Theologe Martin Leiner: So geht Versöhnung

Können wir von Ruanda lernen?
Mörder und ­Witwen zusammen an einem Tisch

Foto: Anne Ackermann

Kaum vorzustellen, dass sich in Deutschland Hinterbliebene von Mordopfern und Mörder die Hände reichen. Können wir von den Afrikanern lernen?

chrismon: Kann man Versöhnung lernen?

Martin Leiner: Wir wissen noch zu wenig darüber, warum es gelingt, verfeindete Gruppen nach einem Krieg wieder zu versöhnen – und warum nicht. Darum haben wir mehrere Fächer zusammengeführt: Politik, Medienwissenschaft, Geschichte, Theologie, Psychologie, Ökonomie, Lin­guistik, Pädagogik und andere Disziplinen.

Warum Linguistik?

Es gibt Sätze, die Versöhnung erleichtern – und Sätze, die sie behindern. Linguisten erforschen die Rolle von Metaphern, sprachlichen Bildern, mit denen man der anderen Gruppe begegnet: „Das Boot ist voll“ klingt ausschließend. „Die Tür ist offen“ – das klingt einladend.

Sie forschen aktuell in Ruanda – dort ­wurden während des Genozids Metaphern gebraucht wie „Ungeziefer“ und „Schlangen“, die man mit der Machete zerhacken darf. Heute sitzen Mörder und Opfer in ­einer Kirchenbank, unvorstellbar!

Normal, dass Sie sich das nicht vorstellen können. Ich habe mal Desmond Tutu getroffen, und selbst der sagte: „Unvorstellbar! Ich selber könnte das nicht!“ Gerade in Ruanda wirkt es bisweilen wie ein Wunder, und nicht alles können wir Forscher erklären. Aber es gibt Faktoren, die helfen. Am meisten hilft es, wenn in einer Gesellschaft die Meinung vorherrscht: Versöhnung ist gut und richtig. In vielen Gesellschaften herrscht der entgegengesetzte Diskurs: Nie vergessen! Nie mehr verzeihen! Revanchieren! Dann bringt der Einzelne kaum den Mut auf, sich zu versöhnen.

Und wie funktioniert Versöhnung zwischen ganz konkreten Menschen?

Den Mördern die Hand geben?

Mehr zum Thema Versöhnung in Ruanda finden Sie auf unserer Schwerpunktseite chrismon.de/ruanda-versoehnung.
Die können sich umso leichter versöhnen, wenn sie einer Gruppe angehören, die auch Gelegenheiten schafft für Versöhnung. In Ruanda sind das ganz klar die christlichen Kirchen. Die verkünden, dass Versöhnung der Weg ist, der Christen geboten ist. Die Botschaft der Feindesliebe spielt zwar auch in anderen Weltreligionen eine Rolle, zum Beispiel im Buddhismus. Allerdings hat nur das Christentum dieses Motiv so zentral in den Ursprungstexten – denken Sie an Paulus, denken Sie an die Bergpredigt. Auch im Alten Testament gibt es den „großen Versöhnungstag“.

Was passiert eigentlich in einer ruandi­schen Gemeinde, wenn man sich nicht versöhnen will? Der Druck ist ja ganz schön groß...

Das stimmt. Da wird gepredigt: „Gott will, dass du dich versöhnst. Gott hat seinen Sohn für uns geopfert – drum müssen wir auch vergeben.“ Aber ich habe in Remera erfahren, dass in der Gemeinde auch Einzelne sagen: „Ich kann das nicht. Ich kann das nicht verzeihen.“ Es wird akzeptiert, dass man Zeit braucht oder diesen Weg nicht gehen will. Und ich habe in Kigali auch eine junge Frau getroffen, die sagt: Ich kann nicht mehr in die Kirche gehen seit dem Genozid, ich habe meinen Glauben verloren. Zweifler gibt es dort auch – aber viel, viel weniger als bei uns.

Was können wir von Ruanda lernen?

In Ruanda spielt das Schuldbekenntnis eine große Rolle. Viele saßen ja lange in Haft, rund zehn Jahre, und im Gefängnis hat man ihnen gesagt: Du sitzt hier nicht nur zur Strafe, sondern du musst bereuen, Schuld bekennen, wiedergutmachen. Viele Häftlinge machen gemeinnützige Arbeit, zum Beispiel im Straßenbau. Und wer seine Schuld bekennt, bekommt Hafterleichterungen oder kommt früher raus.

"In Israel und Palästina ist Opfer zu sein wie ein Anrecht"

Das Bekennen und das Darstellen des Schmerzes wirken sehr theatralisch...

Ja, und das hilft sehr! Es gibt ein Buch von John Paul Lederach: „When Blood & Bones Cry Out“. Durch leidenschaftliches Darstellen des Schmerzes wird das Geschehen symbolisiert – danach kann wieder etwas Neues beginnen. Auch Riten sind hilfreich. In Ruanda wird jedes Jahr im April eine „Genozid-Woche“ begangen – damit ist gesichert, dass nicht vergessen wird. Das ­öffentliche, gemeinsame Trauern hilft sehr.

Die Jugend in Ruanda ist von diesen ­Genozidwochen aber eher ermüdet.

Ein sehr gutes Zeichen! Wenn die Überlebenden älter und die Jungen gelangweilt werden, dann kehrt doch langsam Normalität ein.

Also lernen wir: Es muss immer laut die Schuld bekannt werden!

Nein, nicht immer. Wir unterscheiden in der Forschung „relative“ und „absolute Vergebung“. Relative Vergebung ist abhängig davon, ob jemand um Vergebung bittet. Wie oft in Ruanda.

Und absolute Vergebung?

Die gewinnt momentan sehr an Bedeutung. Da sagt man: Es ist mir egal, was der Täter macht, ich mache selber meinen Frieden. Psychologen haben herausge­funden, dass es für das Opfer sehr befreiend ist zu sagen: Ich mache mich nicht ­länger davon abhängig, ob der Täter bereut. Es ist Schlimmes passiert, aber es soll nicht meine Zukunft bestimmen.

Ein Beispiel, bitte!

Denken Sie an den Prozess in Lüneburg und die Auschwitz-Überlebende Eva Mozes Kor. Oder an „The Book of Forgiveness“ von Desmond Tutu und seiner Tochter Mpho. Psychologen können inzwischen beweisen, dass es eine große Befreiung ist. Das Gegenteil können Sie in Israel und Palästina beobachten, wo es wie ein Anrecht betrachtet wird, Opfer zu sein, wie Privatbesitz, um den man konkurriert. Das erschwert jede Weiterentwicklung im Leben.

Warum geht dort nichts voran?

Das stimmt nicht, es gibt Gruppen, die sehr gute Versöhnungsarbeit leisten in Palästina. Aber seit es die Mauer gibt, kennen sich die Menschen kaum mehr. Und die Feindbilder sind: Palästinenser sind alle Terroristen! Israelis sind alle Besatzer und wollen uns vertreiben! Und die politischen Mehrheiten wollen keine Lösung.

Drei Beispiele, wie Versöhnung misslingt

Was können Sie als Forscher da machen?

Wir machen mit der Uni Tel Aviv das Projekt „Herzen von Fleisch – nicht von Stein: Begegnung mit dem Leiden der anderen Gruppe“. Wir sind mit Palästinensern nach Auschwitz gefahren, um ihnen erst mal zu zeigen: Das ist wirklich passiert, das ist ­keine Propagandalüge der Zionisten! Sie haben sehr stark reagiert, auch geweint. Jetzt haben sie ein Buch veröffentlicht, sie verstehen die Israelis besser, fragen aber auch: Wenn die Juden das alles erlebt ­haben, wieso behandeln sie uns so? Wieso sperren sie uns in Ghettos? Der palästinen­sische Professor, der die Reise geleitet hat, hat anschließend Morddrohungen bekommen, sein Auto wurde angezündet, er musste wegen Lebensgefahr einige Monate außer Landes. Auf seiner Facebook-Seite haben Menschen geschrieben, es sei un­verzeihlich, nach Auschwitz zu reisen.

Wo sind die Israelis hingefahren?

Zum Beispiel in Flüchtlingslager. Was mich am meisten beeindruckt hat: Obwohl es nur ganz wenige Begegnungen gab, ­war die Einstellungsänderung dramatisch. Vor der Reise haben sie noch gesagt: Frieden können wir uns nie vorstellen, wir fühlen uns bedroht. Nach der Reise herrschte die Meinung vor: Jetzt verstehen wir die andere Seite.

Und das nächste Versöhnungsprojekt?

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Lena Uphoff
Ich fahre morgen nach Griechenland in ein Dorf, in dem deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg ein Massaker verübt haben. Es gibt einen deutsch-griechischen Zukunftsfonds – eine Million Euro pro Jahr. Und mir wird immer klarer, dass die Heftigkeit, mit der um die Hilfe für Griechenland gestritten wird, auch daran liegt, dass es keine Versöhnung gab zwischen Deutschen und Griechen. Die meisten Deutschen wissen gar nicht, dass 1941 deutsche Soldaten Lebensmittel konfisziert haben und etwa 250 000 Menschen in Griechenland während der deutschen und italienischen Besatzung verhungert sind.

Wie misslingt Versöhnung auf jeden Fall? Nennen Sie bitte drei Beispiele.

Verordnen Sie Versöhnung top-down, ­ohne Verbündete in Kirchen oder anderen Gruppen. Lassen Sie die Menschen denken, dass es eigentlich nur um eine Amnestie für Täter geht – so wie jahrzehntelang in Lateinamerika. Und spielen Sie Gerechtigkeit gegen Versöhnung aus. Dann werden die Gruppen lange darum ringen, wer am meisten Geld bekommen soll – der mit dem schlimmsten Leiden. Oder der am meisten wieder aufgebaut hat. Solche Fehler lassen Versöhnung sicher misslingen. 

Martin Leiner

Martin Leiner ist Professor für Theologie an der Universität ­Jena und leitet das Center for Reconciliation Studies.
Foto: PR

Information

Den Verein zur Förderung der Versöhnungsforschung und -praxis können Sie ­finanziell unterstützen: vvv-jena.de

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