Auferstanden aus Ruinen

Valeska Achenbach und Isabela Pa/Valeska Achenbach

Braucht ein Dorf eine Kirche, wenn es ­jahrzehntelang ohne ausgekommen ist? Ja, sagte ein Mann aus Zweedorf in Mecklenburg – und riss mit seiner Begeisterung viele andere mit. Sie bauten. Im chrismon-Gemeindewettbewerb werden sie nun dafür ausgezeichnet

Theo wurde an einem besonders schönen Oktobertag beerdigt. Fast alle Leute aus dem Dorf kamen, auch etliche aus der Umgebung. Die Kirche war überfüllt, viele mussten auf dem unge­pflas­terten Vorplatz bleiben. Es war die erste Beerdigung in einer Zweedorfer ­Kirche, seit die DDR-Behörden die alte Dorf­kirche und das Pfarrhaus 1978 abgerissen und in den Dorfteich geschoben hatten.

Kirchneubauten in Mecklenburg sind heutzutage rar. Die meisten Gemeinden kämpfen mit dem Gebäudeerhalt, nicht wenige müssen ihre Gotteshäuser komplett sanieren. Neu bauen in einem Dorf ohne Kirche, das hat es in dieser Gegend Deutschlands schon lange nicht mehr gegeben. Weswegen die Zweedorfer, die genau dies wollten, auch gegen großen Widerstand ankämpfen mussten.

1978 begann das Unglück

Dies ist die Geschichte von einem Mann, der unbeirrt und bauernschlau den Bau einer Kirche durchsetzte, als alle anderen sagten: „Das wird zu teuer. Niemand braucht diese Kirche. Zwei Kilometer weiter im Nachbarort Nostorf ist doch schon eine. Wir haben kein Geld, die Kirche zu unterhalten.“
Warum ihn alle Theo nennen? „Das war sein Spitzname“, sagt eine Freundin: „Wieso, weiß ich nicht. So hieß er eben.“ Auf seinem Grabstein steht der richtige Name: „Wolfhard Meinck, geboren 1950, gestorben 2010.“ Mit seinem Tod ist die Geschichte der Zweedorfer Kirche nicht zu Ende.

1978 begann das Unglück. Da war der alte Pastor aus dem Nachbarstädtchen Boizen­burg, der die Aufsicht über die Zweedorfer Dorfgemeinde hatte, schon ­gestorben. Und sein Nachfolger, Pastor Scharnweber, sollte erst ein Jahr später ­folgen. Die für Zweedorf verantwortliche Pfarrstelle war vakant, und die DDR-Be­hörden nutzten die Gelegenheit, die baufällige Dorfkirche von 1760 samt intaktem Pfarrhaus abzureißen.

Eine Kirche im Grenzgebiet zum Wes­ten, zudem in der Sperrzone, war den ­Behörden ein Dorn im Auge. Zweedorf beulte den Todesstreifen nach Schleswig-Holstein ein. Stahlzaun, Hundelaufgänge und Schießanlagen umschlossen das Dorf gleich hinterm Küsterhaus. Kirche und Pfarrhaus standen leer und sollten verschwinden. Hier könnten sich Republikflüchtlinge verstecken, hieß es.

Theo war ein Dickkopf. Das sagen alle

Nicht nur die Kirche, ganz Zweedorf sollte aussterben. Nur über eine einzige Straße durfte man ins Dorf gelangen – ­sofern der Abschnittsbevollmächtigte ­einen Passierschein bewilligte: über den Feldweg von Schwanheide, drei Kilometer weiter im Osten. Von dem Dorf aus, in dem der Interzonenzug zwei Stunden hielt, damit die Grenzer ihn durchsuchen konnten. Zweedorf verlor an Bedeutung, Schwanheide gewann. Als im November 1989 die Grenze geöffnet wurde, liefen die Zwee­dorfer gerade mal einen Kilometer nach Wes­ten, da waren sie in Dalldorf, in der Bundesrepublik.

Warum der Zweedorfer Küstersohn und Maurer Wolfhard Meinck Anfang der neunziger Jahre auf die Idee kam, die alte Dorfkirche wieder aufzubauen, warum er dieses Ziel beharrlich gegen alle Widerstände bis zu seinem Tod verfolgte und wie er im fast vollständig entkirchlichten Dorf eine ganze Schar Mitstreiter gewinnen konnte, kann niemand so ganz genau erklären.

Meinck war mit der alten Kirche groß geworden, hatte als Kind in ihrem Gebälk herumgeturnt, sagen einige. Er war 1978 nicht im Dorf, sondern beim Militär, vielleicht glaubte er, wenn er da gewesen wäre, hätte er den Abriss verhindern können – das mutmaßen andere. Zweedorf hatte seit 1335 immer eine Kirche, Meinck habe den Dorfmittelpunkt wiederherstellen wollen, glauben Dritte. Theo war ein Dickkopf, was er wollte, setzte er auch durch. Das sagen alle.

Was sie mit Meinck anpackte, machte ihr Spaß

Frühzeitig hatte die Küsterfamilie Meinck die wichtigsten Requisiten aus der alten Kirche gerettet. Glocke und Taufschale gingen ins benachbarte Schwanheide, der guss­eiserne Tresor in die Nostorfer Kirche. Die Fenster zieren heute eine Boizenburger Kapelle, Altar und Taufstein die Johanniter­kirche in Sülstorf bei Schwerin. Den Koffer mit dem Abendmahlsgerät bewahrten die Meincks zu Hause auf.

Damals war der Sohn der Küsterin Meinck dem für Zweedorf zuständigen Pas­tor Scharnweber nicht weiter aufge­fallen. Auch nicht, als er sich Ende der Achtziger – da war seine Mutter schon gestorben – in eine Frau verliebte, die wegen ihres Mannes in die Sperrzone gezogen war. Beide ließen sich von ihren Partnern scheiden und heirateten.

Wann genau Wolfhard Meinck vom Wiederaufbau der Kirche zu träumen begann, weiß niemand. Als Sylvia Wolter, Verkäuferin in einem niedersächsischen Baumarkt, den Maurer Meinck ansprach, ob er nicht ein freies Grundstück kenne, und als Meinck ihr 1994 die alte Pfarrscheune in Zweedorf vermittelte, da war die Idee schon fest in seinem Kopf. Sie könne doch die Jugendarbeit für die ­Kirche machen, sagte Meinck. Und Sylvia Wolter machte die Jugendarbeit: basteln, spielen, Ausfahrten, gemeinsam kochen. Wolter hatte nie etwas mit der Kirche zu tun ge­habt. Im Dorf selbst gab es ja auch noch keine richtige Kirche. Aber was sie mit Meinck anpackte, machte ihr Spaß.

"Stopp! Sie brauchen eine Genehmigung!"

Elf Minuten fährt man von Zweedorf zum Bahnhof nach Büchen. Von dort braucht der Regionalexpress bis Hamburg Hauptbahnhof nur 30 Minuten. Nach und nach entdeckten Westrentner Zweedorf als preiswerten Alterswohnsitz. Einen pensionierten Bundeswehrsoldaten machte Meinck zum Kirchgemeinderat. Ein Anwalt half ihm, Gesetzeslücken zu finden, um das Bauvorhaben durchzusetzen. Einer Hamburger Architektin vermittelte er ein Haus neben der Kirche, sie malte später die Bilder an der Empore. Wenige von denen, die Meinck für seine Sache einnahm, waren vorher in der Kirche aktiv.

Ende der neunziger Jahre begann er, das Fundament auszuheben. Stopp, sagte die Bauverwaltung des Kirchenkreises Parchim. Wer eine Kirche bauen will, muss sich vorher mit dem Kirchenamt absprechen, eine Genehmigung einholen und ein Finanzierungskonzept vorlegen.

Der Kirchenkreis solle den Kirchbau ­finanziell unterstützen, forderte Meinck. Seit Jahrzehnten streiche die Verwaltung die Pacht ein, die eigentlich Zweedorf zu­stehe. Zweedorf ist Patronatsgemeinde und verpachtet Äcker an Bauern. „Meinck verstand es, der Kirchenverwaltung ein schlechtes Gewissen zu machen“, sagt sein damaliger Pastor Scharnweber.

"80.000 Euro? Niemals!"

Da er nicht bauen durfte, überzeugte Meinck Pastor Scharnweber, jedes Jahr im August Zeltgottesdienste auf dem Grund der alten Kirche zu feiern. Noch mehr Leute aus dem Westen zogen nach Zweedorf. „Wir brauchen ein Gemeindehaus“, sagte Meinck irgendwann. Er baute einen Holzwagen in der Form einer Kirche, gründete einen Kirchenbauverein, fuhr mit seinen Leuten auf Feste und sammelte Geld. Nicht dass die Gemeinde massiv gewachsen wäre. 1995 verzeichnete sie 128 Mitglieder, heute sind es 140, zwischendurch waren es sogar mal 163. Aber Meinck und der Kirchenbauverein wirbelten viel Staub auf.

Inzwischen waren Bauaufsicht in Parchim und Kirchenbauamt in Schwerin überzeugt. Der Zweedorfer Kirchenbauverein erhielt seine Baugenehmigung – für ein Gemeindehaus. Meinck hatte noch mit dem Schweriner Kirchenbaurat Karl-Heinz Schwarz gewettet, für den Bau ­werde man nicht mehr als 80 000 Euro brauchen, für das Material eben. „Niemals!“, hielt der erfahrene Kirchenbaurat dagegen.

Die Mitglieder vom Kirchenbauverein strömten aus, um sich Rabatte für ihr Baumaterial zu sichern. Meinck sprach einen Erdbau- und Abbruchunternehmer an, der sich in Zweedorf ange­siedelt hatte, eine Tiefbau­firma aus dem Nachbarort Gresse, eine Betonfirma aus dem holsteinischen Schwarzenbek, einen Trockenbauer aus Leetzen. Meinck, sein Schwiegersohn und der ebenfalls ins Dorf zugezogene Erzieher Olaf Zinter begannen mit dem Bau. Über 7000 Stunden Eigen­arbeit stecken in dem Gebäude. 2009 war Richtfest. Kirchenbaurat Schwarz verlor die Wette.

Alles da: Kirche, Pfarrhaus, Pfarrscheune, Franzosen­eiche, Kriegerdenkmal

Meincks nächste Idee: Man könne das Gemeindehaus als Kapelle nutzen. Das kam bei den Zweedorfern gut an: ein Versammlungshaus für Beerdigungen im eigenen Dorf, mit Küche für Gemeinschaftsakti­vi­täten. Man kann hier auch heiraten. Etwas ungewöhnlich: Hochzeits­paare, die durch den Haupteingang einziehen wollen, durchqueren den Küchentrakt des alten Gemeindehauses.

Die kirchliche Baubehörde unterstützte nun das Projekt und wollte auch die Fens­ter aus einem Sonderetat für Kunst be­zahlen. Baurat Schwarz schlug vor, man könne das Motiv der alten Kirche dezent in den Kirchenfenstern aufnehmen. Als er das nächste Mal wieder anreiste, hatte Meinck bereits Motive aus der alten Dorfmitte an die Empore malen lassen: alte Kirche, altes Pfarrhaus, alte Pfarrscheune, Franzosen­eiche, Kriegerdenkmal. „Es soll ja auch nicht mir gefallen, sondern den Leuten im Dorf“, sagt Schwarz.

Die Architektin aus der Gemeinde erfuhr, dass eine Hamburger Kirche Glocken zu vergeben hatte. Der Kirchenbauverein holte sie nach Zweedorf. Eine offizielle Kommission des Kirchenkreises trat zusammen und beriet, wie und wo man den Glockenturm aufstellen könne. Dabei hatte Meinck schon alles fertig vorbereitet. Kaum war die Kommission abgereist, ­holte er das Gerüst aus dem Gebüsch. Der Glockenturm stand.

Für die Beerdigung verkleideten sie das Turmgerippe

Dann hieß es: Jetzt könne man auch noch einen richtigen Kirchturm mauern. Kirchenbaurat Schwarz zweifelte. Doch bei seinem nächsten Besuch war der Turm schon drei Meter hoch. Da hatte das Jahr 2010 schon begonnen. Meinck war todkrank.

Er schleppte sich bis Anfang Oktober zur Baustelle. Schließlich bat er den Pastor aus Boizenburg, ihm im Kreis seiner Familie und einiger Freunde das Abendmahl zu geben. Am 17. Oktober 2010 starb Wolfhard Meinck. Da war die Kirche noch im Rohbau. Für die Beerdigung verkleideten die Leute vom Kirchenbauverein das Turmgerippe zur Friedhofsseite hin.

Ob alles, was danach geschah, in Theos Sinn war? Niemand kann das genau sagen. Zum Beispiel die alte Holzkiste mit dem Abendmahlgerät. Eigent­lich hatte sie seit dem Abriss der ­alten Kirche im Hause Meinck gestanden. Nun wollte der Kirchgemeinderat sie in der Kirche aufbewahren.

Inzwischen ist man kompromissbereit

Oder die Auffahrt zur Kirche. Theo hatte schon Backsteine besorgt. Sie sollte rot gepflastert sein wie bei allen alten Kirchen der Umgebung. Doch für die erforderlichen 3,50 Meter Breite reichten die Steine nicht. Der Kirchenbauverein bekam güns­tigere, graue. Bis zum Kirchweihfest im September 2011 war die Auffahrt fertig. 350 Gäste kamen, ein richtig großes Fest mit Zirkuszelt, Spielstraße, Hüpfburg, Cocktailbar, Kuchenbuffet und Luftballonwettbewerb. Der Elan hatte nicht nach­gelassen, Kirchenbaurat Schwarz staunte wieder. Nur war die Auffahrt jetzt grau.

Oder Taufstein, Altar und Predigtpult. 2011 feierte die Mecklenburgische Landeskirche ein Jahr der Taufe und schrieb Preise aus: Künstler sollten Taufsteine gestalten, unter anderem für die neu gebaute Kirche in Zweedorf. Das Taufbecken wird ein gebrochener massiver Holzring auf grob geschnitzten Stäben sein. Sie hätten sich erst einmal an die Kunstwerke der Preis­trägerin gewöhnen müssen, sagt der Vorsitzende des Zweedorfer Kirchgemein­derats. Inzwischen ist man kompromissbereit, wenn solche Vorgaben aus der ­Kirchenbehörde kommen.

Und überhaupt. Im Juni 2010 war ein neuer Kirchgemeinderat gewählt worden. Die meisten Stimmen bekam ein Zugezogener, Horst Schrecke. Er hatte im Dorf für die Wahl geworben – das hatte so bislang noch niemand getan. Nach Meincks Tod hatte seine Familie plötzlich keine Stimme mehr im Kirchgemeinderat. Sie zog sich ganz aus der Gemeinde zurück. „Es war nicht alles im Sinne meines Mannes, was da nach seinem Tod geschah“, begründet ­Roswitha Meinck-Peters ihre Entscheidung.

"Alles Getrennte findet sich wieder"

Die Gemeinde macht trotz solcher Unstimmigkeiten weiter. „Ich sehe nicht, dass der Kirchenbauverein irgendwann auf­gelöst wird“, sagt dessen Vorsitzender Olaf Zinter. „Ziel ist, noch mehr Mitglieder zu kriegen. Auch die Kirchen in Nostorf und Schwanheide müssen saniert werden.“

Der Kirchgemeinderatsvorsitzende Horst Schrecke will die drei Dörfer der ­Kirchengemeinde, Zweedorf, Nostorf und Schwanheide, wieder stärker zusammenführen. Es hat viel Unmut in den anderen Gemeinden gegeben, weil der Kirchbau in Zweedorf viel zu lange viel zu viele Kräfte beansprucht hat.

Auf Wolfhard Meincks Grabstein steht: „Und alles Getrennte findet sich wieder.“ – Der Vers sei bestimmt genau so mit ihm abgesprochen, sagt Pastor Alfred Scharnweber. Vollständig heißt er beim Dichter Friedrich Hölderlin so: „Wie der Zwist der Liebenden, sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten im Streit und alles Getrennte findet sich wieder.“

Information

196 Gemeinden aus ganz Deutschland haben sich an der Aktion „chrismon-Gemeinde 2012“ beteiligt – mehr als  400 000 Menschen für „ihre“ Gemeinde abgestimmt. ­Es gab Sieger- und Sonderpreise. Für die Renovierung mit geringen Mitteln bekam die Gemeinde Zweedorf einen Sonderpreis.

Eine Karte mit der Übersicht aller Teilnehmer-Gemeinden und ihre Bewerbungsprofile finden Sie hier.

Reportagen aus den Gemeinden in der Aboausgabe chrismon plus: Lesen Sie bis 8/2012 die Serie „Kirchenmusikerporträts“ und ab 9/2012 die Serie „Gemeindereportagen“. 2 Ausgaben kostenlos testen (Stichwort „Gemeinde“): Tel. 0800/758 75 37 oder leserservice@chrismon.de

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