Wer liebt, muss streiten. Das ist ganz normal.

"Die Geister lasset aufeinanderprallen, die Fäuste haltet stille!" sagte Martin Luther über's Streiten.

Ich streite gerne. Zum Beispiel darüber, ob man einen zwanzig Jahre alten Hometrainer noch bei E-Bay verkloppen kann oder ob man ihn besser beim nächsten Sperrmüll an die Straße stellt. Streiten heißt dabei nicht Verbalinjurien austauschen, einander wechselseitig für „total bescheuert“ erklären, Vorwürfe absondern und rumbrüllen. Am allerwenigsten verstehe ich darunter den Einsatz körperlicher Gewalt. Und jetzt, das wissen meine Freunde und Gegner, kommt wieder eines meiner Luther-Lieblingszitate: „Die Geister lasset aufeinanderprallen, die Fäuste ­haltet stille!“ Genau! Zivilisierter Streit heißt aushalten, dass mein Gegenüber Dinge anders sieht, Vor- und Nachteile eines Tuns ­anders abwägt, als ich selbst es tue. Streiten ist für mich die ­Essenz von Gemeinschaft oder, wie es Ludwig Börne, der streitbare Genius, sagt: „Zank ist der Rauch der Liebe.“

Jeder streitet. Manche tun es nur mit sich selbst. Sie grübeln: Soll ich oder soll ich nicht oder vielleicht doch? Das ist ehrenwert. „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“, lässt Goethe seinen Faust jammern. Ich streite lieber mit anderen als mit mir selbst. Und ich freue mich, dass in deutschen Schulen endlich Fuß fasst, was ich vor vielen Jahren an den US-­Colleges so großartig fand: dass Schülerinnen und Schüler nicht nur Referate halten, auswendig dahersagen und erklären lernen, sondern auch debattieren, die Rhetorik des Streitens.

"Mama, was ist eigentlich ein Plattenspieler?"


Wahr ist allerdings, dass Dauerstreit fast ebenso schlecht auszuhalten ist wie immerwährende Harmonie. Aber beides ist unter Liebenden, unter Freunden und guten Kollegen nahezu gleich unwahrscheinlich. Noch mal zum Thema Hometrainer: Die eine findet den Zeitaufwand, wegen eines technisch längst überholten Gerätes stundenlang durchs Netz zu surfen, das Teil zu verpacken und zu verschicken, unangemessen hoch, gemessen am zu erwartenden Geld. Der andere denkt, ob ich Sonntagnachmittag mein Hometrainer-Angebot online platziere und dann hin und wieder schaue, was sich tut, ist auch nicht schlimmer, als wenn ich in dieser Zeit vor dem Fernseher hänge. „Das ist wieder typisch für ihn“, höre ich sie sagen. Und er: „Sie kommt aus einer Familie, in der das Wegwerfen immer die bevorzugte Methode war.“ Sie: „Dafür war es bei uns auch ordentlicher als in eurem Museum der vergammelten Teetassen und uralten Transistor­radios. Wenn ich nur an Omas schrappigen Plattenspieler denke!“ Stichwort für den bisher lauschenden 5-jährigen Sohn: „Mama, was ist ein Plattenspieler?“ Er: „Das könnte ich dir zeigen, mein Junge, wenn deine Mutter den von Oma nicht weggeworfen hätte. Nebenbei: Habe neulich im Netz gesehen, dass die alten Saba-Geräte, wie Omas eines war, inzwischen für viel Geld als Sammlerstücke gehandelt werden.“ Dem fragenden Blick des Kleinen begegnet sie: „Tja, der Preis steigt deshalb, weil so viele Leute wie ich agieren. Würden es alle wie Papa machen, das Zeug stünde überall rum, und wir bräuchten ein zusätzliches Zimmer als Müllzimmer. Mit dem, was wir dafür Miete zahlen müssten, könnten wir dir viel weniger neue Spielsachen kaufen.“

Ein schöner, intelligenter Streit, aus dem der Bub eine Menge lernen kann. Zum Beispiel dass es zu einer Wahrheit immer ­mehrere Zugänge gibt und was Dialektik bedeutet. Das Kind wird ­irgendwann begreifen, dass zwischen der Wahrheit und ihrer Um­setzung in die Wirklichkeit des Lebens eine Klärung erfolgt, an ­deren Ende ein gemeinsamer Entschluss stehen kann oder die Haltung, in einem Fall A das Handeln zu überlassen, im anderen B. Immer mit der Möglichkeit, daraus zu lernen. Er: „Das habe ich dir vorher schon ­gesagt, dass es so kommt.“ Sie: „Aber neulich, als du deinen Kopf durch­gesetzt hast, ist noch viel mehr schiefgegangen.“ Und beide ­haben, ­relativ gesehen, recht.

Auch in der Geschichte der Kirche, wo es um die Umsetzung der göttlichen Wahrheit geht, gibt’s immer wieder Zoff. Man muss nur mal in den Galaterbrief des Paulus schauen, in dem er sich heftigst mit Petrus und Jakobus darüber streitet, ob man auch ohne jüdische Beschneidung Christ werden könne. Paulus meinte: Natürlich! Also: Streiten Sie gut und bleiben sie dabei versöhnlich. In aller Freundschaft!

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über Ihre Meinung. Bitte beachten Sie unsere Netiquette!