Schweizer Pfarrer lässt sich in Drogengeschäfte hineinziehen

Der verlorene Sohn
Pfarrer Achim Wollmershäuser am Bootshafen in Biel

Roshan Adhihetty/13 Photo AG

Auf Bewährung: Der aus Württemberg stammende Pfarrer am Bootshafen Biel

Auf Bewährung: Der aus Württemberg stammende Pfarrer am Bootshafen Biel

Ein Schweizer Pfarrer hat sich in Drogengeschäfte hineinziehen lassen. Wie konnte das geschehen, fragen sich Freunde, Kollegen, Richter und Achim Wollmershäuser selbst. 
Eine Geschichte über Nächstenliebe und Naivität.

Als Achim Wollmershäuser an einem Dezembertag 2014 den Polizeitrupp herbeistürmen sieht, überlegt er noch kurz zu verschwinden. Eine Zigarette rauchen, draußen vor der Empfangshalle des Flughafens Zürich. So tun, als hätte er nichts mit der Sache zu tun. Doch Achim Wollmershäuser bleibt stehen. Warum genau, kann er heute nicht mehr ­sagen. Klar ist: Es war die letzte in einer Reihe von ­falschen Entscheidungen, die dazu führten, dass er nur wenige Se­kunden später in Handschellen abgeführt wurde. Zusammen mit dem Mann aus São Paulo, den der Pfarrer vom Flughafen hätte abholen sollen und in dessen Koffer beinahe drei Kilogramm Kokain versteckt waren.

Als er etwas später im Verhörzimmer des Flughafen­gefängnisses sitzt, denkt er an seine Nächsten. Er denkt an Subingen, den beschaulichen Ort im Kanton Solothurn, und dass die Dorfbewohner ihn nun als Kriminellen ­sehen werden. „Ich bin Pfarrer!“, sagt er zur Staatsan­wältin, die nicht damit aufhört, unbequeme Fragen zu stellen. Er hofft, dass man ihn schonen wird. Er hatte nichts getan. So sieht er das damals.

Zwei Monate Untersuchungshaft

Das Pfarrhaus in Subingen wird noch am gleichen Abend von einem Polizeitrupp auf den Kopf gestellt. Und Wollmershäuser für zwei Monate nach Dielsdorf in der Nähe von Zürich in Untersuchungshaft gesteckt. Die Anklage: Drogenschmuggel und Geldwäscherei. Die ­„Solothurner Zeitung“ berichtet. Das große Schweizer ­Boulevardblatt „Blick“ gibt ihm den Titel Kokspfarrer. Eine Frage bleibt: Wie schuldig ist Wollmershäuser wirklich?

Nervös lächelnd sitzt der 47-Jährige im Café „Cuba“ in Biel, in dieser etwas heruntergekommenen Kneipe fand er Ruhe von seinem Amt, das schwer trug. Hier hat die Geschichte ihren Anfang genommen. Wollmershäuser, schlaksig, mit federndem Gang und weichen Gesichts­zügen, hört aufmerksam zu und antwortet hastig. Natürlich sei er naiv gewesen. Klar hätte er Nein sagen sollen. Obwohl, irgendwie auch wieder nicht, er sei ja schließlich auch Christ und der Nächstenliebe verpflichtet. Eine schnelle Erklärung, so viel wird bald klar, gibt es für diese Geschichte nicht. Also beginnen wir von vorne.

Wollmershäuser deutet auf ein Tischchen in der Ecke des Fumoirs, des Raucherraums. Dort saß er vor ein paar ­Jahren und las ein Buch, als Ivana ihn ansprach. Sie war es, die ihn in die Sache verwickelt hatte. Der frische Pfarrer schätzte Ivanas Gesellschaft von Beginn weg. Erst eben hatte er sich von seiner Frau getrennt und fühlte sich oft allein. Er traf Ivana wieder, sprach mit ihr über Gott, auch sie war gläubige Christin. Er verliebte sich. Sie aber sei in einer Beziehung mit einem Mann, der in Brasilien im Gefängnis sitze. Sie sprach bald auch von ihren Depres­sionen, dass sie deswegen kaum arbeiten könne. „Sie wirkte verzweifelt“, sagt Wollmershäuser. „Ihr nicht zu helfen, hätte gegen christliche Prinzipien verstoßen.”

David Sarasin

Während seiner Recherche überraschte David Sarasin, Jahrgang 1978, Achim Wollmershäusers Naivität. Er nahm sie jedoch nie als vorgespielt wahr.
Archiv

Gemeinsam besuchten sie Gottesdienste einer ­charismatischen Freikirche in Biel. Bald aber bat sie ihn auch um Geld. Zuerst fürs Handy, damit sie nach Brasilien telefonieren konnte, ein paar Wochen später für Flüge nach São ­Paulo, wohin sie ­fah­ren wollte, um ihren Mann zu heiraten. Wollmers­häuser überwies ihr 10 000 Franken, Ivana aber kam unverheiratet zurück. In Kontakt blieben sie trotzdem. Ein paar Monate, nachdem er Ivana kennengelernt hatte, bat sie ihn schließlich, am Flughafen einen Bekannten abzuholen und nach Basel zu fahren. Zusätzlich überreichte sie ihm eine Telefonnummer, auf der er anrufen könne, sobald er am Zielort angekommen sei.

Auf dem Weg zum Flughafen freikirchliche Musik

Sie war es schließlich auch, die Wollmershäuser kurz vor seiner Verhaftung, als er bereits auf dem Weg an den Flughafen war, noch eine SMS schrieb: „Du darfst auf keinen Fall vergessen, meinen Freund vom Flughafen abzuholen.“ Die Situation machte ihn nervös, er wollte die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. Um sich zu beruhigen, hörte er die Anbetungslieder der freikirchlichen Vineyard Church: „Father, I can’t explain this kind of love, this kind of grace. I know, I still break your heart, and yet you run to welcome.“ Das half. 

Glaubt man seiner Version der Geschichte, stellt sich unweigerlich eine Frage: Kann einer wirklich so naiv sein? Oder ist das alles nur Fassade?

Die Zahlen jedenfalls sind klar: 29 347,80 Franken lis­tet die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift auf. Es ist die Summe, die Wollmershäuser Ivana innerhalb nur eines Jahres für Flüge bezahlte. Den Großteil des Geldes zahlte sie zwar zurück, doch Wollmershäuser ahnte schon, musste ahnen, dass etwas mit der Sache nicht stimmte. Trotzdem bezahlte er weiterhin. Bekam von Ivana Geld aus dem Drogenhandel zurück. Geldwäscherei lautet folge­richtig einer der beiden Hauptanklagepunkte.

Wie viel wusste er?

Was genau stimmt, wie viel Wollmershäuser genau wusste, als er Ivana Geld überwies, mit dieser Frage beschäftigte sich nach Wollmershäusers zweimonatiger Untersuchungshaft schließlich das Bezirksgericht Bülach, das für Flughafendelikte zuständig ist. „Aufgrund der namhaften Beträge musste dem Beschuldigten zumindest bewusst sein, dass es beim Erlös aus den Drogengeschäften um größere Mengen ging, die im Bereich des Verbrechens liegen“, schreibt die Staatsanwältin. Wollmershäusers Antwort bleibt die gleiche: „Ich konnte schlecht Nein sagen.“

Wollmershäuser wirkt im Gespräch manchmal aufgewühlt, manchmal seltsam gefasst. Und immer freundlich. Mit seinem Schicksal hadert er nicht. Klar ist: Gott ist für ihn nach seiner Entlassung wichtiger geworden denn je. Sein Absturz war irgendwie auch eine Erleichterung, sagt er, die ganzen Geschichten mit dem Geld, der Liebe, die nicht richtig funktionieren wollten. Schwer zu verstehen diese Einschätzung, auch für ihn selber.

Vielleicht hilft ein Blick in die Vergangenheit: Es war nicht vorgesehen, dass Achim Wollmershäuser Pfarrer wird. Der Vater arbeitete als Maurer, die Mutter war Maschinenführerin in einer Textilfabrik, die vierköpfige Familie lebte in einer ländlichen Gemeinde im Norden Baden-Württembergs. Gläubig waren seine Eltern nicht.

 Im Cafe 'Cuba' in Biel lernte Wollmershäuser Ivana kennen, und das Unheil nahm seinen LaufRoshan Adhihetty/13 Photo AG

Theologiestudium statt Ausbildung

Zum ersten Mal in Kontakt mit Religion kam Wollmershäuser durch die Zeugen Jehovas, die bei der Familie an der Türe Hefte verteilten. Er war begeistert von den ­Bildern. Als stolze Arbeiter wünschten die Eltern, er würde einen handwerklichen Beruf lernen, genauso wie sie. Nur die Lehrerin am Gymnasium, das er als Einziger seiner Familie besuchte, war anderer Meinung. Weil ihm Reli­gionsunterricht lag und das berühmte Stift in Tübingen den Theologiestudenten ein Stipendium sowie Kost und Logis garantierte, entschied er sich schließlich dafür, ­Pfarrer zu werden.

Das Studium schloss er mit Bestnoten ab, aber die Universitätswelt blieb dem Arbeitersohn fremd. Zwischen ihm und seinen Mitstudenten taten sich Gräben auf. Ihr bürgerlicher Hintergrund fehlte ihm. Zuerst zog ihn der Habitus seiner Mitstudenten an, später opponierte er dagegen. Unbewusst, wie er sagt. Sein Platz war im Abseits. Das zeigte sich auch in der Wahl seiner Kirche. Als der studierte Theologe nach Bern zog, fand er im „tranceartigen Stil“ der Vineyard Church, im Singen und Tanzen, im Lobpreisen etwas, das ihm zusagte. „Die Liebe war förmlich fassbar“, sagt er. Er lernte bei Vineyard auch jene Frau kennen, die er später heiratete. Sie war einst heroinabhängig und fand, wie er, in der umstrittenen Freikirche eine Art Kick. Ihren bürger­lichen Hintergrund bewunderte er, weil er ihm fehlte. ­Sie heirateten

"Man muss Gott erlauben, etwas zu tun, dessen Grund nicht vor aller ­Augen liegt" - Zitat im Subinger Andachtsraum

Drei Jahre später erhielt Wollmershäuser eine Stelle bei der Kirche in Subingen. Der gemeinsame Einzug ins stolze Pfarrhaus war wie eine Ankunft, sagt er. Der Arbeitersohn aus Schwäbisch Hall bewohnt nun dieses stolze Patrizierhaus mit von Bäumen gesäumter Kiesauffahrt und von ­Hecken umzäunter Grünfläche. Im Dorf war er rasch beliebt. „Er gehörte zur Dorfgemeinschaft“, sagt Thomas Kopp, der Kirchgemeindepräsident, der ihn nach seiner Verhaftung entlassen musste. „In der Kneipe setzte er sich an den Stammtisch. Das ist nicht selbstverständlich.“

Doch es gab auch noch eine andere Seite. Wollmers­häuser war während seiner Zeit als Pfarrer innerlich zerrissen. Als er sonntags im Andachtsraum im Parterre des Pfarrhauses predigte, spritzte sich seine Frau in der Stube einen Stock höher wieder Heroin. Die Situation ertrug er auch mit dem Spruch, der über dem Altar in der kleinen Kirche neben Calvins Konterfei stand: „Man muss Gott erlauben, etwas zu tun, dessen Grund nicht vor aller ­Augen liegt.“ Das half.

Er bezahlte über mehrere Jahre rund 6000 Franken im Monat für Drogen. Und einige 10 000 insgesamt für Entzüge. Dazu Zahlungen an Bittsteller, die bei ihm an der Haustüre klingelten, weil sie vom barmherzigen Pfarrer gehört hatten. Nein sagte Wollmershäuser nie. „Wichtig ist nicht, dass man einen angesehenen Beruf hat, sondern dass man dort ist, wo Not herrscht“, sagt er. Es möge doch irgendwie gehen, betete er oft. Doch es ging nicht. Nach fünf Jahren ließ er sich scheiden. Bei der Bank hatte er über 80 000 Franken Schulden.

Von der drogenabhängigen Ehefrau, so habe der Anwalt ihm geraten, solle er während der Gerichtsverhandlung nicht sprechen. Das Gericht würde ihm die Tat­sache, dass er das Drogenelend hautnah erlebte, zu seinem Nachteil auslegen. „Sollte man jemanden, der sich nicht wehren kann, nicht nachsichtig behandeln?“, entgegnet Wollmershäuser. Und fügt nach einer Pause an: „Es wäre mir peinlich, diesen Umstand herauszustreichen.“

"Der Pfarrer ist da reingerutscht"

Im beschaulichen Subingen, seiner ehemaligen Wirkungsstätte, begrüßen ihn die Spaziergänger noch immer herzlich. Die Besitzerin des Gasthofs „Kreuz“ an der Hauptstraße sagt: „Wollmershäuser hat nicht böswillig ­gehandelt. Er ist da reingerutscht.“ Ihre Kinder hätten sich gewünscht, bei Wollmershäuser in den Religionsunterricht zu gehen. Kirch­gemeindepräsident Thomas Kopp bestätigt die freundlich gesinnten Dorfbewohner: „Schlecht geredet wurde nicht. Die meisten fragten sich einfach, wie der Pfarrer da reingeraten konnte.“

Dass Wollmershäuser in die Sache reingerutscht war, war schließlich auch die Ansicht des Richters. Er bestrafte Wollmershäuser im vergangenen Sommer in letzter Instanz milde: zwei Jahre auf Bewährung. Dies, obwohl die Staatsanwaltschaft sieben Monate unbedingt – ohne Bewährungsfrist – forderte. Die Schweizer Tageszeitungen berichteten wieder.

Wollmershäuser lebt derzeit in einem möblierten Zimmer in einem Gasthof, in direkter Nachbarschaft zu Maurern. Der Arbeitersohn ist quasi wieder dort, wo er hergekommen war. Immerhin habe er jetzt eine neue Freundin, die für ihn die Finanzen übernehme. Und doch hat die Geschichte so was wie ein Happy End light: Im Spätherbst hat Wollmershäuser den Bescheid erhalten, dass er eine halbjährige Vertretung als Pfarrer in einem Dorf im Schweizer Mittelland antreten darf. 

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