Junge Frau macht den Jagdschein

Sie schießt sich ihr Fleisch jetzt selbst
Jägerin Sophia Lorenzoni aus Attenhausen ist Volontärin beim Paul Parey Zeitschriftenverlag und in ihrer Freizeit Jägerin. Fotografiert im Heimfelder Wald, Hamburg.

Sophia Lorenzoni, 25: "Das Reh, das ich esse, hatte vorher ein gutes Leben in Freiheit"

Hanna Lenz

Aber noch immer rast nach jedem Schuss ihr Herz. Weil sie ein Leben beendet hat

Sophia Lorenzoni :

„Sophia, nicht schießen!“, rief meine Mutter. Wir saßen auf einem Hochsitz in der Nähe der Wohnung meiner Eltern. Zwischen den Rotbuchen war in gut 50 Metern Entfernung ein Rehbock aufgetaucht. Obwohl ich die ­Büchse schon angelegt hatte, zögerte ich. Mir fiel das erschrockene Gesicht meiner Mutter ein, als ich ihr erzählt hatte, dass ich den Jagdschein mache. „Du wirst eine ­Waffe besitzen?“, hatte sie gefragt. Nur mir zuliebe war sie diesen Sommer erstmals auf einen Hochsitz geklettert. Verschrecken wollte ich sie nicht. Allerdings läuft mir höchstens bei jeder 15. Hochsitzjagd ein Tier in genau der Position vor die Waffe, dass ich sicher weiß: Ich treffe mit einem Schuss. Niemals riskiere ich, es nur zu verletzen und unnötig zu quälen.

Auf den Bock konzentriert sah ich aus den Augen­winkeln, wie sich meine Mutter plötzlich die Ohren zuhielt. Ich wusste: Jetzt darf ich. Und schoss. Der Bock fiel um, und meiner Mutter lief eine Träne übers Gesicht. ­„Können wir jetzt nach Hause?“, fragte sie leise. Ich trug das Tier zum Kofferraum, fuhr meine Mutter heim und selbst weiter zur Kühlkammer, um den Bock auf­­
zu­brechen. In den nächsten zwei Stunden müssen die Innereien ausgenommen werden. Sonst verkommt das Fleisch, und das Tier wäre umsonst gestorben.

Zunge, Herz, Lunge und weitere Organe trennte ich mit dem Messer heraus. Und versuchte später wie immer, so viel wie möglich davon zu verwerten. Ist die Leber nicht schussverletzt, verarbeite ich sie zu Leberwurst. Das Herz koche ich, dann schneide ich es in dünne Scheiben, salze und pfeffere und lege sie über den Salat. Die edlen Teile wie Rücken und Keule friere ich ein. Gut fünf Fleisch­portionen drehe ich durch den Wolf, damit ich sie irgendwann als Hack für Chili con Carne nutzen kann.

„Wie kannst du ein unschuldiges Reh töten?“, fragen 
mich Freunde. „Weil ich auf Fleisch nicht verzichten will“, sage ich. Vor Jahren sah ich in einem Supermarkt-Fleischwerk dabei zu, wie tote Schweine in unvorstellbaren Massen über die Fließbänder liefen. Wie Dinge, dachte ich schockiert, nicht wie Tiere. Seitdem kaufe ich kein Supermarktfleisch mehr, schaue mir in Restaurants zuerst die vegetarischen Gerichte an, und wenn ich Fleisch vom selbst geschossenen Reh, Wildschwein oder Hirsch esse, weiß ich zumindest, dass es ein gutes Leben in Freiheit hatte. Finanziell günstiger ist das für mich nicht. Und nach jedem Schuss rast noch immer mein Herz. Immerhin beende ich ein Leben. Das ist mir bewusst.

In Restaurants schaue ich mir zuerst die vegetarischen Gerichte an

Mit 13 Jahren entdeckte ich im Österreichurlaub ­imposante Geweihe an einer Pensionswand und fragte dem Jäger ein Loch in den Bauch. Er nahm mich mit auf die Jagd. Die Ruhe bei Vollmond auf dem Hochsitz, ­der Tannengeruch, die Wildschweine, die Eicheln und Buch­eckern fraßen statt Fertigfutter mit Antibiotikum – ich war hin und weg. Auch dass die Wildschweine schlauer waren als wir und uns am Ende entwischten, fand ich großartig. Der Jäger erklärte, dass sie sich wie verrückt vermehren und den Bauern die Mais- und Getreidefelder kaputt fressen. Dass sie Engerlinge aus den Wiesen holen und die Wiese der Kühe dabei zerwühlen. Er sagte: „Jagen 
bedeutet nicht herumballern. Jäger sind verantwortlich für die Felder der Umgebung, für den Wald und die ­Gesundheit der Tiere.“

Vor zwei Jahren hatte ich endlich rund 2000 Euro ­beisammen, nahm eine Woche Urlaub für den letzten Kurs und bestand dann den Jagdschein. Als Jungjägerin darf ich noch kein Revier pachten, aber ich jage im Wald eines befreundeten Jägers, der froh ist über meine Hilfe. Wird dort ein Reh auf der Straße angefahren, entsorge ich es. Bin ich die einzige Frau bei einer Jagd, verschaffe ich mir durch klare Ansagen Respekt. Ist jemand anzüglich oder übergriffig, sind meine Kommentare so deutlich, dass es keine Wiederholungsversuche gibt. Und nachdem ich kürzlich vor den erstaunten Blicken der älteren Herren vier Wildschweine hintereinander aufbrach, muss ich mir auch keine Sprüche mehr über meine lackierten ­Fingernägel anhören.

Aus meiner Mutter wird wohl keine Jägerin werden. Den Rehrücken, den ich ihr später mitbrachte, aß sie sehr langsam und nachdenklich. „Aber echt gut schmeckte ­der, Sophia“, sagte sie zu mir.

Protokoll: Silia Wiebe

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Lesermeinungen

Beim Lesen des Artikels wurde mir doch hier und da ein wenig übel. Da begründet eine junge Frau von 25 Jahren ihre Entscheidung für die Jagd mit der hehren Überlegung, so nicht länger das Fleisch aus der Agrarindustrie essen zu müssen. Als wäre da die eigene Jagd die einzige Alternative.
Wie wäre es denn im Gegensatz dazu mit der Unterstützung der ökologischen Landwirtschaft und dem Kauf von Fleischprodukten aus verantwortungsbewusster Tierhaltung? Da könnte man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Erhalt bäuerlicher Strukturen und damit Förderung einer reich strukturierten Landschaft in der auch wieder Wildtiere ein wenig mehr Überlebenschancen und ein Dasein mit weniger Stress finden könnten. Das Märchen vom ach so freien Leben unserer Wildtiere glaubt doch eh keiner mehr! In mancher Landschaft stehen mehr Hochsitze (als Abschussrampen), als sich Hasen in der Umgebung verstecken können. Und dann die Mär vom fairen Töten und vom sicheren Schuss ohne Leiden für das Tier. Statistiken zeigen da eine ganz andere Realität.
Selber schießen! Steht dahinter nicht ein ganz anderer Grund: Kompensation von Minderwertigkeitskomplexen, Waffenbesitz, sich bei Männern Respekt verschaffen wollen. Da haben emanzipierte Frauen von heute doch ganz andere Möglichkeiten!

Ich wundere mich, dass Sie in Ihrer christlich orientierten Zeitung, die ich sehr schätze, die Jagd und damit das Töten der Tiere - man kann nicht sagen verherrlichen - aber zumindest legitimieren und befürworten. Frau Lorenzoni will Verständnis und Mitgefühl heischen, wenn sie sagt dass "nach jedem Schuss ihr Herz rast". Andererseits brüstet sie sich damit, wie sie das Wild aufbricht. Die Jagd sollte grundsätzlich verboten oder in die Hände eines verantwortungsvollen Försters übergeben werden. Alleine in dem kleinen Bundesland Saarland haben wir ca 3500 Jäger. Die durch das Wild angeführten Schäden sind zum größten Teil indirekt durch die Jäger selbst verursacht. Denn sie schießen schwerpunktmäßig die männlichen Tiere - wie in dem Artikel auch - und sorgen daher für eine Überpopulation bei den Wildtieren , weil sie die weiblichen Tiere verschonen, die weitere Wildtiere reproduzieren können. Frau Lorenzoni ist zwar hoch anzurechnen, dass sie kein Supermarktfleisch essen will, aber es gibt auch Bio-Bauernhöfe, bei denen die Tiere auf der Weide und damit in relativer Freiheit leben. Dort Fleisch zu kaufen kostet zwar ein wenig mehr, aber das Geld, das sie für den Jagdschein und die Ausrüstung ausgegeben hat, wäre da besser angelegt.

Selten habe ich einen derartig verlogenen Unsinn gelesen, wie in dem Protokoll von Silia Wiebe über die junge Jägerin Sophia.

Sie, die fast trotzig ins Bild getreten ist, sitzt also mit ihrer Mutter auf dem Hochsitz. Die erteilt ihr die "Erlaubnis zum Abschuss", wonach ihr eine "Träne übers Gesicht" läuft. Sophia selbst, die in der Lage ist, "vier Wildschweine hintereinander" aufzubrechen und dafür "erstaunte Blicke der älteren Herren" erntet, rast das Herz noch immer nach jedem Schuss. Doch tröstet sie sich damit, dass ihr Opfer "ein gutes Leben in Freiheit hatte"! In Restaurants schaut sie sich "zuerst die vegetarischen Gerichte an"! Und zum Schluß die beste Nachricht: Die Mutter hat den mitgebrachten Rehrücken zwar "langsam und nachdenklich" gegessen, aber er hat "echt gut" geschmeckt!

Das ist für uns eine miese Doppelmoral, die hier vorgespielt wird. Unser Mordparagraf enthält ja bekanntlich das auch hier anwendbare Merkmal der Heimtücke.
Wie verträgt sich das alles mit Ihrem christlichen Menschenbild, das Sie uns doch vermitteln wollen?

Jede Moral ist eine doppelte, sonst ist sie nämlich überhaupt keine Moral, sondern ganz was anderes, vielleicht eine Abneigung, eine Vorliebe, ein Interesse. Deswegen werde ich vorsätzlich zur Heimtücke greifen und mir ganz unmoralisch in wenigen Stunden ein saftiges Steak gönnen. Falls das noch möglich sein sollte, ohne zuerst im moralischen Abseits und später im Umerziehungslager - einem zeitgemäß demokratischen, versteht sich - zu landen.

Max Zirom

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

der von Ihnen kritisierte Text soll darauf aufmerksam machen, dass gerade zu Weihnachten und zu Silvester in Deutschland von den meisten Menschen viel Fleisch gegessen wird. Und zwar allermeist Fleisch von Tieren aus konventioneller Haltung. Sie haben recht: Schön ist eine Jagd nicht. Ja, das Erschießen der Tiere ist hinterhältig. Und doch finde ich es besser, ein frei lebendes Tier vom Hochstand zu erschießen, als ein Tier sein Leben lang unter qualvollen, weil nicht artgerechten Umständen zu halten und dann zu schlachten, meist in einer stressvollen Situation. Ich sage das als Vegetarierin. Ich gehe davon aus, dass Sie selbst auch kein Fleich essen, sicher sogar vegan leben, um jede Art von Doppelmoral zu vermeiden. Das begrüße ich ausdrücklich! Denn natürlich wäre es gut, wenn alle so lebten.

Mit freundlichen Grüßen

Christine Holch

Redaktion chrismon