Wichtigtuerei mit dem Narrativ

Sinn stiften, aber umständlich
Wenn das Martin Luther erlebt hätte: Das "Narrativ" macht zurzeit die Runde. Ursula Ott ist genervt von ihm

 Ursula OttKatrin Binner
Schreck am frühen Morgen beim Zeitunglesen. „Wir sind umringt von Narrativen“, begann ein Essay in der „Zeit“. Hilfe. Ich dachte, wir seien umringt von Grippeviren. Von Dummschwätzern. Von SUV-Fahrern. Gerade wollte ich mich lustig machen, da fuhr ich zu einer bedeutenden Veranstaltung der evangelischen Kirche. Es sprach ein bedeutender Professor vom „Narrativ des barmherzigen Samariters“. Er sagte es einmal, ich horchte auf. Zweimal, ich fing eine Strichliste an. Beim fünften Strich war klar: Ja, ich bin umringt von Narrativen.

Warum bloß? „Das Narrativ Lukas 10 ist ein Auftrag“, sagte der bedeutende Professor in der Pressekonferenz, und wir Journalisten seufzten. Ach, Luther, warum bist du auch schon so lange tot. Dem Volk aufs Maul geschaut, hätte man ja sagen können: Die Geschichte vom barmherzigen Samariter ist ein Auftrag an uns, den Schwachen zu helfen. Aber so reden sie 2016 nicht bei der Kirche. Auch nicht bei der katholischen. Wenige Tage nach der bedeutenden evangelischen ­Veranstaltung sprach ein katholischer Bischof zum Abschluss des Martinsjahres. Der heilige Martin ist quasi ein Kumpel im Geiste vom barmherzigen Samariter. Der geteilte Mantel, so der Bischof, sei eine „Blau­pause für barmherziges Handeln“. Blaupause. Da weitet sich mein Herz so gar nicht.

Der „Zeit“-Philosoph vertrat die These, wir seien umringt vom europäischen Narrativ – das wir mal mit „sinnstiftende Erzählung“ übersetzen wollen – und dem amerikanischen, also zwischen „Nie wieder Krieg!“ und „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Ha, das habe ich verstanden! Und ­gar nicht mehr gestaunt, als ich jetzt ein Einrichtungsstudio sah, das sich „Planungs­büro für narrative Raumideen“ nennt. Was die genau machen? Irgendwas mit Möbeln und Tellern. Ist nicht so einfach in Berlin, sich wichtig zu machen.

Ach, ich glaube, für mich ist das euro­päische Narrativ besser. Nie wieder Krieg und liebe deinen Nächsten. Geht klar.

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