Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus

Streit um Stolpersteine
Werner Schiele vor den Gedenktafeln in Flörsheim

Hans Nietner

Werner Schiele mit den Gedenktafeln am Standort der ehemaligen jüdischen Synagoge in Flörsheim.

Flörssheim Synagogengasse neue Gedenktafeln Werner Schiele

Am 28. Mai wählt Flörsheim seinen Bürgermeister. Und mitten im Wahlkampf streiten sich die Bürger um das Gedenken an die jüdischen Nazi-Opfer. Was ist da los? Fragen an den pensionierten Richter Werner Schiele, der seit über 30 Jahren die Geschichte der Juden in Flörsheim erforscht.

Schon seit 1947 erinnert die Stadt Flörsheim am Main an die unter den Nazis ermordeten Juden – mit dem Erhalt des jüdischen Friedhofs, mit einer Gedenktafel in der Synagogengasse und 33 Einzeltafeln mit Angaben über jedes der Opfer. Ausgerechnet die Flörsheimer haben sich lange gegen Stolpersteine im Pflas­ter gesperrt.

chrismon: Was spricht gegen Stolpersteine?

Werner Schiele: Die Stadt lehnte sie bislang als unwürdig ab. Man tritt nicht auf ein Grabmal. Es gab früher einen Ausruf beim Stolpern: "Hier ist ein Jude begraben." Im 1. Korintherbrief steht, dass der gekreuzigte Christus ein Stolperstein für die Juden sei. Das heißt, dass Juden die falsche Religion hätten und sich taufen lassen müssten. Ich glaube nicht, dass sich der Künstler Gunter Demnig über diese Stelle des Neuen Testaments Gedanken gemacht hat, als er die Stolpersteine ersann.

Werner Schiele

Der pensionierte Richter Werner Schiele erforscht seit über 30 Jahren die Geschichte der 
Juden in Flörsheim.
Privat

Was hat sich daran geändert, dass Flörsheim sie seit kurzem nun doch verlegen will?

Nichts. Im Frühjahr 2017 fragte mich eine Gruppierung, ob ich bei einer Stolpersteinak­tion mitmachen wolle. Der Anrufer schien sehr wenige Kenntnisse zu haben über die Vorgeschichte des Erinnerns. Ich teilte ihm meine Bedenken mit. Dennoch beantragte kurz danach die Wählergemeinschaft "Die Freien Bürger" die Verlegung. Und im Herbst 2017 hat sich ein Stolpersteinverein gegründet.

Der Verein will auch an Nichtjuden erinnern.

Ja. Aber ich weiß von keinen Sinti oder Roma oder verfolgten Homosexuellen, die hier lebten.

Und er will das Gedenken aus der Synagogengasse in die ganze Stadt holen.

Stolpersteine erinnern an den letzten selbst ­gewählten Wohnort. Doch nur acht Juden wurden von Flörsheim aus deportiert. Die ­anderen 25 wurden im Exil aufgegriffen. In der Synagogengasse wird aller 33 gedacht, auch wenn sie nur vorübergehend in Flörsheim lebten.

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