Klaus Kocks über Selfies

Luthers Selfie
Fotomontage. Martin Luther fotografiert sich mit einem Smartphone.

Illustration: Wieslaw Smetek

Das Handy gezückt und – klick – ein Foto! Klaus Kocks sichtet einen Götzendienst am eigenen Bild. Und findet ihn nicht besonders schlimm

Klaus Kocks

Klaus Kocks, 62, Sozialwissenschaftler und PR-Berater, ist für seine meinungsfreudigen Auftritte im Fernsehen und für seine Blogs bekannt. Er lehrt PR an der FH in Osnabrück.
Die Gassen an den Rändern der großen Plätze Roms sind voller Straßenhändler, die wohlfeile Dinge für Touristen bieten. Waren das bisher Handtaschen, die berühmte Marken imitieren, oder Sonnenbrillen, die das Imponieren erleichtern, so ist ein neuer Gegenstand hinzugekommen. Man erwirbt ein seltsames Gestänge, das den Arm verlängert. An dessen Ende steckt das iPhone, mit dem man nun, ins eigene Telefon lachend, ein Selbstporträt anfertigen kann, im Internetjargon Selfie genannt.

Nun würde auch ein kurzes Ärmchen reichen, um das Konterfei abzulichten. Was aber ist im Hintergrund mit dem Petersdom? Freilich muss er auch drauf, dazu bedarf es der Verlängerung. Man verewigt sich und die Welt aus ein Meter fünfzig Abstand. Der neue Ritus gilt nicht nur für sakrale Architektur, sondern für alle Sehenswürdigkeiten der Welt, vor denen sich die Lebensfrohen lebensfroh sehen lassen wollen. Das Selfie ist keine Kunst der stillen Besinnung; es will um die Welt, es ist Eigen-PR. Bei Facebook werden diese Fotos gepostet, man lädt sogleich zu Kommentaren ein und erhofft sich von jedermann ein „Gefällt mir“. Gefallsucht im World Wide Web. Nie wurde der Vatikan öfter fotografiert als heute.

Geht es um das Heilige des Ortes? Den Jesuiten als Papst, der sich so gut auf PR versteht? Was verewigt das Selfie von der Ewigen Stadt? Die ganz und gar nicht ewigen und schon gar nicht heiligen Momente des Besuchs, Reisebilder. Der Katholizismus des Vatikans ist nicht frei von Extrovertiertem, der Papst zeigt sich im Ha­bit einer jubelnden Menge. Trotz dieses inszenatorischen Gewichts ist der Heilige Stuhl für diese Gläubigen nichts als Szenerie, Hintergrund, Kulisse für die Selfie-Freunde. Das Reisebild ist ein Bild des Reisenden, nicht der Reise. Und es dient nicht einem Humboldt’schen Interesse an fernen Ländern und seltenen Sitten.

Bildverbot? Luther schwankte

Das Selfie ist Selbstliebe. Es zeigt in unverhohlenem Narzissmus breites Lachen als Gruß an die Heimat: „Ich bin hier, ihr seid es nicht.“ Und was schreiben die Bildersüchtigen so dazu? „Am liebsten wäre mir ein Selfie mit dem Papst. Nun habe ich eine Nonne aus Afrika, auch nicht schlecht!“ Der Stellvertreter Christi selbst mag bei Selfies zurückhaltend sein, andere Promis stellen sich bereitwillig dem Ritual. Kein Filmschauspieler kann einen Wochenmarkt überqueren, ohne zwei-, dreimal zusammen mit einem I-Phone-Besitzer vor die Optik gedrängt zu werden. Und schon geht es um die Welt an alle Freunde; so nennt man die anderen Nutzer der virtuellen Realitäten.

Der Selfie-Kult ist eitel bis an die Grenze der Schamlosigkeit und auch darüber hinaus. Sich selbst vor etwas Seltenem in extrovertierter Wonne zeigen zu wollen, unterliegt zudem einem Wiederholungszwang. Da alle Internetaffinen wissen, dass das Netz nichts vergisst und nichts wirklich zu löschen ist, handelt es sich trotz der spontanen Geburt des Gedankens um eine Verewigung. Eigentlich sollten die Plattformen oder die Cloud private Erlebnisse privat aufbewahren, doch die Fotografen entblößen sich paradoxerweise immer weiter auf einem Marktplatz, der immer offen für jedermann bleibt. Schutz des Persönlichen und Privaten? Das Gegenteil ist der Fall: Tabus fallen, Privatheiten verschwinden. Man kann nicht umhin, von einer Zeigefreude zu reden, von anderen Exhibitionismus genannt. Der Befund ist klar: Manischer Exhibitionismus deutet auf ein Phänomen sexueller Verirrung. Wenn dies zu einer Epidemie wird, muss man eigentlich den Arzt rufen. Oder einen Bilderstürmer.

Nicht Sigmund Freud, der Psychoanalytiker, nein, der Reformator Johannes Calvin ist der Vater der sexuellen Interpretationen des Bilderzwangs. Das ganze Mittelalter rauf und runter hat man gestritten, ob man Gottes Sohn bildlich darstellen dürfe. Das Schweißtuch der Heiligen Veronika diente dabei als Alibi eines authentischen Jesusbildes, als „vera icon“, wahres Bild. Oft wurden gewaltige Summen als Ablass in die Stiftung solcher Bilder ge­geben, Summen, die Martin Luther lieber in der Armenspeisung gesehen hätte. Luther war bezüglich des Bildverbots schwankend; ihn störte der Ablasshandel mehr als das Bild. Sola scriptura, nur das Wort, war sein Motto, denn „das Wort sie sollen lassen stahn“! Und ob das Wort des Evangeliums in Buchstaben oder Zeichnungen daherkam, da mochte man unentschieden sein.

Der Reformator Calvin will den Abwägungskonflikt schneidig lösen. Er geht auf die Zehn Gebote zurück, die den Götzendienst untersagen und die bildliche Darstellung Gottes. Als Götzendienst versteht er fleischliche Fantasien und sexuelle Begierde. Diesen Sünden ordnet er die Gegenständlichkeit der Bilder zu. Wer sich heute manche Mariendarstellung ansieht, weiß, was den drögen Calvinisten erzürnte. Einer solchen Körperlichkeit habe sich Jesus durch die Himmelfahrt entzogen.

Von diesem Bildverbot ist uns noch der zerstörerische Sturm, der viele Gotteshäuser in der Reformationszeit entleerte und evangelische Kargheit zurückließ, in Erinnerung. So als im Ulmer Münster am sogenannten Götzentag im Sommer 1531 beide Kirchenorgeln und insgesamt 60 bilderreiche Altäre herausgerissen oder in umliegende Dorfkirchen gebracht wurden. Aber heute? Ist überhaupt noch etwas übrig geblieben von der Bilderkritik der Reformation? Hat sie sich überlebt? Feiert der Mensch, der sich seiner menschlichen Gestalt erfreut, dadurch nicht auch seinen Schöpfer? Hier könnte man die Gottesähnlichkeit des Menschen anführen, die dem Kirchenvater Augustinus so wichtig war. Dann wären all diese Selbstporträts nicht eitel, sondern eine Verehrung der Gottesähnlichkeit – letztlich ein frommes Glaubensbekenntnis. Calvin, der Radikale, wirft das Argument des Augustinus um. Seit dem Sündenfall im Paradies sei der Mensch nicht mehr Ebenbild Gottes. Folglich ist die Selbstverherrlichung in all diesen Selfies nichts als Götzendienst.

Gesicht zeigen

Bei allem Charme der protestantischen Radikalität, man kann das Gefühl haben, dass damit die Kirche nicht mehr im Dorfe ist. Eine Königstugend des Christentums ist, das erkennt auch der Agnostiker an, die Demut. Aber der radikale Kulturkampf gegen alle Bilder lässt jedes Maß vermissen und ­stattet den Rechtgläubigen mit einem Furor, einer Angriffslust aus, die uns zu Recht als unchristlich erscheinen.

Die Geste des Jesus von Nazareth ist ­ die, die sich von den talmudischen Schriftgelehrten ab- und den Menschen zuwendet. Gemessen daran ist der Bildersturm der alten Kirche und der Reformation bei allem Respekt für die Konzentration auf das Wesentliche eine kulturelle Barbarei. So viel Rigorosität bei der Zerstörung der Bilderwelt kommt ­heute eigentlich nur noch bei islamistischen Fundamentalisten vor, die zugleich die sozialen Medien mit neuen Bildern füttern, zum Beispiel von ihren Kriegsgräueln im Irak oder in Syrien. Dieser Islam gehört, wenn er nicht davon ablässt, nicht in die moderne Welt, so wenig wie die christliche Inquisition.

Das Internet ermöglicht Menschen, virtuell zu schaffen, was die Dorflinde des Mittelalters war: einen Gesprächskreis. Die Blogosphäre schafft nicht Vereinzelung, sondern hebt sie auf. Wer nicht wirklich eine gehörige Zeit auf Facebook mit seinen  „Freunden“ zugebracht hat, dem entgeht einiges. Das müssen nicht immer die großen politischen Fragen sein. Man schwätzt, man plaudert, man gibt an, man neckt einander. Man zeigt, wo man war und wie es war. Gerade erst war ich mit meinem 94-jährigen Vater in einem alten Lieblingsrestaurant essen und habe ein Selfie gepostet. Ein älterer Herr mit einem noch älteren Herrn. Und es schreibt eine Dame seines Alters, die der Autor aus seinem Studium kennt, aber danach vierzig Jahre nicht mehr gesehen hat, er, der Autor, habe seine großen Ohren von seinem Vater geerbt. Das ist wahrlich Geschwätz. Aber dem Leben zugewandt.

Gesicht zeigen: ein alter Grundsatz, gerade für Christen. Ich will nicht so weit gehen zu sagen: Selfies fallen sogar unter das Missionsgebot. Es muss ja wohl einen guten Grund dafür geben, dass sich Martin Luther auf dem Altargemälde der Stadtkirche in Wittenberg selbst abbilden ließ. Ein „Selfie“ aus besten Reformationszeiten.

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Lesermeinungen

Sie schreiben: "Der Reformator Calvin will den Abwägungskonflikt schneidig lösen." Kingt gut - ist aber leider falsch, wenn man bedenkt, dass es Luther war, der diesen Abwägungskonflikt "schneidig" gelöst hat, hat er doch das 2. Gebot einfach herausgeschnitten aus dem Dekalog und die 10 Gebote in seinen Katechismen stets ohne Bilderverbot angegeben, was mir verständlich ist, wenn ich seine Zeitumstände bedenke (Bildersturm). Nur wie weit es dann mit dem sola scriptura noch her ist, konnte mir bisher niemand beantworten!