Christoph Markschies über Tod, Identität und Seele

Osternacht, 15./16. April 2017 ...Tote werden nicht lebendig, Schatten stehen nicht auf; denn du hast sie heimgesucht und jedes Gedenken an sie zunichtegemacht... Aber deine Toten werden leben, deine Leich­name werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Schatten herausgeben. Jesaja 26,13–19
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Christoph Markschies über Tod, Identität und Seele
Wo bleibt die Seele?
Der Arzt hat den Vater für klinisch tot erklärt. Das Leben weicht. Aber seine Identität bleibt irgendwo erhalten, davon ist Christoph Markschies mittlerweile überzeugt

 Christoph MarkschiesThomas Meyer
Als ich, so schnell ich konnte, in die Wohnung meiner Eltern gefahren war, hatte der Notarzt meinen Vater schon aufgegeben. Er lag auf dem Wohnzimmerboden. Aber erst in den folgenden Stunden wurde der, den der Arzt für klinisch tot erklärt hatte, zu einer Leiche. Seit ich diese intensiven Stunden erlebt habe, weiß ich, was die ­Bibel meint, wenn sie von „Seele“ spricht: Es gibt einen Kern personaler Identität, der unsere Existenz zusammenhält. Man kann ihn am eigenen Leibe spüren, wenn man morgens in den Spiegel sieht und nicht darüber nach­denken muss, wer einen da warum wie ansieht. Im Nu ist einem gegenwärtig, was diese Person am Tage zuvor erlebt hat und sie gerade so aussehen lässt. Und wir wissen, dass wir es sind. Dieser personale Identitätskern steht, solange ­wir leben, in unauflöslicher Verbindung mit unserem ­Körper. Wenn wir gestorben sind, löst sich diese Verbindung. Ich habe es gesehen, als mein Vater auf dem Boden des Wohnzimmers lag.

Seit ich das gesehen habe, bin ich noch mehr davon überzeugt, dass dieser personale Identitätskern nicht end­-gültig im Grabe verrottet wie die Hülle des Körpers, die er verlassen hat. Ich glaube, dass er nach unserem Tode bei Gott gut aufgehoben ist und am Jüngsten Tage in einer neuen Leiblichkeit zu neuem Leben auferweckt werden wird. Natürlich weiß ich nicht, wo sich dieser personale Identitätskern meines Vaters in welcher Gestalt gerade aufhält. Aber ich glaube, dass er einmal vor Gott in einer erneuerten Gestalt leben wird.

Die Erde gibt die Schatten wieder heraus

Ich weiß, dass viele Menschen sich Gott nach dem Maßstab ihrer Angst vor dem Tode konstruieren: Sie glauben, dass er keine Macht über den Tod hat und Menschen daher endgültig sterben. Und weil sie nicht glauben, dass Gott Macht über den Tod hat, halten sie ihn auch gleich schon für tot und glauben nicht, dass er existiert. Solche Menschen sind dann immer ganz verwundert, wenn ich sage, dass Feuerbach nicht nur kritisiert hat, dass Menschen sich einen allmächtigen Gott zusammenbasteln, sondern natürlich auch kritisiert, wenn wir uns einen ohnmächtigen Gott zusammenbasteln. Oder wenn wir zusammenbasteln, dass es ihn gar nicht gibt.

Solchen Menschen wünsche ich die fröhliche Gewissheit, die schon aus den Propheten der hebräischen Bibel spricht, aus dem Alten Testament. Es gibt Texte in diesem Teil unserer Bibel, welche die grausame Realität des Todes ganz nüchtern beschreiben. Tote können Gott nicht loben. Tote werden auch nicht lebendig, sind Schatten und ­stehen nie mehr auf. Ihr Gedächtnis ist so vergessen wie die ­vielen verrotteten Gräber auf den Friedhöfen, um die sich schon bei der Beerdigung und erst recht danach niemand kümmert.

Es gibt aber eben auch Texte der hebräischen Bibel, in denen eindrucksvolle Visionen gegen menschliche Hoffnungslosigkeit entworfen werden. Wir lassen die Toten gern tot sein und vergessen die Menschen, die aus unserem Leben geschieden sind, nur allzu oft. Aber Jesaja malt ein Bild, wonach die unter der Erde schlafenden Toten auf­wachen und den Gott, der sie zum Leben erweckt hat, dafür loben. Gott erweckt sie mit seinem Licht, so wie am Morgen der Tau das Leben nach der Nacht wieder er­wachen lässt. Und die Erde gibt die Schatten wieder heraus. Ein Bild? Ostern hilft uns, an die Wirklichkeit solcher Visionen zu glauben und Gott Macht über den Tod zuzutrauen. An diesem Fest erfahren wir aufs Neue, dass schon einer auferweckt wurde und wir uns darüber von Herzen freuen können. Und trösten können, wenn einer vor uns scheinbar endgültig zur Leiche wird.

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