Ursula Ott erledigt "Erfahrung"

Hier spricht eine Frau mit Schreiberfahrung
Sie sind arm? Tja, freuen Sie sich doch: Super Erfahrung! "Menschen mit Armuts­erfahrung" soll weniger stigmatisierend sein.

 Katrin Binner
Erfahrung ist was Tolles. Alle Menschen Ü50 wissen, dass sie sowohl auf dem Arbeits- als auch auf dem Liebes­markt – wenn überhaupt – ­wegen ihrer Erfahrung gefragt sind. Die haben was erlebt, die haut nix um, die punkten mit gesammeltem Wissen, mit Gelassenheit und Herzensschläue.  

Erfahrung, das ist neu, kann aber auch ganz doof sein. Wo früher von Armen die Rede war – zum Beispiel auf der Nationalen Armutskonferenz –, treffen sich jetzt „Menschen mit Armuts­erfahrung“. Und „Doppelt verlassen“ (so ein Buchtitel) sind „Menschen mit Migrationserfahrung und Demenz“. Die gute Absicht ist mir klar. Das ­umständliche E-Wort, das in Kolumnen wie dieser unnötig viele Zeichen verschlingt, ist weniger stigmatisierend. Aber leider auch unfreiwillig komisch.

Wenn Migration nur eine Erfahrung von vielen ist, warum haben die Menschen aus dem Buchtitel nicht auch „Demenz­erfahrung“? Oder waren die immer schon vergesslich? Und geht das nur mir so, dass mein Gerechtigkeits­alarm bei „arm“ anspringt? Sauerei! Über 40 Prozent aller Alleinerziehenden sind arm! Wenn Armut aber nur so eine Erfahrung von vielen ist – tja, liebe überforderte Mütter, dann freut euch doch: Euer Kind kann nicht auf Klassenfahrt mitfahren? Super Erfahrung!

Und hier ein Lesetipp für alle Menschen mit Heiratserfahrung, Pflegeerfahrung oder Synodalerfahrung: Der Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer schreibt, wie schwer Ehemänner sich tun, wenn sie früher hilfsbedürftig werden als ihre Partnerin. Wenn man es sich aussuchen dürfte, schreibt Schmid­bauer, dann sollten sich die Frauen beim Dementwerden vorne anstellen. Klar, das liegt nicht in unserer Macht. Aber ­drüber nachdenken hilft auch schon. Ganz großartig die Fotos des Engländers Martin Parr zu diesem Thema. Sollte ich jemals ­dement werden, besorgt mir seine Bilder. Über Berg­tourismus (das war mal ein chrismon-Titel), über englische Strand­bäder. Am besten die über das Wiener Café Aida. Dieser Fotograf, kein Zweifel, hat Sachertorten-Erfahrung.   

 

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Ott,
wenn man keine "Erfahrung" hat, sollte man auch nicht darüber schreiben: Ihr von keiner Sachkenntnis getrübte Geschreibsel über "alleinerziehende ... überforderte Mütter" , die Ihre Kinder von der Klassenfahrt fernhalten müssen, entbehrt jeglicher Grundlage.

Nach 40 Jahren Lehrtätigkeit an hessischen Schulen und der Durchführung von unzähligen Wander-, Studien- und Klassenfahrten mußte noch nie ein Kind zu Hause bleiben. Rechtzeitige Anträge an das jeweilige Sozialamt, kleine Spendensammlungen bei Schulfesten oder der Verzicht des Klassenlehrers auf den Freiplatz in der JH verhinderten auch in schlechteren Zeiten als den jetzigen den Ausschluss von Mitschüler(inne)n.

Allerdings kam es vor, dass das Amt die Unterstützung direkt an die Eltern zahlte, und diese dann ihr Kind "krank" meldeten. Als wir als Schule hinter diese Machenschaften kamen, veranlassten wir das Sozialamt, die Unterstützung direkt an die Schule zu überweisen.

Noch ein Wort zu den "armen alleinerziehenden überforderten Müttern". Hinterfragen Sie doch bitte einmal, warum diese Frauen in dieser sogenannt missslichen Lage stecken. "Hormonell bedingtes Irresein", einfach seinem Lustprinzip leben und die Gesellschaft dann für eigene Fehlentscheidungen oder -tritte heranziehen - das kann doch nicht das Lebensprinzip sein. Zudem widerspricht dieses Lebensprinzip allem, was die christliche Lehre vorgibt. Hat man offensichtlich in der Redaktion von "Chrismon" vergessen.

Es könnte ja auch sein, dass man die christliche Lehre gar nicht mehr kennt. Sonst hätte man das dümmliche Geschwätz auf den Seiten 29 bis 31 erst gar nicht veröffentlicht. Luther - in diesem Jahr allgegenwärtig - bestand auf den drei Axiomen: "Sola gratia, sola fide, sola scriptura". Die beiden ersten werden gerne angenommen, auch von Redakteuren von "Chrismon". Das mit der Schrift wird allzu gerne "interpretiert" im Sinne der "politcal correctnes" von heute.

Aber lesen Sie doch bitte einmal 2. Thessalonicher Kapitel 3 Vers 10.
Mit freundlichem Gruß

Ortwin Schmidt

Lieber Herr Schmidt,

danke für Ihre Mail – klar veröffentlichen wir sie. Zumindest online haben wir auch unbegrenzt Platz für Leserreaktionen.

Ich freue mich über Ihre fundierte Kenntnis über allein erziehende Mütter und kann damit leben, dass Sie meine Glosse nicht mögen. Aber als ehemals allein erziehende Mutter bin ich recht froh, dass meine Kinder nicht bei Ihnen zur Schule gingen – "hormonell bedingtes Irresein", oh je. Ich möchte echt nicht bei Ihnen auf dem Elternabend sein, wenn Sie so über Frauen denken. 

Beste Grüße dennoch,

Ihre

Ursula Ott

Sehr geehrte Frau Ott,

ist es nicht schön, dass ich Ihnen so einen schmackhaften Köder zum Anbeißen geboten habe.

Dass Sie sich an dem "hormonell bedingten" festbeißen ist typisch für Menschen, die solche Glossen schreiben. Es tut mir leid, aber Ihr Text ist ein sehr gutes Beispiel für den Begriff "Lügenpresse". Der Rest meines Schreibens wird einfach übergangen ...Als ich Frankfurt verließ, um eine Schulleiterstelle auf dem Lande zu übernehmen, waren Eltern und Schüler in Frankfurt sehr betrübt. Ihre Kinder hätten es bei mir sehr gut gehabt.

Mit bestem schulmeisterlichem Gruß

Schmidt