Missbrauch: Kann man erkennen, dass ein Kind missbraucht wird?

Kinder vor Missbrauch schützen – das müssen Sie wissen
Kinderzeichnungen mit Familienbildern im Kindergarten

Alle Kinder malen ihre Familie bunt - auch wenn es zu Hause vielleicht nicht so heiter zugeht

Roland Schneider/plainpicture

Was soll man tun, wenn man einen Verdacht hat? Selbst ermitteln? Bloß nicht, sagt die erfahrene Kinderschützerin Julia von Weiler

CHRISMON: Woran erkennt man, dass ein Kind missbraucht wird?

JULIA VON WEILER: Das erkennt man blöderweise an gar nichts. Wenn da keine Penetrationsverletzungen sind, gibt es kein anderes Symptom, das eindeutig auf Missbrauch hinweist. Die einen Kinder können plötzlich nicht mehr schlafen, andere schlafen viel. Die einen werden in der Schule zu Überfliegern, weil sie ihre Gewalterfahrung dadurch zu kompensieren versuchen, die anderen werden schlecht.

Julia von Weiler

Julia von Weiler ist Diplompsychologin und Vorstand von "Innocence in Danger". Der Kinderschutzverein kämpft gegen sexuellen Missbrauch, auch gegen Missbrauch mittels digitaler Medien.
ZDFJulia von Weiler

Gibt es keine eindeutigen Verhaltensauffälligkeiten?

Nein, keine eindeutigen. Verhaltensauffälligkeiten finden sich in der Symbolsprache von Kindern – aber man muss die Symbole entschlüsseln, man kann sie nicht eins zu eins lesen. Wenn ein Kind anfängt zu klauen, heißt das nicht zwangsläufig, dass es zu Hause immer zu wenig hat. Und genauso: Wenn ein Kind nicht mehr an bestimmte Orte gehen will oder mit bestimmten Menschen nichts mehr zu tun haben will, dann wird das einen Grund haben, aber nicht unbedingt den, dass es dort Gewalt erlebt. Natürlich sollen Sie als Erwachsene, wenn Sie das wahrnehmen, sich darum kümmern: Hm, da hat sich was verändert, was ist denn da los?

Aber dann sagt die Neunjährige zu ihrem Vater: „Da will ich jetzt nicht drüber reden. Lass mich, Papa!“

Da hat sie ja auch recht, immer diese nervigen Eltern, die was von einem wollen! Das kennen wir doch alle, auch mit Erwachsenen. Ich antworte auf die Frage „Was ist denn los mit dir?“ gern mit „Nichts, alles gut“. Dann wissen alle: Okay, sie will nicht drüber reden. Aber beim nächsten Mal fragen sie genauer nach.

Und wenn das Kind weiter mauert?

Eltern haben es da manchmal schwer. Deswegen ist es so wichtig, dass Eltern ein Sicherheitsnetz spannen – andere Menschen, an die sich mein Kind wenden kann, wenn es Stress hat und ich nicht die richtige Ansprechpartnerin bin, weil es dem Kind zum Beispiel zu peinlich ist. Neulich rief mich ein sehr sympathischer Vater an, dessen zehnjährige Tochter auf ihrem Gerät plötzlich richtig schlimme Hardcore-Pornografie hatte. Ich sagte ihm: „Auch wenn Ihre Tochter Sie sehr lieb hat, es ist für Ihre Tochter extrem peinlich, das mit einem Mann zu besprechen.“ Da lachte er und sagte: „Für mich auch.“

Wie sähe so ein Sicherheitsnetz aus?

Ein, zwei Leute, die man mit dem Kind auch festlegt. Das können Großeltern sein, Patenonkel, Tanten, eine Vertrauenslehrerin... Mit denen vereinbart man, dass sie einen natürlich informieren, wenn es um was richtig Ernstes geht. Wichtig ist, meinem Kind die Erlaubnis zu geben, sich auch bei anderen Hilfe zu holen. Auch wenn ich dann vielleicht kurz beleidigt bin, dass das Kind mit seinen Sorgen nicht zu mir als Mutter oder Vater gelaufen ist, wäre ich doch sehr glücklich, dass es sich überhaupt jemandem anvertraut hat.

Ich will mir als Mutter/Vater nicht vorstellen, dass ich den Täter kenne

Man soll aufmerksam sein – aber eigentlich will man Missbrauch doch gar nicht entdecken!

Ja, es ist für Eltern unglaublich schwer, diesen Gedanken auszuhalten: Mein Kind wird vielleicht missbraucht. Das ist auch deshalb schrecklich, weil es für mich bedeutet: Wahrscheinlich kenne ich den Menschen, der das tut. Das erschüttert mich in meinem Vertrauen ins Leben. Ich will mir nicht vorstellen, dass ich den Täter kenne. Nicht mein Nachbar, nicht der Lehrer, schon gar nicht mein Mann, auch nicht meine Schwester, mein Bruder! Das ist einer der Gründe, warum Kinder bis zu acht Mal um Hilfe bitten müssen.

Nun ziehe ich tatsächlich Missbrauch in Erwägung, bin mir aber nicht sicher. Ich will ja niemanden zu Unrecht verdächtigen. Was soll ich denn jetzt tun?

Hilfe holen, professionelle Hilfe. Wenn Ihr Kind über längere Zeit ein ganz klein bisschen erhöhte Temperatur hat, dann gehen Sie auch irgendwann zum Arzt für professionellen Rat. Und bei Missbrauch rufen Sie das nationale Hilfetelefon an: 0800-22 55 530. https://beauftragter-missbrauch.de/hilfe/hilfetelefon/. Lieber einmal mehr anrufen und einmal früher anrufen, als nicht anzurufen. Und das ist vollkommen anonym!

Wie helfen mir die Leute vom Hilfetelefon dann?

Sie sortieren miteinander Ihre Wahrnehmungen und die Situation. Wenn deutlich wird, dass da tatsächlich Missbrauch sein könnte, dann vermittelt das Hilfetelefon Sie an eine Fachberatungsstelle bei Ihnen in der Nähe. Die lokale Beratungsstelle kennt die Strukturen bei Ihnen vor Ort, zum Beispiel die Schulen oder die Vereine oder auch das Jugendamt – es könnte ja womöglich nötig werden, ein Kind zu schützen. Mit den Beraterinnen vor Ort können Sie die nächsten Schritte durchspielen, auch Ihre Rolle dabei.

Jetzt bin ich aber nicht die Mutter, sondern zum Beispiel die Tante oder ein Nachhilfelehrer, und ich mache mir Sorgen um ein Kind.

Auch als Außenstehende kriegen Sie Rat beim Hilfetelefon und bei der örtlichen Beratungsstelle. 

Angenommen, ich bin eine Freundin der Mutter, und ich habe ihren neuen Mann in Verdacht – aber die Mutter glaubt mir nicht?

Dann überlegen Sie mit einem Profi eine Strategie, wie man die Mutter wachkriegt, ohne eine Hysterie auszulösen. Denn der Täter wird alles versuchen, Sie zu verunglimpfen, die Mutter zu verunsichern, die Wahrnehmung des ganzen Umfelds zu vernebeln. Und das können solche Täter gut, die sind sehr empathisch und gute Psychologen.

Ihr Job ist, Hilfe zu organisieren und dem Kind beizustehen. Ihr Job ist nicht, Polizist zu werden

Ich könnte ja auch das Kind direkt fragen.

Nein! Ihr Job ist, Hilfe zu organisieren. Ihr Job ist nicht, die Details zu erfahren.

Warum raten Sie so dringlich davon ab, das Kind selbst zu befragen?

Weil Sie in solch einem Gespräch unbewusst etwas suggerieren. Angenommen, Sie als Mutter vermuten, dass da irgendwas ist mit dem Trainer im Sportverein. Sie sagen zum Kind: Sag mal, wie ist das denn mit dem? Und das Kind sagt: Neulich ist der auch noch durch die Umkleide gerannt. Und Sie: Aha! Kommt der häufiger mal in die Dusche? – Da haben Sie schon aus der Umkleide eine Dusche gemacht, weil in Ihrem Kopf bereits ein Film abläuft. Das Kind antwortet: Hm, weiß ich jetzt auch nicht, kann schon vorkommen. Vielleicht sagt das Kind das, weil der Trainer nur versehentlich durch die Umkleide gelaufen ist oder weil das Kind das Thema beenden will. Das Kind merkt irgendwann, was es sagen muss, damit Sie mit dieser anstrengenden Fragerei aufhören. Also sagt es: „Jaja, der war dann auch in der Dusche.“ Am Ende wissen Sie es aber immer noch nicht ganz genau, Ihr Kind ist total gestresst, und die Odyssee geht weiter.

Aber wenn der Sporttrainer tatsächlich Täter ist?

Auch dann hilft es weder Ihnen noch Ihrem Kind, wenn Sie die Details erfragen. Denn es ist für das Kind sehr, sehr anstrengend, diese Geschichte wieder und wieder erzählen zu müssen, zuletzt dann vielleicht auch noch der Staatsanwältin. Anstrengend auch deshalb, weil es das Gefühl bekommt: Ich habe es wohl noch nicht richtig erzählt, irgendwas ist falsch. Deshalb noch mal: Ihr Job ist nicht, den Täter zu ermitteln, geschweige denn ihn zu konfrontieren.

Der Täter wird dafür sorgen, dass dieses Kind erst einmal ganz lange nichts mehr sagt

Was kann denn passieren, wenn ich selber den Täter konfrontiere mit meinem Verdacht oder meinem Vorwurf?

Na, was wird der sagen! Der wird sagen: „Wie kommst du dazu, so was von mir anzunehmen, das ist doch unfassbar! Ausgerechnet von mir!“ Dann werden Sie unsicher. Der Täter wird in Ihnen Zweifel säen – und dann wird er sich ans Kind wenden und dafür sorgen, dass dieses Kind erst einmal ganz lange nichts mehr sagt.

Wie macht er das?

Er sagt: „Schau mal, hat gar nichts gebracht! Deine Mutter war hier, wir haben geredet, die glaubt dir das nicht!“ Oder er sagt: „Wenn du was sagst, dann zeig ich der Mami mal diese Filme, die ich gemacht habe, dann sieht die, was für ein ekliges Kind du bist und dass du das total schön gefunden hast.“ Oder er sagt: „Dann bring ich dein Haustier um.“ Oder: „Dann wird dein Vater furchtbar krank.“ Nichts ist schlimmer für ein betroffenes Kind als eine Intervention, die misslingt.

Was also soll ich tun als Mutter oder Vater?

Professionelle Hilfe holen. Das Kind braucht Erwachsene, die ihm glauben, die Ruhe bewahren, die handeln. Aber das müssen unterschiedliche Erwachsene sein! Kein Mensch kann alleine sexuellen Missbrauch aufdecken oder beenden. Das besprechen Sie alles mit den Fachleuten in der Beratungsstelle. Die müssen im Fall der Fälle am Ende sagen: Hier ist Kindeswohlgefährdung, wir müssen handeln, und wir gehen jetzt die und die Schritte. Aber das ist nicht Ihr Job! Sie sind nicht James Bond. Sie sollen weiterhin fürsorgliche Mutter oder Vater sein und eben nicht Polizist werden.

Missbrauchte Menschen schämen sich wahnsinnig. Weil die Tat sie beschämt

Warum vertrauen sich so viele Kinder und Jugendliche nicht von selbst jemandem an?

Missbrauchte Menschen schämen sich wahnsinnig. Weil die Tat sie beschämt. Und sie fühlen sich schuldig. Sie denken, wenn sie irgendwas anders gemacht hätten, wäre ihnen der Missbrauch nicht passiert. Das reden ihnen die Täter ja auch ein.

Ich sollte als Mutter oder Vater also nicht schimpfen: Warum bist du denn da überhaupt hin?

Nein, bitte nicht. Auch dann nicht, wenn mein Kind sich in ein Risiko begeben hat, zum Beispiel rumgechattet hat. Das ist so, wie wenn wir früher getrampt sind, um zu einer Dorfdisco zu kommen, den Eltern aber gesagt haben, wir würden bei einer Freundin pennen. Wenn da was schiefgeht, dürfen Eltern zwar kurz sauer sein, aber sie müssen trotzdem an meiner Seite stehen. Das ist ihre Aufgabe.

Täter suchen sich gezielt Kinder aus, die bedürftig sind – zum Beispiel Kinder, die geschlagen werden oder die sich als Außenseiter fühlen.

Es gibt viele Gründe, warum ich zeitweise verletzlich und bedürftig bin. Ich hab eine Sechs in Mathe und traue mich nicht, es zu sagen. Oder meine Eltern streiten immer. Da kann man andocken als Täter. Missbrauch pervertiert das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Nähe, nach Zugehörigkeit, nach Anerkennung, nach Liebe. Das können die Kinder, die quasi eingefangen werden, schwer erkennen. Deshalb ist eine wichtige Botschaft an Kinder: Selbst wenn einer dir ein Fahrrad, einen Computer, 17 Telefone und ganz viel Aufmerksamkeit schenkt – du bist dem nichts schuldig. Für ein Geschenk muss man niemals eine Gegenleistung bringen. Ein Geschenk ist ein Geschenk ist ein Geschenk.

Besser geschützt sollen auch Mädchen sein, die wild sein dürfen, und Jungs, die ängstlich sein dürfen.

Ich würde es anders ausdrücken: Kinder, die sich in alle Richtungen entfalten dürfen, können sich besser wehren. Wenn ein Mädchen, wie in den 50er Jahren, immer „anständig“ und gehorsam sein soll, dann kann es schwer Grenzen setzen. Und ein Junge, dem immer vermittelt wurde, dass Gefühle igitt sind und dass man stark sein muss, der spürt dann zwar: „Das ist ja voll ekelig, und eigentlich will ich die ganze Zeit weinen – aber dann bin ich ja kein echter Kerl. Und jetzt auch noch Missbrauch durch eine Frau, das muss ich doch alles wahnsinig toll finden, tue ich aber nicht.“ Der kann sich dann niemandem anvertrauen.

Es schützt, wenn Kinder alle Körperteile benennen können, auch Penis und Scheide

Ist Sexualerziehung heute noch nötig und hilfreich – wo Kinder doch sowieso alles im Internet finden?

Ja! Vor allem Sprache schützt. Es fängt an bei kleinen Kindern, dass die alle Körperteile benennen können, nicht nur Nase und Po, sondern auch den Penis und die Scheide. Als selbstverständlichen Teil meines Körpers, den ich benennen kann, ohne dass mein Umfeld lila anläuft im Gesicht oder ich selber ohnmächtig werde. Und gerade in Zeiten der frei zugänglichen Pornografie ist es wichtig, eine eigene Sprache zu entwickeln. Kinder und Jugendliche werden von den „laufenden Bildern“ sehr beeindruckt – auch da müssen wir an ihrer Seite sein, Verwirrung auflösen. Sprache ist wichtig, aber auch Grenzen sind wichtig. Dein Körper gehört dir! Ich habe zum Beispiel meinen Patensohn, wenn er zu Besuch kam, immer gefragt: Darf ich dich busseln? Er hat über viele Jahre Nein gesagt. Alles klar, hab ich geantwortet. Manchmal hat er mich von sich aus umarmt. Aber seit er 14 ist, ist er total kuschelig. Kinder müssen Nein sagen dürfen. Selbstverständlich mit Grenzen umgehen und Dinge besprechbar zu machen, das schützt Kinder.

Klingt nach anstrengendem Dauergespräch.

Aber nein! Wenn Sie zugewandt mit Kindern umgehen, dann geben Sie denen so viel mit, ohne dass Sie dauernd alles besprechen müssen. Zum Beispiel indem Sie sich bei Kindern entschuldigen. Ein Streit eskaliert, Sie sagen etwas unfassbar Gemeines, weil Sie super genervt sind. Und danach entschuldigen Sie sich: „Tut mir leid, war richtig gemein von mir.“

Das Kind erlebt dann, dass auch Erwachsene was Falsches tun können.

Ja. Und dass es für sich eintreten darf.

Kann ich Kinder 100-prozentig vor Missbrauch schützen?

Leben ist auch Risiko. Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit. Aber ich kann die Chancen erhöhen, dass mein Kind sich schneller aus solch einer Situation entfernen kann. Dass mein Kind weiß, dass es darüber sprechen kann. Ich erhöhe durch ein Sicherheitsnetz die Chance, dass es eine Person gibt, an die mein Kind sich wenden kann. Und wenn ich selber achtsam bin, erhöhe ich die Chance, dass es mir auffällt, wenn was nicht stimmt. So dass ein Missbrauch früh beendet wird.

Die Fragen stellte Christine Holch

Information

Hier gibt es Infos + Hilfe

Hilfetelefon – da dürfen und sollen alle anrufen, die sich Sorgen machen oder die selbst betroffen sind: 0800-22 55 530.

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