Christiane Thiel über Josuas Kampf

Und es begab sich, als Josua bei Jericho war, dass er seine Augen aufhob und gewahr wurde, dass ein Mann ihm gegenüberstand und ein bloßes Schwert in seiner Hand hatte. Und Josua ging zu ihm und sprach zu ihm: Gehörst du zu uns oder zu unsern Feinden? Er sprach: Nein, sondern ich bin der Fürst über das Heer des HERRN und bin jetzt gekommen. Da fiel Josua auf sein Angesicht zur Erde nieder, betete an und sprach zu ihm: Was sagt mein Herr seinem Knecht? Und der Fürst über das Heer des HERRN sprach zu Josua: Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn die Stätte, darauf du stehst, ist heilig. Und so tat Josua.
5,13-15
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Christiane Thiel über Josuas Kampf
Barfuß vor Gott
Soldaten kämpfen nur mit Stiefeln, sagt die Theologin. Weshalb Josua ein gewaltfreier Gottesstreiter war

 Charlotte Sattler

In den Geschichten der Bibel stehen die Füße für Macht. Wer etwas erreicht, bringt die Sache unter die Füße und tritt fest auf. Wenn ein Sieg errungen ist, dann werden Land und Leute unter die Füße geworfen. Aber es gibt auch die widerständigen Erinnerungen und auch sie werden aufbewahrt. Wie einer auf seinen Anspruch auf Land verzichtet, ist im Buch Rut nachzulesen. Er zieht eine Sandale aus! Wer trauert, geht barfuß, berichtet der Prophet Micha. 

Barfuß auf Macht verzichten? Nackte Füße als Zeichen der Trauer? Josua will einen Krieg führen. Er muss eine Armee zusammenstellen. Die alten Krieger sind auf der langen Wüstenwanderung gestorben. Die große mächtige Stadt Jericho soll erobert werden. Junge Soldaten müssen rekrutiert werden. So weit der Plan. Josua will ein großer Feldherr sein und sich als guter Nachfolger von Mose beweisen. Es hängt viel an den Kriegsplänen. 

Da kommt es zu einer seltsamen Begegnung. Beim feldherrlichen Blick auf die Stadt stellt sich ihm ein Mann in den Weg. „Zieh deine Schuhe aus, denn du stehst auf heiligem Land!“, ruft ihm der Oberste des göttlichen Heeres zu. 

Josua will einen Krieg führen und soll die Schuhe ausziehen? Barfuß vor den Feinden? Ist Jericho heiliges Land? Es ist doch noch Feindesland! Es muss erobert werden! Kann Gott das Land der Feinde heilig nennen? 

Oft wird die Geschichte als Legitimation zum Heiligen Krieg gelesen. Der Herr der Heere übergibt ein Schwert ­an Josua. Der darf losschlagen und Jericho vernichten. Aber stimmt das? „Zieh deine Schuhe aus!“ Ein schwer bewaffneter Barfüßiger? Gibt es Krieg ohne Schuhe?

Ich sehe Kindersoldaten in abgerissenen Kleidern. Tragen sie Schuhe? Sie schleppen schwer an ihren Waffen. Kriegssklaven mit toten Augen. Ich sehe ihre Füße. So nackt und so abgetreten. Viel zu früh zertreten. „Jeder Soldatenstiefel, trampelnd mit Gedröhn, und der Mantel, gewälzt in Blut, soll verbrannt werden, wird ein Fraß des Feuers“, verheißt die große Friedensvision des Propheten Jesaja (Kapitel 9). Krieg führt man in Stiefeln.

Keine Gewalt, wurde geflüstert und gesungen. Bis die Mauer fiel

Josuas Geschichte erzählt von einer Entwaffnung. Es ist eine Abrüstungsgeschichte. „Zieh deine Schuhe aus!“ Geh, und spür die Erde. Lass dich vom Leben tragen, es trägt dich hinaus ins Weite. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, heißt es in Psalm 31. Gottes weiter Lebensraum ist Israel verheißen. Die Kriegstreiber ruhen nicht und stiften immer wieder zur Gewalt an. Aber das Lied von der Gewaltlosigkeit verstummt ebenfalls nicht und singt unbeirrt von der Abrüstung der nackten Füße und der Ehre des heiligen Landes mitten im vermeintlichen Feindesland.

Statt mit Waffengewalt wird das Volk sechs Tage lang um Jericho herumziehen, und nur vom Klang der Schofarhörner werden die Mauern der Stadt einfallen. Ein einziges Gehen und Schofarblasen – sechs Tage lang. Das kann man auch barfuß. Im Herbst 1989 wurden die ­Runden um den Leipziger Ring zu einer Wiederholung dieses Mythos. „Keine Gewalt!“, wurde geflüs­tert und gesagt, gesungen und betont. Immer im Kreis. Bis die Mauer fiel.

Es war in jenem Herbst zu kalt für nackte Füße. Aber das Lied von der Gewaltlosigkeit war über die Jahr­tausende nicht verstummt. Es hatte unsere Herzen erreicht und verändert. Und die unserer Gegner auch, so dass auch die bewaffneten Organe nicht zu den Waffen griffen. Gott sei Dank. Am Scheideweg zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit stehen wir immer wieder. Immer wieder reizt das Schwert in der Hand des Herrn der Heere. „Zieh deine Schuhe aus!“ – entwaffne dich. „Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“ (Psalm 139)

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