Kachindamoto mit aller Macht bekämpfte.

An einem Nachmittag im August haben sich die Einwohner von Mtakataka unter dem großen Baobab-Baum auf dem Platz vor Kachindamotos Haus versammelt. Sie haben blaue Plastikstühle in mehreren Reihen im Kreis hintereinander aufgestellt und einen Holzstuhl mit grünem Lederbezug für Kachindamoto im Schatten reserviert. Drei junge Männer rücken jetzt ihre hölzernen Instrumente in die Mitte des Platzes. Seit 2003 tourt die Band durch die Dörfer von Dedza. Ihre Lieder handeln davon, dass keiner zu früh zu einer Ehe gezwungen werden darf – und wie wichtig Bildung ist.

Auch Stella hat auf einem Stuhl an der Seite Platz genommen. Wenn sie Zeit hat, begleitet sie, die Band erzählt ihre Geschichte. Das war Kachindamotos Idee, Stella, meinte sie, könne ein Vorbild sein für andere Mädchen. Der Trommler fängt an zu schlagen. Theresas Kopf wippt im Takt und sie klatscht ihre Hände rhythmisch gegeneinander. Sie kennt jedes Lied auswendig.

Immer mehr Menschen strömen aus ­allen Himmelsrichtungen herbei und ­setzen sich in den Staub. Die Band verstummt, und Stella tritt mit erhobenem Kopf in die Mitte des Platzes. Mit fester Stimme sagt sie: „Ich heiße Stella, und ich war einmal verheiratet.“ Sie erzählt von ihrer Angst, wieder ins Dorf zurückzukehren. Wie schwierig es war am Anfang mit ­ihren ­Eltern und dem Kind. Wie froh sie ist, jetzt wieder zur Schule zu gehen, und dass sie hofft, dass ihre Tochter eine gute Zukunft hat. „Irgendwann“, sagt sie, „wird sich ­meine Tochter ihren Mann selber aus­suchen. Wenn sie alt genug ist.“

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Frau Otts,

vielleicht können Sie die "endgültige Ablage" um eine Sache erweitern:

Da bringen die Frauen in Malawi im Durchschnitt 4,4 Kinder zu Welt. Muß man sich da über die Kindersterblichkeit (nicht nur in Malawi) wundern?

Diese statistische Aussage ist für mich so unsinnig, wie die Feststellung 10,23 Prozent aller Deutschen machen dies oder jenes.

Befragt werden dabei ja nicht alle 80 oder 85 Millionen Deutsche, sondern nur eine repräsentative Auswahl und dann gerechnet.

 

Nun ja: Die Statistiker können Sie nicht ändern, aber was in Ihrer Schrift gedruckt wird, ist doch wohl zu bedenken, oder nicht?

 

Mit freundlichen Grüßen

 

M. Marschall

Herr Marschall äußert sich zu mathematischen Hochrechnungen. Er meint, man müsste, um richtige Aussagen zu treffen über die Zahl der durchschnittlichen Geburten, 85 Millionen Deutsche befragen. Wie er das machen will, kann er aber nicht erklären. Mathematische Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung sind aber  Wissenschaftszweige die beweisen, dass Hochrechnungen  in qualifizierter Form den tatsächlichen Wert fast punktgenau treffen können, Herr Marschall bezeichnet dies aber wörtlich als "unsinnig". Laien verstehen  in der Regel  unter  Mathematischer Statistik  lediglich den arithmetischen Mittelwert. In Hochschulvorlesungen  wird diese arithmetische Mittelwertermittlung in der ersten Viertelstunde der ersten Vorlesung gerade mal gestreift. Wieso werden z.B. an einem Wahltag 2 Minuten nach Schließung der Wahllokale Ergebnishochrechnungen der vielen Millionen Wähler präsentiert, die immer nur wenig von den tatsächlichen Werten abweichen, die viele Stunden später präsentiert werden ?

Übrigens der erste Witz in der Vorlesung "Mathematische Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung" : "Der Dorfteich ist im Durschnitt 1 m tief, und trotzdem ist die Kuh ertrunken". Mit anderen Worten: Nur wer Ahnung von dieser Form einer Werteermittlung hat, sollte sich auch dazu äußern.

Würde mich freuen, wenn ich eine Anrwort des Herrn Marschall bekäme.

Beste Grüße von Mario Lange, der das entsprechende Fach an der Uni mit Erfolg abschloss.