Wo ist das Reich Gottes?

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr
Als er aber von den Phari­säern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch . . .
Lukas 17,20–24
Online-Dachzeile: 
Wo ist das Reich Gottes?
Mitten unter uns
Professor Dr. Christoph Markschies

Thomas Meyer/Ostkreuz

„Dein Reich komme“ – welche Bilder habe ich im Kopf, wenn ich diese Zeile des Vaterunsers bete? Wenn ich ehrlich bin, denke ich bei dieser Formulierung zumindest im November sehr unwillkürlich an das, worauf ich nach meinem Tode hoffe. Gott herrscht und nicht mehr der Tod. Ich lebe ein neues Leben vor Gott, ohne diese Grenze meines irdischen Lebens. Um mich herum sind die, deren irdisches Leben bereits an dieser Grenze ein Ende gefunden hat, und Gott ist mitten unter uns allen.

Christoph Markschies

Christoph Markschies ist Professor für Ältere Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und seit Januar 2012 Autor der monatlichen Kolumne "Das Wort" in chrismon Plus. Er studierte evangelische Theologie, klassische Philologie und Philosophie in Marburg, Jerusalem, München und Tübingen und veröffentlichte 1991 seine Dissertation über Valentinus Gnosticus. 1994 habilitierte er sich und wurde 1995 Professor für Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Im Herbst 2000 wechselte er an die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und hatte dort den Lehrstuhl für Historische Theologie inne. Im Jahr 2001 erhielt er den Leibniz-Preis, einen renommierten Förderpreis für deutsche Wissenschaftler. Seit 2004 hat er den Lehrstuhl für Ältere Kirchengeschichte (Patristik) an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Vom 1. Januar 2006 bis zum 18. Oktober 2010 war er Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin.
Thomas Meyer/OSTKREUZChristoph Johannes Markschies
Solche Gedanken habe ich, wenn ich in diesen Tagen bete: „Dein Reich komme“ – und nicht einfach diese drei Worte ganz gedankenlos sage. Entsprechend unkonkret ist mein Bild. Es tauchen zwar dann und wann Gesichter von lieben Menschen vor dem inneren Auge auf, die mir fehlen, seit sie gestorben sind, aber ich habe keinen blauen Wolkenhimmel im Kopf, in dem Engel umherlaufen.

Es liegt im November nahe, an Tod und ewiges Leben zu denken. Und trotzdem wundere ich mich, dass mir bei der Bitte um das Kommen des Reichs Gottes in diesen Tagen unwillkürlich solche

Bilder einfallen. Denn eigentlich weiß ich, dass schon Jesus von Nazareth davon überzeugt war, dass dieses Reich bereits in der irdischen Welt anbricht – genauer: dass durch sein eigenes heilendes Handeln die Welt mindestens ein Stück von der Herrschaft Gottes geprägt sei. „Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen“, heißt es jedenfalls im Lukas­evangelium 11,20.

Auch Luther versteht in seinem „Gro­ßen Katechismus“, der mir beim Vaterunser in den Sinn kommt, das „Reich Gottes“ als Erlösung von der Gewalt des Teufels. Das klingt sehr theologisch. Luther prä­zisiert „Reich“ dann aber als den Glauben des Christenmenschen und sein Leben im Glauben. In beiden Fällen geht es also nicht zuerst um Tod und ewiges Leben. Sondern zunächst einmal um etwas, was sich mitten unter uns ereignet, was sich sogar in uns ereignet. Nach Luther: Dass wir glauben, im Glauben bleiben und im Glauben leben. Nach Lukas: dass die Welt ein Stück heil wird.

Was sollen wir unter „Reich Gottes“ verstehen, und wann beginnt es? Solche Fragen stellten Menschen auch schon zu Zeiten Jesu. Das Lukasevangelium berichtet davon, dass Jesus gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, und Jesus mit seiner Antwort schroff die, die ihn das fragten, abwies: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! oder: Da ist es!“

Allen denen, die meinen, das Reich Gottes auf Erden identifiziert zu haben, und beispielsweise eine bestimmte Gesellschaftsordnung als Reich Gottes bezeichnen, wird also widersprochen. Zu Recht. Bekanntlich haben alle menschlichen Versuche, das Reich Gottes auf Erden politisch zu realisieren, geradewegs in die Hölle geführt, wie der Philosoph Karl Popper einmal formuliert hat.

Identifiziert man das Reich Gottes wie Luther zunächst einmal mit dem Glauben der Christenmenschen und ihrer Lebensweise, ergeben diese biblischen Sätze einen guten Sinn: Natürlich kann ich meinem Banknachbarn, der das Vater­unser spricht, nicht ins Herz schauen und wissen, ob und wie er glaubt. Diese irdische Herrschaft Gottes ist nicht sichtbar und höchstens ­indirekt ablesbar, sie ist auch bedroht durch andere Mächte und Gewalten. Durch Mächte, die man viel handgreiflicher als Gott am Werk sehen kann, beispielsweise gerade im Nahen Osten.

So macht es also doch Sinn, im No­vember daran zu denken, dass sein Reich für uns alle sichtbar und unzerstörbar erst am Ende aller Tage und am Ende unseres irdischen Lebens sein wird.

 

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