Es gibt keine Alternative zur Demokratie

Ein schönes, schweres Spiel
Unsere parlamentarische Demokratie ist unvollkommen und anfällig für Fehler. Genau deshalb braucht sie unser Engagement
Annette Kurschus

Annette Kurschus ist Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Herausgeberin von chrismon

Foto: Christina Lux

„Demokratie“, so der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill, „ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen, die von Zeit zu Zeit probiert wurden.“ Churchill sagte das vor rund 70 Jahren, in einer Unterhaus­rede im November 1947. Als Regierungschef war er da bereits abgewählt, seit Sommer 1945. Kein Vierteljahr nach dem Sieg über Nazideutschland.

Das ist bemerkenswert. Nicht die Tatsache, dass einer abgewählt wird oder Abstimmungen verliert. Dies gehört zum Risiko, ja zum Adel all derer, die sich dem schönen und schweren Spiel der Demokratie stellen. Bemerkenswert finde ich vielmehr, wie nüchtern und offen da einer einräumt, Demokratie sei unvollkommen und anfällig für Fehler. Denn Demokratie ist auf die freie Meinungsbildung aller ausgerichtet, und sie lebt von der Suche nach Mehrheiten und Kompromissen.

Bemerkenswert scheint mir auch, dass schon damals die Demokratie erklärt und verteidigt werden musste. Eben erst war zu Ende gegangen, was man statt der Demokratie auf dem europäischen Kontinent „probiert“ hatte. Während im Osten Euro­pas eine weitere Alternative „probiert“ wurde. Heute, 70 Jahre nach Churchills Rede, ist alles anders. Aber noch immer ist die Demokratie unvollkommen und fehleranfällig. Und sie bleibt erklärungsbedürftig. Immer neu.

Ein paar unangenehme Fragen drängen sich auf. Zum Beispiel: Was bedeutet eigentlich Mehrheit, wenn – wie bei vielen Kommunalwahlen und zum Beispiel auch bei unseren Kirchenwahlen – die Mehrheit gar nicht wählt? Gewiss, das macht eine Wahl nicht illegitim. Aber kann die Demokratie wirklich alle im Blick behalten – ­etwa Kinder und Jugendliche, die in unserer Gesellschaft auf Dauer die Minderheit bilden werden? Ausgerechnet über deren Zukunft wird schon jetzt „demo­kratisch“ entschieden, obwohl sie selber noch gar nicht mitentscheiden dürfen.

Es gibt keine Alternative

Auch frage ich mich: Wie viel Wissen, Zeit und Interesse sind eigentlich nötig, um weitreichende Entscheidungen mit der angemessenen Verantwortung zu treffen? In solchen Fragen sind wir alles andere als allwissend – und von perfekten Antworten denkbar weit entfernt. Aber gerade die ­unangenehmen Fragen dürfen wir nicht den Kritikern der Demokratie überlassen.

Für evangelische Christen übrigens, die von den Presbyterien beziehungsweise Kirchenvorständen vor Ort bis hin zu den Landessynoden und der EKD-Synode ihre Belange demokratisch regeln, ist Demokratie weit mehr als eine Verlegenheitslösung.

Sie hat vielmehr eine tiefe Entsprechung darin, dass der glaubende Mensch im Gegenüber zu Gott und Christus eine grundlegende Gleichheit mit anderen besitzt und erfährt. Der Reformator Martin Luther war überzeugt, dass aus dem ­Glauben ein Entscheidungs- und Mitbestimmungsrecht aller entspringt. Immerhin – so Luther – sagt Jesus im Evangelium vom guten Hirten (Johannesevangelium, Kapitel 10) nicht nur: „Ich kenne die ­Meinen“, sondern er fährt fort: „Und die Meinen kennen mich.“ Für Christen ist also nicht das Schweigen der Lämmer angesagt, sondern sie haben das Recht und die Pflicht zur Urteilsbildung und tragen Verantwortung für andere.

Es stimmt: Demokratie ist unvollkommen und anfällig für Fehler. Dennoch – gerade deshalb! – braucht und verdient sie unseren Respekt und unsere Sorgfalt, unser Vertrauen und unsere Wachsamkeit, unser Selbstbewusstsein und unsere ­Selbstkritik, unsere Streitbarkeit und unsere Fairness. Demokratie ist – und hier passt das Wort tatsächlich einmal – alternativlos.

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