Alltags-Botanik

Ist das wirklich Löwenzahn?
Löwenzahn

Illustrationen: Marianne Golte-Bechtle, Detailzeichnungen Roland Spohn, entnommen aus „Was blüht denn da?“, Kosmos Verlag, ISBN: 978-3-440-13965-3

Illustrationen: Marianne Golte-Bechtle, Detailzeichnungen Roland Spohn, entnommen aus „Was blüht denn da?“, Kosmos Verlag, ISBN: 978-3-440-13965-3

Auf meinen Alltagswegen laufen ich dauernd ahnungslos an irgendwelchem Grünzeug vorbei. Aber diesmal nehme ich eine Botanikerin mit – wir wollen herausfinden, was ich allein auf 500 Metern alles an Charakter­pflanzen übersehe. Einen Garten Eden in Mini! Auch Sie werden diese Pflanzen beim nächsten Gang ins Büro, zur Hundewiese oder Kita erkennen. Versprochen.
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Wie es sich für eine Botanikerin gehört, hat Indra Starke-Ottich feste Schuhe an den Füßen und um den Hals eine kleine Lupe. Die 37-Jährige ist Forscherin am Senckenberg-Institut in Frankfurt, macht aber auch Führungen und weiß daher, wie viele Wildpflanzen die meisten Erwachsenen kennen: wenige . . .

Die Expertin

Indra Starke-Ottich, 37, ist promovierte Bota­nikerin und forscht am Senckenberg-Institut in Frankfurt am Main
Auch ich erkenne sicher nur Löwenzahn, Klee und Gänseblümchen. Dabei leben in Deutschland Tausende wilde Pflanzenarten. Aber nun wird mir „meine“ Botanikerin acht Pflanzen zeigen, die überall in Deutschland wachsen und die auch noch im August blühen. 

Auf den Wiesen am Stadtrand allerdings brauchen wir gar nicht erst zu suchen, da blüht im August fast nichts mehr. Weil, so erklärt Indra Starke-Ottich, die Wiesen so stark gedüngt werden, dass die Landwirte mindestens sechs Mal pro Saison Heu einfahren können  – statt wie früher nur zwei Mal. So viel Dünger lässt manche Gräser kräftig sprießen, für zarte Blümchen bleibt da kein Platz. Deshalb sind landwirtschaftliche Wiesen grün und nicht bunt.

Aber als Grünzeug kann man ja auch woanders wohnen: zum Beispiel am Wegrand oder an all den anderen öden Flecken, für die sich niemand zuständig fühlt. Auf diesen „Ruderalflächen“ ist auch im August noch richtig was los. Schon am Weg von der U-Bahn-Station werden wir fündig – da hat sich ein Gewächs zwischen die Pflaster­ritzen am Rand geklemmt.

Orientalische Wiesen

Wie diese Pflanzen sich anstrengen, damit Insekten in den Blüten herumkrabbeln und Pollen mitnehmen! Warum eigent­lich, sie könnten sich doch auch ­selber be­stäuben?  Nein, die Pflanzen wollen ihre Gene mischen, um Gendefekte zu vermeiden, erklärt meine Botanikerin. Viele Pflanzen sind deshalb selbststeril: Kommt eigener Pollen auf die Narbe, passiert gar nichts. Andere Blühpflanzen regeln das so: Erst reift der männliche Pollen, und wenn der weg ist, reift die Narbe – die kann dann nur noch mit dem Pollen anderer Blüten ­befruchtet werden. 

Unsere Wiesen sind orientalisch! Gut, das ist jetzt etwas grob ausgedrückt. Trotzdem nicht ganz falsch. In Mittel­europa lebten die Menschen 7000 Jahre vor Christus von dem, was sie herumziehend ­erbeuteten: von Bären und Beeren. (Wurzeln und Vögel waren natürlich auch lecker.) Die Menschen im Nahen Osten waren damals kulturell viel weiter: Sie wohnten in Dörfern, bauten Getreide wie Emmer, Einkorn und Hirse an, züchteten Äpfel, hielten Nutztiere. Dieses Gebiet nennt man den „Fruchtbaren Halbmond“; heute liegen dort Länder wie Libanon, Syrien, Irak.

Aber wie kam die bäuerliche Kultur nach Mitteleuropa? Wurde eine Art „Starter­paket“ aus Samen und Nutztieren gehandelt? Oder wanderten Menschen aus dem Nahen Osten über Generationen immer weiter nach Westen? Man weiß es nicht und wird es womöglich nie wissen.

Einige Tausend Jahre später brachten die Römer einen weiteren Schwung fremder Nutzpflanzen in hiesige Gefilde – und damit auch weitere Ackerunkräuter: zum Beispiel Klatschmohn, Kornblume und Echte Kamille.

Alle Pflanzen, die vor 1492 eingeschleppt wurden, nennt man „Archäo­phyten“; sie sind nicht einheimisch, dennoch stehen viele heute unter Naturschutz. Pflanzen dagegen, die erst nach der Entdeckung Amerikas 1492 kamen, heißen „Neophyten“, Neupflanzen also. 432 neu eingebürgerte Pflanzen hat das Bundesamt für Naturschutz gezählt.

Nur 38 von ihnen gelten als problematisch, weil sie mit heimischen Arten um Licht, Wasser, Boden konkurrieren und mancherorts die Einheimischen sogar verdrängen.

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Lesermeinungen

Alltags- Botanik,
das ist ein wirklich schönes Thema. Schade, dass die Autorin nicht ohne einen völlig überflüssigen Seitenhieb auf die Landwirtschaft auskommt. Klar, bewirtschaftete Wiesen dienen der Heuerzeugung, werden gedüngt und sind nicht so bunt wie unbewirtschaftete Wiesen im Frühjahr. Das teilen sie mit Golfplätzen und den intensiv gepflegten Rasenflächen in vielen Hausgärten. Welcher Gartenliebhaber lässt den Giersch in seiner Staudenrabatte sich nach Herzenslust ausbreiten? Fast keiner. Bewirtschaftete Flächen dienen den Interessen derer, die sie bewirtschaften, ob es Landwirte, Forstwirte oder Gartenliebhaber sind. Deswegen ist es wichtig, dass auf den nicht bewirtschafteten Flächen die Natur wirklich zum Zuge kommt. Das sind die vielen Saumbiotope entlang Wegen, Straßen und Gewässern aber auch Brachflächen, die sich bei uns allerdings binnen mehrerer Jahre zu Wald entwickeln. Und übrigens, mindestens sechsmal Heuernte, wie die Autorin schreibt, bitte wo? Dreimal sind üblich.
Mit freundlichen Grüßen
Christel Happach-Kasan

Guten Tag,
das immer lohnenswerte Lesen dieses Magazins ist in der Ausgabe 08.2015 unter der Rubrik >Natur< um ein weiteres Thema sinnvoll ergänzt worden. Mit dem Titel “Ist das Löwenzahn?” ist es den Autorinnen gelungen in botanischer Kurzfassung, mit lesenswertem Hintergrund Wissen, aktuell blühende Pflanzen darzustellen. Eine prima Idee, die im Rhythmus  der Natur mit neuen Pflanzenvorstellungen periodisch weiter fortgeführt werden sollte.

Mit freundlichen Grüßen
Jürgen Tharmann, Ismaning