Was kommt nach dem Tod?

Was kommt danach?
Eisfläche

Anne Schwalbe

Vielleicht tauchen wir ein in ein ungewöhnliches Licht. Vielleicht bekommen wir frische Orangen gereicht. Oder müssen in ein Reinigungsfeuer – vor der grandiosen Auferstehung. Was passiert, weiß keiner. Wir haben die Frage trotzdem mal gestellt

Stephan Cezanne: "Unspektakulärer Wechsel"

Der Tod gehört zu meinem Job. Ich verdiene mein Geld damit, die Worte zum Abschied an offenen Gräbern zu sprechen. Die Frage nach der anderen Seite, ob da etwas ist oder nicht, hat mich lange sehr interessiert – aber spielt das wirklich eine so große Rolle? Viele Bücher zum Thema „Was kommt nach dem Tod?“ hinterließen bei mir so ein schales Gefühl. Ähnlich wie diese Pseudo-„Mystery“-Sendungen im Fernsehen über die großen Rätsel der Menschheit, wo eine Stimme aus dem Off am Ende alles wieder infrage stellt.

Stephan Cezanne

ist Theologe, Journalist und freier Trauerredner. Er wurde 1962 in Frankfurt am Main geboren.

Wenn es tatsächlich weitergeht nach dem Tode, dann wird das ein sehr unspektakulärer Wechsel sein. Daran glaube ich fest. Für alle großen Er­eignisse im Leben gilt: Sind sie erst einmal eingetreten, kommen sie einem ganz selbstverständlich vor. Eines Morgens wird man vielleicht aufwachen – und ist einfach nicht mehr am Leben. Aber ist nicht die Frage viel spannender, was es eigentlich ist, das da stirbt? Sind wir nur bio­logische Bewusstseinsmaschinen ohne inneren Kern oder haben wir doch eine ewige Seele?

Die Nahtodforschung deutet darauf hin, dass ­Menschen ein Bewusstsein haben können, auch wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert. Oder löst sich der Mensch doch in Nichts auf? Entscheidet sich sein Schicksal nur in dem einen Leben? Warum sollte man nicht öfter wiederkommen? Vielleicht stehen wir nach dem Tod in einem Licht, von welchem unser Sonnenlicht nur ein Schatten ist, wie Arthur Schopenhauer annahm. Wenn überhaupt etwas folgt, dann kann es aus meiner Sicht nur eine Art von erweitertem Bewusstsein sein, etwa wie im Zustand einer tiefen Meditation. Vielleicht auch eine „Wachheit der Seele“, wie Johannes Calvin es ahnte. Aber das sind alles nur Bilder für das Unbegreifliche. 

Eigentlich sind mir die Ratschläge lieber, die dazu mahnen, den flüchtigen Charakter der ­eigenen Lebenszeit zu akzeptieren. Denn was Leben nach dem Tod wirklich bedeutet, kann ja doch niemand wissen. Und das finde ich insgesamt sehr befreiend. Für mich ist das sogar ein großer Trost.
 

Jürgen Domian: "Nicht durch Worte zu begreifen"

In der Zenliteratur findet man eine kleine Anekdote. Ein Schüler fragt seinen Zenmeister: „Meister, gibt es ein Leben nach dem Tod?“ Darauf der Meister: „Ich war noch nicht tot.“ Ende der Debatte!

Domian

ist Jahrgang 1958 und moderiert seit 20 Jahren die Telefon-Talksendung „Domian“ im WDR.

Ich glaube, alles wirklich Wichtige findet jenseits der Worte statt. Denn keine Sprache der Erde vermag die Geheimnisse des Seins zu erfassen. Auch Gott wäre, so es ihn gibt, durch Worte nicht zu begreifen, ebenso wenig der Tod, die Zeit oder die Ewigkeit. Also schweigen wir lieber. So, wie es auch die Wüstenväter getan haben.

Wer lange schweigt, verliert die Angst vor dem Tod und wird ihn verstehen.
 

Sybille Lewitscharoff: "Manche müssen in die Hölle"

Selbst ein religionshöriger Mensch dürfte wohl kaum exakt wissen, wie das Leben nach dem Tod beschaffen sein wird. Es sei denn, er ist auf kindliche Weise naiv oder ein fanatischer Rechthaber, der seine ­Widersacher allesamt in der Hölle wähnt und sich selbst glanzumsponnen in erhabener Gottesnähe. Sein Ratschluss ist bekanntlich unerforschlich. Wäre es unumstößlich sicher, was mit uns nach dem Tod geschieht, wäre unsere Freiheit dahin. Spekulieren ist erlaubt, ­trös­tende Wunschbilder sind es auch.

Sybille Lewitscharoff

ist 1954 geboren und schreibt Romane („Montgomery“, „Blumenberg“, „Pong redivivus“), Hörspiele („Pfingstwunder“) und Essays.

Nach meiner (unmaßgeblichen) Vorstellung gibt es die Hölle. Wie genau sie funktionieren mag und wer genau darin Platz zu nehmen hat, weiß ich natürlich nicht. Bei einigen Kandidaten bin ich mir allerdings sicher, dass der einzig angemessene Platz die Hölle ist, und zwar ­ohne Möglichkeit der Erlösung. Es wäre mir unerträglich, müsste ich annehmen, Adolf Hitler, Josef Stalin und Pol Pot, um nur wenige Schwerstverbrecher zu nennen, ­würden nach einer kleinen purgierenden Qualzeit stracks zu erlösten Himmelsgeschöpfen. Müsste ich mir das ­allen Ernstes vorstellen, würde ich mich von der Religion abwenden.

Anders als Martin Luther, der vom Purgatorium nichts hielt, glaube ich sehr wohl an die reinigende Kraft eines Zwischenstadiums, eines besonderen Totenbehältnisses, in welchem einem die eigenen Sünden in bohrender Schärfe vor Augen treten. Buße und Gnade gehören zu-sammen, die schwer zu erlangende Reinheit des Herzens muss erst herbeigeführt werden. Dazu gehört die Sünden­erkenntnis auch unter Qualen. Sie muss abgerungen werden, kommt nicht mit einem Fingerschnips zustande. So, wie mir die Dreifaltigkeit einleuchtet, leuchtet mir auch die Dreiteilung des Jenseits ein.

Nicht umsonst ist für mich der größte Dichter aller Zeiten Dante Alighieri. Mit seiner „Commedia“ befasse ich mich nun schon seit einigen Jahren. Kaum ein Werk der Weltliteratur hat es vermocht, einen derart intel­ligenten Kommentarschweif hinter sich herzuziehen. Theologen, Romanisten, Juristen und Historiker sonder Zahl haben sich über sie gebeugt. Natürlich sind manche Vorstellungen darin zeitgebunden. Zum Beispiel kann es uns heute schwerlich einleuchten, weshalb Homo­sexuelle oder eine so noble Gestalt wie Francesca da Rimini in der Hölle schmoren sollen. Auch ist nicht einzusehen, weshalb Vergil, der hochmögende und treue Begleiter Dantes durch Inferno und Purgatorio, das Paradiso nicht betreten darf. Als Heide ist ihm der christliche Gott unbekannt geblieben, und dafür kann er nichts. Aber viele Aspekte von Dantes Blick auf die Sünder können Gültig­keit beanspruchen. Ihre selbstgerechte Verbohrtheit, das drehwurmhafte Kreiseln um sich selbst bar jeder Einsicht, wie das eigene Tun anderen geschadet hat, ist brillant skizziert und zeugt von großer Einsicht in die egoistischen Verformungen der menschlichen Natur.

Was passiert nach dem Tod?

Antworten aus Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus - gelesen von Cheftheologe Eduard Kopp

Aber wie herrlich ist das Leichterwerden des Sündengepäcks im Purgatorio, wie hinreißend gestaltet sind die himmlischen Sphären! In mir setzen gerade die der ­Hölle enthobenen Teile der Commedia schwirrende Glücksgefühle frei, zumal die poetische Raffinesse, das sehnsuchtsdurchzuckte und sehnsuchtsbeflügelte Wesen des Menschen in Worten, nichts als Worten aufzurufen, absolut hinreißend ist.

Wo ich einst landen werde? Keine Ahnung. Wollte ich eine Vermutung wagen, wäre mein Platz vielleicht in der unteren Abteilung des Purgatorio, wo man sich der Sünden wegen noch ziemlich abplagen muss – bei den Verleumdern, den Wichtigtuern, den Herzensfaulen. Vielleicht dürfte ich aber auch, wiewohl ich nicht zu den Kaisern, Königen und Fürsten zähle, im engelbewachten Tal von Canto VIII, durch das mit Anbruch der gefahrvollen Nacht die ewig züngelnde Schlange streift, mit zagendem Stimmlein das „Te lucis ante terminum“ anstimmen.
 

Fusein Frank: "Gott möchte, dass wir ins Paradies kommen"

Wenn du stirbst, dann kommt dein Körper ins Grab, deine Seele aber geht in eine andere Welt. Keine Ahnung, wie es da ist! Aber sie wird Frieden haben, die Seele, wenn du gut warst auf der Erde. In diesem Zustand wartest du aufs Jüngste Gericht. Wann das kommt? Wenn Jesus zurückgekommen ist und den Antichrist vernichtet hat. Jesus muss ihn nur ansehen, dann vergeht er – und die Welt wird ein besserer Ort.

Fusein Frank

ist 1984 in Ghana zur Welt gekommen, lebt seit wenigen Monaten in Deutschland. Er putzt Hotelzimmer. Er ist Muslim.

Vor dem Jüngsten Gericht sind Menschen, Dschinns und Engel. Jeder Mensch hat schon auf der Erde zwei Engel, die seine guten und schlechten Taten registrieren. Auf der Erde sind auch die Dschinns, das sind Wesen, die Gott aus Feuer geschaffen hat. Sie sehen uns, wir sehen sie nicht. König Salomo kontrolliert sie. Viele sind gut, aber nicht alle. Manche kapern Menschen, manche mögen das Wort Koran nicht hören. In Afrika gibt es spirituelle Menschen, die mit ihnen sprechen können.

Beim Jüngsten Gericht nun sieht jeder von uns seine guten und schlechten Taten im Leben wie einen Film ablaufen. Gott richtet dann über uns. Dabei zählt das Gute zehnmal so viel wie das Schlechte – denn Gott möchte, dass wir ins Paradies kommen. Das Paradies ist Gottes spezielle Kreation für Menschen, die Gutes getan haben. Es ist größer als die Welt, dort ist alles frisch, das Essen gut, es gibt Gutes zu trinken. Tränen gibt es dort nicht. Aber in der Hölle! Da brennt ein Feuer, heißer als jedes irdische Feuer, schrecklicher, aber man stirbt darin nicht, man leidet. Vielleicht für immer, vielleicht nur für einen Tag. Aber vor Gott ist ein Tag wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind für ihn wie ein Tag...
 

Joris: "Im Himmel ist Platz genug"

Früher habe ich gedacht, Leute sterben erst, wenn sie weiße Haare haben. Aber das stimmt nicht. Im Sommer ist Mamas Freundin gestorben. Die war noch nicht alt. Aber sehr krank. Ich habe Mama ein Bild gemalt, auf dem ihre Freundin aus einem Haus kommt und lacht. So geht es ihr besser, sagt Mama. Die Freundin ist jetzt im Himmel und unterrichtet dort Studenten.

Joris

Joris ist sechs Jahre alt.

Da oben müssen ganz schön viele Menschen sein, aber der Himmel ist so weit, da ist schon Platz genug. Auch für meine Erzieherin, die vor über einem Jahr gestorben ist. Manchmal, wenn ich schaukele, versuche ich so hoch zu schaukeln, dass ich sie wieder runterholen kann. Aber es klappt nicht. Ich weiß nicht mehr, wie sie ausgesehen hat. Aber sie hat immer Smileys auf die Pflaster gemalt, wenn wir welche brauchten. Das habe ich nicht vergessen.
 

Andreas Eschbach: "Das ewige Mysterium"

Es ist unergiebig, darüber zu grübeln, denn der Tod ist das letzte Rätsel und wird es bleiben, das ewige Mysterium, der Ereignishorizont unseres Lebens. So, wie man bei einem schwarzen Loch nicht sagen kann, was dahinter ist, so kann man es auch beim Tod nicht.

Aber: Wieso beschäftigt uns die Frage nach dem „Danach“ ­eigentlich so?

Andreas Eschbach

Der 1959 geborene Eschbach ist einer der erfolgreichsten europäischen Science-Fiction-Autoren („Das Jesus-Video“, „Todesengel“, „Der Jesus-Deal“).

Zunächst ist sie Ausdruck unseres Überlebenswillens: Wie alle Lebewesen wollen auch wir nicht sterben. Und die menschliche Strategie ist, die Dinge möglichst in den Griff zu kriegen: Wenn wir herausfinden, was es mit dem Tod auf sich hat, können wir ­ja vielleicht was dran drehen?

Vor allem aber spricht Angst daraus: Der Tod ist das ewig Unbekannte, und Unbekanntes macht Angst. Unser Leiden an der Frage, was „danach“ kommen mag, ist Ausdruck fehlenden Vertrauens, dass die Welt letztlich „gut“ eingerichtet ist.

Doch zu diesem Vertrauen zu finden ist das Einzige, was uns bleibt. Wir können nicht gegen das ganze Universum ankämpfen (wer anderer Ansicht ist, möge versuchen, eine Lawine aufzu­halten oder ein Erdbeben). Und warum sollte das Universum... das ­Leben... Gott... uns übel gesinnt sein? Kosmologen sagen, dass, wenn nur eine der zwei Dutzend physikalischen Grundkonstanten anders wäre, als sie ist, und sei es eine Winzigkeit, das Universum niemals Leben hätte hervorbringen können.

Das kann man durchaus verstehen als: Das Universum will, dass es uns gibt.

Da wird das mit dem Tod schon in Ordnung gehen.
 

Thomas Löning: "Unvorstellbar, ein schwarzes Loch"

Als Medizinprofessor und Pathologe muss ich ­sagen: Was nach dem Tod kommt oder was im Jenseits stattfindet, entzieht sich meiner Vorstellungskraft ebenso wie meinem Verständnis. Aber ich habe große Sympathie für dafür benutzte Wort-, Bilder- und Klangwelten – und auch für die Annahme, dann erlöst zu werden. Da geht mir die Textzeile eines Bach-Chorals durch den Kopf: „Es ist genug, Herr, wenn es dir gefällt, so spanne mich doch aus.“

Thomas Löning

Der emeritierte Medizinprofessor (*1950) des Universitätskrankenhauses Hamburg-Eppendorf arbeitet im Gerhard-Seifert-Referenzzentrum in Hamburg. 

Was mag nach dem Tod kommen? Als Wissenschaftler bin ich daran gewöhnt, dass viele Fragen offen bleiben. So ist es auch nach Jahrzehnten wissenschaftlicher Arbeit, an der ich selbst beteiligt war, und therapeutischer (Impf-)­Erfolge nicht gelungen, die Interaktionen zwischen den ­winzigen, aber eindeutig krebserregenden Papillomviren und ihren Zielzellen im äußeren und inneren Genitalbereich und speziell am Muttermund vollständig aufzuklären. Wann und unter welchen individuellen Bedingungen übernehmen die Viren die Kontrolle über die Zielzellen der betroffenen Organe? Das ist wie ein schwarzes Loch.

Als Pathologe habe ich ganz überwiegend mit der „sterblichen Hülle“ der Patienten zu tun gehabt und keinerlei Erkenntnisse über das Leben nach dem Tode erwartet. In meinen letzten Jahren am Klinikum wurde mit großem Aufwand ein „Abschiedshaus“ gebaut, früher nannte man so ­etwas eine Kapelle, in das ich mich gerne von der geschäftigen Welt zurückzog, allenfalls aufgeschreckt und berührt durch muslimische Frauen, die lautstark ihre Klagen anstimmten. Mein äußeres wissenschaftliches und klinisches Umfeld war zu dieser Zeit bereits ein religiöses Niemandsland, in dem persönliche Nöte weitgehend verstummten.
 

Fulbert Steffensky: "Das Märchen von der Auferstehung"

"Nicht mutig" heisst dieses kleine Gedicht von Marie Luise Kaschnitz:

Die Mutigen wissen
Dass sie nicht auferstehen
Dass kein Fleisch um sie wächst
Am jüngsten Morgen
Dass sie nichts mehr erinnern
Niemandem wiederbegegnen
Dass nichts ihrer wartet
Keine Seligkeit 
Keine Folter
 
Ich
Bin nicht mutig.
 
Ich gehe gerne über Friedhöfe und lese dort, was Menschen über ihre Toten sagen. Ich lese auf einem Grabstein: Auf ewig unvergessen! Auf einem anderen: Zum ewigen Gedenken! Es sind kurzfris­tige Ewigkeiten, die da versprochen sind. Das Gedächtnis ist schon verwittert, ehe die Steine verwittern, die es versprechen. Schon zwei oder drei Generationen nach ihrem Tod wird man den Namen der Toten nicht mehr kennen; den Namen der Menschen, die eines ruhigen Todes gestorben sind; der Kinder, die als Flüchtlinge im Meer ertrunken sind; der jungen Frauen und Männer, die im Krieg zerfetzt wurden, ehe sie gelebt und geliebt haben. Ich ge­stehe, ich bin nicht mutig genug, sie dem Vergessen auszuliefern. Ich bin nicht mutig genug, ihren empörenden Tod als grausames Fakt zu nehmen, dem nichts hinzuzufügen ist. Und so füge ich etwas hinzu. Ich singe (singen geht besser als sagen!): Du aber, meine Freude, du meines Lebens Licht, du ziehst mich, wenn ich scheide, hin vor dein Angesicht. Ich singe es aus Trotz gegen die Zerstörung des Lebens; manchmal aus Trotz und bei geringem Glauben.

Fulbert Steffensky

ist Jahrgang 1933 und Professor für Religionspädagogik. Er ist einer der bekanntesten theologischen Autoren im deutschsprachigen Raum und schreibt unter anderem für chrismon.

Ich erzähle nach, was mir die Bibel erzählt: Der Tod wird nicht mehr sein noch Leid noch Geschrei. Zum Glück muss ich nicht allein für die Geschichten von der Rettung des Lebens stehen. Mein Glaube allein ist zu gering dazu. Ich stimme ein in das große Märchen von der Auferstehung durch den Tod hindurch. Ein Märchen? Natürlich! Die tiefsten Wahrheiten kommen verschleiert in der Gestalt des Märchens, das sich vortastet bis ins Land des gerette­ten Lebens. Ich bin nicht mutig genug, auf diese Geschichten zu verzichten.

 

Lisi Dinslage: "Paradies, aber keine Hölle"

Lisi Dinslage

Die Fünfzehnjährige ist Schülerin.

Eine Hölle kann ich mir nicht vorstellen, aber das Paradies. Die Menschen, die Nahtoderfahrungen haben, erzählen, dass man in ein Licht geht. Das ist eine schöne Vorstellung, und ich glaube, sie ist auch schon sehr alt. In den Kirchenliedern aus vergange­nen Jahrhunderten ist von Engeln und Harfen die Rede, von Musik und Freude, prächtigen Schlössern. Vielleicht sind solche Bilder aus der Not des eigenen Lebens entstanden, vielleicht hat man deshalb den Tod als ­Erlösung betrachtet. Aber das ist wohl auch heute noch so: Wer alt ist und krank, der ist froh, wenn der Kampf vorbei ist. Vielleicht.

 

Daniel Schumann: "Was danach kommt, ist auch großartig"

Der Zivildienst im Hospiz, auch meine Fotoarbeiten mit todkranken Menschen haben meinen Blick auf die Welt sehr geprägt. Ich ­habe oft Sterbenden die Hand gehalten, bei ihnen gewacht, mit ihnen gesprochen. Dann habe ich sie als Tote gesehen, was denkt man da? Dass sie friedlich aussehen, mit entspannten Gesichtszügen, eben ohne Angst und Schmerzen. Und ich dachte: Das Leben ist so fantastisch! Wie es funktioniert, unser Körper, das Wetter, die Jahreszeiten – da muss es etwas Höheres geben, was das ermöglicht.

Daniel Schumann

1981 geboren, ist Fotograf. Für das Buch „Prinzessinnen und Fußballhelden“ porträtierte er lebensbedrohlich erkrankte Kinder.

Das Leben ist so großartig, da kann ich mir gut vorstellen, dass das, was danach kommt, auch großartig ist. Vielleicht eine Wiedergeburt? Vielleicht auch was ganz anderes. Jeder von uns wird sein eigenes Bild haben – genau wie jeder ein anderes Bild von seinem eigenen Leben hat.

 

Thea Dorn: "Aufbruch – oder nichts"

Die letzten Jahre habe ich an einem Roman geschrieben, dessen zentrale Themen der Tod und die Unsterblichkeit sind. Die Molekularbiologin Johanna Mawet versucht, die Sterblichkeit mit allen Mitteln der Hightech-Forschung abzuschaffen. Sie ist überzeugt, dass nach dem Tod nichts kommt. In ihren Augen ist ­der Tod nichts weiter als die finale Demütigung des ­stolzen, freien Individuums, weshalb sie es als den ­letzten, konsequenten Schritt des menschlichen Emanzipationsprozesses betrachtet, den Tod zu besiegen.

Thea Dorn

1970 zur Welt gekommen, ist Schriftstellerin und Fernseh­moderatorin. Gerade erschien ihr Roman „Die Unglückseligen“ über eine Biomedizinerin und einen Physiker aus dem 18. Jahrhundert.

Im Laufe der Geschichte nun begegnet Johanna Johann Wilhelm Ritter, einem schlesischen Pfarrerssohn und Physiker aus der Romantik, der seit 240 Jahren über die Erde irrt, weil er nicht sterben kann. Im Gegensatz zu ihr ist er überzeugt, dass menschliches Leben einzig vor dem Horizont der Endlichkeit seinen Sinn behält. Er sagt über den Tod: „Ein Aufbruch ist’s! Ein Gang nach einem Lande, von dem so wenig uns bekannt, dass alles uns dort widerfahren mag.“ Auch wenn mein Herz für Ritter schlägt: Ich vermag nicht zu entscheiden, welcher meiner beiden Protagonisten recht hat.

 

Barbara Drossel: "Wenn alles aus wäre, wäre das Leben sinnlos"

Wenn ich ausschließlich auf die Physik angewiesen wäre, wäre meine Antwort auf diese Frage: „Mit dem Tod ist mein Leben endgültig aus, und in ein paar Milliarden Jahren ist auch von der Erde und von allem, was sich je auf ihr ereignet hat, jede Spur verschwunden.“ Doch die Physik kann aufgrund ihrer Methodik wichtige Teile der innerweltlichen Realität (Bewusstsein, das Konzept des Jetzt, die Fragen nach Sinn und Moral) nicht erfassen, ebenso wenig wie alles, was über diese Welt hinausgeht – zum Beispiel die Frage nach Gott.

Barbara Drossel

Jahrgang 1963, ist Professorin für Theoretische Physik an der Technischen Universität Darmstadt.

Also antworte ich folgendermaßen: Die Auferstehung Jesu von den Toten ist das zentrale ­Ereignis, mit dem das Christentum begann und auf dem mein Glaube beruht. Sie bedeutet, dass mit dem Tod nicht alles aus ist.

Die Auferstehung Jesu schließt die Ver­heißung ein, dass Gott unsere jetzige Welt eines Tages in eine neue Welt transformieren wird und uns Menschen ein neues, ewiges Leben geben wird. Wenn mit dem Tod alles aus wäre, wäre das Leben sinnlos. Die Verheißung von Gottes neuer Welt bedeutet für mich, dass es eine ausgleichende Gerechtigkeit, eine aus dem Leid erwachsende Frucht und eine Antwort auf die Rätsel geben wird. Sie bedeutet auch, dass ich mein Leben mit dieser größeren Perspektive leben möchte.

 

Reinhold Dietrich: "Ein Gefühl des Aufgehobenseins"

Was kommt nach dem Tod? Wir wissen es nicht. Wir wissen ja auch nicht, was vor unserer Geburt war! Aber ich habe ein Modell entwickelt, zusammen mit einer Angehörigen. Wir stellten uns das Ganze vor wie den Kreislauf des Wassers. Es verduns­tet aus dem Meer, es bildet einen Tropfen, nimmt vielfältige Wege auf der Erde und fließt wieder ins Meer. Dann ist dieser Tropfen wieder Teil des Ganzen, nicht mehr unterscheidbar. Es ist vielleicht auch für den Menschen nicht mehr wichtig, unterscheidbar zu sein. Ob Mann oder Frau, krank oder gesund – es beginnt etwas Neues. Eine konkrete Vorstellung ­habe ich nicht, ich sehe mich nicht beim Gastmahl mit ­Jesus sitzen – aber ich rechne mit einem Gefühl des Aufgehobenseins. Wie ein Tropfen im Meer.

Reinhold Dietrich

1955 geboren, ist Seelsorger im Evangelischen Hospiz Frankfurt am Main.

Viele unserer Patienten möchten Menschen wiederbegegnen, ihrer Mutter oder dem Ehepartner, der vor Jahren starb. Eine 80-jährige Dame sagte mir, sie habe sich als junges Mädchen von ihrer Großmutter verabschieden müssen. „Du musst nicht traurig sein“, hatte die damals erklärt. „Wir sehen uns ja wieder.“ Unsere Patientin war durchs Leben gegangen, ohne das ernst zu nehmen, aber nun, am Ende, erinnerte sie sich an das Versprechen der Großmutter. „Und jetzt verstehe ich es“, sagte sie.

Sehr viele sagen: Da kommt nichts, außer Schlaf, es wird nichts sein. Einige werden getragen von einem kindlichen Paradiesglauben, wieder andere haben abstraktere Erwartungen: „Meine Seele wird Gott sehen.“ Wenige haben Angst, fürchten, für ihr Leben zur Verantwortung gezogen zu werden.

Im Hospiz bedeutet der Tod nichts anderes als sonst wo in der Stadt. Im Hospiz wird nämlich gelebt. Wenn wir uns hier unterhalten, geht es um Schmerzen, um Besuch, um die Angehörigen. Und es ist egal, ob jemand kerngesund ist oder ob er eine tödliche Diagnose und nur noch drei Wochen Zeit hat. Wie es ist, wenn man tot ist, kann man sich nicht vorstellen.

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