Antje Damm schreibt Fragebücher für Kinder. Warum? Ein Gespräch

Die Kunst des Fragens
Doppelseite aus dem Buch "Frag mich!" von Antje Damm

Doppelseite aus dem Buch "Frag mich!" von Antje Damm

Antje Damm

Antje Damm hat für ihre über 20 Bücher mehrere Preise bekommen, zuletzt den Troisdorfer Bilderbuchpreis für „Der Besuch“. Ihre "Fragebücher" beschäftigen sich mit Themen wie „Nichts und wieder Nichts“, „Alle Zeit der Welt“, dazu zählt auch ein Buch übers Lügen, „Echt wahr?“

chrismon: "Was ist Glück?", fragen Sie. Ist das die richtige Frage, um mit einem Kind ins Gespräch zu kommen?

Antje Damm: Ja. Man kann mit einem Kind überlegen, in welcher der im Buch dargestellten verschiedenen Glückssituationen es sich wohler fühlen würde. Oder man fordert das Kind auf: Beschreib mal, wie das war, als es dir zuletzt richtig gut ging! Und: Ist jeder Mensch irgendwann mal glücklich - oder gibt es welche, die das Gefühl gar nicht kennen? Ist glücklich sein und Glück haben dasselbe? Oder: Kann man glücklich sein und merkt es gar nicht? Aus der einfachen aber eigentlich doch schwierigen Ausgangsfrage ergibt sich ein ganzer Kosmos weiterer Fragen.

"Ist 7 viel?", so heißt ihr Buch, das mit der Glücks-Frage beginnt. Wie kamen Sie darauf, solche Bücher zu machen?

Auslöser für diese Fragebücher, die mit dem Buch „Frag mich“ begannen, war das Buch „Weltwissen der 7jährigen“ von Donata Elschenbroich. Das hat mich fasziniert. Elschenbroich schreibt z.B.: "Ein Kind sollte mal in einen Bach gefallen sein." Ist doch Quatsch, denkt man im ersten Moment. Aber wenn man genauer überlegt, ist das total klasse. Das heißt ja, dass ein Kind einmal ohne Aufsicht ganz für sich sein sollte, dass es - auch mit dieser gewissen Gefahr im Hintergrund - an einem Bach spielen darf. Wann dürfen das die Kinder denn, ohne dass Erwachsene zugucken?! Über diese Dinge, die ein Kind erlebt und erfahren haben sollte und die so wichtig sein können, sollte man auch mit Kindern ins Gespräch kommen.

Mit Fragen wie: Tut alt werden weh? Wo ist der Himmel zu Ende? Wie bringst Du andere zum Lachen? Ahnt die Gans, was mit ihr passiert?

Ja, mit all diesen Fragen. Auch darüber, was das Kind wünscht, was es sich erträumt, was es kann oder nicht kann. Was hat es für eine Beziehung zu anderen Menschen oder zu Tieren? Wie sieht es die Welt? Welche Zusammenhänge hat es erkannt? Ich fand es spannend, dafür möglichst offene Fragen zu formulieren und zu bebildern.

Sie haben vier Töchter, zwei elfjährige und zwei inzwischen erwachsene. Haben sie Ihnen geholfen?

Nein, die Fragen überlege ich mir selbst und bespreche sie in Workshops mit Kindern – aber natürlich auch mit meinen eigenen Kindern. Oft habe ich ihre Antworten notiert und nach ein paar Jahren die gleichen Fragen wieder gestellt. Es war sehr interessant, wie sich die Antworten verändert haben. Immer wieder hab ich von meinen Kindern Dinge erfahren, die ich vorher nicht wusste. Manches war überraschend.

Sind die Fragen immer von Bildern begleitet?

Ja, Bilder sind als Puffer und Einstieg wichtig. Sie ermöglichen einen ersten Zugang zur Frage. Manchmal erzähle ich aber auch kleine Geschichten zu den Fragen. Über eine Geschichte zur Frage „Sind Notlügen erlaubt?“ habe ich sehr lange nachgedacht.

Sie kamen auf die Geschichte eines kleinen jüdischen Jungen, den ein SS-Mann fragt, ob er Jude sei. Er verneint.

Ja, genau. Ich war mir unsicher, ob man sowas machen darf: Natürlich lenke ich hier die Antwort in eine Richtung: Na klar, Notlügen sind erlaubt! Das ist eigentlich aber nicht die Intention meiner Fragen. Ich will die Kinder nicht beeinflussen. Aus philosophischer Sicht wäre es auch viel spannender, wenn die Geschichte weniger eindeutig wäre, es war mir aber an dieser Stelle trotzdem wichtig, sie zu erzählen.

Ihre Fragebücher kann man nicht einfach von vorne bis hinten vorlesen.

Nein, so ist das auch nicht gedacht. Viele nehmen das Buch zum Anlass, sich abends zum Ausklang des Tages zu ihrem Kind zu setzen, eine Seite aufzuschlagen, und dann darüber zu reden. Das finde ich schön.

Das setzt aber voraus, dass es ohnehin eine entsprechende Gesprächskultur in der Familie gibt.

So ein philosophisches Gespräch, wenn man das so nennen kann, bedarf schon einer gewissen Übung. Das war mir am Anfang nicht so klar. Jetzt weiß ich, dass der Einstieg mit einer Initialfrage ein bestimmtes Vorgehen braucht, um ein Gespräch aufzubauen und das Kind erzählen zu lassen. Es mag sein, dass manche Eltern sich damit anfangs überfordert fühlen. Erwachsene erklären Kindern gerne die Welt und wollen Antworten geben, aber darum geht es beim Philosophieren nicht. Es geht um das gemeinsame Fragen, Weiterfragen und Hinterfragen. Man kann da eigentlich gar nichts falsch machen.

Was wollen Sie mit den Büchern erreichen?

Dass man merkt, wie viel Spaß es macht, sich Gedanken über verschiedenste Themen zu machen, wie über  das „Nichts“ oder die „Zeit“, „Wahrheit und Lüge“ oder die Natur.

Sie sind ja mal als Architektin gestartet.

Und wenn ich jetzt gefragt werde, was machen Sie denn beruflich, sag ich immer: Ich denke mir Kinderbücher aus. Aber da kriege ich dann oft zur Antwort: Das ist aber ein schönes Hobby! Hobbys habe ich andere.

Was ist ein gutes Kinderbuch?

Ein gutes Buch muss etwas Überraschendes haben. Es muss einen neugierig machen, dass man Lust darauf hat, umzublättern. Es muss ein Kitzel da sein. Aber ich hab mich auch selbst schon in Büchern mit detailreichen Zeichnungen verloren. Ich finde es schön, wenn eine Geschichte außerhalb des Buches weitergeht, wenn sie Räume lässt, die man mit eigenen Ideen füllen kann.

Antje Damm

Antje Damm, Jahrgang 1965, hat für ihre über 20 Bücher mehrere Preise bekommen, zuletzt den Troisdorfer Kinderbuchpreis für „Der Besuch“. Ihre "Fragebücher" beschäftigen sich mit Themen wie „Nichts und wieder Nichts“, „Alle Zeit der Welt“, dazu zählt auch ein Buch übers Lügen, „Echt wahr?“.
Leonie Damm

Sie haben außer den Fragebüchern inzwischen mehr als 20 Bilderbücher und Bücher für Erstleser veröffentlicht. Ist Ihnen eines besonders schwer gefallen?

Nein, eigentlich keines wirklich. Manche dauern ein bisschen länger, man muss mehr nachdenken. Manche sind mehr wie Spielen.

Spielen Sie gerne?

Ja. Die gebauten Pappwelten in „Der Besuch“ und „Warten auf Goliath“ sind für mich wie Puppenstuben bauen. Manchmal denke ich: mein Gott, wenn jemand sieht, wie ich hier so kleine Schränkchen bastele und Figuren ausschneide! - Bauen, malen und herumwerkeln, das ist für mich Spielen. Und das macht mir Spaß.

Ihr Buch "Räuberkinder" wurde für den Jugendliteraturpreis nominiert.

Ausgerechnet "Räuberkinder". Das ist das einzige Buch von mir, das   nominiert wurde. Ein Pappbilderbuch, das ich an zwei Tagen gezeichnet habe. Und das kriegt dann so eine Aufmerksamkeit! Das hat mich schon überrascht.

Haben Sie neue Projekte?

Im Herbst kommt wieder ein Bilderbuch beim Moritz Verlag, das in einer Pappkulisse spielt: „Plötzlich war Lysander da“: Es ist die Geschichte von Mäusen, bei denen ein Lurch, Lysander, einzieht, der kein Zuhause mehr hat und dort einiges „umkrempelt“.

Auch ein neues Fragebuch?

Da bin ich grade dran. Mich interessiert momentan das Thema Natur. Das ist schon sehr komplex und langwierig, aber auch hochinteressant: Was ist überhaupt Natur? Was ist das Gegenteil? Warum haben viele Menschen eine Sehnsucht nach Natur und Wildnis? Ist Natur immer gut? Ich sammele, aber da ist noch einiges zu tun. Das Buch wird im Frühjahr auch bei Moritz erscheinen.

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