Reformation für Einsteiger: Hat der Mensch ­einen freien Willen?

Entschluss und Signal
 Hat der Mensch ­einen freien Willen?

Illustration: Andree Volkmann

Die Reformatoren ­hatten ihre Zweifel am freien Willen, aber sie hielten jeden für seine Taten verantwortlich

Seit 1984 scheint es klar zu sein: Der freie Wille ist eine Illusion. Bevor ein Mensch sich für etwas entscheidet, haben seine Nerven es schon für ihn getan. Das sagte der amerikanische Physio­loge Benjamin Libet nach einem Experiment mit Krankenhauspatienten, deren Schädeldecke für eine Operation geöffnet war. Sein Versuch: Die Patienten sollten zu einem selbst gewählten Zeitpunkt ihre Hand bewegen. Sie sollten sich merken, wann genau sie sich dazu entschlossen. Und Libet maß mit einem Gerät im Gehirn nach, wann der Entschluss dort fiel.

Dass Philipp Melanchton mehr war, als Luthers Buchhalter, und wo es in der Ehe auf den freien Willen ankommt, erzählt Pastor Henning Kiene im Gespräch mit Hans-Gerd Martens.
Das Ergebnis: Deutlich vor jedem bewussten Entschluss war ein Nervensignal messbar. Hirnforscher schließen daraus: Der bewusste Mensch denkt nur, dass er denkt. In Wirklichkeit interpretiert er, worauf sich sein Gehirn vorher festgelegt hat. Freiheit gibt es nicht, alles ist vorherbestimmt durch die Gesetze der Natur.
Ist das so? Über den freien Willen ­streiten die Philosophen seit jeher. Ohne freien Willen kann sich ein Mensch nicht zwischen Gut und Böse entscheiden, sagen die einen. Und dann ist er auch nicht für sein Tun verantwortlich. Kein Richter kann ihn verklagen, auch kein himmlischer Richter. Jeder Dieb kann sich herausreden: „Ich wollte nicht stehlen. Etwas in mir hat gestohlen, für das ich nichts kann.“

Menschen wissen zwar, was richtig ist, aber handeln nicht danach

Die Reformatoren im 16. Jahrhundert sahen das anders. Ihre Überlegungen fasste der Philosoph der Reformation, Philipp Melanchthon, in einem Lehrbuch zusammen. Es heißt „Loci communes“, auf Deutsch: „Grundbegriffe“. Schon im ers­ten Kapitel schreibt er über den freien Willen und die göttliche Vorhersehung. Menschen wissen zwar, was richtig ist: Mitbürger fair behandeln, Schwache unterstützen, Notleidenden ­helfen. Aber sie handeln nicht danach. Denn Macht- und Geldstreben in ihnen beherrschen sie, sie sind von Neid und Missgunst zerfressen. Jeder Mensch handele wie unter einem Zwang. „Mögen die Heuchler sich der Kraft des freien Willens rühmen, ein Christ wird zugeben, dass nichts we­niger in seiner Gewalt steht, als sein Herz.“

Für Melanchthon verläuft alles nach göttlicher Vorsehung. Vielleicht kann man seine Denkweise mit einer Spielplatzszene verdeutlichen. Die Mutter warnt das Kind: „Pass auf, dass du dich nicht verletzt!“ Das Kind hört nicht darauf. Es verletzt sich. Wie die Mutter auf dem Spielplatz, so sieht Gott die Verirrungen der Menschen voraus.

Trotzdem hielten die Reformatoren daran fest, dass Menschen für all ihr Tun verantwortlich sind. Martin Luther hatte ja zuvor gegen den Ablass der Papstkirche protestiert, weil er wollte, dass Menschen ihre Sünden beichten, dafür Buße tun – und sich nicht mit Ablassbriefen davon freizukaufen versuchen. Luther und Melanchthon dachten beides zusammen: dass der menschliche Wille starken Affekten unterliege, dass ein Mensch aber dennoch für alles Tun Rechenschaft schuldig sei.

Gleiches Experiment, neue Erkenntnisse

Die Debatte der Hirnforscher um den freien Willen reicht heute weiter als im ­16. Jahrhundert. Man streitet nicht nur, wie frei sich Menschen für das Gute entscheiden, sondern ob sie überhaupt bewusst einen Entschluss herbeiführen können.

Ein Freiburger Forscherteam hat Libets Experiment wiederholt. Es deutet das Ergebnis anders. Was Libet im Gehirn maß, war nicht der Entschluss selbst, sondern lediglich ein „Bereitschaftspotenzial“, das einen Entschluss wahrscheinlich macht. Einer der Versuchspersonen im Freiburger Experiment, einem Meditationsmeister, gelang es, die Messgeräte auszutricksen. Er konnte das Nervensignal in seinem Kopf identifizieren und die im Experiment geforderte Handbewegung dann machen, wenn das Gehirnsig­nal nicht messbar war.

Womit das Rätsel wieder offen wäre: Woher kommt die Entschlusskraft des Menschen, wenn nicht aus den Nerven­zellen? Die Skepsis der Reformatoren, ob ein Mensch seine Willensfreiheit auch zum Guten seiner Mitmenschen nutzt, bleibt aber weiter aktuell. Man könnte ­diese Skepsis so zusammenfassen: Ein Christ (also jemand, der besonders gut sein möchte) ist kein besserer Mensch als ein Nichtchrist. Und das sollte er wissen. 

Information

Vor bald 500 Jahren machten sich ­Reformatoren in ganz Europa daran, die Gesellschaft zu modernisieren. Sie ordneten das Sozialwesen neu, förderten das Ehrenamt, gründeten Schulen, schrieben Lehr­bücher. Sie ordneten die Befugnisse von weltlicher Macht und Pfarrern in den Gemeinden und in den Fürsten­tümern. Viele ihrer Entscheidungen wirken sich bis heute aus.

Welche Überlegungen leiteten ­sie ­dabei? Um deutlich zu machen, in welche Richtung die Reformation ­gehen sollte, stellte 1521 der Philosoph und Lehrer der Reformation, Philipp Melanchthon, die reformatorische Theologie in einem Lehrbuch zu­sammen. Es heißt „Loci communes“, auf Deutsch: „Grundbegriffe“, ein übersichtliches und allgemeinverständliches Buch, das er bis zu seinem Tod 1560 überarbeitete und ergänzte. Darin ­erklärt er für Pfarrer und theologisch Interessierte Grundgedanken wie Vorher­bestimmung, Gottesliebe, ­Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, Sünde, Gnade, das ­Ärgernis des ­Glaubens. 

In einer 14-teiligen Serie „Reformation für Einsteiger“ beantworten die ­chrismon-Redakteure Eduard Kopp und Burkhard Weitz Glaubensfragen von heute. Die Themen der Serie ­folgen dabei den Kapiteln von Melanch­thons Buch, das verblüffend aktuelle Probleme aufwirft.

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Oder wie kommen evangelische Theologen, die für eine offizielle Institution der Reformationsbewegungen schreiben, auf solch hanebüchenen Beschreibungen des gesellschftlichen Umbruchs im 16. Jahrhundert wie im grauen Kästlein? "Die Gesellschaft" konnten sie nicht "modernisieren", denn beides gab es ja nicht - die Moderne kam später, die Gesellschaft als Vorstellung auch nicht (obendrein ist sie ein geschlossenes System ohne Adresse nach Apostel Luhmann). Es ging ihnen um den Glauben, an Jesus und eine neuen Instanz der Richtschnur dafür: die Heilige Schrift. Sie wissen schon, Soli und so. Alles andere war ein dynamischer nicht-intendierter Prozess. Und ab 1525 schon war sie eine "obrigkeitsgelenkte Reformation", da die Fürsten sie als Emanzipation vom Kaiser instrumentalisierten. Ah...und das "Ehrenamt" hat Gerhard Schröder erfunden anno "Reformation des Sozialstaates". Damit seine Bürger qua Steuererhöhung mit anderen Mitteln nicht mehr so viel aus dem Staatssäckel kriegen sollten. Bei Luther war es das "Priestertum aller Gläubigen", und wenn wir das endlich umsetzen wird auch die Evangelische Kirche keine Obrigkeitgelenkte sein.

Herr Burkhard Weitz schreibt: "Die Skepsis der Reformatoren, ob ein Mensch seine Willensfreiheit auch zum Guten seiner Mitmenschen nutzt, bleibt aber weiter aktuell."
Das ist ebenso zutreffend wie bedauerlich. Nicht erst seit der Reformation ist es bis heute unverbrüchliche Sitte, an den eigenen Willen und den der lieben Zeitgenossen den Maßstab anzulegen, ob er moralisch sauber ist oder schon wieder mal ordentlich gepatzt hat. So kann die Frage unterbleiben oder ins zweite Glied verwiesen werden, warum die schnöden Willensinhalte größerer Bevölkerungsschichten regelmäßig auf der Strecke bleiben, wogegen sich der Wille mancher Kreise prächtiger Erfolge sicher sein darf. Solche Fragen könnten sich Einsteiger in die Wirklichkeit leisten.

Thea Schmid

Nicht so eilig, liebe Frau Schmid! Das mit den schnöden und den erfolgreichen Willensinhalten kommt schon noch! Sie wissen doch sicher genau so gut wie ich, dass nach dem Willen und der Sünde erst das Gesetz nebst seiner Aufhebung behandelt werden wollen. Dazu sind das rechte Verständnis von Evangelium, Gnade und Glaube unerlässlich. Erst dann kann in die Zielgerade eingebogen werden zur Liebe und Obrigkeit. Es sollte mich nicht wundern, wenn das püntlich zu den Höhepunkten der Reformationsfeierlichkeiten der Fall sein sollte.
Als Protestant befleißige ich mich des allgemeinen Priestertums. Dazu gehört auch ein bisschen prophetische Gabe. Die hat bekanntlich weniger mit Kaffeesatzleserei zu tun als damit, den lieben Mitmenschen gehörig den Kopf zu waschen, auch im Hinblick auf die Zukunft. Deshalb erlaube ich mir vorherzusagen, dass die noch folgenden Artikel in der Serie "Reformation für Einsteiger" deutlich machen werden, warum es Erfolg und Misserfolg gibt. Konstruktives Mitmachen und Gestalten heißt die Devise. Dabei selbstverständlich nicht die Armen, Kranken, Einsamen und was beim Gestalten eben so anfällt vergessen, sondern denen ganz viel Liebe zukommen lassen!
Zu diesem Ergebnis kann man nur gelangen, wenn vorher die genannten Bausteine ordentlich behandelt worden sind. Sie werden es lesen können.
Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Keine Sorge, lieber Herr Mair! Ich drängle nicht. Ich fasse mich in Geduld und sehe mit Interesse dem begonnenen 14-Teiler entgegen, in dem auf Glaubensfragen von heute Anworten gegeben werden. Was ist denn bitte eine Glaubensfrage? Ist diese soeben von mir gestellte Frage selber eine Glaubensfrage? Im vorliegenden Artikel kann ich weder eine Glaubensfrage, noch eine Antwort darauf entdecken. Die Frage "Woher kommt die Entschlusskraft des Menschen, wenn nicht aus den Nervenzellen?" ist überhaupt keine Frage, sondern eine unzutreffende Behauptung. Es wird nämlich behauptet, es müsse eine Entschlusskraft geben. Wieso denn das? Als ich mich entschlossen habe, auf Ihren Beitrag zu antworten, hatte ich meine guten oder schlechten Gründe dafür. Das dazu passende neuronale Signalfeuerwerk in meiner grauen Masse hat sicher auch stattgefunden. Von der Notwendigkeit einer Entschlusskraft ist mir allerdings nichts untergekommen.
Und sollte ich mich irren, wieso soll dann die moralische Bewertung von Christen und Nichtchristen durch ein torloses Null zu Null ausgerechnet eine Antwort auf diese fragliche Frage sein? Vielleicht war das aber bereits die nächste Glaubensfrage...
Thea Schmid

Was Glaubensfragen sind, kann ich Ihnen gerne erläutern, liebe Frau Schmid. Das sind all die Streitfragen, die zwischen Gläubigen unterschiedlicher Stömungen, Konfessionen und Religionen Furore machen. Bekennende Pietisten wie auch Hauptströmungsgläubige sind sich einig, dass die Menschen wissen, was sie tun sollen, aber trotzdem laufend daneben langen. Deshalb müssen sie sich rechtfertigen. Und wie das korrekt abzulaufen hat, da gibt es eben Unterschiede. Die Rechtfertigung aus dem Glauben ist ein probates Mittel. Was das zu bedeuten hat, ist wieder umstritten. Gute Werke sollen auch nicht ganz unter den Tisch fallen, aber bloß nicht am falschen Platz die falsche Rolle spielen. Ablass und Ablasshandel sind fein säuberlich zu unterscheiden. Wobei der Ablasshandel bei rechtem Licht besehen gar kein Handel war, sondern einen sauberen, glaubensvollen Kern hatte. Ihnen stehen die Haare zu Berge, liebe Frau Schmid? Da kann ich nun allerdings auch nicht helfen. Wer keine Notwendigkeit sieht, sich zu rechtfertigen, wird die segensreiche Fülle solcher Debatten nie erfassen.
Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Die "segensreiche Fülle solcher Debatten" liegt allerdings nicht in der zeitgemäßen Ausmalung der altbekannten Unterschiede. Viel interessanter scheint mir darauf zu achten, in wie viel sich die eifrigen Kontrahenten einig sind. Wie man einen gnädigen Gott kriegt, da gibt es tausend Wegweiser in alle Richtungen der Windrose. Vor lauter hochinteressanter Vielfalt geht die schnöde frappierende Gemeinsamkeit unter, nämlich überhaupt einen gnädigen Gott oder eine funktionierende Rechtfertigung haben zu wollen. Ob es sich bei diesem wohl aus tiefem Herzen der Normalbürger kommenden Anliegen nicht vielleicht um einen gefährlichen Schnitt ins eigene Fleisch handelt, scheint mir doch erörtenswert.
Gleiches gilt für die auch jenseits der Gläubigen geführte Debatte um die Willensfreiheit. Es soll also von brennendem Interesse sein, ob der menschliche Wille frei ist oder wir alle nur Zombies sind und nur nicht genau wissen, wer oder was uns fernsteuert. Die täglichen Beschränkungen, dem eigenen Willen zum Erfolg zu verhelfen - das eine ist zu teuer, das andere ist vom Gesetz nicht erlaubt, das dritte ist politisch nicht durchsetzber und das vierte ist moralisch verpönt - werden jedoch als Selbstverständlichkeiten vorausgesetzt und hingenommen. Das gibt mir zu denken. Nach allen Regeln der theologischen oder philosophischen Weltdeutung versichert zu bekommen, man wäre ganz großartig frei, aber bereits an der nächsten Supermarktkasse die engen Grenzen dieser Freiheit aufgezeigt zu bekommen, versetzt mich auch nicht in wohliges Hochgefühl.
Thea Schmid

Super auf den Punkt gebracht. Was nur beweist, dass aber auch jede Freiheit relativ ist, was aber nun wiederum alle absolut "Freiheitlichen" partout nicht wahr haben wollen. Denn selbst die Natur, unsere Geburt, unsere Erziehung und unser kulturelles Umfeld, dem wir nicht "frei" entweichen können, zwingen uns in ein Korsett des fremdgesteuerten Willens. Wer sich total frei wähnt und sich so verhält, ist in der Gesellschaft isoliert. Ausgenommen die Einsiedler und ehedem Robinson Crusoe. Aber so frei wollen alle im Krankheitsfall und allein auf der Insel dann auch wieder nicht sein. Die Diskussion ist müßig und total überflüssig. Wer drüber begeistert ist, dass er "frei" entscheiden konnte, der soll das auch so geniessen. Alles andere ist pure Spiegelfechterei.

Gott hat Ihnen Ihren freien Willen sicher nicht dazu gegeben, dass Sie an der nächsten Supermarktkasse in wohliges Hochgefühl ausbrechen. Sie sollen Verantwortung übernehmen! Wollen Sie mit mir wetten, dass diese Ermahnung zu den Höhepunkten des angekündigten Vierzehnteilers zählen wird?
Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Wetten geht nicht, da ich ja genau wie Sie erwarte, dass die Übernahme von Verantwortung den Einsteigern in die Reformation nahelegt werden dürfte. An der Supermarktkasse betätigt der Kunde seinen freien Willen und übernimmt Verantwortung, in dem er nichts an der Kassiererin vorbeizuschmuggeln versucht. Die Firma und der Staat unterstützen diese saubere Betätigung des freien Willens durch aufmerksame Detektive und die gerechte, grundsolide Verurteilung erwischter Ladendiebe.
Die falsche Betätigung des freien Willens ist Sünde. Die dürfte bald Thema einer der folgenden Beiträge in der Serie sein. Ich schlage deshalb vor, unsere Diskussion hier zu unterbrechen und fortzusetzen, wenn wir Näheres zur Sünde gelesen haben. Und nicht vergessen, falls Sie wieder, lieber Herr Mair, in der Warteschlange an der Kasse stehen, um das Müsli zu bezahlen: Für die Kassiererin wie auch Sie gilt: "Denn Macht- und Geldstreben in ihnen beherrschen sie, sie sind von Neid und Missgunst zerfressen."
Thea Schmid

Der Bann trifft ! Zitat von Fr. Schmid: "Für die Kassiererin wie auch Sie gilt: "Denn Macht- und Geldstreben in ihnen beherrschen sie, sie sind von Neid und Missgunst zerfressen".
XXXXX Frau Schmid Sie haben vergessen, die Christliche Kirche als die älteste "Kassiererin" zu erwähnen.

Die christliche Kirche ist keineswegs die erste mit Transzendenz befasste Organisation, die sich manch diesseitigen Reichtum zuzulegen wusste. Zugegeben, die katholische Kirche und später die diversen Abtrünnigen, haben durchaus beeindruckende Effizienz auf diesem Gebiet bewiesen. Aber verstecken müssen sich die mit Gott oder den Göttern Befassten im alten Ägypten, in Mesopotamien, soweit man es weiß, oder in Griechenland auch nicht. Da würde es sich lohnen, darüber nachzudenken, warum das regelmäßig so war und ist.
Thea Schmid

Nun ja, die Erklärung dürfte nicht so schwierig sein. Ob mit oder ohne Transzendenz beseelt, es sind alles von Menschen geschaffene Ordnungen. Da kann der gute Wille noch so gut in den Zielen verankert sein, die Ermahnungen noch so häufig wiederholt werden, um bei Zuwiderhandlung mit der Drohung des Liebesentzugs (Verweigerung des Paradieses) bestraft zu werden, es ist ein ewiger Kampf zwischen den guten und den schlechten Seiten der menschlichen Veranlagungen. Den Sieg über diesen Zwiespalt hat sich zwar das Christentum vorbehaltlos (mit zwischenzeitlichen Verirrungen) verschrieben, deshalb ist sie auch die einzig wahre Religion mit (begrenzten) Erfolgsaussichten, aber dieser Kampf kann eben immer nur Stückwerk bleiben. Denn selbst der Frömmste kann nicht in Frieden leben, wenn es den Anderen nicht gefällt, oder er gar noch was zu vererben hat. Und noch prekärer wird es, wenn man die Schöpfungsgeschichte wörtlich nimmt. Wurden wir nach der Lehre nicht von Gott auch mit unseren schlechten Eigenschaften geschaffen? Sind dann auch diese Eigenschaften "göttlich" und deshalb zu akzeptieren? Sei wie es sei, alles ist bipolar, wir werden das Rätsel nicht lösen können. Aber eins ist sicher, die guten Eigenschaften verheißen Frieden und ist nicht nur der Friede "göttlich"?

Sich die Welt gedanklich zurechtzulegen als ewigen Kampf zwischen Gut und Böse ist sehr verbreitet und hoch angesehen. Damit kann man nicht nur laufend Leserkommentare bestreiten. Man kann es damit locker zum Professor, Reformator und Religionsstifter bringen. Dumm nur, dass damit überhaupt nichts erklärt ist. Alles, was in der kleinen und großen Welt passiert und einem zusagt, bekommt dann eben die Deutung verpasst, hier habe das Gute erfreulicherweise mal wieder den Sieg davongetragen. Bei den Widerwärtigkeiten wird hingegen kennerhaft angemerkt, hier habe eben das Böse die Nase vorne gehabt. Das ist das glatte Gegenteil von Erklärung.
Entsprechend fällt die Weltinterpretation aus. Vor einigen Jahrzehnten verkörperte der Führer der Bewegung und sein treues Volk das Gute. Der Rest der Welt, insbesondere die Juden, bildeten das Böse. Als dann das Gute ganz programmwidrig durch den verlorenen Weltkrieg den Bach runtergegangen war, ließ das die Zeitgenossen keineswegs irre daran werden, sich die Weltläufte mit Gut und Böse zu erklären. Ganz im Gegenteil, daran wurde auch weiterhin eisern festgehalten. Nur musste eben das Gute und das Böse anders besetzt werden. Das Gute war jetzt der freie Westen und das Böse der kommunistische Osten. Die 68-er als fünfte Kolonne Moskaus waren wesentlicher Bestandteil des Bösen.
Nachdem das Böse in der Gestalt Moskaus abgedankt hatte, musste wiederum jemand anderes die Rolle übernehmen. Das Gute konnte bleiben. Das ist weiterhin der Westen mit seiner christlichen Leitreligion. Das Böse bilden jetzt die Moslems.
Wer meint, von Gut und Böse sei heute doch gar nicht so viel die Rede, ist meistens nur auf einem Sprachregelungstrick hereingefallen. Die Guten heißen auf modern nicht die Guten, sondern die Verantwortungsvollen. Die Bösen sind die, die keine Verantwortung übernehmen wollen. So, als würde der Mensch in der Frühe aufwachen und sich fragen, ob er heute mehr Bock darauf hat, Verantwortung zu übernehmen oder doch lieber verantwortungslos den Tag zu verbringen. Die Rede von Gut und Böse, also von Gott und Teufel oder von den guten und schlechten Veranlagungen der Menschen, ist nicht nur keine Erklärung von irgendwas, sondern die aktive Behinderung von Erklärungen. Die würden davon handeln, dass Menschen Interessen haben, die Gesellschaft festlegt, wie die Interessen verfolgt werden dürfen und wie nicht und damit festzurrt, welche Sorte von Interessen schönen Erfolg hat und welche regelmäßig untergebuttert wird.
Gestern war Michaelstag. Da hat das Gute in Form des Erzengels Michael es dem Bösen in Form des Drachens tüchtig gegeben mit einem Lanzenstich. Für Trachtenumzüge und Opern ein dankbarer Stoff. Für das Verstehen der Welt ein tödlicher Irrtum.
Thea Schmid

Da haben sich also Zwei gefunden. Wie schön... Der Beginn einer wundervollen Freundschaft ?
Man/ frau braucht Freunde um glücklich zu sein im Leben, heißt es. Glückwunsch ! Licht inmitten der Dunkelheit der depressiven politischen Zeiten.

Ein Weltengruß an meine evangelischen Geschwister

Dass der Glaube Berge versetzen kann, weiß jeder anständige Mensch. Dass sogar diese Erkenntnis noch gesteigert werden kann, erfahren wir aus dem vorliegenden Artikel. "...einem Meditationsmeister, gelang es, die Messgeräte auszutricksen." Sehr beachtlich! Also, liebe Messgeräte, ich weiß ja nicht, ob ihr einen freien Willen habt oder nicht. Hütet euch aber auf jeden Fall vor den Meditationsmeistern! Die können euch austricksen. Da könnt ihr noch so undialektisch meinen, ihr würdet schlichtweg gemäß den Naturgesetzen eure Zeiger stellen und sonstige Anzeigen betätigen. Da täuscht ihr euch gewaltig!
Hans Schlicht

Die Studie aus Freiburg heißt: ‘Catching the Waves’ - Slow Cortical Potentials as Moderator of Voluntary Action. Die englische Zusammenfassung kann hier eingesehen werden:
((Link gelöscht, Anm. der Redaktion) )
Wer die ganze Studie lesen will, muss 35,95 $ berappen oder Beziehungen haben. Damit sich niemand unnötig in Unkosten stürzt: Nirgendwo kommen ausgetrickste Messgeräte vor. Wer meditationserfahren ist, kann besser als der Normalmensch sogenannte innere Vorgänge wahrnehmen, beschreiben und auf sie reagieren. Dies als "Messgeräte austricksen" zu bezeichnen, ist der Versuch, den Leser auszutricksen. Zu welchem Zweck wohl?
Traugott Schweiger

Lieber Herr Weitz,

Ihre zusammengefasste Skepsis in Ehren: einen Christen zu definieren als jemanden, der besonders gut sein möchte, ist etwa so als würde man den Pharisäer aus dem Gleichnis als den dreizehnten Apostel bezeichnen. Sie meinten wohl eher: ein Christ ist ein Mensch, der seine Rechtfertigung gerade eben nicht aus seinem Gut-Sein-Wollen bezieht.  „So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen“. Paulus und Luther wussten das.

Walter Kärcher, Tutzing

Sehr geehrter Herr Kärcher,

vollständig lautet meine Aussage: „Ein Christ (also jemand, der besonders gut sein möchte) ist kein besserer Mensch als ein Nichtchrist. Und das sollte er wissen.“ Damit ist gesagt, dass ein Christ seine Rechtfertigung nicht aus seinem Gut-Sein-Wollen beziehen kann – und zwar auf eine allgemein verständliche Weise. Wenn Sie aber das Gut-Sein-Wollen von vornherein aufgeben, dann geben Sie die Dialektik von Gesetz und Evangelium preis. Und dann brauchen Sie auch nichts von dem, was Paulus und Luther zum Thema zu sagen haben.

Mit freundlichen Grüßen,

Burkhard Weitz.

Lieber Herr Weitz,

vielen Dank für Ihre schnelle Antwort. Zunächst sollte ich erklären, wie es zu meinem Leserbrief kam. Ich habe meinem Sohn (knapp 17) Ihren Artikel zum Lesen empfohlen (ohne ihn selbst gelesen zu haben), weil er gerade mit diesem Thema umgeht. Er hat mir per Leuchtstift Ihre letzte Passage (die ganze!) aufs Brot geschmiert. Als Mathematiker (Thema Definition) und als gelernter Pietist (Thema Römerbrief und Luther) mußte ich einfach reagieren.

Jetzt nochmal im Klartext: ein Christ ist nicht definiert als ein Mensch, der besonders gut sein möchte. Eine solche Definition würde bei mir als Lektor nicht mal am Freitagnachmittag durchgehen. Daß ein Christ sich nicht als „besserer Mensch“ fühlen und preisen soll als ein Nichtchrist, da sind wir uns schnell einig. Aber das ist kein Ergebnis der Hirnforschung, sondern das kann man aus dem Evangelium erschließen (Pharisäer und Zöllner!). Das ist aber eine andere Ebene, und auf die hupft man nicht einfach mit einem flapsigen Spruch über das Gutmenschentum. Wenn Sie mit Ihrem Schlußplädoyer wirklich sagen wollten, daß ein Christ seine Rechtfertigung nicht aus seinem Gut-Sein-Wollen beziehen kann: warum haben Sie das nicht einfach so gesagt? Ich spreche Ihrer Original-Formulierung die Allgemeinverständlichkeit ab. Und wieso glauben Sie aus meinen Worten erschließen zu können, daß ich selbst das Gut-Sein-Wollen von vornherein aufgebe?

Der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist tot, so steht es im Jakobusbrief. Die Werke sollen die fröhliche Konsequenz aus dem Glauben an die Er-Lösung (den Freikauf vom Gesetz der Sünde) durch Jesus sein. Das ist Reformation für Einsteiger und Fortgeschrittene, und es bleibt eine Herausforderung, eine „Torheit“, „ein Zeichen, dem widersprochen wird“.

Ob der Mensch einen freien Willen hat, weiß ich nicht. Niemand weiß das, nicht mal Luther, und nicht mal die Hirnforscher. Im Hebräerbrief steht „Das ist das Testament, das ich ihnen machen will nach diesen Tagen, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben, und in ihren Sinn will ich es schreiben“. Ich weiß wieso ich Mathe studiert habe: es ist leichter als Theologie. Ich glaube nicht, daß ich (oder sonst jemand) durch Aufzählen von Bibelsprüchen das Rätsel unserer Existenz lösen kann, so möchte ich nicht mißverstanden werden. Aber durch Hirnforschung noch viel weniger. Ob wir uns da - in dieser Ratlosigkeit – am ehesten treffen?

Mit freundlichen Grüßen

Walter Kärcher

„Martin Luther hatte ja zuvor gegen den Ablass der Papstkirche protestiert“ – so wird der Leser in der Serie „Reformation für Einsteiger“ belehrt. Indes: dieser Satz ist nachweislich falsch, denn Luthers Protest richtete sich nicht gegen den Ablass, sondern zu Recht gegen den Ablasshandel. Selbst ausgewiesenen Kennern der Reformationsgeschichte ist Luthers These 71 kaum geläufig: „Wer gegen die Wahrheit der apostolischen Ablässe redet, der soll gebannt und verflucht sein.“

Man kann überdies nicht davon ausgehen, dass Luther und Melanchthon („dachten beides zusammen“) in der Frage der Willensfreiheit des Menschen vor Gott deckungsgleiche Überzeugungen vertraten. Im epochalen Streit mit dem Humanisten Erasmus (De libero arbitrio, 1524) verglich der sprachgewaltige Reformator (De servo arbitrio, 1525) den menschlichen Willen mit einem Lasttier: „Wenn Gott dieses menschliche Lasttier reitet, will es wie Gott will und geht hin, wo er will. Wird der Mensch vom Teufel geritten, geht er hin, wo der Teufel will. Der Mensch hat nicht die Freiheit, seinen Reiter zu wählen.“

Jakob Knab, Studiendirektor a.D., Kaufbeuren

Sehr geehrter Herr Knab,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung.

Sie haben völlig Recht: Luthers Thesen richten sich nicht gegen „die Wahrheit des apostolischen Ablasses“, wohl aber – und so steht es korrekt in meinem Text – gegen den Ablass der Papstkirche, welche auch noch theologisch begründete, warum sie mit ihm Handel treiben könne.

Auch Ihr Zitat aus „De servo arbitrio“ ist korrekt. Gleichzeitig dachte Luther auch, dass der Einzelne voll und ganz für sein Tun verantwortlich ist und im Jüngsten Gericht dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Ebenso wie Luther dachte auch Melanchthon „beides“ (nämlich den geknechteten Willen und die volle Verantwortung des Einzelnen für sein Tun) zusammen – so steht es korrekt in meinem Text. Damit ist nicht gesagt, dass beide deckungsgleiche Überzeugungen vertraten.

Mit freundlichen Grüßen,

Burkhard Weitz.

Ob der Mensch einen freien Willen hat, ist eine Frage der Anthropologie. In der heute vorherrschenden Ideologie wird der Mensch in erster Linie als Arbeitskraft und Kostenfaktor gesehen. Wissenschaftlich ist er Evolutionsprodukt und eine Art komplizierte Maschine auf der Basis von biochemischen Abläufen. Da ist es nur folgerichtig, ihm den freien Willen abzusprechen. In einer anspruchsvollen Anthropologie, wo der Mensch als geistiges Wesen gesehen wird, gehört der freie Wille notwendig dazu.

Friedhelm Buchenhorst, Grafing