Johann Hinrich Claussen über Fußballbücher

Johann Hinrich Claussen über Fußballbücher
Lesen statt Glotzen
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Foto: privat

Fußball und Politik haben für mich etwas gemeinsam: Gerade sind wieder große Wettbewerbe angelaufen, aber egal ob Bundesliga oder Bundestagswahl – ich schaue nicht hin. Denn früher bezog der Fußball – wie auch die Politik – seinen Reiz aus dem Umstand, dass man nicht einmal ahnen konnte, wie es ausgeht. Das ist heute leider nicht mehr so. Um von der Politik zu schweigen – bei der Bundesliga weiß man schon vor dem ersten Spieltag, wie die Tabelle am Ende aussieht: München steht auf dem ersten und Dortmund auf dem zweiten Platz, der Rest verteilt sich, und der Verein aus meiner Heimatstadt (Hamburg) wird wieder einmal die Chance auf einen Abstieg verpasst haben. Sogar wie es europäisch ausgeht, weiß man schon vor dem ersten Anpfiff: Kein deutscher Verein wird irgendetwas gewinnen. Denn Geld schießt Tore (außer bei meinem Heimatverein).

Das alles ist schade, denn früher bot der Fußball große Überraschungen, erzählte er Geschichten von Siegen, die sich niemand erträumt hätte und in deren Licht plötzlich alles anders aussah – bis zum nächsten Spiel. Wer diese utopische Kraft des Fußballs erleben will, sollte heute keinen professionellen Fußball mehr schauen. Doch es gibt einen kleinen Trost: Fußball-Lesen statt Fußball-Schauen. Hier kommen meine vier Lieblingsfußballbücher, in denen man all das erleben kann, was man heute im Stadion oder vor dem Fernseher vermisst.

Die Top Vier der Fußballbücher

1. Gerade ist mit großer Verspätung J.L. Carrs Novelle „Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten“ (ursprünglich aus dem Jahr 1975) in deutscher Übersetzung erschienen. Der Titel sagt, worum es geht: Eine Dorfmannschaft gewinnt den Cup. Aber noch wunderbarer ist, wie Carr die Schönheit der englischen Provinz aufleuchten lässt – skurril, mutig, solidarisch, unbeirrt. Traurig, wie dies alles spätestens in der Brexit-Kampagne verdorben wurde.

2. Die schönste deutsche Fußballnovelle ist bekanntlich „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ von Friedrich Christian Delius (zuerst 1994). Deutschland gewinnt 1954 sensationell das Berner Endspiel gegen Ungarn. Ein Junge erlebt dies am Radio mit und wagt damit den ersten Schritt aus der Welt seines Pastorenvaters.

3. In „Der Traumhüter“ erzählt der Journalist Ronald Reng (zuerst 2002) die unglaubliche Geschichte  des Kölner Torhüters Lars Leese. Seine Karriere schien eine Aneinanderreihung von Fehlschlägen zu werden. Dann aber darf er einmal für Barnsely im Spiel gegen Liverpool im Tor stehen. Es wird das Match seines Lebens und sein Team gewinnt 1:0. Für dieses eine Mal hat sich alles gelohnt.

4. Viel zu wenig bekannt ist das italienische Fußballmärchen, das Joe MacGinnis in „Das Wunder von Castel di Sangro“ (2000) erzählt. Ein amerikanischer Journalist beschließt, eine unglaublicherweise in die zweite Liga aufgestiegene Mannschaft aus der hintersten Provinz ein Jahr lang zu begleiten. Dabei hat er keine Ahnung vom Fußball. Es wird ein Jahr der erstaunlichsten Erkenntnisse, der witzigsten Glücksmomente und am Ende der bitteren Ernüchterung.

Vieles kann der Fußball heute einen noch lehren, man muss nur lesen (und nicht glotzen).

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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