Winfried Kretschmann und Isolde Karle über das Verhältnis von Theologie und Politik

Bei uns in der Gemeinde...
...darf es auch mal politisch zugehen, meint die Theologin. Der Ministerpräsident sagt: Das kann leicht kitschig werden

Fotos: Michael Hudler

Isolde Karle

Isolde Karle, 50, ist Professorin für Praktische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum. Nach dem Studium der evangelischen Theologie in Tübingen, Cambridge (USA) und Münster arbeitete sie  zunächst als Pfarrerin. „Kirche im Reformstress“ und „‚Da ist nicht mehr Mann noch Frau...‘ – Theologie jenseits der Geschlechter­differenz“ heißen zwei ihrer Bücher. Isolde Karle lebt in Stuttgart. Foto: Michael Hudler...

Winfried Kretschmann

Winfried Kretschmann, 65, ist seit Mai 2011 Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg. Der bekennende Katholik studierte Biologie und Chemie für das Lehramt und arbeitete als Lehrer an verschiedenen Gymnasien. 1979 zählte er zu den Mitgründern der Grünen in Baden-Württemberg, mit denen er 1980 erstmals in den Stuttgarter Landtag einzog. Winfried Kretschmann lebt in Laiz. Foto: Michael Hudler

Wenn wir Sie fragen, Herr Kretschmann, zu welcher Gemeinde Sie gehören – was wäre Ihre spontane Antwort?

Winfried Kretschmann: Sigmaringen. Ich gehöre zur Ortschaft Laiz, ein Dorf, das nach Sigmaringen eingemeindet wurde. Das war keine Liebesheirat, mein Schwiegervater hat gesagt, er würde bis zur letzten Patrone für die Selbstständigkeit von Laiz kämpfen, aber man hat ja zum Glück in solchem Fall nur Platzpatronen. Ich wohne in einem Dorf, knapp 3000 Einwohner.

Frau Karle, was ist Ihre Gemeinde?

Isolde Karle: Wenn Sie mich nach Gemeinde fragen, dann nenne ich meine Kirchengemeinde. Mein Mann ist hier in Stuttgart Pfarrer, da bin ich selbstverständlich auch dabei.

Gemeinde, Community, was ist das eigentlich? Was assoziieren Sie mit dem Begriff?

Kretschmann: Gemeinde hat für mich einen Ortsbezug. Ich weiß, Communitys haben das nicht unbedingt. Aber ich selbst bin noch sehr kirchlich geprägt. Ich bin aufgewachsen im Rhythmus des Kirchenjahres, obwohl wir ein liberales katholisches Haus waren, in dem frei gedacht und gestritten wurde. Und Gemeinde heißt auch, dass man immer unten anfängt, mit allem, was man gesellschaftlich, politisch oder kirchlich bewirken will.

Frau Karle, Sie sagen auch: Wenn man etwas ändern will in der Kirche, muss man unten anfangen, in den Gemeinden.

Karle: In der Gemeinde kommt die Kirche am ehesten in Kontakt zu den Menschen, ihren Sorgen, Nöten, Freuden. Bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen, bei der Begleitung durch den Lebenszyklus. Die Mehrheit partizipiert am Gemeindeleben, wenn es sich ergibt und wenn es vor der Tür liegt. Wenn ich mal vorbeischauen kann beim Gemeindefest oder mein Kind in den guten Kindergarten geben kann oder ein Jugendlicher sich konfirmieren lassen will – nicht selten zur Überraschung seiner Eltern.

Ist das nicht auch eine romantische Fiktion? Oft hocken dort die, die immer da hocken, und die Neuen haben es schwer. Erleben moderne Menschen noch so etwas wie Gemeinde?

Karle: Gerade für die, die so mobil und immer unterwegs sind, ist der Ortsbezug attraktiv. Ich erlebe die Gemeinden nicht als so abgeschlossen. Und viele Leute suchen ja auch nicht die Nähe, sondern wollen nur ihr Kind taufen lassen. Sie freuen sich, wenn sie Seelsorge und Lebensbegleitung in Anspruch nehmen können, ohne dass man große Erwartungen an sie stellt.

Es heißt, die Milieus verschwinden – etwa das Milieu der Kirchen oder das der SPD-Wähler. Ist denn das Gemeindliche ohne Milieuhintergrund überhaupt praktizierbar, also ohne dass die Leute etwas Ähnliches verbindet, Ackerbau oder Bergwerk?

Kretschmann: Eine moderne Gesellschaft individualisiert sich. Sie besteht zum großen Teil aus Subkulturen. Das ist einfach so, darüber muss man sich gar nicht weiter wundern. Der Sinn von Freiheit ist ja schließlich Differenz. Aber was hält die Gesellschaft zusammen, was ist ihr Kitt? Die Frage treibt mich um. Wir stoßen ja immer wieder auf unterschiedliche Haltungen, Meinungen, und daraus entsteht Engagement, Interesse – Identität. Die Kirche bietet Identität in dieser Hinsicht: Egal, wo ich auf der Welt hinkomme, ich bin zu Hause. In den 70er Jahren kam ein Schub Boatpeople in unser Dorf, vietnamesische Einwanderer, die alle katholisch waren – und darüber sofort beheimatet. Eine von ihnen, eine Frau mit vielen Kindern, teilt heute Kommunion aus.

Lesermeinungen

"Alleinerziehende bringen oft ihre Kinder nicht zur Taufe, weil sie meinen, keine vollständige Familie zu haben."

Ein Satz, der mich nachdenklich macht.

In der Praxis ist Kirche vielleicht tatsächlich zu sehr ein Ort der Demonstration bürgerlicher Ordnung und zu wenig voraussetzungslose Gemeinschaft in Christus.

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