ZDF-Film "Zwischen Himmel und Hölle" über die stürmischen erste Jahre der Reformation

Wie Katharina von Bora in den Folterkäfig kam
Martin Luther (Maximilian Brückner) und Erzbischof Albrecht von Brandenburg (Joachim Krol)

Zwei, die nicht gut miteinander konnten: Maertin Luther, dargestellt von Maximilian Brückner, und Erzbischof Albrecht von Brandenburg (Joachim Król)

ZDF/Hardy Brackmann

Die frühen Jahre der Reformatoren werden im Fernsehen noch dramatischer, als sie in Wirklichkeit waren. Vom Jahr des Thesenanschlags 1517 bis zur blutigen Niederschlagung des Bauernaufstandes 1525 reicht ein Film, der mit Fantasiegeschichten nicht sparsam umgeht.

Es ist ein hochdramatischer Film, und ihn anzusehen lohnt unbedingt. „Zwischen Himmel und Hölle“ thematisiert den Zeitraum von 1517, dem Jahr von Martin Luthers Thesenanschlag, bis 1525, dem Jahr, in dem sein Gegenspieler Thomas Müntzer exekutiert und gevierteilt wird. Es sind entscheidende, frühe Jahre für die Herausbildung der Reformation. Sie zeigen aber auch, wie bald sich ihre Anhänger bis aufs Blut zu bekämpfen beginnen.

Ein kluger junger Mönch beginnt zu zweifeln an der Praxis der Kirche, die den Menschen systematisch Todesangst einjagt, um sie wirtschaftlich auszunehmen. Der Martin Luther des Films, dargestellt durch Maximilian Brückner, nimmt wortreich Anstoß an der religiösen Erpressung der Menschen. Dass er selbst als junger Mann die größten persönlichen Gewissensqualen durchgemacht hat („Wie bekommen ich einen gnädigen Gott?“), tritt im Film in den Hintergrund. Vielleicht liegt es daran, dass ihm diese Qualen eher in der Zeit als junger Mönch zusetzten. 1517,  dem Jahr, in dem der Film beginnt, ist Luther bereits Theologieprofessor, sein Lebensthema kommt inzwischen akademischer daher. Aber es berührt weiter heftig seine Studenten, die Bevölkerung, die Öffentlichkeit.

Der Teufel - im Film gehört er nur auf die Seite der Papstkirche

Der Mönch und Professor Martin Luther kommt im Film erfreulicherweise ohne gängige Klischees aus. Als Junker Jörg auf der Wartburg wirft er beim Übersetzen des Neuen Testaments nicht sein Tintenfass nach dem Teufel, hinterlässt an der Wand deshalb auch keinen Fleck. Dafür gibt es andere Klischees: Luther erscheint fast durchgängig als Repräsentant einer neuen Zeit. Der Film unterschlägt weitgehend die Tatsache, dass Martin Luther selbst tief in der mittelalterlichen Gedankenwelt verwurzelt ist. So glaubte er selbst fest an die (sogar körperliche) Existenz des Teufels, sah ihn bei Nacht sogar durch den Garten seines Hauses in Wittenberg laufen. Im Film bevölkert der Teufel vor allem die Drohreden des Ablasspredigers Tetzel (Armin Rohde). Der Glauben an den Teufel markiert also fälschlicherweise nur die Negativseiten der Papstkirche statt auch die innere Zerrissenheit des Reformators.

Wo bleibt im Film denn Luthers wichtige Stütze Philipp Melanchthon, sein Freund und Professorenkollege? Er war einer von jenen Helfern, die Luthers Übersetzung des Neuen Testaments, zustande gekommen auf der Wartburg in zehn Wochen, in weiteren Monaten einer gründlichen sprachlichen Korrektur unterzog. Dass die Bibelübersetzung ohne ihn und andere Zuarbeiter nicht so herausragend geworden wäre, ist im Film kein Thema. Nur Katharina von Bora, Luthers spätere Frau, gibt ihm im Film einen Übersetzungstipp.

Und wo Ulrich Zwingli, der etwa zeitgleich mit Martin Luther die reformatorischen Anliegen populär machte? Er fehlt. So ist der Film das, was die EKD gerade zu verhindern versuchte: eine deutsche Selbstbespiegelung. Übertrieben stark fokussiert der Film hingegen die Auseinandersetzung zwischen dem theologischen Aufklärer Luther und seinem anfänglichen Freund, dem späteren Revolutionär und Gegenspieler Thomas Müntzer (im Film: Jan Lennart Krauter). Da war die Dramaturgie wohl wichtiger als die historische Genauigkeit. Im Kern steht zwischen beiden Männern die Frage: Darf man Gewalt gegen die Obrigkeit anwenden?

Eine gewaltige Polarisierung zwischen Luther und Thomas Müntzer

Der Streit zwischen Luther und Müntzer erinnert an das gespaltene Reformationsbild zu DDR-Zeiten. 1983, im Lutherjahr, ließ die DDR, in der der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker das staatliche Luther-Komittee leitete, Müntzer als Revolutionär hochleben, während das kirchliche Lutherkomittee die religiöse Bedeutung der Reformatoren betonte. Der ZDF-Film hofiert generös beide Lesarten: die ostdeutsche Müntzer-Verehrung und das gesamtdeutsche Luthergedenken. Aber er polarisiert zwischen beiden gewaltig. „Zwischen Himmel und Hölle“: Das ist hier nicht nur Rom gegen Wittenberg, sondern vor allem Müntzer gegen Luther.

Dramaturgisch spielen die Ehefrauen Martin Luthers und Thomas Müntzers wichtige Rollen. Müntzer lässt sich von seiner Frau Ottilie von Gersen (im Film: Tatort-Kommissarin Aylin Tezel) zu immer radikaleren Handlungen und zur Gewalt gegen die Obrigkeit antreiben. Es fallen Worte des Inhalts: „Unser Kind soll einmal stolz auf dich sein...“ Für Historikerinnen und Historiker ist Ottilie von Gersen hingegen ein fast unbeschriebenes Blatt. Auch Luther bekommt im Film mit Katharina Bora (Frida-Lovisa Hamann) eine ziemlich radikale Frau an die Seite, die als Nonne wegen ihrer Sympathie für die Reformation Prügel in Kauf nimmt, sogar Folter in ihrem Kloster erträgt. Sie wird in einem Metallkäfig tage- oder wochenlang bei großer Kälte an der Klostermauer hochgezogen und so fast bis zum Hungertod gequält.

Das ist historisch extrem unwahrscheinlich. Der Metallkäfig, von denen man drei ähnliche noch heute an der Lambertikirche in Münster sehen kann, war nicht für widerspenstige Nonnen bestimmt, sondern zum Beispiel für die geradezu terroristische Gruppe der Täufer, die mit Gewalt ein neues Regime herbeiführen wollten. Katharina Boras Käfigstrafe überreißt gewaltig. Sie ist auch deshalb historisch vollkommen unwahrscheinlich, weil Katharina in einem Kloster weilte, die von ihrer Tante geleitet wurde.

Wer Fragen stellt, fliegt aus Luthers Vorlesung

Luther ließ an seinen Zielen und theologischen Auffassungen nicht rumdeuteln. Dass wir es bei ihm mit einem oft unduldsamen, autoritären Ordensmann zu tun haben, wird im Film deutlich. Er wirft einen Studenten, der neugierig Fragen stellt, aus seiner Vorlesung, er rempelt und schlägt sich mit Kontrahenten.

Geschickt geht der Film mit der Tatsache um, dass nicht der Anschlag der 95 Ablassthesen an der Schlosskirche zu Wittenberg die Kirche auf den Kopf stellte, sondern vor allem die Schriften Luthers von 1521, zum Beispiel „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Noch wichtiger war der Reichstag zu Worms 1521 und Luthers Auftritt dort vor Kaiser Karl und den sieben Kurfürsten. Der berühmte historische Disput findet im Film eher in kleinem Rahmen statt. Und das ist richtig so: Luther sprach nicht vor dem gesamten Reichstag. Der verhandelte noch andere Themen: zum Beispiel die Abwehr der Türkengefahr. In Worms weigerte  sich Martin Luther, seine Schriften zu widerrufen und ließ den (unhistorischen) Satz fallen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Während der Kaiser die Acht über Luther verhängt, jubeln  vor dem Dom die einfachen Leute Luther zu.

Dicht dran mit der Kamera am Blutbad des Bauernkrieges

Herausragende Schauspieler sind Müntzers Ehefrau und der Dominikaner und Ablassverkäufer Tetzel (Armin Rohde). Beide sind sie von ihren Zielen besessen. Während Müntzers Ehefrau immer wieder zur Eskalation rät, gibt Rohde den schmierigen Widerling, der brutal das Letzte aus den Armen herauspresst.

Am Ende fließt viel Blut. Es wird gespießt und gehenkt. Der Film präsentiert barbarische Szenen aus den Bauernaufständen. Thomas Müntzer wird enthauptet und soll gevierteilt werden, Tote bedecken die Äcker. Das sind sehr dominante Bilder der letzten Filmminuten. In den Hintergrund treten dadurch die wirklichen Errungenschaft der Reformation: die bleibende Entdeckung der gnädigen Gottes und der Gewissensfreiheit.

Der Film endet mit dem Tod von Luthers Kurfürst Friedrich der Weise, der sich noch auf dem Totenbett weigerte, den evangelischen Glauben anzunehmen. Dessen unmittelbare Berater behaupten später das Gegenteil. Ohne Zweifel war Friedrich ein Gönner und Beschützer Luthers, er sympathisierte mit den Anliegen der Reformation. Evangelisch wurde er nicht. Der Film zeigt sehr eindrücklich, wie die religiösen Einsichten der Reformation in politischen Strategien eingebunden wurden. Der Frieden im Land sollte wiederhergestellt werden, und dazu hätte ein Bekenntnis des Landesherren zur Reformation beitragen können.

Infobox

Zwischen Himmel und Hölle. Historischer Fernsehfilm. ZDF, Montag, den 30. Oktober 2017, 20:15 Uhr. DVD und Bluray des Films sind ab 03. November erhältlich.

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Lesermeinungen

Leider hat der Film eine ganze Menge historischer Unkorrektheiten, die so einfach meiner Meinung nach nicht passieren dürfen. Natürlich ist ein Spielfilm freier in der Gestaltung historischer Standpunkte, der Stoff sollte sich aber im Bereich der Möglichkeiten bewegen. Und da geht es eben nicht, dass Müntzer ein Kirchenlied von Paul Gerhardt singt, dass er über ein Jahrhundert später geschrieben hat. Und Bodenstein hat Müntzer zwar in Orlamünde getroffen, lehnte aber die Gewalt der Bauern ab, setzte eher auf Vermittlung. Und nicht nur Luther diskutierte in Leipzig mit Eck, sondern Bodenstein ebenso gleichwertig. Zitate im Film über geschundene Bauern finden sich in einer Chronik des dreißigjährigen Krieges. Von der dokumentierten Gefangennahme Müntzers ist die Recherche schlecht ausgefallen. Die Reihe der Ungenauigkeiten ließe sich fortsetzen...