Christoph Markschies über den reichen Jüngling

Und als er hinausging auf den Weg, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott. Du kennst die Gebote: „Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“ Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib' s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach! Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter. Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden? Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen 
 ist' s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.
10,17-27
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Christoph Markschies über den reichen Jüngling
Gescheiterter Vorsatz
Christoph Markschies ist Professor für Ältere Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin

Christoph Markschies ist Professor für Ältere Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin

Monika Keiler

Weniger Bücher kaufen und das Geld lieber in die Kollekte geben, das wäre korrekt - findet Christoph Markschies. Es fällt ihm trotzdem schwer

Manchmal wirken biblische Szenen so unmittelbar aus dem Leben ge­griffen, dass wir beim Lesen oder ­Hören ­meinen, wir wären dabei gewesen. „Das alles habe ich gehalten von meiner Jugend auf“, sagt der ­reiche junge Mann zu Jesus von Nazareth, als der ihn an die Zehn Gebote erinnert. Das könnten viele Christenmenschen auch heute sagen. Junge und alte. Wir bemühen uns, uns einigermaßen anständig zu verhalten, scheitern ge­legentlich an unseren Vorsätzen, aber bekommen es insgesamt ganz gut hin.

Gelegentlich nerven meine Eltern (wie alle Eltern). Aber inzwischen mache ich mir klar, dass ich als Kind und Jugendlicher auch schrecklich anstrengend gewesen sein muss und bewahre mir meine Gelassenheit. In der Grundschule war ich einmal in Versuchung, der Nachbarin ein paar ihrer wunderbaren Buntstifte fortzunehmen (ich besaß nur den kleinen Kasten mit sechs Stiften, sie hatte den großen mit 24), heute ist mir klar, wie eine Welt aussehen würde, in der alle den an­deren wegnehmen würden, was die mehr haben.

Auch andere Menschen erzählen von solchen Erfahrungen und sagen dann: „Im Ganzen haben wir alle Regeln eingehalten und sind doch ganz anständige Leute.“ Immer wieder aber überfällt mich, wenn ich so etwas höre oder selbst solche Sätze rede, siedend heiß ein Gedanke. Der Gedanke an ein Verhalten, mit dem ich wieder und wieder hinter den Maßstäben Jesu zurückbleibe: meine Bücherkäufe. Ich denke daran, dass ich das dafür aufgewendete Geld auch gut am Sonntag in die Kollekte hätte geben können. Nicht wegen der Bücher, die ich notwendig für meinen akademischen Beruf brauche, auch nicht wegen des Romans dieser Autorin, die ich so gern lese. Nein, ich denke an die suchtartigen Raubzüge im Internet, an das rauschhafte Glücksgefühl in einem kleinen Keller­antiquariat, wenn ich ein seltenes Buch gefunden habe, das ich freilich niemals wirklich brauchen werde. „Will haben“, sagt das Kind und lacht zufrieden, wenn es hat.

Bevor ich mich ändere, verwandelt sich ein Kamel in ein schönes Rennpferd

„Er aber wurde betrübt und ging traurig davon.“ Auch diese Erfahrung des reichen jungen Mannes kenne ich gut, und viele Menschen, mit denen ich rede, kennen sie auch. Wir leben mehr oder weniger nach den Maßstäben Jesu, aber da gibt es die eine Sache, die wir wieder und wieder nicht hinbringen. Werden wir daran erinnert, werden wir traurig. Und entfernen uns aus den Gesprächen und Si­tuationen, die uns an diese problematischen Züge unseres eigenen Lebens erinnern.

Gelegentlich erinnere ich mich in solchen Situationen daran, dass uns, wenn wir so traurig über uns selbst weggehen, Gott nachläuft und uns nicht alleinlässt. Wir befürchten, dass wir uns nie ändern. Ein Blick in das Internetverzeichnis der Antiquare, und schon wieder etwas für mich bestellt, statt das Geld für andere Menschen auszugeben. Ein Gang in das Kellerantiquariat um die Ecke, und schon wieder mit einer Tüte nach Hause gekommen. Eher verwandelt sich ein Kamel in ein schönes Rennpferd, als dass ich mich an dieser Stelle ändere.

Im Evangelium vom reichen jungen Mann steht der wunderbare Satz, dass bei Gott alle Dinge möglich sind. Meint doch: Was ich unmöglich an mir finde, das hält er nicht für unmöglich. Und weil er mich nicht für unmöglich hält, wird es mir möglich, etwas an mir zu ändern. Anderen Menschen etwas geben, macht eben doch mehr und vor allem länger Freude, als Taschen voller Bücher nach Hause zu tragen und verzweifelt nach Platz für sie zu suchen.

Wo wir meinen, etwas nicht mehr ändern zu können, hält Gott Situationen bereit, die uns sanft verändern, ehe wir es überhaupt merken. Da ist ihm einfach gar nichts unmöglich.

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