Pflege rundum - so könnte es gehen

Einer kriegt das ganze Geld
Seniorin beim Teetrinken

Foto: Gary John Norman / Plainpicture

Die Nachbarin kommt auf einen Tee vorbei, der Sohn kauft ein, dazwischen ist auch mal niemand da. Wie im normalen Leben.

Wie eine Rundumbetreuung ohne Polin klappen könnte, das probiert man im Landkreis Karlsruhe aus

Ein Pfarrer kommt in viele Haushalte. Und André Kendel traf dort oft auf osteuropäische Betreuerinnen. Er bezeichnet diese Form der Altenbetreuung als „Arbeitskolonialismus in Billiglohnländern“. Kendel ist nicht nur Ortspfarrer in Leopoldshafen, sondern auch Diakoniepfarrer im Landkreis Karlsruhe. Er wollte etwas verändern. Könnte man eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung auch anders hinkriegen?, fragte er sich – legal, qualitätsgesichert und trotzdem bezahlbar für die Haushalte?

Kendels Ziel: ein Angebot, das die Haushalte nicht mehr kostet als bisher, nämlich rund 1500 Euro. Der Pfarrer suchte sich allerlei Partner: zwei innovationsfreudige Diakoniestationen, die AOK, den Landkreis... Schnell war klar: Sie brauchen ein Modul für die Nacht. Und dann noch eine technische Gefahrenerkennung für Zeiten, in denen niemand beim Pflegebedürftigen ist. Und sie brauchen Menschen, die sich kümmern, aber nichts kos­ten, jedenfalls nicht so viel wie ausgebildete Pflegekräfte.

Das Fallmanagement für den einzelnen Pflegebedürftigen übernimmt die Sozialstation. Dafür bekommt sie den ganzen Geldtopf: das Geld von Pflegekasse und  gegebenenfalls Sozialamt plus den Eigenbeitrag des Haushalts. Mit diesem Budget soll die Sozialstation die komplette Versorgung organisieren – wie auch immer.

"Dann holen wir uns eben eine Polin"

Die Mutter kann nicht mehr allein? Dann holen wir uns eine Pflegerin aus Polen! Aber so einfach ist das nicht... Die Reportage von Christine Holch erschien in der chrismon-Ausgabe 02/16. Hier können Sie sie nachlesen.

Die Sozialstation macht Verlust, wenn sie – wie sonst – möglichst viel selbst pflegt; dann ist das Geld schnell alle, die Rundumversorgung aber noch nicht geschafft.  Die Sozialstation kommt nur dann auf eine vernünftige Kalkulation, wenn sie selbst möglichst wenig tut und stattdessen viele andere Schultern zum Mittragen findet. Sie muss also die Nachbarschaft aktivieren, Ehrenamtliche finden und Menschen, die an einem kleinen Zuverdienst interessiert sind. Und natürlich muss sie ausführlich mit den Angehörigen sprechen: Wen kennt dieser Mensch alles, wen darf man vorsichtig ansprechen? Wer könnte einkaufen, wer auch einfach nur mal zum Tee vorbeikommen?

Wie anders diese Aufgabe ist, schildert Pflegedienstleiterin Theresia Engel-Wilhelmi von der Sozialstation Walzbachtal so: „Man stellt nicht mehr nur die Medikamente hin oder wäscht den Menschen und verschwindet wieder, egal wie es dann ­weitergeht. Sondern man nimmt den gesam­ten Hilfebedarf in den Blick: Was braucht dieser Mensch noch?“

Für Demenzkranke ist das Konzept nicht optimal

Das Nachtmodul ließ sich schnell realisieren. Es meldeten sich genügend Mitarbeitende freiwillig. Überraschende Erkenntnis: Ab spätestens halb zwei Uhr in der Nacht will eigentlich niemand mehr was. Danach wacht Technik.

An ergänzenden technischen Lösungen wird in vielen europäischen Ländern gebastelt. Auch das Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe (FZI) hatte schon eine ganze Musterwohnung mit Assistenztechnik ausgestattet. Was davon in echten Wohnungen funktioniert, wussten sie noch nicht. Pfarrer Kendel freute sich ­über die Kooperation, stellte aber Bedingungen: Es musste kostenlos sein, ohne kompletten Hausumbau, und die alten Menschen müssen zustimmen.

Service, Links & Tipps

Viele Tipps in unserem Dossier: Die Mutter ist im Krankenhaus, der Vater unversorgt - und jetzt? Stress pur. Wo man Hilfe kriegt und was man sonst noch tun kann, finden Sie im Service-Teil "Mutter im Krankenhaus - was jetzt?"

Jetzt geht eine blendfreie Boden­beleuch­tung an, wenn das Bett verlassen wird, und weist den Weg zur Toilette; und die Tür­überwachung meldet langes Offenstehen oder nächtliches Öffnen aufs Handy vom Pflegedienst. Die Bodensensoren, die Stürze erkennen sollen, meldeten bislang allerdings meist Fehlalarme. Einmal hatte jemand Ratten im Haus.  

Seit 2014 läuft das Projekt, derzeit mit zwölf Betreuten. Pfarrer Kendel ist zufrieden: Vieles sei machbar, damit Menschen zu Hause wohnen bleiben können. Nicht möglich aber ist es, ihnen Profis 24 Stunden an die Seite zu stellen. Und auch wenn Ehren­amtliche kommen, gebe es Zeiten, in denen der alte Mensch alleine in seinem Sessel sitzt und aus dem Fenster guckt – wie im normalen Leben.

Demenzerkrankte können auf diese Weise nicht gut betreut werden. Womöglich ist für sie eine Gruppenversorgung besser, sagt Projektbegleiter Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule Freiburg. Weil sie da mehr Aufmerksamkeit bekommen und auch das Gefühl von Zugehörigkeit. Manchmal geht es Menschen mit einer Demenzerkrankung in Gemeinschaft tatsächlich besser, so die Erfahrung – auch wenn diese Menschen in ihrem bis­herigen Leben gern für sich waren.

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