Das Kunstwerk: Nicola Samorìs Mantide von 2017

Geritzt, gekratzt und übermalt
Der heilige Bartholomäus in alter, barocker Schönheit. Und nun vom Künstler neu zerlegt

Dieses Bild ist eine faltige Angelegenheit. Fast sieht es aus, als wäre es mit einem Reißverschluss geöffnet worden. Was der Künstler ­Nicola ­Samorì hier macht, ist so etwas wie konstruktive Zerstörung, kaputt machen, um etwas Neues ­zu ­schaffen. Die Barockgemälde aus dem 16. und 17. ­Jahrhundert sind das Spezialgebiet des 40-jährigen Italieners. Aber die großen Ölschinken seiner Vorbilder Luca Giordano oder José de Ribera malt der Künstler nicht einfach nach – was, zugegeben, allein schon eine Kunst für sich wäre. Doch selbst die Gemälde der alten Meister sind für Samorì etwas Vergängliches. Nur die den Bildern zugrunde liegende Struktur hat seiner Meinung nach Ewigkeitswert. Und deshalb will Samorì Strukturen offenlegen – durch Ritzen, Kratzen, Übermalen oder indem er Bilder stückweise zerreißt.

In anderen Kunstwerken nimmt er etwa in Öl getauchte Schmetterlinge aus ihren Schaukästen – und macht ihre Flügelabdrücke auf dem Bildboden sichtbar. Oder er nimmt ein Skalpell und zieht, wie hier zu sehen, mit einem chirurgischen Schnitt dem heiligen Bartholomäus ein zweites Mal die Haut ab. Ein V-Ausschnitt der besonderen Art. Unter der Ölschicht tritt der Hintergrund, eine Kupferplatte mit der Skizze des Bildes, hervor. Diese Skizze hat Samorì einfach noch mal mit Schwefelsäure übermalt. Durch die Verätzungen entstehen Schemen der grausamen Szene – fast wie die fleischige Substanz eines Aktes, der aufgrund seiner Brutalität auch bei heutigen Ausstellungsbesuchern für Gänsehaut sorgt. Der Legende nach soll der heilige Bartholomäus den armenischen Herrscher Polymios erfolgreich bekehrt haben. ­Seinem Bruder Astyages gefiel das gar nicht. Er ließ Bartholomäus bei lebendigem Leib häuten und kopfüber kreuzigen.

Mantide, der italienische Titel des Bildes, könnte sich auf „mantide religiosa“, die Gottesanbeterin beziehen und Bartholomäus meinen. Nur: Mantide heißt im Italienischen Fangheuschrecke – ein Sinnbild für die Henker des Astyages? Was diese vom heiligen Bartholomäus übrig gelassen haben, wurde in Form von Reliquien über ganz Europa verteilt. Bartholo­mäus’ Hirnschale hat wohl Kaiser Friedrich Barbarossa im Frankfurter Dom ein Ruhekissen verpasst. Kopfüber hängt der Heilige jetzt nur noch in den Ausstellungen von Nicola Samorì.

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