Pflegerinnen aus Osteuropa

"Dann holen wir uns eben eine Polin"
Plötzlich brauchen die alten Eltern Hilfe. Heim? Undenkbar. Soll eine osteuropäische "24-Stunden-Betreuerin" einziehen? Aber es gibt nur eine garantiert legale Variante. Was wäre denn sonst möglich – heute und in 20 Jahren, wenn wir womöglich selbst Pflege brauchen?
Osteuropäische Pflegekraft hilft in deutschem Haushalt

Foto: Moritz Küstner

Diesen Monat kümmert sich die Polin Maria um die deutsche Seniorin, nächsten Monat dann wieder um ihre eigene Mutter und die kleine Tochter

Im Drogeriemarkt füllt Severin Siebel*, 55, seinen Einkaufswagen neuerdings mit Gebiss-Haftcreme und Inkontinenzeinlagen. Da geht es ihm wie manchen seines Alters: ­Die Kinder sind noch nicht selbstständig, die Eltern nicht mehr. Seine Mutter hat seit einem Sturz Pflegestufe 2. Ein Pflegedienst kommt ins Haus, morgens und abends. Das reicht nicht.

Die Mutter, nervös von der neuen Situation, muss fünfmal in der Nacht vom Bett auf den Toilettenstuhl gehievt werden. „Nach der dritten Nacht bist du da fix und fertig“, sagt der Sohn. Und sowieso: Als selbstständiger Requisiteur für Filmproduktionen muss er möglichst jeden Auftrag annehmen, dann ist er die ganze Woche weg. Der Pflegedienst schlägt schließlich vor: „Frau Siebel, sollen wir nicht abends eine extra dicke Windel nehmen, und Sie lassen’s dann halt reinlaufen?“ Nein, das kann sich Frau Siebel nicht vorstellen. Sie hat ihr Leben (inklusive Krieg, Flucht, Witwen­dasein) immer wieder in den Griff gekriegt, und jetzt soll sie in die Windel machen?

Der Sohn hört sich in der Siedlung um, bekommt eine Telefonnummer zugesteckt. Jetzt wohnen in seinem ehemaligen Kinderzimmer abwechselnd Agata, Alicia, Agnieszka*. Alle miteinander verwandt oder befreundet, alle aus Ostpolen, wo das Leben teuer und gute Arbeit rar ist. Alle selbstständig. Sagen sie. Glaubt Siebel. Ihre Anwesenheit rund um die Uhr kostet 1400 Euro pro Monat. Bar auf die Hand.

Service, Links & Tipps

Viele Tipps in unserem Dossier: Die Mutter ist im Krankenhaus, der Vater unversorgt - und jetzt? Stress pur. Wo man Hilfe kriegt und was man sonst noch tun kann, finden Sie im Service-Teil "Mutter im Krankenhaus - was jetzt?"

Aber Herr Siebel, das ist doch illegal! Ach so, sagt Siebel, weil die keine Arbeitserlaubnis haben? Nein, eine Erlaubnis brauchen die Leute aus den neuen EU-Ländern nicht mehr. Aber Agata, Alicia, Agnieszka sind ziemlich sicher scheinselbstständig. Rechtlich gesehen werden die meisten Betreuerinnen – ob nun „selbstständig“ oder von einer Agentur entsandt – zu Angestellten der Haushalte, wenn sie so arbeiten, wie sie meistens arbeiten: nach Anweisung der Betreuten oder ihrer Angehörigen und ohne selbstbestimmte Arbeitszeiten.

Eigentlich ist Severin Siebel der Arbeitgeber von Agata, Alicia, ­Agnieszka. Mit allen Pflichten: Mindestlohn, 40-Stunden, elf Stunden Ruhe zwischen den Schichten, Gehalt bei Krankheit...

„Komm ich jetzt ins Gefängnis?“, fragt Siebel. Nein. Aber sollte er entdeckt werden, bekäme er eine Anzeige wegen Steuerhinterziehung, er müsste alle Steuern und Sozialabgaben nachzahlen, obendrauf käme ein empfindliches Bußgeld.

"Ich riskiere meine Pension, wenn ich was Illegales mache"

Allerdings kommt es eher selten vor, dass Schwarzarbeits­kontrolleure in Wohnzimmern stehen. Dafür brauchen sie einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss. Den gibt es nur bei konkretem Verdacht. Etwa wenn ein Nachbar einen Tipp gab. Himmel, sagt Siebel, die eine Nachbarin! Die habe schon die halbe Siedlung mit Anzeigen überzogen wegen Bäumen, Müll, Hunden...

Es ist ein Dilemma. Die Angehörigen sind unter Druck, ­weil sie eine Lösung für ihre plötzlich schwachen Eltern finden müssen und weil die offiziellen Lösungen nicht taugen für ihre Lebenssituation. 244 Euro Pflegegeld für pflegen­de Angehörige sind ein Witz, dafür gibt man nicht seinen Job auf; und die höhere Pflegesachleistung reicht vorn und hinten nicht, um ausreichend Fremdbetreuung einzukaufen.

Da möchte man gern glauben, was Vermittlungsagenturen im Internet versprechen: Liebevolle Betreuerinnen stünden bereit – Rundum-sorglos-Paket –, 100 Prozent legal. Das können Ange­hörige schwer überprüfen. Allerdings: Eine daueranwesende Betreuerin für weniger als 2000 Euro kann nicht legal sein. Denn der Mindestlohn – der gilt auch für ausländische Arbeitnehmerinnen – liegt für 40 Stunden pro Woche bei knapp 1500 Euro brutto; dazu kommen Sozialabgaben und die Vermittlungsgebühr. Dann ist man bei mindestens 2000 Euro, sagen Fachleute. Wer weniger verlangt, arbeite mit Tricks, etwa die Arbeitszeit kleinzurechnen.

Heinrich Dablen*, 78, wähnte sich auf der sicheren Seite, als er einen Dienstleistungsvertrag mit einer Agentur unterschrieb: 2400 Euro sollte ihn die polnische Betreuerin pro Monat kosten. „Ich riskiere meine Pension, wenn ich was Illegales mache“, sagt der ehemalige Lehrer. Die Vermittlerin, die ihm die Söhne ins Haus geschickt hatten, sprach auch von einem A1-Schein, die Betreuerin sei also in Polen renten- und krankenversichert. „Ich hatte das Gefühl, das ist legal“, sagt der alte Herr.

So kam Maria Malinowski* zu ihm und seiner an Demenz ­erkrankten Frau Manon. Heinrich Dablen war vorsorglich ins ­Kinderzimmer unterm Dach gezogen, er konnte sich ein Leben mit einer fremden Person nicht vorstellen. Doch Frau Maria mochte er sofort. „Sie hat mich aus meiner relativen Einsamkeit geholt.“

"Ich habe fünf Jahre meines Lebens verschenkt"

Maria Malinowski, 39, ist nicht naiv. Aber was ihr Vertrag mit einer polnischen Vermittlungsagentur in Wahrheit für sie bedeutet, wusste sie lange nicht. Sie war Lehrerin für Deutsch und Sport, bis ihre Ehe zerbrach und sie mit ihrem Gehalt allein nicht mehr den Kredit für das Haus abbezahlen konnte, in dem sie mit ihrer achtjährigen Tochter und der kränkelnden Mutter wohnt. Also alte Menschen in Deutschland betreuen. Immerhin bekam sie pro Arbeitsmonat rund 1000 Euro aufs Konto.

Stutzig wurde sie, als ihre Bank sie für nicht kreditwürdig erklärte – sie sei ja nur freie Mitarbeiterin der Agentur. Ja, das Lohnkonstrukt war merkwürdig – 400 Euro Grundlohn, der Rest steuerfrei als Spesen. Schließlich fand sie heraus: Die Agentur zahlte für sie nur fünf Euro im Monat in die Rentenversicherung ein und hatte bloß eine billige Reisekrankenversicherung abgeschlossen. Maria Malinowski verstand: Die A1-Bescheinigung, die die Agenturen den deutschen Familien als Legalitätsbeweis entgegenhalten, sagt nur, dass in polnische Sozialkassen eingezahlt wird, aber nicht, ob auch in korrekter Höhe.

Die Autorin

Christine Holch, Jahrgang 1959, hat für diesen Text mit über vierzig Fachleuten gesprochen. Mangels Platz konnten nur wenige genannt werden. Dank an alle für ihr Wissen und ihre Einschätzungen! 
Wo war all das Geld hin, das Heinrich Dablen zahlte, 2400 Euro pro Monat und das über Jahre? In aller Offenheit spricht der ­polnische Rechtsanwalt Tomasz Major auf der Internetseite entsendung.pl über die Gewinne in der Entsendebranche. Seine Kanzlei habe die Zahlen von 46 Unternehmen analysiert, die ihr Personal in Deutschland einsetzen: „Im Schnitt gilt als Standardverdienst bei unseren Mandanten eine Gewinnmarge pro Arbeitnehmer und Monat zwischen 300 und 1000 Euro.“

Ja und?, sagt manche Tochter, mancher Sohn eines deutschen Pflegebedürftigen, ist es nicht trotzdem eine Win-win-Situation? Wir brauchen eine Hilfe, die Osteuropäerin** braucht Geld – 1000 Euro netto sind doch nicht nix. Bloß hat man dabei vergessen, die überlangen Arbeitszeiten – meist sieben Tage die Woche – einzupreisen, die hohe Verantwortung, die Rund-um-die-Uhr- Bereitschaft. 

Wie sich das anfühlt, solch ein fremdbestimmtes Leben? Eine Slowakin sagte dem Freiburger Sozialforscher Thomas Klie: „Ich kann das nicht auf Dauer, dass ich mich in einen deutschen Haushalt begebe und mich dort auf ein Leben konzentrieren muss, das überhaupt nicht meines ist. Und meine Familie und das, was mich sonst ausmacht, das spielt alles keine Rolle mehr, höchstens noch als innere Welt. Das tut mir nicht gut.“ Und die nüchterne Juris­tin Sylwia Timm von der DGB-Beratungsstelle „Faire Mobilität“ erschrak, als eine Frau sagte: „Ich habe fünf Jahre meines Lebens verschenkt an eine fremde Familie. Das war das Geld nicht wert.“

"Wenn ihnen die Arbeit zu schwer ist, gehen die einfach"

Was sagt eigentlich die Regierung zu diesen Zuständen, unter denen bis zu 300 000 osteuropäische Betreuerinnen arbeiten? Schließlich steht im Arbeitszeitgesetz: Acht Stunden täglich sind erlaubt, Überschreitungen müssen ausgeglichen werden. Aber es gibt eine Ausnahme: Die Höchstarbeitszeit gilt nicht für Chefärzte und leitende Angestellte – und auch nicht für Beschäftigte, die „in häuslicher Gemeinschaft“ mit anvertrauten Personen leben, die sie eigenverantwortlich er­ziehen oder betreuen. Das betreffe etwa SOS-Kinderdorfeltern, so das ­Bundesarbeitsministerium, da könne man kaum Freizeit von ­Arbeitszeit abgrenzen.

Die 24-Stunden-Agenturen finden das prima. Ist nicht die osteuropäische Betreuerin dasselbe wie die SOS-Kinderdorfmutter? Die SOS-Mutter lebe elternähnlich mit ihren Schützlingen zusammen, die 24-Stunden-Betreuerin, nun ja, tochterähnlich. Dass die SOS-Kinderdorfmutter das Familienleben in ihrem eigenen Haushalt nach ihren eigenen Maßstäben gestaltet und einen oder zwei Tage pro Woche komplett frei hat – geschenkt. 

Muss einen das interessieren? Ja – wenn man auch in ein paar Jahren noch eine osteuropäische Betreuerin finden will. Die werden nämlich selbstbewusster, vor allem Polinnen, denn sie kennen mittlerweile ihren Marktwert. Auf Facebook tauschen sich rund 1500 Frauen nicht nur über wunde Seniorenhaut aus, sondern auch über eine Gewerkschaftsgründung.

Immer mehr Frauen stellen Bedingungen: keine Nachtarbeit, keine demente Person, nur gehfähige Person, Internetanschluss. Geradezu fassungslos berichtet der Anwalt einer deutschen 24-Stunden-Agentur von der veränderten Marktsituation: „Wenn ihnen die Arbeit zu schwer ist, dann gehen die einfach. Die sagen, ihre Oma sei krank oder das Kind. Die gehen einfach!“

Manche gehen lieber nach Österreich, da gibt es mehr Geld. Andere in die Schweiz, da gibt es noch mehr Geld – und die neue Gewerkschaftsgruppe „Respekt“. In der Schweiz gibt es sogar eine Regierung, die jetzt die Rechtlosigkeit der „Betagtenbetreuerinnen“ beenden will. Vielleicht mit einem landesweiten Arbeitsvertrag? Einfach wird das nicht, denn: Ist es Freizeit, wenn die Betreuerin neben der Betagten sitzen und ein Fernsehprogramm gucken muss, das sie gar nicht gucken will? Und ist es reine Freizeit, wenn sie zwar nichts tun muss, aber das Haus nicht verlassen darf?

Ein Tag pro Woche frei? Das glauben Interessierte oft nicht recht

In Deutschland dagegen dulde man spätfeudale Verhältnisse, überlasse diesen Schattenmarkt sich selbst – so beschreiben Fachleute aus Kirche, Gewerkschaft, Wissenschaft das Schweigen der Politik. Es ist eben eine überaus praktische Illegalität. Die Pflege­versicherung würde zusammenbrechen, kämen all diese betreuten alten Menschen ins Heim.

Maria Malinowski aber wollte nicht länger derart ungesichert arbeiten. Sie drängelte. Und Senior Heinrich Dablen, eifriger Zeitungsleser, fand eine Notiz: Man könne die Betreuerin selbst anstellen, dabei helfe ein Projekt der württembergischen Dia­konie, des Vereins für Internationale Jugendarbeit Stuttgart und der Evangelischen Frauen in Württemberg. Name: FairCare.

In der Tat, das ist wohl die einzige garantiert legale und zudem faire Variante. Die Eckdaten von FairCare: Die Betreuerin bekommt 1650 Euro brutto, der Haushalt überweist insgesamt 2300 Euro – da sind Sozialversicherungsbeiträge, Fahrtkosten, Begleitung durch FairCare schon drin. Da der Haushalt auch Geld bekommt (Steuer­ersparnis, Pflegegeld Stufe 1, Verhinderungspflege), zahlt er effektiv nur 1650 Euro. Meist wechseln sich monatlich zwei Betreuerinnen ab.

Und jetzt der Haken: Die Betreuerinnen dürfen im Schnitt nur 38,5 Stunden ar­beiten. Dauerbereitschaft ist nicht. Und mindestens ein Tag pro Woche muss komplett frei sein, möglichst zwei. Das können Interessierte oft nicht recht glauben – auch wenn sie selbst Angestellte sind.

Pensionist Heinrich Dablen bemüht sich ja, wie oft sage er zu Frau Maria, wenn die keine Pause macht: „Wegen Ihnen komme ich noch ins Gefängnis!“ Aber Maria Malinowski weiß nicht, wann sie Pause machen soll. Um die demenzerkrankte Manon Dablen morgens zum Aufwachen und dann Aufstehen zu überreden, brauche man manchmal Stunden. Mal hilft eine Fußmassage, mal helfen Luftballons, mal hilft gar nichts. Dann sitzt Manon erst um elf Uhr beim Frühstück. Um ein Uhr wartet Herr Dablen auf sein Mittagessen, und einkaufen muss sie ja auch noch.

Frauen aus Nicht-EU-Ländern wären Schwarzarbeiterinnen

„Alles braucht Zeit“, sagt Maria, „und Herr Dablen mag es auch gern gemütlich, Kaffee trinken, Kuchen essen. Dann schaue ich mit Frau Dablen Fotos an, spiele Mikado oder Domino, sie kann sich nicht alleine beschäftigen. Ich muss das Leben der beiden gestalten. Dann ist schon wieder Abend­essen. Mittags, wenn sie schlafen, mache ich den Haushalt.“

Die katholische Caritas hat ein ähnliches Projekt aufge­zogen: CariFair. Es gibt einen ausgetüftelten Wochenplan, damit das mit der Arbeitszeit klappt: An vier Tagen ist die Betreuerin ganztags zuständig, an zwei Tagen nur halbtags (da ist die betreute Person in einer Tagespflegeeinrichtung), ein Tag ist frei; abends kümmern sich Angehörige, oder der Hausnotruf ist an.

Reinweiß ist aber auch dieses Modell nicht. CariFair war so tapfer, sein Projekt wissenschaftlich auswerten zu lassen. Ergebnis: 10 Prozent der Frauen hatten – vertragswidrig – kein eigenes Zimmer; 30 Prozent fanden den Lohn zu gering; 40 Prozent wünschten sich mal einen ganzen Tag frei; und viele beklagten, dass sie zu wenig Verpflegung bekämen.

Der Fotograf

Moritz Küstner, geboren 1989, fragt sich, ob er seine Eltern pflegen würde. Er ist froh, dass beide mitten im Leben stehen. 
Die Sparsamkeit deutscher Altenhaushalte! Davon kann Renate Zäckel Geschichten erzählen. Sie berät beim Fraueninformationszentrum in Stuttgart Betreuerinnen, holt sie manchmal auch aus dem Haushalt ab, wenn es gar nicht geht. Da flüsterte ihr zum Beispiel eine alte Dame ihren Ärger ins Ohr: Dass die Betreuerin jeden Tag dusche! Dass sie ihre Wäsche getrennt waschen wolle! Dass sie zu viel einkaufe und viel zu teuer! Dabei, sagt Zäckel, sind die Betreuerinnen sehr bescheiden, sie würden nur gern mal Obst und frisches Gemüse essen, nicht immer nur Kartoffeln.

Auch beim Lohn sind besonders die Rumäninnen und Bulgarinnen bescheiden. Aber für weniger als 1000 Euro netto lässt heute kaum noch eine ihre Familie in der Heimat zurück. Wer jetzt denkt, dass dann ja Frauen aus Moldawien und der Ukraine kommen könnten – Achtung: Das sind keine EU-Staaten, die Betreuerinnen bekämen keine Arbeitserlaubnis, es wäre Schwarzarbeit pur.

Man könnte ja auch Deutsche als Betreuerinnen anstellen. So wie die Stiftung Innovation & Pflege, hervorgegangen aus einer ökumenischen Sozialstation. Was die Pflegekräfte in den Haushalten sahen, war oft nicht gut: überforderte osteuropäische Betreuerinnen in schwierigen Einsätzen, etwa mit Demenzerkrankten, drei Monate am Stück, schlecht oder gar nicht begleitet – „eine Zumutung, für alle Beteiligten“, sagt Vorstand Rolf Schneider.

"99 Prozent der Leute brauchen doch gar keine Rundumbetreuung"

Mittlerweile hat er rund 300 in Deutschland lebende Betreuerinnen angestellt. Sie leben jeweils zwei Wochen im Altenhaushalt und dann zwei Wochen im eigenen Zuhause. Sie bekommen Fortbildungen und einen Lohn je nach Ausbildungsgrad, auf ­jeden Fall oberhalb des Mindestlohns.

Das kostet 4380 Euro für einen an Demenz erkrankten Menschen mit Pflegestufe II. Am Ende, nach Abzug von Pflegesach­leis­tungen, bleiben als Eigenanteil 3000 Euro. Viel Geld. „Aber wir haben nicht nur sehr vermögende Kunden“, sagt Schneider, „da gibt es auch den Sohn, der sagt: ‚Vater, du kommst mir nicht ins Pflegeheim. Ich leg noch was drauf.‘“

Trotzdem: Womöglich ist die Eins-zu-eins-Betreuung in Zukunft ein Luxus nur noch für wenige. „Aber 99 Prozent der Leute brauchen doch gar keine Rundumbetreuung“, sagt Margot Klein von der Beratungsstelle Viva in Mannheim. Man müsse meist nur das fehlende Glied in der ­Kette der Alltagshandlungen ersetzen, dann kämen die alten ­Leute wieder alleine weiter. Dabei baut sie auf deren größte ­Motivation: allein auf Toilette gehen zu können. Sicher, da ist viel Üben notwendig, „aber die Leute in dieser Altersgruppe sind ja sehr willensstark“. Und Margot Klein ist geduldig.

Viel Begleitung am Anfang also und anschließend vielleicht viermal täglich ein Besuch von anderthalb Stunden. Das kostet viel mehr, als die Pflegeversicherung zahlt. Wer zahlt den großen Rest? Och, sagt Margot Klein, das ist finanzierbar. Bei den von Viva betreuten Menschen zahle oft das Sozialamt. Und dann der Hammersatz: „Die 24-Stunden-Betreuerin haben jene Leute, die keine Hilfe vom Sozialamt erwarten dürfen, weil sie dafür zu viel Geld haben.“

Stimmt, das Sozialamt zahlt, was nötig ist, die Pflegever­sicherung dagegen ist nur als „Teilkasko-Versicherung“ gedacht. Alte Menschen zu pflegen und zu umsorgen, gilt nicht als Aufgabe eines Wohlfahrtsstaats, sondern als Privatproblem. Das ist deutsch und ziemlich einzigartig.

Steuert die deutsche Politik um? Im Moment eher nicht

Noch pflegen Angehörige, meist Frauen, in geradezu „vormoderner Weise“, sagt Sozialforscher Thomas Klie von der evangelischen Fachhochschule in Freiburg. 70 Prozent der Pflege­bedürftigen leben zu Hause; und fast 50 Prozent werden nur von Angehörigen gepflegt, ohne Pflegedienst. Nicht wenige Pflegende werden krank, jede fünfte sogar depressiv. Trotzdem sei die Bereitschaft zur Pflege immer noch sehr hoch – „aber es gibt mehr Störgefühle“, sagt Klie. Und das ist dann der Moment, wo in den Familien der Satz fällt: Dann holen wir eben eine Polin.

Erstaunliches zeigt der Blick in andere Länder: In Skandinavien kennt man solch einen grauen Pflegemarkt nicht. Dort ist Altenfürsorge eine Staatsaufgabe, so wie Bildung. Die Kommune darf über das ganze Geld verfügen und zahlt alles, was der alte Mensch an Unterstützung braucht – und zwar lang vor der niedrigsten deutschen Pflegestufe. Man muss sich nicht mühsam ­alles selbst zusammensuchen, sondern bekommt ein individuelles ­Unterstützungspaket organisiert. Will jemand selbst pflegen, wird er auskömmlich dafür bezahlt – kein Vergleich zur deutschen Anerkennungsprämie, genannt Pflegegeld.

Das kostet. Aber es gleicht sich volkswirtschaftlich mehr als aus, hat die Leipziger Forscherin Cornelia Heintze herausge­funden: Viel mehr Frauen sind voll berufstätig, und gleichzeitig entstanden in der Carebranche Arbeitsplätze.

Es sieht im Moment nicht danach aus, dass die deutsche Politik in die skandinavische Richtung umsteuern will. Wer in Deutschland trotzdem etwas ändern will, versucht meist, Bürger und Bürgerinnen für freiwillige Dienste zu ge­winnen. Damit ein Netz entstehe, das hält: aus Ehrenamtlichen, Profihelfern und mehr Tagespflegeplätzen.

Einer kriegt das ganze Geld

Wie eine Rundumbetreuung ohne Polin klappen könnte, das probiert man im Landkreis Karlsruhe aus. Hier können Sie den Zusatzbericht aus chrismon plus 02/16 lesen.

Aber Freiwillige fallen nicht vom Himmel. Zwar braucht jeder Mensch eine gewisse „Tagesdosis an Bedeutung für andere“, wie Psychiatrieprofessor Klaus Dörner das ausdrückt, der schon eine ganze Psychiatrie aufgelöst und die Patienten in die Gemeinde integriert hat – aber wirklich freiwillig übernehme keiner die Rolle des Nachbarn, der Nachbarin, diese Rolle sei ja auch „ausgesprochen lästig“. Falls nicht eine absolute Notsituation herrsche, brauche man eine extra Ansprache, einen Schubs, eine Stärkung der Motivation. „Das ist moralisch absolut okay“, findet Dörner.

Dass es einen Schubs braucht, das war den Leuten in Riedlingen an der Donau bereits bei der Gründung ­ihrer Seniorengenossenschaft klar. „Es muss einen ­Nutzen geben für die Leute“, sagt Vorstand Josef Martin. Deshalb können die Freiwilligen für jede geleistete Stunde später selbst eine Dienstleistungsstunde von der Genossenschaft einfordern. Ob das nun Putzen ist, große Wäsche, Fahrdienst, Einkaufen, Gartenarbeit oder eine andere Unterstützung, die man braucht, wenn man nicht pflegebedürftig ist, aber hilfebedürftig – pflegebedürftig ist ja von den 80- bis 85-Jährigen nur jeder Fünfte, aber Hilfe brauchen viele. Auch diese Lücke lässt die Pflegeversicherung.

Eine Lücke klafft zwischen Bedarf und gesetzlichem Angebot

Das Problem: Die Zeitgutschrift reicht nicht als Motivation, wenn jemand mal keine Lust auf seinen Dienst hat. Die Dienste der Seniorengenossenschaft sollen aber verlässlich sein. Was tun? Geld muss fließen, entschied die Genossenschaft. Jetzt kann man sich seine Zeitgutschrift auch auszahlen lassen. Eine Stunde Putzen kostet den Bürger, die Bürgerin 9,50 Euro, davon bekommt die Helferin, der Helfer 7,80 Euro; mit dem Rest finanziert die Genossenschaft zum Beispiel Fortbildungen. Dass die Bürger für die Dienste bezahlen, ist auch ihnen selbst wichtig: Man will ja nicht immer dankbar sein müssen.

Das Riedlinger Modell ist erfolgreich: Deutlich weniger Menschen mussten seitdem ins Pflegeheim. Und die Genossenschaft wächst und wächst: 800 Mitglieder, davon 150 Helfer und Helferinnen. Jüngere bessern ihr Einkommen auf, Ältere ihre Rente. 

Wenn nur die Gesetze ihnen nicht so viele Steine in den Weg legen würden, seufzt Josef Martin. Muss man denn wirklich den Mindestlohn zahlen, wenn eine ehrenamtliche Dementenbetreuerin über die steuerfreie Aufwandspauschale von 2400 Euro im Jahr kommt? Ja, muss man, sagt das Bundesarbeitsministerium.

Und das ist womöglich auch richtig so. Denn es gibt – vielleicht nicht in Riedlingen, aber sonst oft – die ungute Tendenz, Menschen auf ein niedrigst bezahltes „Ehrenamt“ zu verweisen, die eigentlich eine existenzsichernde Arbeit suchen.

Und, mal ehrlich: Wer will auf Wohltätigkeit angewiesen sein, wenn er Hilfe braucht? Da will man doch lieber einen Rechtsanspruch auf Hilfe haben. Was ist denn, wenn man in einem Kaff oder in einer Siedlung wohnt, wo keiner Lust auf Ehrenamt hat? Freiwillige sollten eher das Sahnehäubchen auf dem Kuchen sein – so drückt es Forscherin Heintze aus. „Und wenn es in einem Ort kein Sahnehäubchen gibt, gibt es immer noch den Kuchen.“

Wie soll das werden, wenn immer mehr Deutsche ins hohe Alter hineinwachsen und damit in die Hilfebedürftigkeit? „Mir macht diese Entwicklung Angst“, sagt Helma Lutz, ­Soziologieprofessorin in Frankfurt, „alle wissen, was da auf uns zukommt. Diese Lücke, die zwischen Bedarf und gesetzlichem Angebot klafft. Aber es rührt sich nichts.“

Die Mutter von Severin Siebel hatte es sich ganz anders vorgestellt: „Ich dachte, ich wach einfach nicht mehr auf.“ Und jetzt braucht sie jemanden, der ihr, ja, den Po abwischt. Gerade ist Agnieszka da. Und es ist gut so, wie es jetzt ist, findet Sohn ­Severin Siebel. Er hat jüngst sogar die fiese Nachbarin gegrüßt, Polizei und Gefängnis müssen ja nicht sein. Aber er selbst werde sich keine Agnieszka leisten können, wenn er alt ist. Die Tochter, 16, feixt: „Ich putz dir dann das Gebiss, Papa. Haha!“

*Name und einige Details von der Redaktion geändert

**Wir verwenden hier den Begriff „Osteuropäerinnen“, weil er der gebräuchliche ist – auch wenn Polen geografisch zu Mitteleuropa gehört und Rumänien zumindest teilweise. 

Information

Viele Tipps in unserem Dossier: Die Mutter ist im Krankenhaus, der Vater unversrogt - und jetzt? Stress pur. Wo man Hilfe kriegt und was man sonst noch tun kann, finden Sie im Service-Teil "Mutter im Krankenhaus - was jetzt?"

Hilfreiche Links in Kürze:

FairCare: Frau Darchiashvili, Telefon 0711/23941-37, Mo–Fr: 8–16 Uhr. www.vij-faircare.de
 
CariFair: Frau Menebröcker, Telefon 05251/209-257
 
Verbraucherzentrale: kostenloser Download von „Ausländische Haushalts- und Betreuungskräfte in Privathaushalten“: www.vz-nrw.de/betreuungskraefte
 
Stiftung Warentest: „Spezial Pflege“, Juni 2015, 8,50 Euro

 

Lesermeinungen

Die Deutsche geben sich als sehr gläubig, christlich usw. aber wenn es zu christlichen Sachen kommt wie Kummer um ihre Angehörige sind sie sehr zurückhaltend...

Liebe Chrismon-Redaktion,

 

ganz herzlichen Dank für den Bericht von Christine Holch "Dann holen wir uns eben eine Polin! im Heft 02.2016. Daß das nicht so einfach ist, wie es klingt, haben Sie ja in dem Artikel vorbildlich beschrieben.

 

Einen Gedanken möchte ich noch anhängen: Statt den klippenreichen und teuren Weg der Suche nach einer Pflegekraft aus dem Ausland zu beschreiten, läge es doch nahe, wenigstens in leichteren Betreuungsgsfällen, eine deutsche Witwe oder Rentnerin zu suchen und ihr anzubieten, die leerstehende Einliegerwohnung mietfrei oder zu abgesenkter Miete im Haus der betreuungsbedürftigen Person zu beziehen, sofern diese Witwe oder Rentnerin sich im Gegenzug freundschaftlich bereiterklärt, sich nebenbei ein bißchen um die zu betreuende Person zu kümmern bzw. sie informell im Auge zu behalten, ähnlich wie das vielleicht eine Nachbarin oder eine in der Nähe wohnende Tochter oder Schwiegertochter täte. Denkbar wäre ja auch, eine solche Betreuung auf Minijob-Basis (bis zu 450 € monatlich mit Anmeldung bei der Minijob-Zentrale in Essen) zu organisieren. Oder eine Kombination aus Minijob, mietfreiem Wohnen und täglich stundenweiser Betreuung durch einen ambulanten Pflegedienst zu vereinbaren.

 

Meine Frage wäre nun, ob für so eine Fallgestaltung ein schriftlicher Vertrag vorgeschrieben wäre und ob man damit steuerrechtliche oder

versicherungs- und arbeitsrechtliche Probleme heraufbeschwört. Welche?

Schließlich könnte man sich vielleicht auch eine Weile mit einem Au-pair-Mädchen behelfen?

 

Solche Konstrukte reichen freilich nicht bei intensivem Betreuungsbedarf. Doch dürfte es genügend Fälle geben, in denen sie eine zeitlang das Problem lösen helfen.

 

Es wäre prima, wenn Sie ergänzend zu Ihrem Artikel auf diese Frgagen eingehen könnten.

 

Mit besten Grüßen, Ihr Christoph Eitner

Leben in einem Seniorenstift.

Wir sind in ein Seniorenstift gezogen. Vor ein paar Monaten. Unsere Kinder haben das, da der Gedanke nicht mehr neu war für sie, ohne große Reaktion zur Kenntnis genommen; haben wir Ihnen doch immer gesagt, dass wir sie damit entlasten und uns von Ihnen genau so wenig abhängig machen, wie sie für unser späteres Wohlergehen verpflichten wollen. In unserem sonstigen Umfeld reichte die Reaktion von" Respekt" über "warum denn, Euch geht's ja noch gut" bis "?".

 

Natürlich kennen wir auch Menschen unserer Altersklasse, die das gar nicht erwägen, da Sie damit rechnen, dass sie schon mit ihrer Situation später einmal zurechtkommen werden, ohne dies selbst konsequent zu durchdenken, oder aber sie planen "Jemanden ins Haus zu nehmen".

 

Nun muss man zugeben, dass nicht jeder in ein Seniorenstift, wie sich das Unsere nennt, gehen kann. Ganz schlicht: weil ihm die Mittel dazu fehlen. Viele aber, vermutlich mehr als es jetzt tun, könnten es jedoch, wenn sie wie wir, bereit wären, ihr Haus oder sonstiges Eigentum zu verkaufen, um die monatlichen Einkünfte auf das notwendige Niveau zu heben.

 

Lebensentwürfe sind eben sehr unterschiedlich. Das Alter wird vielleicht zu sehr als ein "eben weiter machen" angesehen. Es ist jedoch eine Lebensphase, in der man selbstkritisch feststellen kann, dass auch Altgeübtes schwerer fällt, Neues nicht mehr so leicht angenommen wird und für sehr viele Menschen körperliche, und leider auch manchmal spürbare, geistige Einschränkungen auftreten.

 

Wir sind umgezogen und unser Haus ist verkauft. Wir sind in unserer neuen Umgebung sehr, sehr freundlich aufgenommen worden. Ja, es wird hier auch gestorben. Ja, und man erfährt auch von plötzlichen schweren Erkrankungen, von Schlaganfällen und Ähnlichem, in einem Maß, in dem man sonst vielleicht nicht damit konfrontiert werden würde.

 

Rollatoren sind überall und für manche ist der tägliche Gang ins Restaurant zum Mittagessen (obwohl es das auch im Apartment gibt) schon eine Anstrengung und sehr mühsam. Realität des Altwerdens eben! Obwohl alle hier natürlich ihr eigenes Leben mitbringen und weiterhin ihren Vorstellungen gemäß leben, so gibt es doch offenbar viele Gemeinsamkeiten.

 

Alle haben mehr oder weniger freiwillig die Realitäten des Altwerdens anerkannt. Sie haben auf vieles verzichtet, denn im Laufe eines langen Lebens sammeln sich sehr viele Dinge und Gewohnheiten an, die nur noch sehr eingeschränkt in ein Seniorenapartment passen. Daher hat sich jeder hier von Liebgewordenem getrennt, es sozusagen der Realität geopfert.

 

Alle können damit leben, dass erst neu gewonnene Bekanntschaften, Freundschaften, immer wieder bald enden. Wenn man hier viele Jahre lebt, wir haben schon Einige getroffen die das über 20 Jahre tun, dann hat man das oft und immer wieder erfahren. Auch das muss man aushalten.

 

Keiner redet über Krankheiten, obwohl ja eigentlich jeder irgendein Problem hat. Es wird auch niemand auf sichtbare Einschränkungen (z.B.in der Bewegung oder beim Gehen) angesprochen. Das ist sehr angenehm und wohl ein unausgesprochener Konsens, dem wir uns sehr gerne angeschlossen haben.

 

Man lässt sich nicht gehen in der Kleidung, bei den Manieren. Es gibt beim gemeinsamen Essen im Restaurant keine Schlabberhosen oder -hemden etc. Am Sonntag tragen fast alle Männer Jacke und Krawatte oder ähnliches, die Frauen kleiden sich natürlich entsprechend.

 

Ist es das, was wir erwartet haben? Im Großen und Ganzen schon. Wir sind im Seniorenstift angekommen.

 

[Anmerkung der Redaktion: Der Leserbriefschreiber möchte gerne anonym bleiben, Name und Anschrift sind uns aber bekannt.]

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ihren Artikel habe ich mit großem Interesse gelesen. Den auf Seite 16 genannten Betrag von "effektiv 1650 Euro für die einzige legale und zudem faire Variante" halte ich jedoch für wagemutig. Trotz des inzwischen gestiegenen Pfegegeldes ist es m.E. nicht möglich, über Pfegegeld, Steuerersparnis und Verhinderungspflege 650 Euro im Monat aufzubringen. Steuerlich ist bekanntlich nicht das gesamte Gehalt der Betreuerinnen absetzbar, beispielsweise keine Fahrtkosten. Außerdem erfordert maximale Steuerersparnis auch Steuern im Spitzensteuersatz - bei Renten eher realitätsfern. Sollten Sie nun die hoch belasteten Gehälter der Kinder ins Rennen führen wollen: Hier gibt es betragliche Grenzen.

Auch fehlt bei der frohen Nachricht die Info, dass weitere Kosten für Essen, Wasser, Heizung, Müll etc anfallen. Und realistisch gibt man ja auch bei Abreise ein kleines Geldgeschenk!

Nichtsdestotrotz wurden in dem Artikel die Schwierigkeiten, mit denen alle Parteien zu kämpfen haben, gut geschildert und ich bedanke mich herzlich dafür.

Mit freundlichen Grüßen

Monika Jehle

Sehr geehrte Damen und Herren,
 
zunächst möchte ich Ihnen danken, dass Sie dieses Thema einmal öffentlich ansprechen und ein wenig erklären was damit alles zu tun hat.
Vor mehr als 4 Jahren habe ich, damals Vorsitzender eines Fördervereins Diakonie in Hersfeld (ehrenamtlich), an unheimlich vielen Stellen dieses Thema angesprochen.
Im eigenen Vorstand, mit der Diakoniestation unter Vorsitz eines Pfarrers, mit dem Diakonischen Werk in Kassel-dort waren wir auch Mitglied-, bei den Bundestags Abgeordneten der großen Parteien SPD/CDU, usw. Leider ohne Erfolg und ohne ernsthaftes Interesse. Immer hat man die Eigeninteressen höher gesetzt.
 
Bis heute bin ich der Meinung, dass die Diakoniestationen und eine entsprechende Regelung in einem Vertragsverhältnis diese Frauen, aus den Osteuropäischen Ländern, gemeinsam zum Einsatz bringen könnten. Bei legaler Abrechnung.
Z:B: Eine Osteuropäische Frau wird unter Vertrag genommen und die Diakoniestation übernimmt die Betreuung (morgens/abends); Die
Frau hat in dem Umfeld des zu Betreuenden ein Zimmer welches die Diakoniestation anmietet. Dann wird ein Einsatzplan erstellt und immer hat die Diakoniestation die Übersicht und kann gleichzeitig für Pausen für die Arbeitskraft aus Osteuropa sorgen. Auch durch Ergänzung mit Essen auf Rädern usw. –alles wäre zu bezahlen und Menschenwürdig. _Da fängt die Frage an: Ist die Diakonie, ist die Politik, ist die Kirche an Menschenwürdigen Lösungen, die bezahlbar bleiben müssen, überhaupt interessiert? –Leider hatte ich den Eindruck- nein.   

 
Auf die zukünftige Entwicklung unserer demografischen Entwicklung müssen wir als Kirche und Diakonie eine legale Regelung finden. Es geht immer um die Menschen-die aus Osteuropäischen, die die Alt sind und das in einem Kostenrahmen der von allen zu leisten ist.
Wenn dieser Bericht die Anregung für eine solche Entwicklung war, dann gratuliere ich Ihnen und gleichzeitig habe ich eine Hoffnung.
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Gerhard Retting, Bad Hersfeld

Die Staatsgläubigkeit, die aus diesem Artikel zwischen jeder Zeile durchschimmert, macht fassungslos - daß es das noch gibt! Müssen wir nicht schon heute denken und üben, was in 20 Jahren nackte Realität und Überlebensstrategie sein wird? Daß der Zeitgeist sich in einer christlichen Zeitschrift so ungeniert breitmachen darf: "Aber es gleicht sich volkswirtschaftlich mehr als aus, hat die Leipziger Forscherin Cornelia Heintze herausge­funden: Viel mehr Frauen sind voll berufstätig, und gleichzeitig entstanden in der Carebranche Arbeitsplätze." Das ist nicht christlich, das ist sozialistisch, wenn möglichst alle "voll berufstätig" sein sollen - unsere täglichen Sozialbeiträge gib uns auch heute, sagt unser Staat, und wir tanzen um das goldene Kalb Arbeitsplätze. Die Eltern haben ihre Einkommen voll versteuert und Sozialbeiträge bezahlt und gespart, und die arbeitende Generation zahlt bis über 50% Abzüge - und dann soll davon nochmal der fürsorgende Staat ("dann gehen Sie doch nach drüben, nach Skandinavien!" möchte man rufen) gemästet werden. Faszinierend, in welcher Parallelwelt fernab der Realität chrismon unterwegs ist - daß es das noch gibt! Diese bundesrepublikanische Gemütlichkeit wie in einer Sozialstaats-Puppenstube gibt es in der Welt von Brüssel, TTIP und offenen Grenzen aber immer weniger...

Was würden Sie stattdessen vorschlagen?

Fragt Christine Holch/Redaktion chrismon

In ihrem Buch "Eine Polin für Oma" hat die Journalistin Ingeborg Haffert das konfliktträchtige Thema sehr umfassend, kompetent und vielschichtig dargestellt. Ich selbst werde als qualifizierter Senioren-Assistent (Plöner Modell) hin und wieder in eine Familie hinzugezogen, in der sonst zwei polnische Pflegekräfte in privater Anstellung abwechselnd tätig sind. Dort werde ich von dem betreuten Herrn stets mit den Worten begrüßt: "Endlich kann ich mich mal wieder auf Deutsch unterhalten." Beide Pflegekräfte sprechen nur Polnisch und Basis-Englisch. Meine langen Besuche sind daher ausgefüllt mit anspruchsvollen Gesprächen über Gott und die Welt, die ansonsten niemand führen kann und den Herrn förmlich aufblühen lassen, denn er hat dadurch trotz seiner Immobilität wieder Ansprache und aktive Teilhabe am Leben.

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