Was haben wir in jungen Jahren gelernt und was wollen wir erhalten

Passt gut drauf auf!
Was haben wir alles gelernt, als wir jung waren, von Eltern, Tanten, netten Nachbarn. Erst die Schuhschleife, dann den Krawattenknoten – oder das Rezept für die Gulaschsuppe. Vielleicht auch die Liebe zum Nutzgarten. Irgendwann können wir selbst etwas weitergeben. Sechs Menschen erzählen, was sie erhalten wollen. Damit auch die nächste Generation noch eine Geschichte hat, die sie weitergeben kann

alle Fotos: Katrin Binner

Der Pate der Bohnen

Raimund Günster will die „Lintorfer Frühe“ vorm Aussterben bewahren – und viele andere Gemüsesorten

Kennen Sie „Mieze Schindler“? Eine Erdbeerzüchtung aus den 1930er Jahren, die herrlich fruchtig schmeckt, ein bisschen auch nach Himbeere. Oder „Rosa Tannenzapfen“? Eine Kartoffelsorte aus dem 19. Jahrhundert, die Knollen sehen aus wie kleine Erdmännchen.


In meinem Kleingarten baue ich alte, bevorzugt regionale Obst- und Gemüsesorten an, die kaum mehr im Handel sind. Bei Bohnen, Erbsen, Salat und Tomaten gewinne ich daraus Saatgut und gebe es weiter: an andere private Gärtner, an botanische Gärten, Freilichtmuseen oder Urban-Gardening-Projekte.

Mir ist die Erhaltung der Artenvielfalt wichtig. Weltweit gibt es zum Beispiel etwa zehntausend Tomatensorten, in unseren Läden finden Sie nur einige wenige. Und die sind so, wie die großen Saatgutbetriebe sie für den industriellen Anbau gezüchtet haben: glatt und rot glänzend, damit sie im Laden gut verkauft werden. Lange haltbar, um Transporte und Lagerzeiten zu überstehen. Gleich groß, um industriell geerntet werden zu können. Für Pflanzen, die nicht in dieses Schema passen, gibt es kaum mehr Samen zu kaufen. Inzwischen beherrschen die zehn größten Anbieter bereits drei Viertel des Saatgut-Weltmarktes.

Die meisten der alten, regionalen Sorten stehen inzwischen auf der Roten Liste und drohen ver­loren zu gehen. So wie eine Buschbohne, für die ich eine Patenschaft übernommen habe: Die „Lintorfer Frühe“ wurde 1944 hier in Lintorf bei Ratingen im Rheinland von der Firma Paas gezüchtet und deutschlandweit verkauft. 1972 ging der Saatgutbetrieb in Konkurs, und damit war Schluss für die Bohne – bis zur Wiedervereinigung. Denn ein Forschungsinstitut in der DDR hatte die Sorte vor dem Aussterben bewahrt.

In der Kleingartenanlage habe ich zwei junge Familien als Nachbarn, die jetzt eigenes Gemüse anbauen. Mit Hendrik, 4, habe ich einzelne Samen einer seit drei Generationen erhaltenen Pflücksalatsorte im Kräuterbeet „versteckt“. Frieda und Tino, 3 und 6, haben die „Rosa Tannenzapfen“ in ihren kleinen Beeten eingegraben. Wir freuen uns auf die Ernte.

Information

Hanna Lucassen befragte Menschen zwischen 50 und 70 Jahren und hörte dabei öfter den Satz: Was habe ich denn schon zu geben?

Ihre eigenen Gedanken zum Thema hat sie in diesem Text aufgeschrieben: "Das 50:50-Modell"

Die Frankfurter Fotografin Katrin Binner inszeniert ihre Motive gern. Sie mag es bunt, verspielt und manchmal ein bisschen melancholisch.

 

Neue Lesermeinung schreiben

Respekt!

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank!

Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • Wir beleidigen oder diskriminieren niemanden.
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.