Meta Diestel, eine Kammersängerin, die viele Jahre Spendenkonzerte gab

Die Speisekammer­sängerin
Die Entscheidung - Meta Diestel

Marco Wagner

Meta Diestel, Sängerin und begabte Spendensammlerin

Die Entscheidung - Meta Diestel

Meta Diestel stand eine große Karriere als Altistin bevor. Doch dann kam der Erste Weltkrieg, der vieles änderte

Ihren Berufsweg hatte sie sich zwar bescheiden, aber sehr gradlinig ausgemalt: „Der Traum meines Lebens wäre, einmal in Tübingen im Oratorienverein ein kleines Solo übernehmen zu dürfen. Sag es aber niemandem, sonst meinen die Leute, ich hätte Größenwahn“, schrieb Meta Diestel an eine Freundin, nachdem sie 
sich zur Ausbildung im Stuttgarter Konservatorium angemeldet hatte. 
Sie entwickelte ihre wunderbare Alt­-
stimme. Bald machte sie sich als Oratorien- und Kantatensängerin ­einen Namen, wurde „königlich-würt­tem­bergische Kammersängerin“, baute Künstlerkontakte im In- und Ausland auf, unternahm Konzertreisen. Eine unaufhaltsame Karriere.

Aber 1914 kam der Krieg. „Wer konnte jetzt noch singen?“, fragte sie. Und – sang. In Lazaretten und vor Frontsoldaten, Brahmslieder im „Abwehrgeknatter“, wie sie schrieb. „So erlebte ich den Krieg an der Front in seiner ganzen Widernatürlichkeit und konnte meine innere Ruhe beim ­Singen nur dadurch bewahren, dass ich mir sagte: Freude bringen ist deine Berufung!“, notierte sie in ihrer Auto­bio­grafie „Ein Herz ist unterwegs“.

„Bei meinem ersten Eierkonzert 1914 erhielten wir 875 Eier, Butter und Wurst“

Meta Diestel wurde 1877 in Tübingen in eine Theologenfamilie hineingeboren. Fest ins Netzwerk der evangelischen Kirche eingebunden, traf sie eine folgenreiche Entscheidung: Sie stellte sich ehrenamtlich in den Dienst kirchlicher Frauenverbände und or­ganisierte während der Kriegsjahre Kinderkleidung und – wichtiger noch – Lebensmittel. Als diese knapper wurden, gab sie Liederabende auf dem Land. Eintritt: ein Ei pro Person.

Die Spenden flossen reichlich: „Eier in Mengen, Grieß, Butter, Salat, Gemüse, alles, was das Herz einer ‚Speisekammersängerin‘ im Jahre 1916 erfreuen konnte.“ Künftig war sie fast jeden Sonntag auf den Dörfern unterwegs.

An ihrem Engagement hielt sie auch 1918 fest. Nach dem Krieg herrschten Arbeitslosigkeit, Inflation und Hungersnot. Eine Konzertreise in die USA im Jahr 1923 sollte Hilfe bringen. 24 Aufführungen in New York waren geplant, es wurde eine Tournee durch 16 Staaten: 130 Konzerte in 108 Tagen. Das deutsch-amerikanische Publi­­
kum wollte allerdings lieber Volkslieder als Kirchenmusik und Klassik hören, und die bekam es. Der Ertrag – tonnenweise Trockenmilch – ging an Kinderheime in Deutschland. Falls der Schritt von der Kammersängerin zur „Speisekammersängerin“ ihr ein Opfer abverlangte, so lassen ihre Er­innerungen nichts davon spüren.

Gemeinschaft durch Gesang

In den 1920er Jahren eröffnete ihr der Kontakt mit der Jugendmusik­bewegung eine neue Perspektive: die gemeinschaftsstiftende Kraft des Gesangs. Sie ließ sich zur Singleiterin ausbilden und dirigierte große Ad-hoc-Chöre. Frauenverbände rissen sich um sie. Sie lebte in einer Haus- und Lebensgemeinschaft mit ihrer Freundin Heidi Denzel, selber blieb sie kinderlos. Mütter lagen ihr besonders am Herzen. 1917 hatte sie in Stuttgart die erste Mütterschule mitgegründet, später engagierte sie sich für die ­Müttererholung.

Zur NS-Mütterarbeit hielt sie Dis­tanz, engagierte sich im kirchlichen „Bayerischen Mütterdienst“, der 1933 gegründet worden war. Ihre „Müttersingstunden“ während des Zweiten Weltkriegs und danach führten sie durch ganz Deutschland, egal wie mühsam und gefährlich die Anfahrt war. Schwer bepackt mit einem Rucksack voller Liederbücher reiste sie in überfüllten Zügen, die im Nirgendwo stehenblieben, manchmal unter Tieffliegerbeschuss. Mit ihrer Arbeit gab sie vielen vom Krieg geschlagenen Menschen etwas Lebensfreude zurück. Wer sie in ­Mütterheimen vor Hunderten von Frauen erlebte, „bis am Schluß der Singstunde lauter fröhliche Menschen in einen froh bewegten Lobgesang einstimmten – der vergißt das nicht wieder. Hier geschah Seelsorge großen Stils“, schrieb Bischof Otto Dibelius ­in seinem Vorwort zu Meta Diestels Lebenserinnerungen.

Infobox

Das Leben von Meta Diestel (1877 bis 1968) ist beschrieben in zwei kleinen Büchern, die noch antiquarisch erhältlich sind: "Ein Herz ist unterwegs", herausgegeben 1952 vom Bayerischen Mütterdienst, mit einem Vorwort des langjährigen Bischofs und EKD-Ratsvorsitzenden Otto Dibelius. Und: "Begegnung mit Meta Diestel", Schriftenreihe für die evangelische Frau (Laetare Verlag).

Diakonische Einrichtungen tragen ihren Namen.

 

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