Landespfarrer Dirk Ahrens über die Zeit des Heils

Als Mitarbeiter aber ­ermahnen wir euch, dass ihr nicht ver­geblich die Gnade Gottes empfangt. Denn er spricht (Jesaja 49,8): „Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.“ Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Und wir geben in nichts ­irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; sondern in allem ­erweisen wir uns als Diener Gottes . . .
Online-Dachzeile: 
Landespfarrer Dirk Ahrens über die Zeit des Heils
Irgendwas tut immer weh
Mach es einfach! Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für das, was man schon immer vorhatte. 
Dirk Ahrens, Chef der Hamburger Diakonie, über die Zeit des Heils

 Hanna Lenz
Vor einiger Zeit sah ich im Fernsehen ein Interview mit einer netten jungen Frau, die ihre Eizellen hatte einfrieren lassen. Ihr Arzt hatte die 30-jährige Naturwissenschaftlerin davon überzeugt, dass sie jetzt im besten Alter sei, Kinder zu bekommen. Die junge Frau liebt Kinder über alles. Gleichzeitig stellte sie fest, dass ihre ­Lebenssituation leider noch nicht optimal war. Erst musste noch die Doktorarbeit vollendet, ein gut dotierter Job gefunden und eine kindgerechte Wohnung gemietet werden. Also ließ sie ihre Eizellen einfrieren. Und so soll es bleiben bis zu jenem Tag, an dem alles perfekt sein wird.

Ob das Kind jemals geboren wird? Vermutlich wird auch die junge Frau feststellen, dass sich nur wenig im ­Leben nach Plan umsetzen lässt. Und perfekt ist es ja sowieso nie: Irgendetwas tut immer weh. Einer Freundin geht es schlecht, das Wetter könnte besser sein, der Bus ist zu voll. Ganz zu schweigen von den wirklichen Pro­blemen: Armut und Hunger, Kriege, Klimawandel. Letztlich steht 
dahinter die Frage, wie wir damit umgehen, dass das ­Leben so brüchig und gefährdet ist: Welche Bedingungen müssten erfüllt sein, damit das Leben wirklich gut ist?

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Unsere Hoffnungen kleiden wir oft in Wenn-dann-­Sätze: Wenn ich erst Urlaub habe, dann wird es mir gut gehen. Wenn ich wieder gesund bin, dann werde ich ­meinen Arbeitsalltag freundlicher gestalten. Wenn wir ein passendes Haus mit Garten gefunden haben, dann werden wir eine glückliche Familie sein. Wenn ich endlich den richtigen Partner finde, dann wird mein Leben gut. Für den Apostel Paulus hat die Hoffnung nichts mit wenn und dann zu tun. Seine Hoffnung drückt sich in einem starken Jetzt aus: „Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

Die Lebensumstände des Paulus waren nicht besser als unsere. Im Gegenteil: Er schreibt von Verfolgung und Gefängnisaufenthalten, von Schlägen und Angst, von Armut und Tod. Er hätte allen Grund gehabt, seine Hoffnung auf das Jenseits zu setzen, aber er glaubt, das Heil liegt in der Gegenwart: Wenn nicht jetzt, wann dann? Für ihn hat sich diese Welt durch Christi Tod und Auferstehung grund­legend gewandelt. Denn trotz aller Angst und aller Ge­-
fahren, trotz Not und Tod weiß er nun, dass Gott solidarisch ­mit dem Leben und Leiden der Menschen ist. Die Gottver­-
lassenheit, die größte für ihn vorstellbare Not, ist besiegt.

Jetzt ist der Tag des Heils

Gottes Solidarität wird für Paulus zum Ansporn, selber mit Menschen solidarisch zu sein. Für die Verbreitung dieser Botschaft nimmt Paulus Spott und viele Gefahren auf sich. Seine Überzeugung gerät dadurch nicht ins Wanken. „Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“: Das ist der Zuspruch, den Kopf trotz aller Widrigkeiten nicht hängen zu lassen und das Unvollkommene liebend anzunehmen. Und es ermutigt zugleich, das Zugesagte wahr werden zu lassen: Lass die Solidarität Gottes in der Nächstenliebe sichtbar werden. Setze dich ein für die unverbrüchliche Würde eines jeden Individuums, egal was es leistet. Verweigere, alles und jeden in Geld aufzuwiegen, und sei ein starker Anwalt für die Schwachen!

Vielleicht wäre das auch eine ermutigende Botschaft für die nette junge Frau, die ihre Eizellen hat ein­frieren lassen. Die Doktorarbeit, der gute Job und die kind­gerechte Wohnung sind wichtig. Aber vor allem wäre 
es wünschenswert, dass Mutter und Kind hoffnungsvoll in die Welt und das Leben hinaustreten können, mit 
einer liebevollen Haltung gegenüber allem Unvoll­kommenen und voller Solidarität gegenüber Mensch und Mitgeschöpfen.

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