Kriegstraumata im Altenheim

"Alles Schurken!"
Eine Dame will nicht in den Bus, den ein Mann fährt – Kriegsangst 70 Jahre danach
Seniorenhaende

Foto: Welsh/Design Pics/Plainpicture

Die Furcht von damals ist nur verdrängt – und kann das Alter überschatten

Hartmut Emme von der Ahe

Hartmut Emme von der Ahe, 51, ist Projektmanager einer Internetplattform, die über die Spätfolgen von Kriegstraumata aus dem Zweiten Weltkrieg informiert: www.alterundtrauma.de

chrismon: Der Zweite Weltkrieg endete vor 70 Jahren...

Hartmut Emme von der Ahe: ...und findet seine Fortsetzung in den Altenhilfeeinrichtungen von heute. Es kann vorkommen, dass ein älterer Mensch bei einem Gewitter unter den Tisch flüchtet. Er hört nicht den Donner, sondern Bomben. Wer in den Jahren 1927 ­bis 1947 geboren wurde, ist Kriegskind. Und wer in Großstädten oder den Ostgebieten zur Welt kam, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit Gewalt erlebt.

Leiden unter den Spätfolgen auch Menschen, die damals noch sehr jung waren?

Ja. Wer heute 72 Jahre alt ist, wurde 1943 geboren und war bei Kriegsende zwei Jahre alt. Am Ende der Nachkriegszeit – die für viele ja eine sehr schwierige Phase mit Flucht und Heimatverlust war – waren diese Menschen fünf Jahre alt. Jeder weiß: Die frühen Lebensjahre prägen uns stark. Und wer noch nicht mal sprechen konnte, hatte noch weniger Möglichkeiten, mit Angsterlebnissen klarzukommen. Diese Menschen haben Schlimmes erlebt – und konnten sich nicht schützen.

Haben Sie alte Menschen erlebt, bei ­denen ein solches Trauma aufbrach?

Als Berufsanfänger arbeitete ich in einer Einrichtung für Kurzzeitpflege. Eine Frau wollte mir immer wieder ihre Papiere zeigen. Ich konnte das damals nicht verstehen und sagte ihr: „Sie brauchen hier keine Papiere.“ Später erfuhr ich, dass sie im Krieg geflüchtet und in ein Auffanglager gekommen war, wo sie sich ständig ausweisen musste. Die neue Lebenssituation in der Kurzzeitpflege versetzte sie zurück in diese Zeit. Heute würde ich anders mit ihr umgehen, als ich es damals tat.

Gibt es typische Situationen, in denen Kriegstraumata aufbrechen?

Das kann alles Mögliche sein. Aber vielen Situationen ist gemein, dass sich die Menschen hilflos und ausgeliefert fühlen. Ein Beispiel: Eine Frau wollte nie in den Bus steigen, der sie zur Tagespflege bringen sollte. Warum? Wir wussten es nicht. Erst als eine Frau am Steuer saß, kam sie mit. In der Tagespflege warnte sie die Mitarbeiterinnen verschwörerisch vor den anwesenden Männern: „Das sind ganz schöne Schurken!“ Es kam heraus, dass sie einen Fußdurchschuss erlitten hatte und im Krieg verge­waltigt worden war – wie viele andere Mädchen und Frauen damals auch. Ihre eigene Familie wusste davon nichts.

Was können Angehörige und ­Pflegekräfte tun?

Sich klarmachen, dass in den Kindern von damals belastende Erfahrungen schlummern können. Auch historisches Wissen ist gut. Musste meine Oma fliehen? Kann diese Erfahrung erklären, dass sie plötzlich überall Brotreste lagert? Und: Die alten Menschen nicht alleinlassen, wenn Ängste auftreten! Damals waren sie ja schon allein und konnten sich niemandem anvertrauen. Man sollte Situationen vermeiden, die bekanntermaßen Furcht auslösen – wir haben keinen Fahrer mehr zu der Dame geschickt, sondern eine Fahrerin.

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