Glaube und Unglaube

Lieber Gott, mach mich fromm!
Fast 40 Prozent der Evangelischen glauben nicht an Gott oder sind unschlüssig. Es ist aber auch schwierig: Heiliger Geist, Auferstehung der Toten, solche Sachen.  Jetzt können Skeptische, Suchende und Anfänger einfach mal ausprobieren. chrismon-Reporterin Christine Holch war dabei

Foto: Katja Hoffmann

"Ich bin keine Sünderin“, sagt eine Frau im Glaubenskurs in Nürnberg, „das lasse ich mir von niemandem einreden.“ ­
In einem württembergischen Gottesdienst sprechen die Leute nur jene Sätze des Glaubensbekenntnisses mit, die sie wirklich glauben. Es ist oft still. Und in einem hessischen Einkaufszentrum wird nach der Predigt geklatscht. Sofern sie gefiel.

Ganz schön was los in der evangelischen Kirche gerade. Es ist nicht immer lustig. Beispiel: In Rostock lassen sich Kirchenleute von Ungläubigen sagen, was die an christlichen Bestattungen befremdlich finden. Bang ist den Pastorinnen und Pastoren vor diesem Treffen. Aber es muss sein – in einer Zeit, in der für viele Menschen der Kontakt mit der Kirche nicht mehr selbstverständlich ist.

Wie erreicht man die Unerreichten? Das versuchen engagierte Christen und Christinnen landauf, landab in vielerlei Experimenten herauszufinden. Haben sie doch, davon sind sie überzeugt, eine befreiende Botschaft. Und tatsächlich, sie treffen auf Neugierige, manchmal sogar auf Sehnsüchtige.

Gar nicht so selten aber suchen die Menschen selbst, sie wollen „das mit dem Glauben“ ausprobieren. Und dann sehen sie lange niemanden, der ihnen entgegenkäme.

Mit 25 aus der Kirche raus

Verena Müller-Wieprecht zum Beispiel. Die Naturwissenschaftlerin war mit 25 aus der Kirche ausgetreten. Als Kind hatte sie sich für Religion interessiert, aber niemand beantwortete ihre Fragen. Was sollte sie machen, wenn Gott wie aus dem Nichts – puff – zu ihr sprechen würde? Das ließ sie nachts wach liegen. So wie all die gruseligen Dinge, von denen die Religionslehrerin erzählte: Der eine Mensch saß im Fisch, der andere im Brunnen, und vom Kreuz hing ein toter Jesus. Dann fiel der Konfirmanden­unterricht fast komplett aus.

Am Ende hatte sie mit der Kirche nichts mehr zu tun. Ihren Kindern stellte sie in einem selbst gebastelten Ritual „Lebens­paten“ zur Seite. Und schickte sie später doch zum Religions­unterricht. Darüber wunderte sie sich selbst.

Sie wurde 40, feierte ein großes Fest. Auch die Eltern kamen. Eine schwierige Beziehung. Die Eltern hatten sie als Kind über Jahre damit geängstigt, dass sie sich scheiden lassen wollten. Und an jedem Geburtstag erzählten sie ihr von dem Ring: Der Vater hatte ihn der Mutter geschenkt, weil er sie betrogen hatte, als sie hochschwanger in der Klinik lag. Lang her, dachte die Tochter, überwunden dank diverser Therapien.

Doch dann schenken ihr die Eltern zum 40. Geburtstag eben jenen Ring. Das kann jetzt nicht sein, dachte sie. Nicht wieder diese Angstanfälle! Nicht noch eine Therapie! Sie wollte eine Lösung. Bei einem evangelischen Frauenfrühstück irgendwo in der Region – das Thema „Lebenswege“ hatte sie interessiert – kreuzte sie auf dem Feedbackzettel das Kästchen „Ich möchte gern besucht werden“ an. Niemand meldete sich bei ihr.

Information

Tipps
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- Lesetipp: Klaus Douglass: „Beten – ein Selbstversuch“. Der Autor hat 50 Weisen zu beten ausprobiert. Gehaltvoll und witzig.

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Lesermeinungen

Also, eigentlich wollte ich mich eines Kommentars enthalten. Aber .. Ich verstehe die Intention des Artikels irgendwie nicht. Kritisch oder Werbung für diese moderne Art der "Mission" ?
Ich finde das Beschriebene schrecklich, und das hat nichts mehr mit dem biblischen Glauben zu tun. Es ist genau das, wovor uns der Herr Jesus selbst und seine Apostel warnen.
Wenn das alles so "einfach" wäre und so angelegt auf das alleinige diesseitige Wohlfühlen und permanentes In-den Arm-genommen-werden-wollen, wozu musste der HERR dann am Kreuz sterben ?
Wozu riskieren Gläubige in Ländern wie dem Iran, in Nordkorea, Ägypten, in vielen islamischen Ländern, in Indien Verfolgung und Tod - wenn dieser seichte Glaube wahr wäre ?
Und was Herr Gundlach da von sich gibt, das Glaubensbekenntnis betreffend, ist ein Schlag ins Gesicht und fast schon gotteslästerlich.
Ich habe mich vor ein paar Jahren bekehrt, so wie es in der Bibel steht und kämpfe nun den guten Kampf... ja, es kostet was, aber ich habe die Verheissung Gottes, dass Er mir hilft in Jesus Christus im Glauben zu wachsen und Erkenntnis und Weisheit zu gewinnen. ( siehe Epheserbrief )
Es geht immerhin um das ewige Leben. Und um die richtige Wahl.
Alles das was im obigen Artikel beschrieben ist, findet man zuhauf in der Esoterik auch. Das weiss ich, da komme ich her. Und das ist nicht tragfähig. Da braucht man keinen christlichen Glauben. Das im obigen Artikel Beschriebene ist Betrug an Menschen, denen ernsthaft daran liegt, zum Glauben zu kommen und die Bibel als Gottes Wort kennenzulernen ( um eine wirkliche Wahl zu haben ) und im Gehorsam zu wachsen. Aber das klingt jetzt für die meisten sicherlich intolerant, lieblos, altbacken, nach Hölle, usw...
Aber leider ja, die Hölle gibt es... aber wir sind ja soooooooooo modern und aufgeklärt ... wir machen ja nichts falsch und schuld sind immer die anderen .. Erziehung, der falsche Partner, DIE Gesellschaft ,,,

In diesem Artikel antwortet Herr Gundlach auf die Frage:

„Was ist der kleinstmögliche christliche Glaube?“:

„Solange man noch Gott vermisst, solange man merkt, dass irgendetwas weh tut in einem Leben ohne Transzendenz. Viel strenger würde ich da nicht sein“

Ich vermute, dass die Antwort vielleicht auf die Frage gegeben werden sollte:„Was ist der kleinstmögliche evangelische Glaube“,weil ich mir nicht vorstellen kann, dass auch überzeugte Katholiken mit dieser Antwort einverstanden sein könnten.

Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass dann eigentlich von dem speziell „evangelischen“ Glauben nicht sehr viel übrig geblieben ist. Der Glaube an Christus als "Gottes Sohn", den heiligen Geist,die Auferstehung,die Bibel,die 10 Gebote usw.sind danach nicht (mehr) Voraussetzung, um sich als „Christ“ bezeichnen zu können. Außerdem dürften sich alle monotheistischen Religionen, die meisten „unchristlichen“ Sinnsucher und wohl auch die Agnostiker mit dieser Aussage anfreunden können, weil hier das speziell „christliche“ nicht mehr erkennbar ist.

Im übrigen wäre es sehr zu begrüßen, wenn sich alle Religionen dieser Erde auf diesen Kernsatz reduzieren würden. Dies würde der Menschheit viel Leid ersparen.

Dr. Olaf Hofmann

DasTitelthema LIEBER GOTT MACH MICH FROMM finde ich inhaltlich gut gelungen, aber der häufig ironische Sprachstil, z.B. "Sinnliches ist seit ein paar Jahren der Renner: Salben, Segnen, Handauflegen" erinnert mich genau an die typisch kirchliche Überheblichkeit, die ich aus meiner Kindheit, evangelisch und katholisch, kenne. Journalistisches Stilmittel in Form dieser Ironie finde ich bei diesem Thema nicht pasend.
Andrea Praus

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