chrismon-Chefredakteur über gemeinsames Beten

Eine arme Seele!
Im Gebetsgreis sind alle willkommen. Wenn sie pünktlich sind

 Claudia Meitert

Mein Korrekturprogramm zur Rechtschreibung ist spitze. Aus „Autorennen“ macht es „Autorinnen“, aus „gefüllt“ wird „gefühlt“. Nur den „Gebetsgreis“ der Kirchengemeinde schreibt es nicht um. Mit gutem Grund. Dieser Zirkel (nicht Zirkus!) ist tatsächlich eine ­geriatrische Institution. Nein, das ist abwertend. Sagen wir: ein geronto­philes Angebot. Von „den Alten“ darf man ja nicht mehr sprechen. Und selbst die latinisierte Übermalung „Senioren“ hat unter Sprach-Gerächten, äääh Gerechten, diskriminierenden Charakter.

Wie gut, dass es neben dem Gebetsgreis auch ein „Generationentreffen“ gibt. In leuchtenden Farben prangt dies, ergänzt durch „Herzliche Einladung“, im Schaukasten am Gottes­haus. Uhrzeit: Mittwoch, 15 Uhr, ­ideal für alle Vollzeitberufstätigen. Wer nicht kommt, ist selbst schuld. Die Türen stehen weit offen! Wenn man pünktlich ist. Wer zehn Minuten später kommt, hat Pech gehabt, kann am Gemeindehaus den Anschlag ­lesen: „Geschlossene Gesellschaft“.

Und wer meint, er könne telefonisch jemand im Pfarrbüro erreichen, der oder die ihm doch noch die Tür öffnet, hört den freundlichen Anrufbeantworter: „Die Sprechzeiten sind . . . Wenn Sie außerhalb dieser Zeiten anrufen, bitten wir Sie, eine Nachricht zu hinterlassen. Wir rufen Sie möglichst bald zurück.“ Vetter Alfred hat neulich tatsächlich einen Rückrufwunsch hinterlassen.

Und da der christliche Glaube ja mit dem Gott der Ewigkeit zu tun hat, durfte er sich nicht wundern, dass „möglichst bald“ auch nach zwei Wochen noch nicht gekommen war. „Passt zu eurer Fastenaktion“, maulte Alfred, „Sieben Wochen ohne Sofort“. Er ist richtig sauer und will deshalb auch Ostern nicht gottesdienstlich feiern. „Ostern? Da schaue ich im Fern­­sehen lieber einen Western!“ Als ich dies neulich ein paar sehr netten Gemeindegliedern erzählte, schüttelten sie betrübt die ergrauten Häupter. Friederike seufzte: „Eine ­arme Seele! Aber auch für solche ist Jesus gestorben und auferstanden.

Zu Ostern bei den Nachbarn klingeln

Wir wollen im Gebetskreis eine Kerze für ihn entzünden und dafür beten, dass er wieder zu uns findet.“ Findet? Warum geht ihr ihn nicht suchen? Das war doch das Programm des Jesus und seiner Apostel: Hingehen zu den Leuten, sie ansprechen und einladen. Er blieb nicht in Vaters Werkstatt in Nazareth sitzen und wartete auf jene, die kommen würden. Er ging zu den Fischern am See, zu den Bauern, zu den bösen Zöllnern, zu alleinstehenden Frauen, redete mit ihnen, holte sie in ihrer Lebenswelt ab. „Das stimmt“, raunte die liebe Friederike, „ist aber richtig anstrengend.“ Und dann sah sie mir wehmütig in die Augen: „Ja, ich weiß, was du mir jetzt antwortest! Unsere Aufgabe ist das Evangelium. Oder auf Deutsch: die Frohe Botschaft – nicht die saure Holschuld!“ Ich nickte heftig: „So ist es. Die Botschaft reiste und kreiste. Heute ist sie in Hinterzimmern vergreist und vereist.“

„Das siehst du falsch“, ergänzte Friederikes Freundin Paula: „Uns sind alle willkommen. Sie sollten sich nur rechtzeitig anmelden und pünktlich sein. Und, was du da mit der Botschaft meinst, stimmt ja prinzipiell. Nur: Heute wollen die Leute in Ruhe gelassen werden. Da darf man nicht aufdringlich sein und bei ihnen an der Haustür läuten.“

Doch! Ich werde es an Ostern tun! Bei meinen Nachbarn läuten, ihnen ein „gesegnetes Ostern“ zurufen. Und dann werde ich sie auf ein Gläschen oder Tässchen einladen, die Auferstehung des Gottes der Liebe feiern. Friederike: „Und wenn sie dir die Türe vor der Nase zuschlagen?“ Dann lege ich ihnen den Zettel vom Gebetsgreis in den Briefkasten, mit dem Zusatz: „Wir werden für euch ein Gebet s­prechen und ein Kerzchen entzünden.“ Vetter Alfred ist sicher dabei. Prost und gesegnete Ostern!

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