Geht doch! Freiwillige kümmern sich um Sterbende in Kerala

Diesmal: Freiwillige Palliativpflege
Krankenpflege in Indien

Eine Frau kümmert sich in Indien um einen kranken Mann

Indranil Bhoumik/Hindustan Times/Getty Images

Pflegenotstand? Nicht im indischen Kerala. Dort übernehmen zehntausende Freiwillige die Pflege schwerkranker Nachbarn

Zwei Frauen in roten Gewändern besuchen einen Mann in seiner kargen Hütte. Er liegt schwer krank auf dem Bett und klagt über Risse auf seinen Lippen. Sie setzen sich zu ihm, hören zu und untersuchen ihn – Alltag für die freiwilligen Palliativpflegerinnen im indischen Bundesstaat Kerala. Regelmäßig besuchen sie Sterbende in ihrer Nachbarschaft und reden mit ihnen über ihre Sorgen: Wer versorgt später die Familie? Wie bekommt man die Schulden weg?

Indien modernisiert sich rasant. Gleichzeitig herrscht in manchen Regionen bittere Armut. Die Jungen ziehen in die Städte, niemand bleibt, der sich um die Alten und Kranken kümmert. Seit 1993 arbeitet Suresh Kumar, Direktor des Institute of Palliative Medicine, gegen diesen Mangel an: mit einem Netzwerk für nachbarschaftliche Palliativpflege. Sein Team gewann Bürgermeister und religiöse Führer als Unterstützer. Mit Theaterstücken und Konzerten machen sie die Menschen auf das Thema aufmerksam. Mittlerweile kümmern sich über 50 000 Freiwillige in Kerala um ihre Nachbarn. Die meisten Helfer sind jünger als 25 Jahre. Sie erhalten dafür eine Schulung in Krankenpflege. Im Notfall ist ein Fachdienst in 25 Minuten vor Ort.

"Menschen sollen dort sterben dürfen, wo sie hingehören"

Auch in Deutschland könnte nachbarschaftliche palliative Unterstützung noch besser organisiert werden, sagt Thomas Klie, Jurist und Gerontologe an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Fast achtzig Prozent aller Sterbenden kämen in den letzten Wochen ihres Lebens in eine Klinik, dabei wollen die meisten zu Hause sterben. Zwar gibt es in Deutschland ehrenamtliche Hospizhelfer, sie werden aber im Wesentlichen von Verbänden organisiert. "Ein nachbarschaftliches Sorgenetzkönnte das Gesundheitssystem entlasten und das Thema Sterben zurück in die Mitte der Gesellschaft holen", sagt Klie. Dafür müssten Pflegedienste besser finanziert, Freiwillige über Kirchengemeinden, Kommunen und Schulen angesprochen, qualifiziert und begleitet werden.Thomas Klie findet: "Menschen sollen dort sterben dürfen, wo sie hingehören. Meistens ist das ihr Zuhause."

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