Peter Steudtner über seine Zeit in türkischer Haft, Pusteblumen und Tagträume

Halbmarathon im Gefängnishof
Peter Steudtner

Dirk von Nayhauß

Peter Steudtner

133 Tage saß der Menschenrechtler Peter Steudtner in einem türkischen Gefängnis. Das Laufen verhinderte, dass die Haft ihn aus dem Leben riss

chrismon: Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Peter Steudtner: Ich weiß nicht, ob lernen das richtige Wort ist. Ich erfahre mit meinen Kindern ganz viel über mich selbst. Wie es mich beispielsweise an meine Grenzen bringt, wenn ­morgens um halb acht Uhr so eine kleine Wutkugel vor mir steht, die meint, das Schlimmste der Welt sei das Zähneputzen. Oder welche Schuhe angezogen werden. In solchen Momenten meinen inneren Anspruch der Gewaltfreiheit hochzu­halten ist eine Herausforderung. Wenn ich dann doch mal unfair bin, kann ich mich ganz gut entschuldigen.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Das ist eine Frage, an der ich gerade dran bin: Was ist Gott? Wie fühlt sich Gott an? Ich fühle das Heilige durch andere Menschen. Ich erinnere mich etwa an ­einen Augen­kontakt mit Deniz Yücel durch drei Glasscheiben hindurch. Da merkte ich: Uns verbindet etwas – und nicht nur, dass wir 30 Meter voneinander entfernt im Knast ­waren. Ein anderes Beispiel: Im Gefängnis habe ich jeden Abend um 18 Uhr auf dem Zellenboden gesessen und dieselben Lieder – "Wachet und betet" oder "We shall overcome" – gesungen wie die Menschen in der Berliner Gethsemane-­Gemeinde. Es war sehr berührend, diese Energie zu spüren.

Peter Steudtner

Peter Steudtner, ­geboren 1971, ist Menschen­rechts­aktivist und Fotograf. Im Juli 2017 wurde er in der Türkei unter dem Verdacht ­verhaftet, er habe ­eine bewaffnete Terror­organisation unter­stützt. Die Gethsemane-­Gemeinde in Berlin hielt für Steudtner und die anderen in der Türkei Inhaftierten tägliche Fürbitten. Im Oktober wurde er nach 113 Tagen ­entlassen, seinen ­Prozess verfolgt Steudtner von Berlin aus. Für sein ­Engagement in der Gewaltprävention ­erhielt er den Friedens­preis der Quäker-Hilfe-Stiftung.
Dirk von NayhaußPeter Steudtner, © 2017 Dirk von Nayhauß

Hat das Leben einen Sinn?

So zu leben, dass es für andere Menschen und mich ein gutes Leben ist; es uns gemeinsam zu gönnen, uns gut zu fühlen – ich glaube, das ist der Sinn.

Muss man den Tod fürchten?

Wenn der Tod schmerzhaft ist und man keine Möglichkeit hat, die Schmerzen loszuwerden, fürchte ich ihn. Aber sterben kann sicherlich auch schön sein. Wenn ich das Gefühl habe, ich habe mein Leben gelebt. Das ist für mich verbunden mit der Frage: Kann ich jeden Tag so leben, als wenn es der letzte wäre? Das schaffe ich nicht immer, aber immerhin besser als früher. Es gibt einen Spruch, der mich als Jugendlicher extrem genervt hat: Leben ist aussuchen. Dabei wollte ich mich nicht für einen Weg und damit gegen einen anderen entscheiden. Mittlerweile habe ich gelernt, dass es nicht nur den einen Weg gibt. Ich kann sagen: Ich beginne den Tag, indem ich ein Foto mache, ich beginne ihn mit Yoga oder ich mache etwas ganz anderes. Diese Möglichkeiten zu haben und sie überhaupt wahrzunehmen, empfinde ich als großen Luxus. Ich spüre, dass das Leben nicht mit dem Tod aufhört, dass Seelen – oder was wir für Seelen halten – weiter da sind. Während ­meiner Jahre in Mosambik habe ich an Zeremonien teil­genommen, bei denen der Geist eines Verstorbenen durch eine Heilerin sprach. Das war mir damals sehr fremd. Später habe ich in Berlin mit einer älteren Frau gesprochen, die zu mir meinte: "Wieso brauchen die dazu Heiler? Jedes Mal, wenn ich ein Problem habe, gehe ich in die Küche und dann kommt meine verstorbene Mutter und kocht mit mir, und wir klären das mal eben." So ähnlich empfinde ich das auch. Es gibt Tote, die sind weiterhin bei mir.

"Pusteblumensamen waren Botschaften für mich"

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die Liebe, wenn sich meine kleine Tochter morgens um halb sechs Uhr an mich kuschelt – auch wenn ich manchmal einen Moment brauche, um glücklich zu sein. Mich macht die Liebe glücklich, die ich in meiner Partnerschaft erlebe. Wir haben ein Miteinander gefunden, dass wir uns nah sein können, selbst wenn wir 2000 Kilometer von­einander entfernt sind. Ich sehe es auch als Liebe zwischen uns Menschen, wenn ich drüben in der Gemeinde bin und wir gemeinsam Kerzen auf den Fürbittenständer stellen. Da kann ich doch gar nicht anders, als glücklich sein!

Was hat Ihnen im Gefängnis geholfen?

Ich habe oft den Sonnengruß im Yoga gemacht und Tai-Chi. Im Gefängnishof, der nur 7,20 mal 4,80 Meter groß ist, bin ich einen Halbmarathon gelaufen. Diese Ungerechtigkeit sollte mich nicht aus meinem Leben herausreißen. Wenn ich in diesem Hof meine Runden drehte, habe ich mir vorgestellt, dass ich meine Kleine in die Kita bringe. Ich ­konnte mich hervorragend in Tagträume begeben. Und dann ­flogen Samen von Pusteblumen über die Gefängnismauer. Mein Mitgefangener Ali Gharavi sagte: "Auf Englisch ­heißen die Messenger." Plötzlich waren das kleine Fallschirme, an ­denen Schilder hingen mit Botschaften wie: Du schaffst das. Oder: Ich mag dich. Oder: Ich habe an dich gedacht. Ich habe mich immer riesig gefreut, wenn sie hereingeschwebt kamen.

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