Das Gracanica - eine Parabel auf Europa

Zimmerservice!
Swimmingpool der Hotels in der Konfliktzone

Katharina Behling

Auf dem Balkan gelten Roma, Albaner und Serben als verfeindet. Nun hat ein Schweizer ein Hotel in einem serbischen Teil des Kosovos gegründet. Er lässt Menschen aus allen Volksgruppen zusammen arbeiten. Und siehe da: Es klappt. Fünf Angestellte erzählen von ihrem Job und der anderen Welt da draußen

Vor acht Jahren hatte er noch einen sicheren Job im Berner Außenministerium. Nun betreibt Andreas Wormser, 59, ein Hotel, zehn Kilometer südlich von Priština, der Hauptstadt des Kosovos. Er hat seine Erbschaft investiert, seinen Wohnsitz verlegt, schlägt sich mit kosovarischen Behörden herum. Und er beschäftigt in seinem Hotel Albaner, Roma und Serben. Menschen, die im Kosovo als hoffnungslos verfeindet gelten.                

Warum steckt jemand seine Ersparnisse in so etwas? Man hört Andreas Wormser an, dass er Migrationsexperte war, wenn er von „Push- und Pull-Faktoren“ spricht: Einiges habe ihn von zu Hause fortgedrängt, anderes zum Kosovo hingezogen.  Die Arbeit im Minis­te­rium sei zunehmend langweilig geworden. Und seit er zwischen 1999 und 2004 als Flüchtlingsattaché im Kosovo gewesen war, habe ihn dieses Land nicht mehr losgelassen. „Ich habe mir überlegt, was ich da aufbauen könnte“, sagt er, „Produktion fehlt ihm am meisten. Aber eine Fabrik habe ich mir nicht zugetraut.“ 

Als Wormser 2010 nach einem Grundstück für ein Hotel suchte, wollte er Arbeitsplätze für Roma schaffen. Die Arbeitslosigkeit unter ihnen beträgt offiziell 98 Prozent. Doch seine kosovarischen Freunde, heute seine stellvertretenden Geschäftsführer, machten ihm klar: Das geht nicht, das gäbe zu viel Neid und Missgunst. Hisen Gashnjani und Atlan Gidži´c sind Roma. Sie hatten in Wormsers Zeit als Flüchtlingsattaché für ihn gearbeitet. Wormser ist Patenonkel von Hisen Gashnjanis Tochter Emanuela. Sie soll einmal das Hotel übernehmen, das Hotel Gracˇanica – laut New York Times „das einzige Boutique Hotel des Kosovo“, mit Pool und Restaurant, mit Nachhaltigkeitskonzept und eigener Mineralwasserquelle. Eine Art Ufo in einer serbischen Enklave im mehrheitlich albanischen Gebiet, ein bisschen Europa in engstirnig nationalistischer Umgebung. 

 Das Hotel am Rande der Ortschaft Gracanica südlich von PristinaKatharina Behling
Seit Beginn des Hotelbetriebs im Jahr 2013 arbeiten Menschen aus verfeindeten ethnischen Gruppen hier zusammen. Im Logo sind ein serbischer Buchstabe und ein albanischer, vereint zu einem neuen, der auf keiner Tastatur zu finden ist. Serbische und albanische Hooligans hinterlassen auf Facebook ihre Hassbotschaften. Albanische Bekannte lassen Andreas Wormser wissen, dass sie nie einen Fuß in dieses Hotel setzen würden. Und er findet keinen Albaner, der bereit wäre, in der serbischen Enklave zu arbeiten. „Ich arbeite daran“, sagt Andreas Wormser, „ich denke in kleinen Schritten.“ 

Zum Ort gehört das Kloster Gracˇanica aus dem 14. Jahrhundert, ein Weltkulturerbe. Auch sonst ist die Umgebung wunder­schön – aber touristisch noch nicht erschlossen. Wormser hat ein Wanderwegenetz nach dem Handbuch der schweizerischen Wanderwegevereinigung entwickelt und vor kurzem eröffnet – „weil von der Gemeinde selbst nichts kommt“, wie er sagt. 

Im vierten Jahr seines Bestehens werde das Hotel schwarze Zahlen schreiben, hofft Wormser. Das werde sich nun am Jahres­ende zeigen. „Ich hatte erwartet, dass das viel ­früher klappt“, sagt Wormser. 

Eigentlich hatte er gehofft, dass seine koso­varischen Freunde das Hotel übernehmen könnten. „Die beiden kommen am Ende aber eben doch aus bildungsfernen Schichten“, sie schaffen das nicht. Nun setzt er auf seine 16 Jahre alte Patentochter Emanuela, die auf eine amerikanische Schule in Priština gehen und in der EU studieren soll, um dann im Kosovo die erste Roma-Hotelmanagerin zu werden. „Mal gucken, ob das klappt“, sagt Wormser. „Sie ist ja noch sehr jung.“

 

Hisen Gashnjani, 47 Jahre, stellvertretender Geschäftsführer, Roma

 Hisen Gahnjani und Atlan Gidzic (Roma), Andreas WormserKatharina Behling
Ich verbringe fast meine komplette Zeit im Hotel und habe ein bisschen das Gefühl ver­loren, wie es draußen auf den Straßen, im normalen Leben für Roma ist. Einiges hat ­sich verbessert. Aber immer noch haben nicht alle Roma-Häuser Badezimmer und Wasser­anschluss. Jobs zu finden ist für Roma fast unmöglich. Aber sobald die Menschen einander kennen, spielen die Vorurteile keine Rolle mehr.

2010 war eines der letzten Male, dass ich diese Ungerechtigkeit selbst erlebt habe. Im Dorf Laplje Selo, südlich von Priština wurden Wohnungen für Kriegsvertriebene gebaut. Und ich wollte mich für eine bewerben. Wir lebten damals seit Jahren mit vier Kindern bei meinen Schwiegereltern. Ich stellte mich also bei einem der zuständigen Mitarbeiter vor. „Bist du Albaner?“, fragte er. „Geht es darum, dass ich eine Wohnung brauche, oder um meine Nationalität?“, fragte ich zurück. Da wurde der Mann ärgerlich und schrie: „Du bist Roma, verschwinde, für dich gibt es hier gar nichts.“ Das war auch damals schon nicht legal. Aber das spielt keine Rolle.

 

Lidija Tokic, 29 Jahre, Rezeptionistin, Serbin und Albanerin

Als ich ein Kind war, arbeitete meine Mutter in der Fabrik, mein Vater starb 1996, ich war sieben Jahre alt. Meine Großmutter hat sich um mich gekümmert. Eine schlimme Zeit. Mein Vater war Albaner, meine Mutter Serbin. Ich gehörte nirgendwo dazu. Für die Albaner war ich keine richtige Albanerin, für die Serben keine richtige Serbin.

 Am Empfang hinter der Theke: Liija Tokic, Serbin und AlbanerinKatharina Behling
Mit 18 habe ich angefangen, als Übersetzerin zu arbeiten, ab 2006 bei der KFOR-Truppe. Erst zwei Jahre für die Iren, dann drei Jahre für die Schweden. Und dann bei der französischen Organisation Sport Ohne Grenzen. Ich habe von Anfang an ein positives Feedback bekommen und konnte etwas zum Überleben meiner Familie beitragen. Und meine Herkunft erwies sich nun als Vorteil: Ich konnte perfekt Serbisch und Albanisch. Englisch kam dazu.

Heute bin ich hundert Prozent Albanerin, wenn ich mit Albanern spreche. Und hundert Prozent Serbin unter Serben. Das hilft mir auch bei der Arbeit im Hotel – ein schöner, angenehmer, sauberer Ort. Ich habe auch eine zweite Stelle bei der Gemeindeverwaltung. Im Hotel frage ich die Gäste: „Haben Sie schon das hoteleigene Quellwasser probiert? Haben Sie auch gut geschlafen?“ Ich sehe es als meine Aufgabe an, eine familiäre Umgebung zu schaffen, eine Art Zuhause auf Zeit. Die ­meisten Menschen öffnen sich spätestens, wenn sie zum zweiten Mal kommen. Wenn sie mir dann von ihren Familien erzählen, weiß ich: „Jetzt ist das Eis gebrochen.“

 

Grada Cvejic, 49 Jahre, Köchin, Serbin

Ich koche seit vier Jahren im Hotel. Eigentlich die gleichen Sachen, die ich auch zu Hause koche: Meze, Gulasch, traditionelle Gerichte. Andreas hat mir ein paar neue Rezepte gesagt. Kürbissuppe zum Beispiel. Wir sind zu fünft in der Küche, dazu Hilfskräfte und Service. Ich bin glücklich, wenn die Gäste alles aufgegessen haben und sich bedanken. Ich höre nie jemanden etwas Schlechtes über das Hotel sagen. Die Leute denken: „Wenn so viele ­Menschen wegen des Hotels kommen, muss es gut sein.“

 Manchmal bringt sie die Kinder mit ins Hotel: Grada Cvejic, SerbinKatharina Behling
Mit Roma hatte ich nie viel zu tun. Vor langer Zeit, vorm Krieg, hatte ich albanische Freunde. Insofern sind die vielen Nationalitäten im ­Hotel eine Bereicherung. Wir ­kommen im Team gut aus. Ich würde auch sagen, dass wir miteinander befreundet sind – auf der Arbeit. Ansonsten trenne ich Arbeitswelt und private Welt. Und das, obwohl ich nur zwei Häuser ­neben dem Hotel wohne! Naja, ganz getrennt ist das auch nicht. Zwei meiner vier Kinder wohnen noch bei mir. Sie gehen abends auch gerne mal zum Schwimmen ins Hotel oder für einen Drink. Wie viele aus dem Dorf.

Mein schönster Arbeitstag war im vergangenen November. Da hatte Andreas uns Angestellte und unsere Familien eingeladen. Wir sind zur Grotte Gadime gefahren, dann waren wir bowlen. Abends haben Andreas, Hisen und Atlan für uns alle gekocht. Ich durfte nicht in die Küche. Wir hatten sehr viel Spaß.

 

Denis Gidzic, 23 Jahre, Rezeptionist und Kellner, Roma

Im Kosovo ist es für alle schwer, Arbeit zu finden. Aber als Roma einen Job abzu­kriegen ist so gut wie unmöglich.

 Denis Gidzic (rechts im Bild) mit zwei Roma-Musikern, die während des Brunchs musiziert habenKatharina Behling
Deswegen bin ich sehr dankbar, dass ich gleich nach dem Schulabschluss diese Chance bekam. Ich habe mich auch in einem Schweizer Hotel in der Innenstadt beworben. Aber das wollte mich nicht. Mir sieht man nicht an, dass ich Roma bin. Deshalb spielt meine Nationalität auf der ­Straße keine Rolle. Aber wann immer ich sie angeben muss, bei der Arbeitssuche, beim Arzt oder im Krankenhaus, dann wird sie zum Thema. 

Ich lebe zusammen mit meiner Frau bei meinen Eltern. Ich werde meine Familie nie verlassen. Das Hotel ist wie eine erweiterte ­Familie für mich. Nationalitäten sind hier egal. Nur einmal nicht. Wir hatten eine serbische Köchin, die im Stress wütend ­wurde, mich „Zigeunerjunge!“ anschrie und mir eine Ohrfeige gab. Sie arbeitet nicht mehr bei uns. Sie hat einfach gekündigt. Klar kommt so was auch vor. Wir leben zwar in einer Parallelwelt hier, aber doch nicht auf einem anderen Planeten.

 

Emanuela Gashnjani, 16 Jahre, Kellnerin, Roma

Bis zur 4. Klasse haben mich meine Mitschüler wegen meiner dunklen Hautfarbe ausgelacht. Ich habe viel geweint. Ich dachte: „Warum ­lachen die? Wir sind doch keine Monster, wir sind doch Menschen wie sie.“ Damals habe ich mir geschworen, dass sie abwarten sollen: Ich werde besser als sie, sie werden sich noch wundern!

 Sie soll später das Hotel übernehmen, eine junge RomaKatharina Behling
Bildung ist das Wichtigste. Wenn alle ­Roma etwas lernen würden, ginge es uns besser. Inzwischen haben die Mitschüler aufgehört, mich auszulachen. Das Mädchen, das früher am schlimmsten gelästert hat, ist eine meiner besten Freundinnen. Mir ist mittlerweile sowieso egal, was andere über mich denken.

Wenn alles klappt, gehe ich demnächst auf die Amerikanische Schule nach Priština und studiere dann vielleicht in Deutschland. Dann übernehme ich das Hotel. Ohne das ­Hotel würde ich Ärztin werden. Oder Rechtsan­wältin. Das Hotel ist der beste Ort im ganzen Kosovo, sagen auch alle meine Freunde. Ein so guter Ort, um sich zu entspannen. Ich arbeite jeden Sonntag als Kellnerin. Im Hotel fühle ich mich frei, stark und voller Energie. Ein tolles Gefühl, zu wissen, dass ich eines Tages Managerin bin.

 

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