Spätfolgen von Agent Orange im Vietnam-Krieg

Krieg hört nie auf
Lange her, dass die Amerikaner Entlaubungsmittel auf den Dschungel sprühten. Geschichte! Heute ist Vietnam ein Reiseland, tropisch, exotisch und noch bezahlbar. Aber das furchtbare Erbe des Krieges in den 60er Jahren bleibt. Es heißt Agent Orange und tötet Kinder. Immer noch. Ein deutscher Fotograf hat einen Film darüber gedreht

Fotos: Matthias Leupold

Er hat Blumen mitgebracht. Nun betet Do Duc Diu im Schneidersitz zu den Ahnen, der schmale Oberkörper wippt vor und zurück. Zwischen seinen Handflächen hält er Räucherstäbchen. Jeden Abend besucht der Vietnamese diesen Ort außerhalb des Dorfes an einem Hügel: Zwölf kleine rote Truhen stehen dort in einer Grabstätte, eigentlich groß genug für Generationen. Gerade genug Platz für die Särge seiner zwölf Kinder. Sie starben, weil das Erbgut des Vaters geschädigt ist von Dioxin. Die Amerikaner versprühten es über ihm und seinen Kameraden im Krieg vor einem halben Jahrhundert.

Diu lebt in der Provinz Quang Binh in Zentralvietnam. Die Sonne hat seine Haut gebräunt, seine Haare sind grau. Zwölf tote Kinder, obwohl der Krieg längst vorbei ist. Wie kann ein Mensch das ertragen? „Wenn es mir nicht passiert wäre, dann wäre es einem anderen passiert“, sagt er in die Kamera des Filmemachers und Fotografen Matthias Leupold aus Berlin. Den lässt dieser Satz bis heute nicht los.

Eigentlich war Leupold 2010 nach Vietnam gekommen, um einen Fotografie-Workshop zu geben. „Da bewegt sich viel, Vietnam ist ein boomendes Land“, hatte er von einer Studentin mit vietnamesischen Wurzeln gehört. Tatsächlich sind die Zeiten, in denen in Vietnam eine gefüllte Reisschüssel Luxus war, vorbei. Heute gibt es Kaffee von Starbucks. Motorroller statt Fahrräder verstopfen die Straßen. Westliches Bling-Bling, Coca-Cola und
das neueste iPhone sind die Statussymbole. Vietnams Groß­städte, allen voran Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden und die Hauptstadt Hanoi im Norden, haben sich nach oben geschuftet.

Amerika ist wieder überall. Nicht die Soldaten, die das Land in den elf Jahren des Krieges von 1964 bis 1975 verwüsteten. Heute hat die amerikanische Kultur Vietnams Städte erobert. Friedlich. Sie hatte leichtes Spiel. Vietnam ist hungrig, gierig auf Erfolg, Macht und Geld. Aber noch etwas von Amerika ist hier, ein Erbe aus dem Krieg: „Agent Orange“, ein dioxinhaltiges Entlaubungsmittel. Das US-Militär war damals verbündet mit Südvietnam, das kommunistische Nordvietnam wusste den großen Bruder China hinter sich – ein Stellvertreterkrieg. Die USA wollten verhindern, dass die Sowjets ihren Einfluss über China hinaus ausdehnten. Weitere Staaten, so die Befürchtung, würden sonst wie Dominosteine an den Kommunismus fallen. Im Süden Vietnams kämpften die Vietcong aus dem Untergrund heraus gegen die USA. Versorgt wurden sie über den Ho-Chi-Minh-Pfad, benannt nach dem kommunistischen Führer und Präsidenten im Norden. Die USA wollten den Feinden im Süden die Deckung des Dschungels und die Nahrung von den Feldern nehmen und versprühten groß­flächig Agent Orange und andere dioxinhaltige Entlaubungsmittel. Insgesamt fast 80 Millionen Liter.

Wenn das Gift herabregnete, versuchten die Menschen, sich zu schützen. „Wir hielten uns ein feuchtes Tuch vor den Mund“, erzählt Phuc, der wie Diu freiwillig zur Verteidigung seines Heimatlandes in den Krieg gezogen war.  „Wir wussten nicht, dass es Dioxin war. Wir wussten nur, dass wir kämpfen mussten“, erinnert er sich. Kurz danach beobachtete er, wie die Bäume ihre Blätter verloren und ganze Wälder abstarben. Bereits ein Milliardstel Gramm Dioxin gilt als krebserregend. Die Soldaten nahmen das verseuchte Grundwasser zum Kochen und zum Trinken.

Die zwölf Kindersärge sind namenlos

Als Kriegsheimkehrer trugen sie das Gift ins ganze Land. Es blieb, und es bleibt für Generationen. Dioxin kann einen Menschen am Leben lassen, aber sein Erbgut schädigen. Soldaten wie Diu, scheinbar unversehrt und mit dem Leben davongekommen, gründeten ­Familien, in der Überzeugung, ihre Kinder hätten eine echte Chance, in Frieden aufzuwachsen. Bis heute sind nicht nur viele Menschen, sondern auch ganze Landstriche verseucht.

Statt amerikanischer GIs mit Maschinenpistolen streifen jetzt Rucksacktouristen durch das Land. Sie sind auf der Suche nach Wegen abseits der massentouristischen Trampelpfade, nach ein bisschen Abenteuer und individuellem Erleben abseits der Sexhochburgen in Thailand. Vom Reiseland Vietnam kann man noch erzählen, ohne dass im Kopf des Gegenübers Stripperinnen, drogendurchtränkte Full-Moon-Partys und All-Inclusive-Hotelanlagen auftauchen.
Auf der typischen Route – vom Armeemuseum in Hanoi über die alte Kaiserstadt Hué ins Rex-Hotel von Ho-Chi-Minh-Stadt – blieb anfangs auch Matthias Leupold. Bis er Diu und die anderen Veteranen traf, die ihm von dem Dioxin erzählten. Und von ihrem Schicksal nach dem Krieg. Diu kehrte 1976 nach
Hause zurück. Seine Frau bekam ein Kind. Es starb. Ein zweites Kind war „kein richtiger Mensch“, so drückt es Diu aus. „Es atmete nicht lange.“ Andere wurden ein, zwei Jahre alt und starben dann. „Wir konnten ihnen­ keine Namen geben“, deshalb sind die zwölf Kinder­särge namenlos, nur der Reihe nach durchnummeriert. Er kommt oft hierher, zu seiner Familie. Der Altar ist blau und gelb bemalt, Drachen winden sich um Säulen. Stets stehen frische Opfergaben für die Toten bereit. Er zündet ein ­Bündel Räucherstäbchen an. Vor jeden Kindersarg steckt er eines.

Eins bis zwölf. Sie hatten keine Ahnung von dem Gift in seinem Erbgut. Seine Frau sitzt neben ihm während des Interviews mit Matthias Leupold. Sie wirkt abwesend, ihr Blick geht aus dem Fenster in die Ferne. Drei Kinder haben überlebt. Alle drei sind krank. Nga, die Jüngste, sitzt neben ihrem Vater im Schneidersitz, sie schielt in die Kamera, lacht mal grundlos auf, mal gibt sie Laute von sich, sie spricht nicht. Ihr Vater hebt sie auf seinen Schoß. „Anfangs war sie normal. Mit etwa acht Monaten war sie halbseitig gelähmt.“ Die Eltern ließen ihre Tochter untersuchen. Erst da wussten sie: Nga ist ein Agent-Orange-Opfer. Die Eltern versuchen mit ihr zu leben und sie zu pflegen. „Wir geben niemandem die Schuld. Ich wollte bloß mein Land verteidigen.“
Matthias Leupold beschloss, einen Film zu drehen, in dem die Vietnam-Veteranen zu Wort kommen. Gefasst berichten sie von der Ungeheuerlichkeit der Kriegsfolgen. Wann immer ehemalige Kämpfer beider Seiten heute aufeinandertreffen, sucht man Wut und Zorn vergebens. Leupold selbst hat zwei von ihnen zu­sammengebracht. „Nach ein paar Minuten haben sie wie alte Bekannte miteinander geplaudert.“ Vietnam hat eine lange Geschichte der Besatzung hinter sich. Erst 938, nach tausend Jahren als chinesische Provinz, wurde Vietnam unabhängig. Im 19. Jahrhundert brachten die Franzosen das Land unter ihre Kontrolle, im Zweiten Weltkrieg wurde es von Japan besetzt, später versuchten es die Amerikaner. „So haben die Vietnamesen gelernt, im Moment zu leben und den Tag, so wie er eben kommt, zu nutzen. Sie hatten ständig jemanden ­in ihrem eigenen Land, der stärker und reicher war“, sagt Leupold. „Nachtragend zu sein, nützt niemandem etwas. Ein Lachen schon.“

Nga, die jüngste Tochter von Diu, ist eine von 150 000 Vietnamesen, die bis heute – in der ­dritten Generation – mit Krankheiten, Fehl­bildungen oder schweren Behinderungen geboren werden. Die schwerkranken Kinder und Enkel der Kriegsteilnehmer dämmern meist auf Pritschen hinter verschlossenen Türen vor sich hin, humpeln durch uneinsehbare Hinterhöfe. In Vietnam gilt ein krankes Kind als Fluch, als Bestrafung der Geister für Fehlverhalten im vorherigen Leben. Tatsächlich heißt der böse Geist aber Agent Orange.

Auch Phuc hat damals gegen die Amerikaner gekämpft. Auch mehrere seiner Kinder kamen behindert auf die Welt und starben nach kurzer Zeit. „Sie hätten selbst stark gelitten, und auch meine Frau und ich hätten ­unter der Pflege gelitten.“ Also entschieden sie sich, keine weiteren Kinder zu bekommen. In einem armen, vom Konfuzianismus geprägten Land wie Vietnam kümmern sich oftmals die Kinder um die Alten. Mit vielen Kindern ehrt der Mensch die Ahnen. In Leupolds Film „Lighter than Orange“ sieht man, wie Phucs Augen sich mit Tränen füllen.

Wer hat Schuld an der Tragödie, an den unzähligen Einzelschicksalen? 2004 wandten sich drei vietnamesische Opfer an ein New Yorker Bundesgericht – vergebens. Die US-Regierung konnten sie nicht anklagen. Die Klage gegen die Chemiefirmen, die das US-Militär mit den dioxinhaltigen Entlaubungsmitteln versorgt ­hatten, wurde abgewiesen: Die Lieferung von Agent Orange sei keine Beteiligung an Kriegsverbrechen gewesen. Außerdem hätten die vietnamesischen Kläger nicht zweifelsfrei nachgewiesen, dass ihre Gesundheitsprobleme von Agent Orange stammten. 20 Jahre zuvor hatte derselbe Richter 230 000 US-Veteranen 180 Millionen Dollar als Entschädigungen zugesprochen. Ein Schuldeingeständnis gab es nie, geschweige denn eine Entschuldigung.
Große Flächen sind in Vietnam verseucht. Seit Jahren wird die besonders giftige Erde am Flughafen im zentralvietnamesischen Danang abgetragen. Von hier aus waren die Flugzeuge mit den Dioxinladungen gestartet. Bis 2012 haben die USA nach eigenen Angaben 76,9 Millionen Dollar für Projekte im Zu­sammenhang mit Agent Orange bezahlt. „Wir bewegen die Erde und unternehmen den ersten Schritt, um unsere Vergangenheit zu beerdigen“, sagte US-Botschafter David Shear am Flughafen Danang. Dass die jetzt wiederentstehende Luftbasis eine strategische Stellung ist in Südostasien, nahe der aufstrebenden Großmacht China, dürfte ein entscheidendes Motiv gewesen sein für die Bemühungen der Amerikaner.

"Ich will diese Geschichte sichtbar machen"

Wie viele Vietnamesen ist Do Duc Diu kein Mann der Vergangenheit. Die Menschen beider Völker haben größere Schritte aufeinander zu gemacht. Leupold hat Diu an einem Ort kennengelernt, an dem die Hoffnung lebt. Im „Dorf der Freundschaft“ bei Hanoi, einem inter­nationalen Versöhnungsprojekt, traf Diu Kameraden aus dem Krieg. Ein seltener Urlaub für Vietnams Alte, ein Ort, um mit den ­Kameraden von damals Geschichten auszutauschen. Auch Waisen und Behinderte, Dius Tochter Hang ist eine von ihnen, werden hier betreut. George Mizo, ein ehemaliger US-Soldat, der auch in Kontakt gekommen war mit Agent Orange, hatte das Dorf 1992 ins Leben gerufen. Mizo starb 2002 an Krebs. Heute wird das Freundschaftsdorf von Vietnams Veteranenverband und einem internationalen Netzwerk, dem Mizos deutsche Witwe vorsteht, getragen. Das Dorf leistet beachtliche Arbeit, doch gibt es in Vietnam viel zu wenige solcher therapeutischen Einrichtungen.

Der 10. August ist ein landesweiter Gedenktag in Vietnam, „Agent Orange Tag“. Die erst 2004 gestartete Vereinigung der ­vietnamesischen Agent-Orange-Opfer (VAVA) schätzt die Zahl der Opfer des dioxinhaltigen Entlaubungsmittels auf zwei bis vier Millionen. Nur etwa 260 000 von ihnen bekommen vom Staat eine kleine monatliche Unterstützung.

„Ich will diese Geschichten sichtbar machen“, sagt Matthias Leupold. Er hat „Lighter than Orange“ weitgehend selbst finanziert, inzwischen ist der Dokumentarfilm fertig und bei mehreren Filmfestivals eingereicht. Einen Filmverleih sucht er noch.

Mit den Einnahmen des Films will Leupold zwei Agent-Orange-Opfer unterstützen: Nga, die halbseitig gelähmte Tochter von Diu. Und Men, die im Alter von 17 Jahren ihr ­Gedächtnis verlor, ihre Geschichte ist im Film zu sehen. Beide sind noch jung, für beide soll eines Tages gesorgt sein, wenn die alten Eltern die Pflege nicht mehr leisten können.

Lesermeinungen

Ein gut gelungener Bericht, zu einem großartigen Projekt, was den Bewohner/innen des Dorfs der Freundschaft große Freude gemacht hat.
Wer sich gerne weiter informieren oder helfen möchte, hier die Seiten des deutschen Unterstützervereines, von dem die Rede ist:

www.dorfderfreundschaft.de
https://www.facebook.com/DorfDerFreundschaftInVietnam

Danke für den Bericht über Vietnam. Leider bleibt unerwähnt, das die deutsche Industrie tief in diese Angelenheit verstrickt ist, wie der Boehringer-Konzern selbst zugestanden hat (vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13681543.html). Und es sieht zudem so aus, als habe der spätere Bundespräsident Richard Freiherr von Weizsäcker davon gewusst, obwohl er dies immer wieder bestritten hat.
Da Deutschland schon wieder an dritter Stelle der weltweiten Waffenexporte liegt und auch sonst an vielen Verstößen gegen Menschenrechte kräftig mitverdient, wäre es gut daran zu erinnern, dass Boehringer zur Zeit dieses kritischen SPIEGEL-Berichts zwar seinen Arbeitern eine Entschuldigung und finanziellen Ausgleich für die Schäden durch Dioxin zugesagt hat - bis heute hat es jedoch für Vietnam weder eine ensprechende Zusage gegeben noch ist Geld dorthin geflossen (vgl. u.a. auch
http://www.spiegel.de/politik/ausland/agent-orange-opfer-in-vietnam-frau...).
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Jantzen

Der Bericht ist erschreckend - ich frage mich, warum der deutsche Beitrag zur Produktion nicht erwähnt wird;
genannt wird hier in einschlägigen Beiträgen (u.a. in einem Nachrichtenmagazin, unschwer zu googlen) u.a. ein bekannte deutsches Unternehmen, dessen leitender Manager später höchste Ämter in Staat und Kirche bekleidete.

C Degenhart

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