Erst einmal die Augen reiben

Karfreitag
Der Religionspaedagoge Fulbert Steffensky

Thomas Meyer / Ostkreuz

Da überantwortete Pilatus ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte... Und Jesus sprach: „Es ist vollbracht!“ und neigte das Haupt und verschied.
Johannes 19,16-30

Man erzählt sich dies und das über Götter. Sie seien stark und nichts könne sie verwunden; sie lebten in unzerstörbarer Selig­keit; sie seien souverän, den Menschen geneigt und öfter noch feindselig gegen sie. Aber was ist bewundernswert an der Stärke der Starken und an der Seligkeit der Unverwundbaren? Das ist der natürliche und erwartbare Lauf der Dinge.

Es gibt eine andere Erzählung über Gott: Er sei unter der Maske des Mannes aus Nazareth als Verwundbarer durch die Welt gelaufen, für Schmerzen und Ohnmacht anfällig wie wir selbst; er sei Schlägen und dem Tod nicht ausgewichen und am Kreuz gestorben, die einen sagen, mit verzweifel­tem Schrei auf den Lippen, die anderen, mit fast königlicher Geste. Dass er gekreu­zigt wurde und gestorben ist, sagen alle.

Fulbert Steffensky, Jahrgang 1933, ist einer der bekanntesten theologischen Autoren im deutschsprachigen Raum. Er lehrte Religionspädagogik und lebt in der Schweiz.
Es ist nicht der natürliche Lauf der ­Dinge, dass ein Starker auf seine Stärke verzichtet und Teilhaber des Menschenschicksals wird. Ich wollte, wir würden einmal unseren Glauben an diese alte Geschichte und an den verloren gegangenen Gott vergessen und uns einfach wundern über das, was da erzählt wird. Der bedenkenlose und unverzögerte Glaube kann die Verwunderung vertreiben und suggerieren, dies sei eine selbstverständliche und natürliche Geschichte. Glauben kann man später. Erst sollte man sich die Augen reiben über der unwahrscheinlichen Erzählung; eine Geschichte der Würde und Schönheit Gottes.

Unverwundbare Götter, die nicht bluten können, sind nicht zu bewundern. Die Starken, die gierig auf ihrer Stärke bestehen, sind nicht schön, sie sind gewöhnlich, wie alle Kraftprotze. Wer die fremden Schmerzen nicht zu seinen eigenen machen kann, ist nicht schön, er ist wie alle anderen. Diese Geschichte des verlorenen Gottes schön zu finden, ist vermutlich die erste und nicht überspringbare Stufe dazu, sie zu glauben, sich in sie zu stürzen und sie nicht mehr loszulassen.

Unsere Sprache zerbricht vor dieser Unsäglichkeit. Darum kann die Geschichte jenes maskierten Gottes nicht erklärt und aufgeschlüsselt werden. Man kann ihr Geheimnis entweihen, indem man es lüftet.

Eine zweifelhafte Erklärung sagt, die Schuld der Menschen habe vor Gott nur durch das Blut und den Tod seines eigenen Sohnes gesühnt werden können. Nein, Blut nützt nichts. Kein Tod ist gut, der den Menschen gewaltsam aufgepresst wird, auch nicht der Tod jenes Gerechten.

Aber gut ist die Leidenschaft jenes Gottes, versteckt in Christus, der dort sein will, wo das Leben geschändet wird; wo Menschen in ihrer Schwäche und Schuld ertrinken und wo der Tod sie zeichnet, ehe sie geboren sind. Ein geschwisterlicher Gott kann nur der sein, der in unsere ­eigene Endlichkeit gefallen ist.

Gott hat sich nicht trennen lassen von unseren Schicksalen, wie die Liebe sich nicht trennen lässt vom Geschick der Geliebten. Er opfert sich mit seinem Leben und seinem Tod in unser Leben und in unseren Tod. Unser Versprechen ist die Solidarität Gottes, die er durchhält bis zum schmählichsten Tod am Galgen. Der verborgene Gott ist im Schicksal jenes Menschen aus Nazareth kenntlich geworden, er hat seine Maske gelüftet.

Menschen lesen sich mit ihrer Schwäche, mit ihren eigenen Wunden und mit ihrer Schuld in die Vollkommenheit dieser Güte hinein. Sie singen ihre hilflosen Passions- und Osterlieder – ja, es lässt sich leichter davon singen als darüber reden und es erklären. Sie stürzen sich in einen Anfang, der vor allen eigenen Anfängen mit dem Tod jenes Gerechten gemacht ist. Wir sind nicht gezwungen, nur die zu sein, die wir sind. Wir sind auch die, die gemeint sind mit jener nicht weichenden Güte. Dies ist das Unmöglichste, was dem Glauben zugemutet ist, und es ist das Tröstlichste.

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