Erste Hilfe bei psychischen Krisen

Voll in der Krise - wer hilft?
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Foto: illmedia/photocase.de

Erste Hilfe bei psychischen Krisen – hier erfahren Sie, wo Sie bei seelischer Not schnelle Hilfe finden. Aber auch, wie Sie passgenaue Hilfe finden, wenn morgen auch noch ein Tag ist. Ob man in die Psychiatrie gehen soll und ob man da wieder rauskommt. Was man tun kann, wenn der Angehörige keine Hilfe will. Und woran es am psychiatrischen Hilfesystem in Deutschland fehlt

1. Hilfe – sofort, auch nachts

Bei akuter Gefahr: 110 (Polizei) oder 112 (Rettungsdienst) anrufen bei akuter Eigengefährdung oder Fremdgefährdung. Beispiele: Mensch schlägt mit Kopf ohne Unterlass gegen die Wand, Mensch geht mit Axt auf Angehörige los, Mensch steht auf Dach und will springen. In vielen Fällen wird der Patient in ein Krankenhaus gefahren und dort dann auf eine psychiatrische Akutstation gebracht, unter Umständen auch gegen seinen Willen. Es macht nichts, wenn man die falsche Nummer anruft – der Rettungsdienst zum Beispiel würde auch gleich die Polizei alarmieren, wenn es notwendig scheint.

Bei Verzweiflung: 0800-1110 111 oder 0800-1110 222 (Telefonseelsorge). Rund um die Uhr, anonym, kostenlos. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hören zu, nehmen Anteil, verweisen bei Bedarf an spezialisierte Krisenhilfeangebote. Mehr dazu, auch zu Chat- und Mailberatung, unter www.telefonseelsorge.de

Bloß nicht in die Psychiatrie! Aber ein Arzt darf kommen: 116 117 (ärztlicher Bereitschaftsdienst) – kostenlos, auch vom Handy, keine Vorwahl. Vielleicht ist nur ein beruhigendes Medikament nötig, damit man die Nacht übersteht. Diese Nummer ist immer dann richtig, wenn man in der Nacht oder am Wochenende dringend einen Arzt braucht, es aber nicht um Leben und Tod geht. 

Achtung: Meist kommen Hausärztinnen oder Hausärzte, also eher keine Fachärzte (etwa Psychiaterinnen oder Psychiater). Üblicherweise erreichbar: Montag, Dienstag und Donnerstag: von 18 bis 8 Uhr, Mittwoch und Freitag: von 12 bis 8 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen rund um die Uhr. Mehr zu regional unterschiedlichen Zeiten unter www.116117info.de

Psychiatrie ist o. k. – aber wie finde ich eine Ambulanz, eine Klinik?

Eine nach Bundesländern sortierte Liste hat die Deutsche Depressionshilfe zusammengestellt, die genannten Kliniken behandeln Menschen mit allen psychischen Krisen: www.deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/klinikadressen

Was Angehörige sofort tun können bei Streit und Eskalation

Vor allem Angehörige sind von Gewalt durch psychisch Kranke betroffen, und allermeist sind es die Mütter. In Krisen können folgende Tipps helfen, die der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker zusammengetragen hat:

  • den psychisch Kranken nicht einengen
  • nicht die Türen abschließen
  • Rückzugsmöglichkeit anbieten
  • Bewegung anbieten, spazieren gehen
  • ein Gespräch mit einer Vertrauensperson vermitteln
  • essen und trinken, rauchen
  • mit ruhiger, leiser Stimme sprechen
  • sachlich bleiben
  • ablenken – und sei es durch das Anbieten von einem Glas Wasser. Eine scheinbar "sinnlose" Handlung kann aus einer verfahrenen Situation herausführen und eine sich aufbauende Gewaltspirale durchbrechen
  • Abstand halten, sich auf mindestens zwei bis drei Armlängen entfernen
  • allzu intensiven Blickkontakt vermeiden

Für Kinder und Jugendliche - und Eltern: Nummer gegen Kummer 116 111, Mo bis Sa. 14 bis 20 Uhr. Da kann man anrufen, egal welches Problem man hat. Kostenlos! Strikt vertraulich! Anonym! Die Eltern erfahren natürlich nichts davon. Schreiben statt sprechen kann man natürlich auch, per Mail. Die Eltern können ihren Kummer unter einer anderen Nummer loswerden: 0800 – 1110 550 und zwar montags bis freitags:  9 bis 11 Uhr, dienstags und donnerstags: 17 bis 19 Uhr.

Für Studierende: Die Nightline ist ein Zuhör- und Informationstelefon von Studierenden für Studierende in 17 Unistädten. Ob Ersti, Doktorandin oder Doktorand, ob mit einem konkretem Anliegen oder einfach dem Bedürfnis, dass jemand zuhört, eine Nightline hat ein offenes Ohr. Hier kann man auch fragen, wenn man einfach nicht weiß, an wen man sich wenden soll (etwa im Unibetrieb). Wo wann jemand zuhört (inkl. Semesterferienplan), sieht man im Internet: nightlines.eu/erreichbarkeit. Oft wird von 21 Uhr bis Mitternacht zugehört. Wenn die Nightline der eigenen Stadt gerade offline ist, kann man natürlich auch die Nightline einer anderen Universitätsstadt anrufen.

2. Recht schnelle Hilfe – tagsüber

Psychische Krisen bahnen sich meist an. In der Regel ist also etwas Zeit, nach Hilfsmöglichkeiten zu suchen. 

Jemanden mit der Suche beauftragen, das hilft! Eine Freundin oder der Bruder durchforsten mit klarem Kopf das Internet, rufen auch wo an. Es gibt eine Menge Angebote, man muss sie nur finden.

Hilfsadressen nach Bundeslandvon Beratungsstellen bis zu Krankenhäusern – finden sich als umfangreiche Liste hier: deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/erste-hilfe

Sozialpsychiatrischer Dienst – Jede/r BürgerIn hat Anspruch auf Beratung und Hilfe durch den Sozialpsychiatrischen Dienst. Es gibt überall einen Sozialpsychiatrischen Dienst, meist angesiedelt beim Gesundheitsamt der Stadt, des Landkreises. Die Telefonnummer erfährt man vom Rathaus/Gemeindeamt. Hier eine Auflistung der Sozialpsychiatrischen Dienste von immerhin zehn Bundesländern: psychiatrie.de/bapk/prof-hilfen/spdis

Nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch Angehörige, FreundInnen, Bekannte und Arbeitskollegen können sich an die Sozialpsychiatrischen Dienste wenden. Die Mitarbeitenden unterliegen der Schweigepflicht. Die Beratung ist kostenlos. Man kann gemeinsam überlegen, was weiterhelfen könnte, die nächsten Schritte planen. Die Leute vom Sozialpsychiatrischen Dienst arbeiten stark aufsuchend, d.h. sie besuchen Menschen zuhause.

Man kann auch diese Bitte anbringen: Könnten Sie mal nach unserem Angehörigen schauen? Aber bedenken: Niemand muss den Sozialpsychiatrischen Dienst in die Wohnung lassen (Art.13 Grundgesetz, Unantastbarkeit der eigenen Wohnung). Nur die Polizei darf - und das auch nur bei Gefahr im Verzug - sich Zugang zur Wohnung eines Bürgers verschaffen und gegen seinen Willen die Wohnung betreten.

3. Wenn jemand keine Hilfe will

Beispiel: Jemand wirft den Fernseher aus dem Fenster oder bedroht auf andere Weise die Nachbarn. Bei Fremdgefährdung oder Gefährdung der öffentlichen Sicherheit können Ordnungsbehörden beim Amtsgericht eine Unterbringung beantragen. Dazu ist ein Richterbeschluss nötig, denn alle wollen vor Willkür geschützt sein.

Aber was, wenn der eigene Bruder oder die Nachbarin niemanden sonst gefährdet, aber die Rollläden runterlässt, nicht mehr zur Arbeit geht, misstrauisch ist? Das weiß Professor Tilman Steinert. Er ist ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Weissenau in Ravensburg und sagt dazu: "Dann bleibt nur übrig, dass Angehörige oder wer immer davon weiß beim Betreuungsgericht die Einrichtung einer gesetzlichen Betreuung anregen. Wenn es einen gesetzlichen Betreuer gibt, dann kann der die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder die Vorführung zur ärztlichen Untersuchung beim Gericht anregen. Das hört sich umständlich an und ist es auch. Da gibt es eben widerstreitende Interessen: Zum einen wollen Angehörige, dass Hilfe schnell kommt, zum anderen wollen alle, dass die Grundrechte gut geschützt werden und dass man nicht eben mal schnell aus fragwürdigen Gründen in eine Klinik eingewiesen wird. Man kann wohl nicht alles gleichzeitig haben: dass die Freiheitsrechte sehr gut geschützt werden und dass diese Prozesse sehr schnell gehen." Die Bundesländer handhaben das unterschiedlich. In Bayern zum Beispiel soll es mit der Klinikeinweisung recht schnell gehen.

4. Beratung

Beratung für Angehörige: Das SeeleFon, eine Hotline vom Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker (BApK). Rufnummer 01805 950 951 oder Festnetznummer 0228 71 00 24 24. Beratungszeiten: Montag bis Donnerstag, 10 bis 12 Uhr und 14 bis 20 Uhr. Freitag: 10 bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr. Natürlich dürfen auch Freundinnen und Freunde, Kollegen oder Nachbarinnen anrufen. Man kann sich Rat und Information holen zu Krankheitsbildern, zu Behandlungsoptionen, zum Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen, zu rechtlichen Fragen – und auch über sehr persönliche Dinge lässt sich hier sprechen: www.psychiatrie.de/bapk/seelefon

Broschüren des Bundesverbands der Angehörigen psychisch Kranker bestellen psychiatrie.de/bapk/publikationen:

  • Broschüre: "Psychisch krank. Und jetzt? Erstinformation für Familien mit psychisch kranken Menschen" (auch auf Türkisch oder Russisch!)
  • Buch: BApK e. V. (Hg.): "Mit psychischer Krankheit in der Familie leben. Rat und Hilfe für Angehörige"

Beratung bei Depression: Wenn jemand anhaltend niedergeschlagen und verzweifelt ist, dann hilft das Infotelefon der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: 0800 3344533 weiter. Hier werden Angehörige wie Betroffene beraten. Das bundesweite und kostenlose Infotelefon Depression soll wie ein Lotse wirken. Das Infotelefon vermittelt Adressen vor Ort, aber auch Basiswissen. Sprechzeiten: Mo, Di, Do: 13 bis 17 Uhr; Mi, Fr: 08.30 bis 12.30 Uhr.

Informationen über psychische Erkrankungen und Psychopharmaka und vieles mehr bietet die Webseite www.psychiatrie.de, ein Angebot mehrerer Verbände und Verlage.

Probleme kommen selten allein: Auf der Seite "Beratungsführer online" werden Internetadressen und Telefondienste genannt, die bundesweit anonym beraten, zum Beispiel eine Psychotherapievermittlung, das Opfer-Telefon oder die Schulden-Helpline: www.dajeb.de/bwtel

Selbsthilfegruppe suchen: Informationen über Selbsthilfegruppen erhält man über die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS). In der Datenbank lässt sich nach Themen oder Orten suchen. Servicetelefon 030 31018960: Dienstag 10 bis 14 Uhr, Mittwoch 10 bis 14 Uhr, Donnerstag 14 bis 17 Uhr, Freitag 10 bis 14 Uhr.

5. Soll ich in die Psychiatrie gehen?

Wer dem Rettungsdienst gefährlich oder selbstgefährdet erscheint, wird meist in eine Krankenhaus-Notaufnahme gefahren und dort dann auf eine psychiatrische Station gebracht. Meist ist das eine so genannte Akutstation. Viele Krankenhäuser haben aber außerdem aber auch noch eine spezialisierte Depressionsstation und eine Station für verwirrte alte Menschen (Gerontopsychiatrie). Den vorübergehenden Aufenthalt in der Psychiatrie finden viele Patienten und Patientinnen hilfreich: Depressionserkrankte fühlen sich entlastet, weil sie endlich in Ruhe gelassen werden; Schizophrenieerkrankte beruhigen sich, weil sie sich nicht so verfolgt fühlen wie zu Hause.

Aber manche Menschen erleben eine psychiatrische Krankenhausbehandlung als nicht hilfreich, leiden sogar darunter, manchmal langfristig: Weil sie zu hoch dosierte Psychopharmaka bekamen, im schlimmsten Fall gegen ihren Willen. Nur bei etwa zwei Dritteln der Patientinnen und Patienten beseitigen Neuroleptika die Symptome ganz oder teilweise – Stimmenhören und Verfolgungswahn etwa.

Es kann auch sein, dass man die Psychiatrie nach einem Tag wieder verlassen will, weil man es dort nicht hilfreich findet, dass die Ärzte und Ärztinnen dann aber sagen: "Wir denken nicht, dass Sie gehen sollten" – und einen "Unterbringungsbeschluss" beim Gericht beantragen, also ein (befristetes) Dableiben gegen den eigenen Willen. Dann darf man womöglich nur noch in Begleitung raus und spazieren gehen. Das kann man – zumindest rückblickend – als richtig bewerten, aber manche PatientInnen empfinden solch eine Freiheitseinschränkung als unerträglich.

Sobald man sich in die Psychiatrie begebe, gebe man nun mal die Kontrolle ab, sagt Mirko Ološtiak‑Brahms vom Vorstand des Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE) e.V..

chrismon hat sich eine Woche in einer Psychiatrie umgesehen, die mit möglichst wenig Zwang und Gewalt auszukommen versucht, und eine Reportage dazu veröffentlicht.

6. Darf ich gegen meinen Willen behandelt werden?

Jeder Mensch hat ein recht weitgehendes "Recht auf Krankheit", also auf Nichtbehandlung. Das hat auch schon das Bundesverfassungsgericht festgestellt. Wenn ich krank bin, darf ich sagen: Nein, die vorgeschlagene Behandlung möchte ich nicht. Auch wenn das andere für unvernünftig halten. Selbst ein Alkoholabhängiger mit bereits erheblicher Leberschädigung kann sagen: Ich will keine Entzugsbehandlung. Auch mit einer Angststörung, Depression oder mit Schizophrenie kann man sagen: Diese und jene Behandlung will ich nicht.

"Das ist okay", sagt Professor Tilman Steinert, der ärztliche Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Weissenau in Ravensburg (Extra-Interview in chrismon 11/2016). Das entscheidende Kriterium sei nicht die psychiatrische Diagnose, sondern ob jemand einwilligungs- und einsichtsfähig sei. Das habe das Bundesverfassungsgericht vor wenigen Jahren detailliert ausgeführt. Wenn jemand nicht einsichtsfähig sei, dann gebe es eine Schutzpflicht des Staates, eine Pflicht zur Hilfeleistung, sagt Steinert. Aber zunächst prüfe immer das Gericht. "Und es ist schwierig, eine Zwangsmedikation genehmigt zu bekommen", meint Versorgungsforscher Steinert.

Es gibt auch unter Fachleuten unterschiedliche Meinungen zu Notwendigkeit und Folgen von Zwangsmedikation und der häufig dazu durchgeführten Fixierung. Im Buch "Psychosen. Ringen um Selbstverständlichkeit" der beiden Therapeuten und Wissenschaftler Thomas Bock und Andreas Heinz (Psychiatrie Verlag, 2016) wird berichtet: "In Psychoseseminaren, in denen das Thema Zwang häufig bearbeitet wird, äußert sich regelmäßig etwa die Hälfte derer, die Zwangsmaßnahmen erlebt haben, im nachhinein zustimmend, die andere Hälfte ist durch die Erfahrung traumatisiert und hat jedes Vertrauen in die stationäre Psychiatrie verloren."

Eine Liste der unabhängigen Beschwerdestellen für PsychiatriepatientInnen und ihre Angehörigen: www.beschwerde-psychiatrie.de/liste

Wie kann man verhindern, dass man gegen seinen Willen behandelt wird?

  • Wer schon mehrfach psychische Krisen erlebt hat, sollte einen Krisenplan aufstellen: Wen kann ich anrufen? Mit diesen Personen sollte man das natürlich vorher besprochen haben. Oft aber haben seelische Erkrankte gar keine Vertrauenspersonen mehr, sie sind vereinsamt. Daher rät Mirko Ološtiak-Brahms vom Verband Psychiatrie-Erfahrener zum regelmäßigen Besuch einer Selbsthilfegruppe – so lernt man auch Menschen kennen, die einem im Fall einer neuen Krise beistehen können. Beim Finden (oder Gründen) einer solchen Gruppe hilft der Verband: www.bpe-online.de.
  • Man kann eine Vorausverfügung verfassen, eine Patientenverfügung für den Fall, dass man phasenweise nicht entscheiden kann. Da kann man zum Beispiel aufschreiben, welche Maßnahmen und welche Medikamente (in welcher Dosierung) einem schon mal geholfen haben und welche Behandlungen man nicht will. Wichtig: Solch ein Dokument am besten vor den Augen des Hausarztes oder der Hausärztin unterschreiben, damit Arzt oder Ärztin bescheinigen kann, dass man in diesem Moment entscheidungs- und einsichtsfähig gewesen ist. Eine hilfreiche kommentierte Übersicht über Vorausverfügungen im Fall der Psychiatrisierung: antipsychiatrieverlag.de/info/voraus
  • Noch besser aber ist eine Behandlungsvereinbarung, die man zusammen mit Ärztin oder Arzt erstellt. Darin schreibt man zum Beispiel am Ende einer stationären/ambulanten Behandlung auf, was geholfen hat und was man nicht möchte. Solch eine Vereinbarung ist so konkret, dass sie tatsächlich umsetzbar ist.

Psychopharmaka: Was wirkt wie? Der Bundsverband Psychiatrie-Erfahrener e. V. bietet eine kostenlose Psychopharmaka-Beratung von Betroffenen für Betroffene an: 0234 640 51 02, dienstags 10 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr.

Links, unter denen man Informationen zu Psychopharmaka findet, inkl. Wirkungsweisen und Nebenwirkungen, hat der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e. V. hier zusammengestellt: www.peter-lehmann-publishing.com/info1/sources.htm . Falls der Link nicht direkt funktioniert, findet man auch über www.bpe-online.de dort hin.

7. Psychiatrie ohne Zwang – neue Ansätze

Offene Stationen

Eine "Geschlossene Station" hat heute kaum noch eine Klinik. Meist allerdings hat man sie nur umbenannt: in "Geschützte Station". Natürlich gibt es auch auf "Geschlossenen" immer Patientinnen und Patienten, die unbegleitet und jederzeit auf die Straße, in die Stadt dürfen. Sie müssen aber jedes Mal warten, bis das Pflegepersonal Zeit hat und ihnen aufschließt. Abgeschlossen ist die Tür wegen Patienten, die nicht unbegleitet raus dürfen. Doch abgeschlossene Stationen erhöhen nicht die Sicherheit, hat die Professorin Undine Lang herausgefunden, die als Oberärztin an der Charité Mitte in Berlin "offene Türen" eingeführt hat und heute Chefärztin in Basel ist.

Geschlossene Stationen führen sogar eher zu mehr Gewalt und zu mehr "Entweichungen", das belegt Psychiaterin Undine Lang an vielen Beispielen in ihrem Buch "Innovative Psychiatrie mit offenen Türen" (Springer-Verlag, 2013). Grob vereinfacht: Menschen werden eher aggressiv und wollen eher abhauen, wenn man sie durch allerlei fixe Regeln einschränkt: kein Ausgang, kein Zugang zu Zigaretten, kein freundlicher Empfang, keine Möglichkeit zu telefonieren, seltene Gesprächsangebote, Abnahme von Besitz (Gürtel, Pass).

Nun ist ein Universitätskrankenhaus wie die Charité personell meist besser ausgestattet als ein Normalversorgungskrankenhaus. Aber auch eine gewöhnliche Psychiatrie kann Zwangsmaßnahmen erheblich reduzieren – wie das geht, zeigt die chrismon-Reportage "Eine heftige Woche" im November 2016 am Beispiel von Station 37 mit Oberärztin Lieselotte Mahler und ihrem Team am St.-Hedwig-Krankenhaus in Berlin. Und ja, dazu gehört auch der Abbau von tradierten Hierarchien. Ein paar Vorträge findet man, wenn man in der Google-Suchfenster diese Wörter eingibt: Lieselotte Mahler Weddinger Modell pdf. Ausführlicher berichtet natürlich das Buch "Das Weddinger Modell" (Psychiatrie Verlag 2014).

Keine Zwangsmedikation

Ein anderer Vorreiter ist Chefarzt Martin Zinkler in Heidenheim. Er hatte nämlich eine überraschende Erfahrung gemacht: Es geht auch ohne Zwangsmedikation! Es geht sogar besser ohne!

Das kam so: Nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil 2012 war Zwangsmedikation ein Jahr lang nicht erlaubt in Baden-Württemberg – das entsprechende Landesgesetz war für nicht verfassungskonform erklärt worden. Martin Zinkler und sein Team mussten ganz neue Wege finden, um ihre Patienten und Patientinnen behandeln zu können: Beziehung ersetzte Zwang, Überzeugung ersetzte Gewalt. Ja, man brauchte dafür manchmal mehr Zeit, aber oft stimmten Patientinnen oder Patienten, die sich in ihrem Willen gewürdigt sahen, am Ende freiwillig einer Medikamententherapie zu.

Auch als die medikamentöse Zwangsbehandlung in Baden-Württemberg unter verschärften Bedingungen wieder erlaubt war, kehrte man in der Heidenheimer Psychiatrie dazu nicht mehr zurück. Chefarzt Zinkler hat zusammen mit den beiden Psychiatrieerfahrenen Klaus Laupichler und Margret Osterfeld 2016 ein Buch herausgebracht: "Prävention von Zwangsmaßnahmen. Menschengerechte und therapeutische Kulturen in der Psychiatrie" (Psychiatrie Verlag)

Zinkler anhören kann man zum Beispiel in Sendungen des freien und nicht kommerziellen Radios im Südwesten der Republik, Radio Dreyeckland. Moderator ist Mirko Ološtiak‑Brahms vom Bundesverband Psychiatrie‑Erfahrener – lassen Sie sich nicht von der Kinderstimme am Anfang irritieren, das gehört zu diesem Sender. vielfalter.podspot.de/?s=zinkler

Nach Recherchen von Prof. Martin Zinkler arbeiten heute mindestens 20 von bundesweit etwa 450 psychiatrischen Kliniken mit offenen Türen, also ohne geschlossene Stationen. Bei manchen sind die Türen durchgehend offen, bei anderen tagsüber.

Weniger Krankenhaus, mehr ambulant!

Wenn man Psychiatrieerfahrene fragt, was sie sich an Versorgung wünschen, fällt oft der Begriff "Integrierte Versorgung". Das sind Programme, um außerhalb der Klinik eine ähnlich gute und koordinierte Betreuung durch Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Sozialarbeiterinnen und -arbeiter und Psychotherapeutinnen und -therapeuten anzubieten wie im Krankenhaus. Zur Behandlung geht man in eine Ambulanz, oder es kommt jemand nach Hause. Großer Vorteil: Man wird nicht aus seinem gewohnten Umfeld gerissen. Und man kann neu erlerntes Verhalten, neue Sichtweisen gleich im eigenen Alltag üben und ausprobieren. Aber bislang sind das meist nur Projekte, die integrierte Versorgung gibt es nicht flächendeckend. Die Krankenkassen müssen dafür Verträge mit den Anbietern schließen. Eine Übersicht hier: integrierte-versorgung.psychenet.de/projekte

Warum gibt es nicht längst mehr ambulante Versorgung? Zum Beispiel mehr Psychiatrische Institutsambulanzen? Weil diese Art Versorgung nach wie vor zu schlecht vergütet wird von den Krankenkassen (und was eine Krankenkasse bezahlen darf, wird andernorts entschieden). Versorgungsforscher Professor Tilman Steinert sagt: "Ein Tag Krankenhaus wird mit 1000 Euro genauso hoch bezahlt wie ein ganzes Quartal ambulante Therapie in der Psychiatrischen Institutsambulanz. Dafür können Sie nicht einen Patienten beliebig oft aufsuchen und mit Teams reden und reden. Wir geben zu viel Geld für Krankenhausbehandlung aus und zu wenig für krankenhausvermeidende aufsuchende Behandlung. Das kriegen Sie nur in Projekten bezahlt."

Es gibt also zu wenige Angebote zwischen Krankenhaus (stationär, hochintensiv) und ambulanter Psychotherapie (strikte Termine, nicht intensiv). Viele Patienten brauchen eine intensive, auch aufsuchende Behandlung über längere Zeit, also mehr als einmal wöchentlich einen Termin bei der niedergelassenen Psychotherapeutin, sagt Steinert.

Ja, es gibt als Zwischending die psychiatrische Tagesklinik, aber die ist letztlich auch stationär, da muss jemand zum Krankenhaus hinmarschieren. Das wünschenswerte Modell Home Treatment wird in Deutschland nur dann bezahlt, wenn man so krank ist, dass man eigentlich ein Krankenhaus bräuchte. Eine weniger intensive, ambulante Behandlung fehlt – da seien sich ausnahmsweise mal der Verband der Psychiatrieerfahrenen und die ärztlichen Fachgesellschaften einig, berichtet Tilman Steinert.

Psychiatrie – anders und ohne Krankenhaus: der "Offene Dialog"

In Westlappland (Finnland) ist die Versorgung von psychisch Erkrankten so erfolgreich wie in kaum einem anderen Land. Das Modell nennt sich "Offener Dialog" – meint damit aber nicht nur die gemeinsamen Therapieversammlungen von Erkrankten, Angehörigen, SozialarbeiterInnen, ÄrztInnen und PsychologInnen, sondern umfasst zum Beispiel auch diese Strategien: Ein Team besucht die Erkrankten über längere Zeit zu Hause, man wartet mit einer Diagnose ab, man verordnet spät Medikamente und dann viel niedriger dosiert als üblich.

Einen Dokumentarfilm über das finnische Modell hat der Amerikaner Daniel Mackler gedreht. Mackler hat lange selbst als Psychotherapeut gearbeitet. Der Film mit deutschen Untertiteln ist hier frei anzusehen:

Hierzulande arbeitet der Psychiater Volkmar Aderhold an der Verbreitung dieses Ansatzes (mit Vorträgen, Fortbildungen etc.). Mehr dazu: www.offener-dialog.de/der-offene-dialog

Eine professionell gemachte, hochkonzentrierte Dokumentation über die Sichtweise von Angehörigen, Betroffenen, Profis – letztlich so was wie ein gefilmtes "Psychoseseminar" – ist der Film "Nicht alles schlucken. Ein Film über Krisen und Psychopharmaka". Infos dazu hier: nichtallesschlucken.de/film

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