Neurobiologe Gerald Hüther über Würde

„Man muss kein Heiliger werden“
Ein Mädchen mit einem Kopfschmuck aus Schmetterlingen steht im Wald.

Annika Pesch/Edith Images

Kinder entwickeln ihr Weltbild erst. Es hilft, wenn Eltern sie wertschätzen, statt ihnen Leistung abzuverlangen

Ein Mädchen mit einem Kopfschmuck aus Schmetterlingen steht im Wald.

Aber man sollte schon versuchen, 
niemals die Würde anderer zu 
verletzen. Der Neurobiologe Gerald Hüther über unseren inneren Kompass.

chrismon: Würde ist ein abstraktes Konzept. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass sie sich in Gehirnströmen nachweisen lässt.

Gerald Hüther: Ja. Wenn man Versuchspersonen mit einer Videobrille in einen Kernspintomographen legt und ihnen Szenen einspielt, in denen würdeloses Verhalten vorgeführt wird, passiert Folgendes: Im Gehirn von Menschen, die eine Vorstellung von Würde haben, werden andere Netzwerke aktiviert als bei Personen, denen das völlig schnuppe ist – ­diese reagieren anders. Würde hat eine neurobiologische Grundlage als Netzwerk im Gehirn.

Warum braucht es so ein Würde-­Netzwerk im Kopf?

Alle Menschen sehnen sich nach einem Zustand, in dem Ordnung herrscht. Es fällt leichter, diese Ordnung zu erreichen, wenn man einen inneren Kompass besitzt, um Wahrnehmungen einzuordnen und das ­eigene Handeln danach auszurichten: 
ein Weltbild. Es enthält eine Vor­stellung von uns selbst und davon, worauf es im Leben ankommt.

Gerald Hüther

Gerald Hüther, Jahrgang 1951, ist Neurobiologe 
und Hirnforscher. Einer seiner Forschungs­schwerpunkte sind Störungen der­Hirnentwicklung.
 Er ist Vorstand der Akademie für ­Potentialentfaltung. Sein Buch „Würde“ ist im Knaus-Verlag erschienen.
Privat

Und worauf kommt es an?

Das entwickelt der Mensch indivi­duell während des Heranwachsens. Neu-
geborene haben ein Empfinden, das immer dann wach wird, wenn etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Dann brüllt es. Ein Kind hat das aber nicht als kognitives Netzwerk, sondern nur als Gefühl. Wenn das Kind dann die Erfahrung macht, dass es sein Leben selbst gestalten kann und von seinem Umfeld in seiner Einzigartigkeit geschätzt wird, kann es eine Vorstellung seiner eigenen Würde aufbauen. Das wird dann in Netzwerkstrukturen im Hirn verankert. Die letzte Stufe der Entwicklung ist, dass ein Mensch sich seiner eigenen Würde bewusst wird.

Was müssen Eltern dafür tun?

Die Kinder ernst nehmen. Sie nicht zum Objekt ihrer Vorstellung ­machen ­und ihnen sagen, was sie zu tun ­haben, was man von ihnen erwartet und was sie schon wieder falsch gemacht ­haben. Sondern: sie wert­schätzen, ihnen helfen und zeigen, dass sie so, wie sie sind, bedeutsam sind. Aber die meisten Kinder sind überzeugt, sich anstrengen zu müssen, um geliebt zu werden. Je intensiver ein Kind diese Erfahrung machen musste, desto mehr wird es später nach Aufmerksamkeit und Anerkennung streben.

Was ist mit Menschen, die in eine gewalttätige Familie geboren wurden? Können die überhaupt eine Vorstellung ihrer Würde entwickeln?

Das menschliche Gehirn ist zeitlebens formbar. Wird ein Mensch sein halbes Leben lang würdelos behandelt, kann er durch die Begegnung mit anderen Menschen, die ihn in seiner Einzigartigkeit wahrnehmen, ein Gespür der eigenen Würde entwickeln.

„Menschsein beinhaltet die Fähigkeit, seine ­Affekte zu kontrollieren“

Sie sagen, die Würde ist ein innerer Kompass. Was, wenn mir dieser Kompass vorschreibt, ich solle anderen überteuerte Häuser verkaufen, weil es mir einen Vorteil bringt?

Dann würden Sie andere Menschen als Objekte benutzen, um eigene Interessen zu verfolgen. Dadurch nähmen Sie anderen ihre Würde – und auch sich selbst. Das geht nur, wenn Sie gar kein Bewusstsein für Würde entwickelt oder die Vorstellung davon so weit unterdrückt haben, dass sie nicht mehr im Hirn auftaucht.

Ist das, was Sie als Würde bezeichnen, nicht einfach Moral?

Die Nazis hatten auch eine Moral. Die war aber anders als unsere. Moral und Ethik als innerer Kompass sind ganz okay, aber in einem hohen ­Maße kulturell und durch den Zeitgeist geprägt. Die Würdevorstellung ist universell.

Wer sich seiner Würde bewusst ist, ist nicht mehr verführbar, lautet eine These in Ihrem Buch.

Genau. Nehmen wir das Beispiel Shoppen: Da macht sich niemand etwas bewusst. Die Leute rennen los und denken, sie müssen sich mal was Gutes tun, indem sie einkaufen. Sie folgen in dieser Situation einem Bedürfnis, das sie gar nicht reflektieren. So reagieren auch Krokodile. Menschsein beinhaltet die Fähigkeit, seine ­Affekte zu kontrollieren.

Und meine Würde hält mich dann vom Shopping ab?

Wenn Sie vor einer Reklametafel ­stehen, auf der angepriesen wird, dass Sie ein schönerer Mensch ­werden, wenn Sie dieses oder jenes Produkt kaufen, werden sie zum Objekt gemacht. An jemandem, der Würde besitzt, prallt das ab. Er weiß, dass er bedeutsam genug ist.

Viele Menschen kaufen Produkte, die nicht fair produziert wurden, und essen ungesunde Lebensmittel. Jemand, der sich seiner Würde bewusst ist, würde das nie tun, oder?

Wer das dogmatisch verfolgt, macht sich wieder selbst zum Objekt. Jeder verstößt gegen seine Vorstellungen und probiert Dinge aus. Aber man wird sich dessen bewusst und kann damit aufhören.

„Ein Löwe, der eine Gazelle frisst, verhält sich auch nicht würdelos“

Hat man also nur Würde, wenn man sich ihrer bewusst ist?

Ja. Auf die Würde achten und sie ­wahren kann nur, wer sich ihrer bewusst ist.

Säuglinge und demente Personen können das also nicht.

Aber dafür alle anderen, denen es am Herzen liegt, die Würde von Säuglingen und Dementen zu wahren! 


Im Grundgesetz steht: „Die Würde 
des Menschen ist unantastbar.“

Ich versuche, das auf eine natur­wissenschaftliche Basis zu stellen. Das Grundgesetz wurde nach dem Krieg von Menschen geschrieben, die davon überzeugt waren, dass Gott uns Würde geschenkt hat. Damit ist dies ein Gut, das jedem Menschen innewohnt – egal wie er sich verhält. Was es heißen soll, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, wenn er sie eh besitzt, weiß ich nicht. Erst wenn ich mir meiner eigenen Würde, Identität und Herkunft bewusst bin, kann ich aufpassen, dass ich das nicht leichtfertig verspiele. Die Würde des Menschen ist unantastbar, sobald er sich ihrer bewusst ist.

Stellen Sie Artikel 1 des Grundgesetzes infrage?

Ich halte es für eine großartige Leistung, die Unantastbarkeit der Würde als zentrale Orientierung im Grundgesetz festzuhalten. Aber wenn man sie für unantastbar erklärt, kann sie nicht als Maßstab für das eigene Handeln dienen.

Angenommen, ich käme in eine Situation, in der es ums nackte Überleben geht. Ich könnte gezwungen sein, ­etwas zu tun, das meiner Vorstellung von Würde widerspricht.

Die eigene Würde kann man nur ­wahren, wenn die Lebensgrundlage 
gesichert ist. Ist ein Mensch am Verhungern oder Verdursten, geht es darum, körperliche Bedürfnisse zu stillen. Da verhält sich jeder Mensch richtigerweise wie ein Tier. Von einem Löwen, der eine Gazelle frisst, würden wir auch nicht sagen, dass er sich würdelos verhält.

Woran merke ich, ob ich würdevoll bin?

Den Zustand völliger Übereinstimmung mit der eigenen Würde erreicht niemand. Genau wie wir nie voll­ständige Ordnung in unser Gehirn bringen. Erst wenn wir gestorben sind, passt alles. Es geht darum, dass man sich auf den Weg macht, jemand zu sein, der niemals die Würde an­derer verletzt. Man muss kein Heiliger werden.

Sind Sie sich ihrer Würde bewusst?

Ich versuche nichts zu tun, was ­meine eigene Würde verletzt. Das gelingt mir nicht immer, und dann bin ich meistens auch hinreichend erschüttert. Wenn mich jemand kritisiert, der sich durch meine Aussagen angegriffen fühlt, fällt es mir zum Beispiel schwer, ihn nicht zum Objekt meiner Bewertung zu machen. Ich habe dann die Vorstellung, was für ein Mensch ich sein möchte, verletzt. Das ist unangenehm und führt dazu, dass ich es nicht noch mal mache.

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Lesermeinungen

Ich denke nicht, dass der menschliche Geist auf ein materielles Substrat zurückgeführt werden kann oder auch nur eine materielle Entsprechung besitzt. Das sind wissenschaftshistorisch bedingte Projektionen, die selbst mit daran schuld sind, dass sich eine instrumentelle Anthropologie vor dem Hintergrund einer ökonomistischen Ideologie etablieren konnte. So wie es unsinnig ist, die Seele des Menschen in seinen Erbanlagen zu suchen oder den Sinn eines Romans in der Zusammensetzung der Druckerschwärze, so ist es unsinnig, Würde hirnphysiologisch verorten zu wollen. Ist Würde am Ende gar ein Protein? Und haben die Menschen nicht ganz verschiedene Wertvorstellungen und reagieren entsprechend auch in ihrem Gehirn auf verschiedene Vorkommnisse in ihrer Umwelt? Ein Nazi würde jemanden, der einen Juden rettet, für würdelos halten, und schon würden auf der Apparatur des Hirnphysiologen die Zeiger auf der Würdeskala nach oben schnellen. Entscheidend ist das Denken des Menschen. Denken aber hat kein materielles Substrat, es ist zudem raum- und zeitlos. Der entscheidende Moment, historisch und individuell, ist die Erfindung oder Entdeckung der Philosophie. Die damit gegebene Selbstbezüglichkeit des Menschen, in der sich das Denken mit sich selbst beschäftigt, also Selbstbewusstsein entsteht, kann, meines Erachtens sogar notwendig, Begriffe wie Würde, Gerechtigkeit oder auch Naturschutz hervorbringen. Aus der Biologie als deskriptiv-empirischer Naturwissenschaft übrigens lässt sich z.B. so etwas wie „Artenschutz“ nicht ableiten, ähnlich wie auch der Physiker zwar die Spreng- und Zerstörungskraft einer Atombombe berechnen kann, nicht aber ihre Ächtung daraus ableiten kann. Die Philosophie ist die einzige Instanz, die auf das Ganze gerichtet ist und zugleich und dadurch den Menschen als Menschen anspricht. Hier ist der Ansatzpunkt, von dem her auch das Politische, als unser Zusammenleben, zu denken ist.