Dirk Ahrens über den brennenden Dornbusch am Berg Sinai

Mose aber hütete die ­Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des ­Priesters in Midian, . . . Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch . . . Und der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört, . . . Und ich bin hernieder­gefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand . . . so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.    
Titel: 
Dirk Ahrens über den brennenden Dornbusch am Berg Sinai
Geschrei der Elenden
Von der doppelten Zumutung, das Leid der anderen zu sehen und den brennenden Gott im Herzen zu ertragen

Das friedliche Bild trügt: Der Mann Mose, der hier die Schafe seines Schwiegervaters hütet, ist ein Mörder! Geboren als Sohn israelischer Sklaven, adoptiert durch eine ägyptische Prinzessin, hätte er sein Leben bei Hofe genießen können. Aber seine Herkunft bleibt ihm wichtiger. Er erschlägt einen gewalttätigen ägyptischen Sklavenaufseher, der einen Israeliten misshandelt, und verscharrt ihn im Sand. Er flieht nach Midian, gilt dort als „Mann aus Ägypten“, heiratet und führt viele Jahre ein ruhiges Leben als Schwiegersohn des dortigen Priesters. Gerettet! Hier könnte er bleiben und seine Kinder und Enkel aufwachsen sehen. Doch es ist ihm nicht vergönnt, sein gutes Leben zu genießen.

Gott begegnet ihm als Feuer, als Flamme in einem Dornbusch. Gott brennt für das Leid der Unterdrückten in Ägypten. Gott hat das Geschrei der Elenden gehört und will befreien und erretten. Diesem Feuer kann Mose sich genauso wenig entziehen wie seiner Schuld. Mag sein, dass ein Dornbusch brennt, aber vor allem entzündet Gott ein Feuer im Herzen des Mose. Die Zeit der Ruhe und des Wohlstandes ist vorbei. Mose muss zurück nach Ägypten, er muss seinem Auftrag nachkommen und das unterdrückte Volk Gottes befreien.

Der feurige Gott, der das Unrecht nicht duldet, lässt ihm keine Ruhe. Mose riskiert sein Leben: In Ägypten ist er als Mörder gesucht. Aber er geht im Vertrauen auf die Zusage des menschenfreundlichen Gottes. Er hat Leben zerstört, nun soll er Leben retten.

Tragen wir Mitschuld?

Abends um 20 Uhr in der Komfortzone: Im Wohnzimmer ist es gemütlich, eine Kerze brennt. Die „Tagesschau“ beginnt. Schon bald ist das Geschrei der Elenden zu hören: in Syrien, auf dem Mittelmeer, im Sudan, in einer deutschen Flüchtlingsunterkunft, wie jeden Tag.

Ermattung und Ohnmacht machen sich breit: Wer ist verantwortlich? Wer ist der Pharao? Tragen wir Mitschuld? Alles scheint zu viel und zu unübersichtlich. Dann folgt der Bericht über einen jungen Mann, der mit Freunden einen Fischkutter kauft. Mit Hilfe von Spendern machen sie den Kahn fit und fahren hinaus aufs Mittelmeer. Mittlerweile haben sie gemeinsam mit vielen anderen Engagierten Tausende Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet. Keine Ahnung, ob sie religiös sind, aber in ihrem Herzen hat die Flamme gezündet. Sie haben sich aufgemacht und in den Dienst nehmen lassen.

Nicht jeder ist ein Mose. Aber Menschen, die sich einlassen und sich vom Geschrei der Elenden bewegen lassen, können andere ermutigen, der Verhärtung zu widerstehen. Es ist eine doppelte Zumutung, das Leid der Elenden wahrzunehmen und den brennenden Gott im Herzen zu ertragen. Aber daraus erwächst das Gebet für jene in Not und für jene, die helfen.

Der Auftrag: Freiheit fordern

Manch einer spendet. Einige machen sich auf den Weg und helfen in einer Flüchtlingsunterkunft, besuchen einsame Senioren oder verteilen Suppe bei der Tafel.  Das ist nicht banal, auch wenn es angesichts der globalen Not viel zu wenig scheint. Mindestens rettet das aus dem Elend der Ohnmacht. Es gilt immer auch, die von Gott geschenkte eigene Menschlichkeit, das Mitgefühl, zu retten.

Gott brennt für das Leben und die Freiheit. So wird er sich künftig vorstellen: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten aus der Knechtschaft befreit hat.“ Das ist nicht nur eine Erinnerung an gute alte Zeiten, sondern auch ein Auftrag an uns Heutige: Im Namen dieses Gottes sollen wir jedem neuen Pharao entgegentreten und Freiheit fordern.

Zynikern und Menschenverächtern sollte man auf jeden Fall widersprechen, sowohl im privaten Umfeld als auch am Arbeitsplatz, im Internet oder in der Politik. Das wird ohne eine gewisse Bereitschaft zum Konflikt nicht immer möglich sein. Es geht um das Feuer des Lebens.

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