Balletttänzer im Streik

Auch Ballerinen können streiken
Ballerina

Foto: Ina Schoenenburg

Das war eine neue Erfahrung für Anna. Sie hat dabei auch über sich selbst etwas entdeckt

Wenn ich morgens ins Bad humple, lacht mein Mann. „Wie eine alte Frau!“ Mal tut das Knie weh, mal der Rücken. Und die Zehennägel! Weil ich die ganze Zeit auf Spitze tanze. Alle Balletttänzer haben Schmerzen. Immer. Deshalb sind Pausen und freie Tage für uns so wichtig. Ich kann nicht nach Auslandsflügen sofort tanzen, das geht für die Beine überhaupt nicht. Und ich muss mittags in Ruhe was essen können, damit ich wieder Energie kriege. Das sind alles Sachen, die man berücksichtigen müsste.

Aber die Leitung im Staatsballett Berlin hat immer Nein gesagt, wenn unsere gewählten Sprecher unsere Anliegen vortrugen. ­Irgendwann wurde uns Tänzern klar: Damit sich was verbessert, brauchen wir eine Gewerkschaft. Also sind wir fast geschlossen bei ver.di eingetreten und haben Verhandlungen gefordert.

Aber die Leitung wollte auf keinen Fall mit ver.di verhandeln. ­Wir haben alles probiert: immer wieder diskutiert, dem Publikum Flugblätter gegeben, mal eine halbe Probenstunde gestreikt, mal einen ganzen Probentag – nichts hat geholfen. Dann haben wir gemeinsam mit ver.di entschieden, eine Vorstellung zu bestreiken, ­am wirkungsvollsten eine große, wie zum Beispiel „Dornröschen“. Dann rief ver.di uns dazu auf.

Und alle haben gestreikt, von der Primaballerina bis zum jüngsten Gruppentänzer. Ich glaube, ich hätte nicht gestreikt, als ich frisch von der Ballettschule kam. Ich war froh, überhaupt ­einen Vertrag zu haben. Man hätte wahrscheinlich alles mit mir machen können, Hauptsache, ich durfte tanzen. Aber die jungen Tänzer jetzt haben alle mitgemacht.

Es tat weh, 1800 Leute enttäuscht zu haben

Es war dann aber auch für uns eine Strafe, dass an Karfreitag „Dornröschen“ ausfiel. Ich liebe es zu tanzen! Ballett ist mein Leben! Und diese ganzen Proben haben doch nur den einen Zweck, auf der Bühne zu tanzen. Aber was hätten wir noch tun können?

Wir stellten uns vor die Deutsche Oper und erklärten den ­Besuchern, warum es heute leider keine Vorstellung gibt. Ich sagte zum Beispiel, dass wir auf der Bühne zwar immer lächeln, aber dass nicht alles gut ist. Ein Besucher sagte: „Aber ihr seid Künstler, und es ist normal, dass Künstler ein hartes Leben haben.“ Wir haben 2015, und auch Künstler haben Rechte, antwortete ich. Manche waren von weit her gekommen, ich konnte ihren Ärger verstehen. Aber als einer schimpfte: „Go and dance, bitch!“**, da war ich doch schockiert. Die meisten Leute reagierten positiv. Einige freuten sich sogar, dass sie mal mit Tänzern reden können. 

Hinterher ging es mir nicht so gut. Es tat weh, 1800 Leute enttäuscht zu haben, auch wenn sie den Eintrittspreis erstattet be­kamen. Wir ließen im Lauf des Jahres neun Vorstellungen ausfallen, es ist trotzdem nichts passiert. Viele von uns hatten die Hoffnung verloren. Wir waren enttäuscht. Wir waren müde. Und die Leitung wusste das.

Jetzt merke ich: Ich kann widersprechen

Aber dann haben wir uns noch mal aufgerafft und einen Brief entworfen an die oberste Leitung: dass man bitte mit ver.di verhandeln möge, und dass wir eine verbindliche Antwort erwarten bis zum 25. Dezember, also dem ersten Weihnachtsfeiertag. Alle Tänzer haben unterschrieben, alle! Ob Solotänzer oder Anfänger, alle. Rund 80 Unterschriften, mit vollem Namen. Das war stark. In dem Brief stand nicht, dass wir sonst streiken würden, aber die Leitung hatte wohl Angst, dass wir die zwei „Nussknacker“-Vorstellungen am ersten Weihnachtsfeiertag ausfallen lassen könnten. Endlich bekamen wir eine Antwort.

Jetzt haben wir einen Haustarifvertrag, und vieles ist besser. Zum Beispiel, dass während der Proben und Aufführungen ­immer ein Physiotherapeut bereitsteht, für Verletzungen und zur vorbeugenden Behandlung. Oder dass Kostümanproben zur Arbeitszeit gehören. Es hat sich gelohnt. 

Auch weil ich entdeckt habe, dass ich doch nicht so schüchtern bin. Ich fand es vorher schon schwierig, mit einem Nachbarn zu reden, den ich nicht kannte. Auf der Bühne vor großem Publikum zu tanzen, das ist normal für mich. Aber Sprechen ist was anderes. Vor allem Sprechen, um etwas zu ändern! Jetzt merke ich: Ich kann widersprechen. Sogar Autoritätspersonen. Wenn jemand mit Macht mir was sagt, heißt das nicht unbedingt, dass er recht hat und ich unrecht. Das war eine Entdeckung für mich. 

Protokoll: Christine Holch

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,


als Leser der Süddeutschen Zeitung komme ich auch in den Genuss von chrismon. Das bringt nicht nur Genuss, sondern meist auch Gewinn. Jedesmal lesenswert: Frau Otts endgültige Ablage. Vergnüglich und geistreich. Auch sonst ist chrismon für Überraschungen gut. Zum Beispiel der Artikel "Auch Ballerinen können streiken"  in der September-Ausgabe. Ausgerechnet in der Rubrik "anfänge". Zarter Hinweis, dass die Kirche ihren Beschäftigten das Streikrecht nicht länger vorenthalten will? Kann ich nun auf eine Geschichte über streikende Kirchenangestellte hoffen?


Mit freundlichen Grüßen
Christoph Meer, Sprockhövel