Der Islamische Staat im Irak

Hässliche Wahrheiten
Ninive-Ebene

Foto: Philipp Breu

Der sogenannte Islamische Staat gibt sich als wiedererstandenes Kalifat aus. Dabei verdankt er seine Existenz den Intrigen von Geheimdiensten und Diktatoren. Trotzdem lassen sich Tausende islamistischer Jugendlicher aus dem Westen dafür begeistern. Eine Nahostexpertin erklärt, warum
Verbindungen der Al Kaida reichen von den Taliban in Pakistan bis zu den Dschiha­disten in Mali. Ein islamisches Kalifat wird in Syrien und dem Irak aus­gerufen, in Libyen und Nordnigeria. Terror im Namen des Islam bewirkt die größte Flüchtlings­katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg, berichtet ­Amnesty Inter­national.

Aus der Ferne betrachtet scheint es, als kämpften im Irak und im Nachbarland Syrien radikale gegen weniger radikale Muslime – als sei die ganze Region in einen Religionskrieg verwickelt. In Deutschland fürchtet mancher, die Flüchtlinge, die zu uns kommen, könnten den Krieg mitbringen.

Doch der Eindruck täuscht. Die aller­meis­ten Iraker und Syrer sind säkulare oder gemäßigte Muslime. Streit um die Religion liegt ihnen fern. Der Krieg im Irak und in Syrien beruht weniger auf altem Religionsstreit als auf den zynischen Strategien von Diktatoren und früheren Geheimdienstlern. Wer das verstehen will, muss in die jüngere irakisch-syrische Geschichte schauen.

Sie beginnt mit zwei Diktatoren der ­säkularen Baath-Partei. Bis zur US-Invasion 2003 herrschte im Irak Saddam Hussein; in Syrien herrscht noch immer Baschar al-Assad – zumindest über einen Rumpfstaat.

Saddam Hussein hatte seine Machtbasis im sunnitischen Norden des Irak. Mit seinem Sturz verloren die Sunniten, darunter viele Armee- und Geheimdienstoffiziere des alten Regimes, ihre Privilegien, die sie bis dahin im Irak genossen hatten. Schiitische Parteien übernahmen die Macht, der Irak zerfiel, es kam zum Bürgerkrieg.

Bis heute gab es kaum Kämpfe zwischen IS und Assads Truppen

Die USA drohten damals, auch den syrischen Diktator Assad, einen Verbündeten des schiitischen Iran, zu stürzen. Um das abzuwenden, verwickelte Assad die USA in einen zermürbenden Bürgerkrieg im Irak. Er holte brutale Dschihadisten aus seinen Gefängnissen und schickte sie über die Grenze. Zusammen mit Saddams frü­heren Geheimdienstoffizieren gründeten sie im Irak die Bewegung „Islamischer Staat“ (IS). Zunächst eine Splittergruppe,  breitete sie sich 2014 vom Irak nach Syrien aus, wo die friedliche Revolution gegen Assad von 2011 zum Bürgerkrieg eskaliert war.

Die Opposition gegen Assad in Syrien war anfangs säkular. Doch Assad diffamierte sie von Anfang an als religiöse Fanatiker und schleuste radikale Dschihadisten auch in ihre Reihen. Diese Dschihadisten bekamen von anderer Seite Unterstützung – aus den Golfstaaten, die Assad stürzen wollen. Sie sind die Basis des IS in Syrien.

Bis heute gab es kaum Kämpfe zwischen IS und Assads Truppen. Der IS bekämpft ausschließlich die oppositionelle Freie Syrische Armee, Kurden und religiöse Minderheiten wie Christen und Jesiden.

"Die Mädchen glauben den westlichen Medien nicht"

chrismon: Etwa 4000 Jugendliche aus dem Westen haben sich dem sogenannten IS angeschlossen. Warum?

Younis Nussaibah

Younis Nussaibah, 29, ist Britin. Sie arbeitet als Senior Fellow ­Resident, also als Wissenschaftlerin, für den Atlantic Council – ein Institut in Washington DC, das unter anderem das US-Außenministerium (State Departement) berät. Younis Nussai­bahs Mutter stammt aus Pakistan, ihr Vater aus Bagdad, Irak. Sie bezeichnet sich selbst nicht mehr als Muslimin.

Younis Nussaibah: Die Gründe sind bei jedem anders: Arbeitslosigkeit, psychische Probleme oder auch andere soziale oder ­familiäre Herausforderungen. Aber sie fühlen sich auch von etwas angezogen. Der IS ist in den Medien sehr präsent. Viele junge Muslime halten dies für einen Beweis dafür, dass die große islamische Zivilisa­tion nun wiederkehrt. Manche glauben, das Ende der Zeit und die Wiederkunft eines Messias stünden bevor, wie seit alters angekündigt. Sie wollen dabei sein.

Die Internetzeitschrift des IS, „Dabiq“, zeichnet ein romantisches Bild vom neuen Goldenen Zeitalter des Islam.

Der IS setzt die Symbole, die an die Zeit des Propheten Mohammed erinnern, sehr geschickt ein. Er propagiert eine wahrhaftige Islamische Gemeinschaft, dergleichen man seit über 1000 Jahren nicht gesehen habe. Das verfängt bei denen, die sich für alte Texte des Islam interessieren, sie aber nicht historisch einordnen können.

Jeder weiß, dass Frauen im IS versklavt, vergewaltigt und drastischen Strafen ausgesetzt werden. Trotzdem haben sich mehr als 550 Frauen und Mädchen aus dem Westen angeschlossen. Warum?

Sie glauben den Berichten nicht. Sie glauben, westliche Medien seien ihrem Wesen nach antiislamisch. Und wenn selbst die IS-Internetzeitschrift „Dabiq“ in länglichen Artikeln die Sklaverei rechtfertigt, weil es sie auch in der Frühzeit des Islam gegeben habe, halten sie sie eben für gerechtfertigt. Sie glauben, dass sie als Musliminnen ohnehin nicht betroffen seien. Sklaverei sei nur für Nichtmuslime vorgesehen.

Wie können Massenmord, Folter, Sklaverei für jemanden attraktiv sein?

Natürlich finden die Jugendlichen Massenmord, Folter und Sklaverei nicht gut. Aber sie unterdrücken ihr Gefühl, weil sie glauben, sie seien in einer Gesellschaft groß geworden, die sie gegen den Islam indoktriniert hat. Sie nehmen die neue Ideologie als Ganzes an. Die Ideologie beantwortet zunächst nur Fragen nach dem Sinn ihres Lebens. Dann werden sie ermutigt, ihr eigenes Urteil zurückzustellen. Angebliche Gelehrte, die einen extremistischen Islam vertreten, bringen ihnen bei, Gott habe einen perfekten Plan, wie Menschen leben sollen, und der Prophet Mohammed habe ihn mit seinem Leben verkörpert. Und Mohammed lebte in einer Welt mit Sklaven und sehr harten Strafen. Der IS leitet seine Lehren sehr wörtlich aus alten islamischen Texten ab und reißt sie aus ihrem historischen Zusammenhang heraus.

Auf Sie als Jugendliche übte Anwar al-­Awlaki einen starken Einfluss aus. Er wurde später Propagandist von al-Qaida. Die USA töteten ihn in einem Drohnenangriff. Was beeindruckte Sie an al-Awlaki?

Anwar al-Awlaki stand genau zwischen Mainstream und radikalem Islam. Er lehrte in gemäßigten Kreisen in Großbritannien und den USA und vertrieb seine Vorträge auf CDs am Rande von Islamkonferenzen. Er sprach eindrucksvoll über das Leben des Propheten Mohammed und der anderen Propheten. Man hielt ihn nicht für radikal, weil er ja nicht über die Gegenwart sprach.

"Exoffiziere von Saddam Hussein haben den IS so stark gemacht"

Das wird aber zum Problem, wenn man diese Texte als Blaupause für die ­Lebensführung heute und für die ideale Gesellschaftsform nimmt. Man hört immer wieder, Mohammed sei ein vollkommener Mensch. Und dann erfährt man, der Prophet Mohammed habe Ungläubige besiegt und sie vor die Wahl gestellt, Mus­lime zu werden oder eine Sondersteuer zu zahlen. Das wird auf heute übertragen, als müsse ein Muslim heute exakt das­selbe tun. Wer einen Teil der Lehre ablehnt, stellt den Glauben als Ganzes infrage.

Auch Sie faszinierte die Übertragung von Vergangenem auf die Gegenwart.

Ja. Aber das ist kein Mainstream-Islam, das ist Evangelikalismus. Die große Mehrheit der Muslime weltweit, auch in der westlichen Welt, befasst sich nicht mit ­diesen intellektuellen Fragen. Sie praktizieren ihren Islam so, wie ihre Eltern und ihre Familie es sie gelehrt haben. Das führt sie niemals auf diesen Abweg.

Viele al-Qaida Anhänger haben sich vom IS abgewandt. Warum?

Burkhard Weitz ist chrismon-Redakteur und verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.      
Lena Uphoff
Al-Qaida hat aus früheren Rückschlägen gelernt, dass manche Aktionen extrem abstoßend auf andere Muslime wirken, zum Beispiel wenn muslimische Zivilisten bei Attentaten sterben. Al-Qaida will die globalpolitischen Verhältnisse radikal umwälzen und braucht dafür die Unterstützung der Muslime. Der IS ist eine sehr junge, eine sehr messianische Organisation, gegründet von al-Qaida-Abtrünnigen. Er glaubt, dass sich jetzt die Dinge er­füllen, die der Koran prophezeit. Das macht sehr ungeduldig. Der große Erfolg des IS verstärkt diese Überzeugung. Der IS behauptet, er habe das Kalifat wiedererrichtet, das ist eine sehr mächtige Vision. Al-Qaida hat dagegen nichts, was junge Leute anspricht.

Einige Tatsachen widersprechen der ­Ideologie des IS: Er gibt sich als Schutzmacht der Sunniten aus, bislang fielen ihm aber überwiegend Sunniten zum Opfer.

Genau das bringt ja al-Qaida so gegen den IS auf. Aber junge Rekruten glauben den Berichten nicht. Und wenn sie einmal als Dschihadisten an diesen Gräueln teilnehmen müssen, werden sie desillusioniert. Das ist eine der großen tragischen Folgen dieser Gehirnwäsche: Wenn es zu spät ist, wollen viele wieder weg. Aber sie finden keinen Ausweg. Viele sind bereits als Deserteure erschossen worden.

Tatsache ist auch: Unter den Gründern des IS finden sich frühere Geheimdienstagenten von Saddam Hussein.

Das Wissen und die strategischen Fähigkeiten früherer Offiziere von Saddam Husseins Baath-Partei hat den IS überhaupt erst zu einer effektiven Organisation gemacht. Deshalb dominiert der IS auf dem Schlachtfeld und kann einen Staat ver­walten. Die Baath-Partei war einmal eine säkulare Partei.

"Fast alle sind die Verlierer, die wenigsten profitieren vom Krieg"

In den 1990ern, nach Iraks Niederlage in Kuwait und während der wirtschaftlich harten Sanktionen, änderte sich das. Saddam Hussein verlor an Glaubwürdigkeit, und um dem entgegenzutreten, rief er eine Islamisierungskampagne aus. Parteiangehörige wurden belohnt, wenn sie den Koran auswendig lernten, die Moschee besuchten oder religiöse Regeln befolgten. Man kann also der Baath-Ideologie anhängen und religiös sein.

Sind Saddams frühere Geheimdienst­offiziere also nicht bloß Zyniker, die die Religion für ihre Zwecke nutzen?

Sie sind beides. Sie repräsentieren heute einen Sunni-Nationalismus. Die Sunnis lehnten den Irak nach der amerikanischen Invasion 2003 ab, weil er von Schiiten dominiert war. Nun fordern sie Gemeinden nur für Sunnis. Von dort ist es kein großer Sprung zur extrem antischiitischen Doktrin des IS, der die ganze Welt nur für ­Sunnis haben will.

Woher kommt der antischiitische Hass?

Er war schon 2003 da. Sunniten boy­kottierten nach der US-Invasion die ersten Wahlen im Irak. Sie wollten mit der demokratisch gewählten Regierung nichts zu tun haben, sie hielten sie für ein Produkt der US-Besatzer. In den Folgejahren gelang es, die Sunniten zwar einzubinden. Man brachte sie dazu, sich gegen die Extremisten zu stellen, die jeden in die Luft jagen wollten, den sie für einen US-Kollaborateur hielten.

Und bei den Gemeindewahlen 2009, aber auch bei der Parlamentswahl 2010 wählten die Sunniten mit, stellten eigene Kandidaten und beteiligten sich an einem Parteienbündnis. Sie gewannen ­diese Wahl – und trotzdem verweigerte man ihnen die Möglichkeit, eine Regierung zu bilden. Dank einer iranischen Intervention blieb der schiitische Premierminister Nuri al-Maliki an der Macht.

Der Iran mischte sich ein?

Ja. Er brachte die schiitischen Fraktionen zusammen, auch diejenigen, die Premierminister Nuri al-Maliki erst wegen seiner schlechten Politik abgewählt hatten. Al-Maliki blieb, und viele Iraker werteten das als Niederlage der Demokratie: Wozu wählen und sich engagieren, wenn sich dann doch nichts ändert? Von da an begann al-Maliki mit seiner Kampagne gegen angebliche baathistische Verschwörer und Terroristen. Sicherheitskräfte stürmten sunnitische Dörfer und Stadtteile und verhafteten junge Männer ohne jeden  Beweis, ohne Zeugen zu fragen. Ehemänner und Söhne wurden inhaftiert und kamen nur gegen Lösegeld frei. Niemand verhinderte den Machtmissbrauch.

"Sunniten haben den IS geschaffen, aber auch am stärksten unter ihm gelitten"

Al-Maliki wollte nur eines: Nie wieder sollte eine sunnitische Partei gegen ihn eine Wahl gewinnen. Er handelte kurzsichtig und bemerkte nicht, wie er die Einheit des irakischen Staates zerstörte. Als er schließlich zwei sunnitische Minister, die ausgehalten hatten, entließ und sie als Terroristen verfolgte, kam eine riesige sunnitische Protestbewegung auf. Man protestierte gegen die Willkür und für Arbeitsplätze in sunnitischen Gegenden – ohne Erfolg. Schließlich wandten sich viele junge Sunniten wieder den Extremisten zu, die dann den IS gründeten.

Konnte der IS die Lage der irakischen Sunniten verbessern?

Nein. Irakische Sunniten haben den IS geschaffen, aber irakische Sunniten haben auch am stärksten unter ihm gelitten. Millionen haben ihre Häuser verloren. Ein sehr kleiner Teil der Sunniten hat vom IS profitiert.

Haben die Schiiten von al-Malikis Politik profitiert?

Nein, niemand hat davon profitiert. Seine Strategie war, Hass zwischen den Religionen zu fördern, damit er mehr Unterstützung von Schiiten bekommt. Und damit er von seinen politischen Versäumnissen ablenkt. Die Wirtschaft liegt danieder, es fehlt an Investitionen, auch in den schi­itischen Provinzen. Die irakischen Minis­terien waren so korrupt, dass sie keine Reformen in die Wege leiten konnten. Alles liegt am Boden: Elektrizität, Abwasser, Müllabfuhr. Noch im Februar 2011 kam es zu großen gemeinsamen Protesten von Sunniten und Schiiten in Bagdad.

Kommen wir zur Rolle Syriens: Trug auch der syrische Präsident Baschar al-Assad zum Entstehen des IS bei?

Wann immer es politisch vorteilhaft erschien, hat die Assad-Regierung extrem gewaltbereite syrische Dschihadisten für eigene Interessen eingesetzt, zum Beispiel nach der US-Invasion im Irak. US-Präsident George W. Bush hatte den Eindruck erweckt, Syrien und Iran seien die nächsten Länder auf seiner Liste. Bush tat sich selbst keinen Gefallen. Die Syrer fühlten sich bedroht und setzten ihre Dschihadisten für den Bürgerkrieg im Irak ein, in dem auch viele US-Soldaten ums Leben kamen.

Hat Assads Geheimdienst die al-Nusra-Front gegründet, die später zu großen Teilen zum IS überlief?

Die Verwicklungen von Assads Geheimdienst mit al-Nusra-Front, IS und anderen Extremisten lassen sich kaum nachvoll­ziehen. Sicher ist, dass das Regime sehr von den Extremisten profitiert hat. Von Beginn an wollte Assad die gemäßigte bürgerliche Revolution als Werk von Extremisten und Terroristen diffamieren. Heute ist Assad in der Position, dass der Westen entweder ihn besiegt und damit dem IS das Feld räumt – was für den Westen nicht infrage kommt; oder der Westen verhandelt mit Assad. Da ist er in einer sehr starken Position.

Aber der IS wird sich gegen ihn wenden.

Das ist richtig. Aber die langfristige Strate­gie war äußerst erfolgreich. Der Westen wird niemals ganz Syrien in die Hand des IS fallen lassen. Das Assad-Regime wird auch nicht ganz Syrien zurückbekommen. Die Frage ist also: Welche Position wird Assad am Verhandlungstisch haben? Derzeit hat er viele Möglichkeiten, sein Gebiet im Westen Syriens zu halten – und vielleicht sogar auszubauen.

"Die Türkei hat sich verrechnet"

Auch die Türkei hat den IS unterstützt, nun hat sie ihn als Feind.

Die Türkei hat sich verrechnet. Sie glaubte, den IS als Gegengewicht zu Assads Armee unter Kontrolle halten zu können, sie hat die Nachschublinien für den IS offen gehalten. Nun bedrohen starke IS-Netzwerke die innere Sicherheit des Landes. Trotzdem hält die türkische Regierung weiterhin die kurdische Opposition für ihr Hauptproblem. Ein autonomes Kurdengebiet an ihrer Südgrenze ist für sie ein Schreckensszenario. Von dort könnten kurdische Militante Unterstützung bekommen.

Welche Rolle nimmt Saudi-Arabien gegenüber dem IS ein?

Saudi-Arabien sorgt sich sehr wegen der Extremisten daheim. Doch aus irgendeinem Grund begreift man dort nicht wirklich, dass die Bedrohungen daheim etwas mit dem eigenen Extremismus-Export zu tun haben. Das sunnitische Saudi-Arabien fürchtet, dass Iran seinen Einfluss auf die Schiiten im Irak, im Libanon und in Syrien und damit seinen Einfluss in der Region ausbaut. Saudi-Arabien und Iran konkurrieren ja auch woanders um Einfluss, etwa im Jemen und in Mali.

Man fördert Schulen, stiftet Stipendien und religiöse Institutionen. Und die Saudis sind entschlossen, Assad mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu Fall zu bringen. Aus US-amerikanischer Perspektive gesteht Saudi-Arabien den extremen Dschihadisten in diesem Konflikt zu viel zu.

Unterstützt Saudi-Arabien insgeheim auch den IS?

Ich glaube nicht. In Saudi-Arabien sieht man den IS eher als Bedrohung an. Dort hat es ja auch schon schlimme Anschläge auf schiitische Moscheen gegeben, inspiriert durch den IS. Saudi-Arabien hat auch keinen Einfluss auf den IS, es kann ihn daher auch nicht wirklich für seine Zwecke einspannen.

Welche Interessen verfolgt der Iran?

Er will die schiitische Dominanz im Irak erhalten. Und es ist ihm gelungen, sein Image im Irak aufzupolieren. Nach Beginn der IS-Krise stand der Iran dem Irak als erstes Land bei. Natürlich will der Iran den IS vernichten oder zumindest auf rein sunnitische Gegenden beschränken, von wo aus er iranische Nachschubwege durch den schiitischen Irak nach Syrien und in den Libanon nicht stören kann.

Verhalten sich die schiitischen Milizen im Irak wirklich besser als die IS-Kämpfer?

Jeder nur für sich

Christen, Jesiden und Kurden im zerfallenen Restirak - unser Fotojournalist hat sich für die Oktoberausgabe 2015 von chrismon plus vor Ort ein Bild gemacht

Schwer zu sagen. Die schiitischen Milizen sind aber auch sehr gewalttätig. Sie ver­üben grausame Rachemorde, binden zum Beispiel Verdächtige an Laster und schleifen sie um die Stadt, bis sie sterben. Nun hat aber der IS extrem viel Gewalt über die Schiiten gebracht. Und er verbreitet sehr brutale Gewaltbilder, das ist Teil seiner Strategie. Besonders brutal war die Massenexekution von bis zu 1700 schiitischen Soldaten am Camp Speicher nahe Tikrit Mitte Juni 2014. Sie wurde gefilmt und im Internet veröffent­licht.

In Anbetracht dessen muss man sagen: ­Schiitische Milizen konnten sich bislang mehr zurückhalten, als es die Beobachter erwartet hatten. Außerdem achten die irakische Regierung, die US-Regierung und andere Koalitionspartner sehr darauf, dass die schiitischen Milizen nicht bloß wie blutrünstige Racheengel auftreten.

Die USA bilden Sunniten militärisch aus, die später den IS zurückdrängen sollen. Ist das die richtige Strategie?

Ja, absolut! Schiitische Milizen und kurdische Peschmerga könnten Sunni Ge­biete vielleicht zurückerobern, doch halten können sie sie nicht. Letztlich sind sie aber auch nicht besonders motiviert, den IS in rein sunnitischen Gegenden zu besiegen, in Ramadi zum Beispiel, das ist strategisch nicht sehr wichtig. Auch versucht der IS sehr hartnäckig, verlorenes Terrain wiederzubekommen, etwa in Baidschi. Sunni­ten müssen diese Kämpfe anführen und zurückeroberte Gebiete kontrollieren.

Sind die Menschen im IS von der Religionspolizei genervt und wenden sich ab?

Ja. Mit der Religionspolizei haben der IS und die Extremisten vor ihm die Iraker immer wieder gegen sich aufgebracht. Dennoch ist der IS für die Leute berechenbar, auch wenn seine Regeln extrem sind und oft ziemlich lächerlich: nicht rauchen, sich altmodisch kleiden, den Laden nicht zur Gebetszeit öffnen.

"Wenn wir den IS stoppen wollen, müssen legitime Regierungen her"

Ohne Grund kommt man nicht ins Gefängnis. Das empfinden viele Sunniten als Verbesserung gegenüber der Zeit, als schiitische Sicherheitskräfte jeden Bürger ohne Anlass von der Straße wegverhaften konnten. Der IS verfolgt sogar Beamte, die die Gesetze missachten und Menschen willkürlich einbuchten.

Wovon lebt der IS wirtschaftlich?

Sunnis, die in den öffentlichen Verwaltungen arbeiten, beziehen ihre Gehälter noch immer aus Bagdad. Und der IS besteuert sie. Insofern gelangt Geld des irakischen Staates in die Hände des IS. Ansonsten wird alles Mögliche geschmuggelt, und der IS beteiligt sich am Schwarzmarkt mit Antiquitäten und Öl. In Mossul konnten IS-Aktivisten jeden Monat elf Millionen US-Dollar Schutzgeld von den Be­wohnern eintreiben – bevor die Stadt an den IS fiel. Und jetzt haben sie  die Kontrolle über die Stadt!

Nach den Attacken vom 11. September 2001 glaubten viele Islamismus-Experten, der militante Dschihad habe seinen Höhepunkt erreicht. Doch jetzt haben wir den IS. Was kommt als Nächstes?

Mich beunruhigt, dass die IS-Ableger in Ägypten, Libyen, Algerien, in der ganzen arabischen Welt zunehmen. In der arabischen Welt ist viel in Bewegung, und vielen Regierungen fehlt es aus Sicht der Bevölkerungen an Legitimität. Deshalb können die IS-Ableger so erstarken.

Was würde helfen, den IS aufzuhalten?

Legitime Regierungen, die sich um die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung kümmern. Der IS war immer da erfolgreich, wo Machtvakuen entstanden, wo ganze Regionen aus dem Machtbereich einer Regierung wegbrachen, weil man die Regierung für bedrohlicher hielt als den IS.

Das Problem sind Regierungen, die nicht durch faire Wahlen legitimiert sind, die nicht repräsentativ sind, die nicht auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen und die keine Arbeitsplätze und keine wirtschaftliche Stabilität schaffen. Wir können verhindern, dass Jugendliche in der arabischen Welt, aber auch bei uns im Wes­ten sich vom IS verführen lassen, wenn die Menschen in der Region mehr Rechtssicherheit bekommen.

Information

Serie: Weltweiter Dschihad

Verbindungen der Al Kaida reichen von den Taliban in Pakistan bis zu den Dschiha­disten in Mali. Ein islamisches Kalifat wird in Syrien und dem Irak aus­gerufen, in Libyen und Nordnigeria. Terror im Namen des Islam bewirkt die größte Flüchtlings­katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg, berichtet ­Amnesty Inter­national.

Wir fragen:

Was treibt militante Islamisten an?
Was macht sie so attraktiv?
Warum erscheinen sie so mächtig? 

Mit dem Interview über den "Islamischen Staat" endet die Serie. Alle Beiträge auf chrismon.de/islamistischer-terror

 

Leseempfehlung

Der libysche Journalist Salah Zater erklärt den Bürgerkrieg in seinem Heimatland
Mali: Militante Islamisten bedrohen die Einheit des Landes. Was treibt die frommen Krieger an?
Wie mächtig sind die Taliban wirklich? Können sie die Atommacht Pakistan stürzen? Fragen an Zia Ur Rehman
Was bewegt die Gruppe Boko Haram zu ihren schrecklichen Taten? Ein Interview mit Nigeria-Kenner Jeremy Weate
31388
31232
31165
31076

Neue Lesermeinung schreiben

Lesermeinungen

Vielen Dank für dieses tolle Interview - klare Fragen und lehrreiche Antworten. Neben dem Humor ist eben Bildung, Aufklärung und Lebenserfahrung die beste Waffen, wenn es um Freiheit und Frieden geht!

Mit freundlichen Grüßen

Johannes Seemann