Charlotte Link über den Tod ihrer Schwester und Schuldgefühle

„Meine Schwester fehlt mir so“
Fragen an das Leben - Charlotten Link

Dirk von Nayhauß

Fragen an das Leben - Charlotten Link

Aber irgendwann, da ist sich Schriftstellerin Charlotte Link sicher, wird sie ihr wieder begegnen

chrismon: In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Charlotte Link: Ich liebe das Meer, dort bekomme ich ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit – so ein Prickeln, als ob man ganz viel Sekt getrunken hat. Auch zu Hause brauche ich eine weite Aussicht, von meinem Arbeitszimmer aus blicke ich über die ganze Stadt. Wenn ich nicht weit schauen kann, in tiefen Bergtälern zum Beispiel, fühle ich mich bedrückt, als wäre ich eingesperrt, eingegrenzt. Weite hilft mir, dann löst sich sogar Traurigkeit auf.

Hat das Leben einen Sinn?

Ja, aber solange wir auf der Welt sind, erkennen wir ihn nicht. Man muss nur die Nachrichten anschalten und hat das Gefühl einer großen, chaotischen Sinnlosigkeit. Ich will das aber nicht akzeptieren, ich könnte die Welt dann nicht mehr aushalten. Ich habe meinen Lebenssinn im Tierschutz gefunden. Es ist entsetzlich, was Menschen den Tieren antun. Als ob Tiere keine Lebewesen wären, kein Schmerzempfinden hätten, keine Gefühle wie Trauer oder Einsamkeit. Nimmt man einer Kuh ihr neugeborenes Kälbchen weg, schreit sie vor Schmerz und Verzweiflung, wie eine Menschenmutter. Ich unterstütze vor allem Vereine, die sich um Straßenhunde und -katzen in Ost- und Südeuropa kümmern. Sie sterilisieren die Tiere und bauen ehemalige Tötungsstationen in artgerechte Tierheime um. Ich nehme selbst immer wieder Straßenhunde bei mir auf. Ist man einmal vor Ort mit diesem grenzenlosen Elend und Leiden konfrontiert worden, ist es kaum noch möglich zu sagen: „Das geht mich nichts an.“

"Ich freue mich, ihr wieder zu begegnen"

Muss man den Tod fürchten?

Der wichtigste Mensch in meinem Leben, meine Schwes­ter, ist vorausgegangen. Ich musste lernen, ohne sie zu leben. Es gab keinen Tag, an dem wir nicht telefoniert oder gemailt hatten, an dem nicht jede von uns wusste, was die andere macht. Bei ihr konnte ich verzweifelt sein, schwach und verheult, konnte mich selbst attackieren – konnte alles sein. Man lebt natürlich trotzdem, man kriegt das Leben in den Griff und empfindet auch wieder Lebensfreude, man schafft es ohne diesen anderen – und trotzdem fehlt sie mir so sehr. Ich stelle mir vor, dass sie auf mich wartet. Die Auferstehung der Toten und das ewige Leben, diese Worte im Glaubensbekenntnis sind meine ganze Hoffnung. Ich freue mich darauf, ihr wieder zu begegnen. ­Diese Vor­stellung finde ich unglaublich tröstlich.

Wer oder was hilft in der Krise?

Sich auf das Nächstliegende zu konzentrieren. Das tun, was getan werden muss: Mit dem Hund zum Tierarzt gehen, mit der Tochter eine neue Jeans kaufen, am aktuellen Buch arbeiten. Und ein Netz von Menschen, die da sind, wenn ich frage: „Kann ich euch sehen, können wir reden?“ Ich habe zum Glück meine Mutter und enge Freundinnen und Freunde, die mir immer zuhören.

"Die versäumte Zeit hat mich gequält"

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Schuldgefühle können mich sehr lange beschäftigen. ­Monatelang hat es mich wahnsinnig gemacht, dass ich die letzte Woche, die meine Schwester gelebt hat, nicht bei ihr war. Wir haben täglich telefoniert, aber ich habe sie nicht besucht, weil ich so furchtbar viel zu tun hatte. Hätte ich gewusst, dass sie so schnell stirbt, wäre ich keine Sekunde von ihr gewichen. Ich habe sie erst wiedergesehen, als sie im Koma lag, es war kein Gespräch mehr möglich. Diese versäumte Woche hat mich sehr gequält. Doch irgendwann habe ich mir gesagt: „Ich muss das abhaken, die 
Reue vergiftet mich.“ Da erwachte ein Selbsterhaltungstrieb in mir, und ich habe es geschafft, mir zu sagen: ­­
„Du hast es einfach nicht gewusst.“

Haben Sie Nachsicht mit sich selbst?

Es dauert lange, bis ich mir selbst sage: „So, jetzt verzeih dir, dass du das und das nicht erreicht hast.“ Ich neige zur Selbstzerfleischung, aber es nützt ja nichts, sich ­immerzu selbst zu attackieren, man wird von außen genug attackiert. Zurzeit übe ich mich darin, nachsichtiger mit mir umzugehen. Zum Beispiel bin ich etwas in Verzug mit meinem neuen Buch. Vielleicht werde ich es nicht ganz pünktlich beim Verlag abliefern. Das zu sagen ist ein riesiger Satz für mich, ein Siebenmeilenstiefel-Satz, der war 54 Jahre lang nicht mal denkbar. Schon in der Schule habe ich alles 
pünktlich abgeliefert. Aber heute sage ich: „Ich funktioniere nicht punktgenau, und es wird trotzdem alles gut werden.“

Charlotte Link

Charlotte Link, 1963 geboren, ist mit ihren Thrillern die meist­gelesene deutschsprachige Autorin. 
Mit 19 Jahren ver­öffentlichte sie ihr ­erstes Buch, bis heute sind es 23 Romane, ­allein in Deutschland mit einer Auflage 
von über 28 Millionen. Zuletzt erschien 
„Die Entscheidung“. Viele ihrer Bücher wurden für das ­Fernsehen verfilmt. Das Leiden und ­Sterben ihrer an Krebs erkrankten Schwester Franziska beschreibt Charlotte Link in 
dem Buch „Sechs ­Jahre“ (2014). ­Charlotte Link lebt 
in der Nähe von Frankfurt am Main.
picture alliance/Erwin ElsnerCharlotte Link, deutsche Schriftstellerin. aufgenommen am 22.11.2016 in Mainz beim ZDF-Mittagsmagazin.

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Lesermeinungen

Offensichtlich ist es Link wichtiger, sich „... um Straßenhunde und -katzen aus Ost- und Südeuropa zu kümmern“ als ihr Geld für notleidende Menschen - von denen es dort besonders viele gibt - zu verwenden. Dies läßt zumindest Ihre Aussage vermuten, auch wenn sie um ihre Schwester trauert. Von menschlichem Leid, das gelindert werden könnte, ist nicht die Rede.
Es gibt auch hier Menschen, die dringender der Hilfe (z.B. Krebsforschung, Kinderhospize etc.) bedürfen, als diese tierischen Kreaturen, von denen auch Gefahr durch Krankheiten ausgeht.
Ich bin von Link sehr enttäuscht, es zeigt sich aber auch wieder, daß gerade Prominente der Katzen- und Hundemanie erliegen. Warum wohl sitzen Bettler aus diesen Ländern inzwischen fast alle mit Hund hier? Die Bettelclans haben erkannt, daß damit mehr Geld zu machen ist.